Washington Redskins in der Sezierstunde

Heute in der Sezierstunde: Die ewigen Washington Redskins vom unglückseligen Owner Dan Snyder. Anders: Mittelmaß in der Murmeltiefschleife. Gibt es einen Ausweg?


Die Redskins sind unter Snyder eine der Organisationen, die mit am aggressivsten eine Franchise-QB Lösung anstreben, doch die Serie an gescheiterten Experimenten ist lang:

2003, 1st Round #32: QB Patrick Ramsey
2005, 1st Round #25: QB Jason Campbell
2012, 1st Round #2: QB Robert Griffin III
2019, 1st Round #15: QB Dwayne Haskins

Ramsey war schon nach zwei Jahren als Bust abgeschrieben, Auburns Campbell führte nur ins Mittelmaß. Dass es RG3 in der NFL nicht schaffte, ist bis heute eines der traurigsten Kapitel NFL: Fantastischer QB am College, atemberaubende Rookie-Saison, und dann völlig verheizt und als Jammerlappen auf Owners Schoß und Backup in Cleveland und Baltimore geendet. RG3 war mein Lieblings-QB. Es sollte nicht sein.

Der RG3-Trade von 2012 kostete die Redskins locker drei Jahre sportliche Relevanz, denn Snyder bezahlte für ihr insgesamt drei 1st Rounder von 2012 bis 2014. So blieb am Ende ein recht ausgebluteter Kader, und als man den Mid-Round QB Kirk Cousins nach Jahren an der unteren Playoffschwelle und vielen Franchise-Tags nicht mehr zahlen konnte (und auch nicht wollte), konnte man erneut nicht mehr Perspektive anbieten als: Eben Mittelmaß.

Es ist hart, aus Franchise-Sicht von einer glücklichen Fügung zu sprechen, wenn ein 34-jähriger Alex Smith fast das Bein verliert – aber ohne Smiths horrende Verletzung wären die Redskins kaum in die Lage gekommen, wieder auf das Draften eines 1st-Round QBs angewiesen zu sein. Doch ein QB-Trio aus einem invaliden Smith, Colt McCoy und Case Keenum ließ keine andere Wahl offen…

…und dann fielen die Würfel auch noch so günstig, dass Washington ohne Monster-Trade à la 2012 an #15 Quarterback draften konnte: Arizona und Oakland waren nur an Kyler Murray interessiert, Dave Gettleman holte sich beim Gedanken an Daniel Jones einen runter und die restlichen acht Teams zwischen #6 und #15 wollten allesamt nur händeringend Jones und nicht Haskins. Der galt von Anfang an als präferierte Option.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet die Franchise, deren Teamlogo oft als diskriminierend bezeichnet wird und deren frühe Franchise-Geschichte vom rassistischen George Preston Marshall dominiert wurde, nun zum dritten Mal in Folge einen schwarzen 1st-Round QB draftet.

Haskins ist jedoch kein – Vorsicht, schamloses Stereotyping – typischer schwarzer QB. Er glänzt eher durch seine Wurftechnik als durch fantastische Mobilität. Es gibt sogar Stimmen, die extrem skeptisch sind, ob der Betonfuß Haskins überhaupt dem QB-Typ entspricht, den Headcoach Jay Gruden haben möchte. Gruden stand in Vergangenheit zwar auf diese Timing/Rhythmus-Werfer wie Haskins, doch sie alle waren beweglicher, konnten diese Tippelschritte in der Pocket machen um den Passrush ins Leere laufen zu lassen.

Wie man Haskins nun in die NFL einführen wird, ist eine der spannenden Fragen. Die Redskins befinden sich nämlich in einem merkwürdigen Schwebezustand zwischen Contender und Rebuilding-Team. Das liegt nicht nur an der jüngst publik gewordenen Wechselforderung von LT Trent Williams. Es liegt auch daran, dass man mit Williams exzellent in der Offensive Line und ähnlich exzellent auf einigen Positionen in der Defense (Defensive Line!) besetzt wäre, aber andersrum mit einem etwaigen Abgang von Williams eine Sollbruchstelle in der Pass-Protection auftun würde – eine eklatante, zuzüglich zu Wide Receiver und Linebacker.

Offensiv-Personal

Beginnen wir mal mit dem großen Fragezeichen: Wide Receiver. Slot-WR Crowder, der ein exzellentes Target für einen jungen QB gewesen wäre, war nicht zu halten und ging für viel Geld nach New York. Er wurde nicht adäquat ersetzt. Bei WR Josh Doctson verzichtete GM Allen auf das Ziehen der 5th-Year Option – Doctson ist nach dieser Saison Free-Agent. Er ist bestimmt keine echte #1.

Auch der andere Veteran-WR Paul Richardson ist als solche nicht zu gebrauchen. Der Speedster Richardson ist ein guter deep threat, hat aber einen zu limitierten Route-Tree und ist zu oft verletzt. Die beiden Rookies Terry McLaurin (3rd Round) und der überraschend in die 6te Runde gefallene WR-Hüne Kelvin Harmon dürften noch zu grün sein um schnell eine ernsthafte Rolle einzunehmen – so läuft es darauf hinaus, dass entweder der einstige Rams-Draftbust Brian Quick oder Trey Quinn tragende Rollen mit 300 Snaps oder mehr bekommen könnten.

Einzig TE Jordan Reed ist wenn fit ein exzellenter Mann – aber ein solcher Receiving-Corps ist insgesamt kein wirkliches Ruhmesblatt für eine NFL-Franchise.

Theoretisch wäre ein schneller Einsatz von Haskins dennoch eine vernünftige Möglichkeit, der Redskins-Saison 2019/20 einen tieferen Sinn zu verschaffen. Betonung liegt dabei auf „theoretisch“, denn das setzt voraus, dass die Redskins einen Abgang ihres Superstar-LTs Williams verhindern können.

Williams gilt nicht als geld-getrieben. Vielmehr soll seine Wechselmotivation in wiederholt versemmelter medizinischen Behandlung liegen. Dass Williams unzufrieden mit den Team-Doktoren ist, ist kein wirklich neues Thema in Washington – es handelt sich hier immerhin um die Franchise, die RG3 verheizte und im letzten Jahr gleich dreimal verheerendes Handling bei Verletzungen der QBs Smith und McCoy sowie bei RB Guice zeigte:

Gerade mit dem immobilen Haskins auf QB wäre eine verlässliche Blindside-Protection essenziell. Williams böte trotz eines eher dürftigen Jahres 2018 selbige – und mit einem RG Brandon Scherff haben die Redskins einen zweiten Klasse O-Liner, um den herum sich eine vernünftige Protection ohne allzu viel Blocking-Unterstützung durch die Tight Ends bauen ließe.

Doch Williams gilt als entschlossen, seinen Abgang zu forcieren. Ein solcher Move verschiebt die komplette Offense-Prognose, denn mit einer Sollbruchstelle auf Left Tackle und einem schwachen Receiving-Corps willst du keine QB-Karriere starten – insbesondere nicht bei einem Haskins, dessen Tape als besonders wackelig beschrieben wird, wenn Druck herannaht. Zusatzproblem: Geht Williams, kann Scherff seine eh schon exorbitanten Gehaltsvorstellungen weiter in die Höhe treiben, Stichwort „am längeren Hebel sitzen“.

Zu diesen offenen Fragen gesellen sich noch zwei To-Dos in der Redskins-Offense:

  • Backup-Quarterbacks: Neben Haskins stehen momentan sowohl Alex Smith, Case Keenum als auch Colt McCoy im Kader. Keine Chance, dass die Redskins mit 4 QBs in die neue Saison gehen. Keenum und McCoy haben kaum Dead-Money, Smith (52 Mio Dead-Cap bei Entlassung) dürfte bei allen Weltuntergangsszenarien durch seinen Vertrag geschützt sein.
  • Runningback: So sinnvoll Washington an einigen Stellen in der Vergangenheit operierte, so fragwürdig ist das Management auf der Runningback-Position: Man verlängerte mit dem34-jährigen one trick pony Adrian Peterson (2 Jahres, acht (!) Millionen), drafteten in Runde 4 Bryce Love – und bekommt den letztjährigen 2nd Rounder Derrius Guice von der IR zurück. Der effizienteste Back, Chris Thompson, der auch gut fangen kann, versauert dagegen auf der Bank.

Kaum ein Team hat so viele Ressourcen in der Runningback-Position versenkt. Noch Fragen, warum man auf Receiver ein schwarzes Loch durchschleppt und keine Tiefe in der O-Line hat?

Defense

Die Defense dagegen hat an einigen Stellen echtes Potenzial. Front Seven und Secondary sind durchaus stark besetzt:

  • Die DTs DaRon Payne und Jon Allen sind beide ehemalige 1st Rounder, die bereits gutes Potenzial angedeutet haben.
  • DE Kerrigan ist seit Jahren eine Fixgröße und bekommt mit dem zweiten 1st Rounder des heurigen Drafts, Montez Sweat, einen potenziell explosiven Counterpart an der anderen Flanke. Auch EDGE Ryan Anderson hat in limitierter richtig viel gezeigt, gilt als potenzieller Breakout-Kandidat.
  • Cornerback ist mit Josh Norman, dem aus dem Ruhestand zurückgekehrten Rodgers-Cromartie (der exzellente Slot-Noten bekam) und Quinton Dunbar durchaus veritabel besetzt.
  • Und „hinten“ holte man Landon Collins für einen der teuersten Safety-Verträge ever von den Giants rüber in Hauptstadt.

Das ist ein Gerüst, mit dem man arbeiten kann. Doch die zweite Safety-Position ist ein fettes Fragezeichen und auf Linebacker ist man nach der (*pling*) schweren Trainingsverletzung von Reuben Foster (Kreuzbandriss / fällt die ganze Saison aus) völlig neben den Schuhen besetzt (Jon Bostic könnte starten).

Linebacker ist nicht die kritischste Position – wenn man eine Lücke durchschleifen möchte, dann dort – aber es ist damit für gegnerische Offenses ein Weg über Washington drüber vorgezeichnet: Die Spielfeldmitte. Keine Linebacker, kein zweiter Safety und ein Landon Collins, der bei aller Einsatzbarkeit als Nickel-Linebacker/Safety-Hybrid nicht als bester Deckungsspieler unter der Sonne berühmt ist – klingt als ob DefCoord Greg Manusky kreativ schemen muss.

Ausblick

In vielen „Early Previews“ gelten die Redskins als Anwärter auf einen Top-5 Pick. Bevor das Left-Tackle Problem aufgepoppt ist, war ich deutlich optimistischer. Doch ein Haskins im kalten Wasser, ohne Receiver und ohne Protection, klingt dann doch fürs erste eher gefährlich.

In einer Division mit einem haushohen Favoriten Philadelphia war an den Divisionssieg mutmaßlich nie zu denken. Doch wäre im Dreikampf mit Dallas und den Giants wirklich komplett ausgeschlossen, dass die Redskins durch die Hintertür um eine Wildcard mitspielen können – zumindest wenn man Haskins eine einigermaßen vernünftige Infrastruktur zur Seite stellen könnte?

Ich hätte gesagt: Nein. Ich würde noch immer davon ausgehen, dass Haskins von Tag 1 an starten wird und dass ihm Gruden vernünftiges Play-Design und gute Play-Calls gibt. Doch die nun drohenden Protection-Probleme hindern mich nun doch wieder daran, für D.C. endlich wieder legitimen Optimismus zu entfachen.

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6 Kommentare zu “Washington Redskins in der Sezierstunde

  1. Höre zum ersten Mal, das ein Spieler aufgrund der Med. Behandlung wechseln möchte. Ein Armutszeugnis für die Franchise. Aber irgendwie weiss man sowieso nicht so recht, was an den Redskins so dran ist.

    Btw. Wentz mit großer Vertragsverlängerung. Meiner Meinung nach viel zu früh, nicht aufgrund seines Spiels, wobei es da ja auch bedenken gab, sondern aufgrund der Verletzungshistorie. Wenn er fit bleibt und zu alter Form ist er sehr günstig bei den steigenden QB Gehältern, wenn nicht hat man ihn 6 Jahre an der Backe. Hätte noch ein Jahr gewartet.

  2. Bei jedem 2. Beitrag ziehst du über die Cowboys her. Was soll das? Sie haben einen Top 10 Roster. Sie werden sich in einem engen Kampf die Division Krone mit den Eagles ausmachen. Wie kann kann man nur die Redskins auf eine Stufe mit den Cowboys stellen?

  3. Ich empfinde es nicht als „über Dallas herziehen“, habe mich aber auch über die Nennung der Cowboys gewundert. Insbesondere wenn man der restlichen Argumentation folgt: „Williams gilt als entschlossen, seinen Abgang zu forcieren“ -> schlechte Blindside Protection -> nervöser Rookie-QB ohne verlässliche WR …
    Wenn ich im Vergleich an Dallas denke (Prescott, Cooper, Elliott, Bomben O-line, auch-ohne-Blitz-gefährliche D-line plus schnelle LBs), scheint mir das ein anderes Kaliber zu sein.

    PS: „die restlichen acht Teams zwischen #6 und #15 wollten allesamt nur händeringend Jones und nicht Haskins“ *lol* Ja, sie hätten sich für Jones bestimmt stapelweise 1st rounder zugeschoben, wenn Gettleman den nicht geholt hätte. Schnäppchen!

  4. Wer behauptet das?

    Es steht „nicht komplett ausgeschlossen“, dass die Redskins mitspielen können. 2-3 Close Game Wins reichen in der NFL oft um einen Wettbewerbsnachteil auszugleichen.

    Und wenn in Dallas Jason Garrett in alte Muster verfällt, sind auch die Cowboys schnell auf dem harten Boden der Tatsachen zurück.

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