Pass-Blocking ist wichtiger als Pass-Rushing

Nächste Runde in der Reihe „NFL-Weisheiten auf dem Prüfstand“. Heute: Pass Protection ist wichtiger als Pass Rush – der nächste Schlag ins Kontor für den Pass-Rush (nach der Pass-Rush vs. Coverage Diskussion).

Seth Walder, einer der Lead-Analysten von ESPN, schreibt in seinem gestern veröffentlichten Artikel über die Beziehung von Offensive und Defensive Line:

Walder veröffentlicht dabei die Resultate aus der Analyse von drei Jahren Tracking-Daten von Next Gen NFL Stats, die von ESPN in zwei neuen Metriken verarbeitet werden:

  • Pass Blocking Win Rate (PBWR)
  • Pass Rushing Win Rate (PRWR)

Im Prinzip geht es darum, ob ein Passrusher innerhalb von 2.5 Sekunden an seinem Offensive Liner vorbeigekommen ist oder nicht. Ist er vorbeigekommen, hat er den Snap „gewonnen“. Ist er es nicht, hat er verloren. Das Modell hat noch kleinere Schwächen, wie Walder einschränkt: Die Tracking-Daten waren 2016 noch nicht blitzsauber – doch die Technologie wurde über die Jahre rasch weiterentwickelt. Und Blitzing wird noch nicht vollständig mit getrackt.

Ergebnisse

Doch die Ergebnisse aus der Analyse der ersten drei Jahre deuten bereits recht eindeutig darauf hin, dass wir nach der Pass-Rush vs. Coverage Diskussion auch unser Verständnis von der Beziehung „Offense Line vs. Defense Line“ hinterfragen müssen.

So gewannen die Teams, die das Pass-Blocking Duell (PBWR) gewannen, 60% der Spiele. Teams mit der besseren Pass-Rush Win-Rate (PRWR) gewannen nur 52% der Spiele.

Die Korrelation R von PBWR zu Siegen beträgt 0.37, was bei einem R^2 von 0.14 bedeutet, dass man 14% der Siegbilanz mit der O-Line Performance im Pass-Blocking erklären kann.

Pass-Rush Performance? R = 0.12 (R^2 = 0.01). Nur 1% der Siegbilanz kann man mit der Passrush-Performance nach ESPN-Methode erklären – ein Ergebnis, das sich deckt mit den Resultaten, die der Twitter-Analyst Magnus Benedixen vor zwei Monaten auf Basis von PFF-Daten publizierte.

Der Einschub: ESPN vs. PFF-Methode

Zwei unterschiedliche Herangehensweisen, zwei ähnliche Resultate. ESPN misst seine PBWR auf Basis von Tracking-Daten und einer simplen Formel (war er durch oder nicht?), während PFF aufwändig mit zahlreichen Analysten und nach Rücksprache mit NFL-Experten Snap für Snap Bewertungen aller einzelnen Offensive und Defensive Liner abgibt.

Ben Baldwin zeigt die Beziehung von ESPN und PFF-Methode auf: Die Korrelation beträgt 0.67, was einem R^2 von 0.46 entspricht:

Schon krass, dass man mit simplem Tracking 46% dessen erklären kann, was PFF in stundenlanger Kleinarbeit per Scouting aus dem Game-Film herausanalysiert.

Und weiter mit ESPN

Die meisten der besten Pass-Blocking Teams standen letzte Saison in den Playoffs: 8 der Top-12 in PBWR waren Playoffteilnehmer, darunter waren drei der Conference-Finalisten in den Top-4. Keines der Bottom-12 Pass-Blocking Teams stand in den Playoffs.

Dagegen waren nur vier der Top-12 Pass-Rushing Teams in den Playoffs. Die Patriots als späterer Superbowl-Teams waren nur die #28 nach Pass-Rushing Win-Rate.

Wichtiger ist jedoch das Big-Picture. Wir haben schon oben gesehen, wie deutlich die PBWR das Passrushing schlägt, wenn es um die Beziehung zu Siegbilanzen geht. Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn wir uns auf Expected Point Added (EPA) konzentrieren: Pass-Blocking Win-Rate korreliert mit EPA/Play wesentlich besser als Pass-Rushing Win-Rate, wie Walder anhand des Samples von 2016-2018 aufzeigt:

  • PBWR zu EPA/Play: 0.40 (R^2 = 0.16)
  • PRWR zu EPA/Play: 0.15 (R^2 = 0.02)

Diese niedrigen Korrelationen von Pass-Rushing zu Siegen und Punkten sind ein weiterer Beleg dafür, dass das Pass-Rushing nicht die Bedeutung hat, die man ihm so lange beigemessen hat.

Immerhin: Beide Metriken scheinen über die Saison ähnlich stabil zu sein. Doch ESPN bringt jedoch einen Beleg, dass die PBWR-Performance einer Mannschaft in der 1. Halbzeit eines Spiels eine viel höhere Korrelation zu EPA/Play in der 2. Halbzeit hat als die Pass-Rushing Performance. Auch hier: Eine Metrik ist deutlich besser nicht nur im Erklären, sondern auch im Vorhersagen – und es ist nicht der Pass-Rush.

Zusammenfassung: Die Evidenz deutet klar darauf hin, dass nicht bloß Coverage wichtiger ist als Pass-Rush, sondern auch Pass-Blocking wichtiger ist als Pass-Rushing.

Doch warum?

Ein möglicher Grund ist das Vorwissen im Spielzug: Die Offense weiß, was sie tun wird, während die Defense nur eine bestmögliche Schätzung abgeben kann. Die Defense kann zwar physisch imposanter sein, aber Quarterbacks in der heutigen NFL sind so herausragend, dass sie innerhalb kürzester Zeit selbst auf die besten gegnerischen Pass-Rusher reagieren können und die Defense mit einem schnellen Kurzpass verbrennen.

Defenses reagieren mit noch intensiverem Blitzing, doch zu Opportunitätskosten: Sie entblößen damit die Coverage. Quarterbacks in der heutigen NFL sind jedoch immer besser darin, solche Konzepte zu identifizieren und zu schlagen.

Folgerung

Pass-Blocking ist wichtiger als Pass-Rushing, und Passspiel ist viel wichtiger als Laufspiel – Folge: Die NFL sollte mehr Ressourcen in eine starke Offensive Line stecken als in eine starke Defensive Line. Denn D-Line Performance scheint stärker abhängig vom Gegner zu sein als die Offensive Line, die dem Gegner das Tempo aufdiktiert.

Es mag sein, dass ein einzelner superber Pass-Rusher mehr wert ist als der beste Offensive Liner der NFL – denn die Pass-Protection ist „defensiv“, während das Pass-Rushing „offensiv“ ist. In puncto O-Line muss man also nicht unbedingt darin investieren, die beste der NFL zu haben, aber man sollte schauen, eine überdurchschnittliche Gruppe ohne eklatante Schwachstelle („schwächstes Glied in der Kette“) aufzubieten.

Wird das die Gefolgschaft eines Joe Banner überzeugen? Natürlich nicht, denn der alte Glaube war dem Menschen schon immer wichtiger als konträre Evidenz. Davon profitieren die Schlauen, die auf die Richtigen hören.

Höre zum Thema auch: Walder im ESPN-Podcast. Transkription hier.

5 Kommentare zu “Pass-Blocking ist wichtiger als Pass-Rushing

  1. Wie kommt es, dass man immer das Gefühl hat, dass die Patriots diese Erkenntnisse schon länger besitzen bzw. auch nutzen, während alle anderen Teams eher hinterher hängen? Ist Belichick der Hauptgrund oder haben die Patriots einfach die besseren Analysten?

  2. Belichick ist der beste von allen. Er basht öffentlich Analytics um im stillen Hinterkämmerlein die Erkenntnisse zu nutzen, und lässt den Mainstream seinen Bullshit verzapfen.

    Und die Leute glauben diesen Bullshit, weil 80 Jahre „pound the football“ eben intuitiver und gewohnter sind als Formeln, die nur wenige verstehen.

    Belichick ist mit Abstand die #1. Aber andere rücken ihm auf die Pelle, weil schön langsam die Laptop-Generation on NFL-Front Offices übernimmt.

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