Minnesota Vikings in der Sezierstunde

Die Minnesota Vikings galten als vielleicht die größte Enttäuschung der abgelaufenen Saison: Von 13-3 und Superbowl-Favoritenstatus komplett aus den Playoffs gefallen. Head Coach Mike Zimmer durfte zwar bleiben, ist nun aber angezählt: Seine Wette darauf, dass das Passspiel an der Misere Schuld war und nun mit Rushing-basierter Angriffsstrategie alles besser wird, hat nur mäßige Erfolgschancen.

Ich hatte schon vor der Saison 2018 darauf hingewiesen, dass die Vikings als relativ klarer Regressionskandidat prädestiniert für eine Enttäuschung waren. Und so kam es dann auch. Minnesota verpasste sogar die Playoffs. Als Hauptschuldiger wurde die miese Offense identifiziert.

Die Probleme der Vikings-Offense 2018

OffCoord John DeFilippo machte zwar das richtige und ließ bei der mäßigen 1st-Down Erfolgsquote im Laufspiel (38% Run-SR, 5.2 YPC) so viel werfen wie es ging (56% Pass-SR, 8.3 NY/A), doch QB Kirk Cousins erwies sich nicht das der erhoffte Messias. Er erwies sich vielmehr als das, was bei realistischer Betrachtung zu erwarten war: In Nähe des Liga-Durchschnitts, vielleicht etwas drunter. Das war zwar weit effizienter als Laufspiel, doch nicht gut genug, dass Zimmer seinen altverhangenen Skeptizismus gegenüber dem Vorwärtspass ausblenden konnte.

Schon zur Saisonhälfte war der Schuldige für die stockende Offense in Minnesota ausgemacht: DeFilippo mit seinem Pass-Wahn. Zimmers Ja-Sager Nummer 1, QB-Coach Stefanski („Wir müssen mehr laufen, Coach!“) wurde zum Interims-OffCoord bestellt und beruhigte damit für einige Wochen die Gemüter. Besser wurde die Offense dadurch zwar nicht, aber Zimmer konnte zumindest wieder ruhig schlafen: Kein Störenfried mehr, der meine geniale Defense mit solchem Schnickschnack wie Passspiel kaputt macht!

Der wahre Schuldige an der Misere? Regression zur Mitte.

Ich hatte schon darauf hingewiesen, dass Minnesotas 2017er Saison mit Case Keenum als QB ein kompletter, krasser Ausreißer gewesen war. Keenum selbst hätte die Saison kaum wiederholen können. Auch mit Cousins, der im Vergleich zu Keenum ein Upgrade darstellt, war eine Wiederholung nie wahrscheinlich. Cousins war immer nur dazu da um den Effizienz-Rückgang soweit es geht zu minimieren.

Sein abstruser Preis von 28 Mio/Jahr war nur durch drei Dinge zu rechtfertigen:

  • Erfolgsfenster der Defense: Die personell erstklassige Defense ist nur noch 1-2 Jahre vom Auseinanderfallen entfernt, und gepaart mit hervorragenden Offense-Playmakern in Thielen/Diggs hat man nur bis 2020 oder 2021 Zeit.
  • Kürze der Vertragslaufzeit: Nur 3 Jahre Vertragslaufzeit verhinderten zumindest langfristige Kollateralschäden.
  • Fehlender Verhandlungs-Hebel: Es gab keine realistischen Alternativen. Keenum wäre Regression hoch 3 gewesen, Bradfords Knie war komplett kaputt, Bridgewater dito, minus Bradfords Alter.

Fix ist: Die Cousins-Verpflichtung sieht mit einem Jahr Abstand aus in etwa so schlecht aus wie das pessimistischste Szenario, das wir malen konnten.

Was also nun in 2019?

Stefanski durfte bleiben, weil er sich nicht gegen Zimmers innersten Wunsch („Pound the football!“) stellte – doch er bekam einen neuen Offense-Berater zur Seite gestellt: Gary Kubiak, früher erfolgreicher Offensive Coordinator und Headcoach bei den Denver Broncos und Houston Texans.

Kubiak stand in Vergangenheit für Zone-Running, tendenziell eher lauflastige Offense – aber andererseits sind viele seiner Offense-Basics im Scheming sehr nahe an dem, was heute in persona von Sean McVay und Co. in der NFL für Furore sorgt. Kubiak ist damit ein interessanter Mann. Auch die Personal-Moves in der Offense waren „interessant“.

Minnesota…

…draftete mit dem 1st Rounder C Garrett Bradburry – einen Pick, den ich bereits unter die Lupe nahm. Er steht für Zone-Running, Stärkung der Line-Mitte und dafür, dass man den Tackles Reiff (links) und Brian O’Neill (rechts) tendenziell vertraut.

…holte OG Josh Kline via Free Agency und Dru Samia in der 4ten Runde des Drafts. Die beiden werden mit dem von Center auf Guard verschobenen Pat Eflein um die Guard-Spots kämpfen.

…verlängerte ein Jahr nach WR Stefon Diggs (14.4 Mio/Jahr) nun auch mit dem anderen Star-WR Adam Thielen (16.2 Mio/Jahr) und hat nun eines der teuersten WR-Pärchen in der NFL.

…verzichtete darauf, die 5th-Year Option beim bislang extrem enttäuschenden WR Laquon Treadwell zu ziehen. Treadwell hat keine Garantie auch nur auf einen Kaderplatz 2019.

…draftete TE Irv Smith jr. in der 2ten Runde des Drafts und verlängerte trotzdem mit TE Kyle Rudolph, der seit Jahren in seiner Entwicklung stagniert und kaum Entwicklungspotenzial besitzt. Mehr noch: Rudolph bekommt 9 Mio/Jahr über vier Jahre.

Das alles fügt sich zusammen zu einem spannenden Mix, in dem sich der Wunsch des Cheftrainers nach mehr Laufspiel kreuzt mit der Rückkehr des mit Abstand besten Runningbacks Dalvin Cook von Verletzung, zwei extrem teuren Wide Receivern und einem brutal teuren Quarterback sowie einem neuen Tight End. Dagegen missachtete man das Upgrade auf der in der heutigen NFL so wichtigen WR3-Position.

Ein Schelm, wer hieraus verstärkten Fokus auf 12-Personnel Offense lesen will? Jene Offense, die als besonders effizient im Passspiel gilt, weil Defenses dagegen überproportional viel Gameplanning gegen das Laufspiel investieren?

Haben Zimmer, Stefanski und Kubiak den geheimen Masterplan, der aus verbesserter Offensive Line und zwei sensationellen WR-Individualisten eine potente 12-Personnel Offense „zimmert“?

Oder wird es doch ein Rohrkrepierer, weil Zimmer nicht aus seiner Haut kann, Kubiak die wesentlichen Anpassungen an die moderne NFL verpasst, die O-Line floppt, weil sie auf den wesentlichen Tackle-Positionen nicht verstärkt wurde und TE Rudolph nur deswegen verlängert wurde, weil sich Irv Smith als völlige Graupe in den Trainings-Camps erwies?

Viele Baustellen, viele Fragezeichen. Die Option mit verstärktem 12-Personnel und Passspiel auf Thielen/Diggs gefällt mir am besten. Angenommen, sie ziehen diese Karte: Wie weit nach oben kann es für die Offense dann gehen? Top-15 möglich? Wie gut muss dann die Defense sein?

Defense

Jene Defense war 2017 atemberaubend (#2 nach DVOA) – nachdem sie mehrere Jahre als gigantischer „Sleeper“ gegolten hatte (nach DVOA #14 in 2015 und #8 in 2016). 2018 war nach schwachem Start am Ende okay: #4 nach DVOA.

#5 gegen den Pass, #11 gegen den Lauf. Gab einige dominantere Units, aber wenige sind so konstant wie Minnesota.

Problematisch an der Prognose der Vikings 2019 ist nun der generelle NFL-Trend, dass die Qualität der Defense mehr durch die Qualität der gegnerischen Offense getrieben zu sein scheint als durch die eigenen Spieler.

Natürlich hat Minnesota mit seinem Personal auf allen Ebenen des Spielfelds gute Karten, noch immer eine überdurchschnittliche Unit aufs Feld zu führen. Doch man kann nicht erwarten, dass es Top-5 sein wird. Vielleicht wird es „nur“ Top-10 – vor allem, wenn die Offense mit zu viel Laufspiel zu viele three’n’outs fabriziert und damit der Defense die Puste raubt.

Die ersten Risse sahen wir schon letztes Jahr, u.a. beim epischen Thursday Night Game in Woche 4, als Rams-QB Goff 5 Touchdowns und Perfect-Passer Rating auflegte. Selten war Zimmer hernach so ratlos wie damals.

Die wichtigsten Personal-Moves waren bewahrender Natur: Der abwanderungswillige LB Anthony Barr konnte im letzten Drücker gehalten werden. Barr ist kein reinrassiger Edge-Rusher und in der Deckung manchmal ein Schwachpunkt, aber er ist auch der wesentliche Blitzer in der Zimmer-Defense. Für ihn musste man allerdings tiefer in die Tasche greifen als man ursprünglich wollte: 13.5 Mio/Jahr, aber immerhin nur 15.9 Mio. fully guaranteed.

Der Barr-Deal kostete die Möglichkeit, sich weiterhin den Luxus eines DT Sheldon Richardson zu leisten (Richardson ging nach Cleveland), und er lädt Druck auf GM Rick Spielman in der Frage, welche der zahllosen Top-Defensive Backs man künftig halten will.

Andererseits: Es lädt auch Druck auf die Spieler selbst – Leute wie CB Xavier Rhodes (2018 eher enttäuschend) oder CB Trae Waynes (2018 verletzt) können nur mit Top-Leistungen Empfehlungen für Langzeitverträge abgeben.

Ausblick

So schwierig das mit der erneuten Top-5 Defense für die Vikings wird: Das Gerüst ist natürlich da. Einbrechen wird diese Unit nicht.

So hängt es am Ende daran, wie die Umstellungen in der Offense greifen. Ich halte DeFilippo nach wie vor für ein Bauernopfer, der zu Unrecht gefeuert wurde und habe Angst, dass Mike Zimmer es mit seiner ultrakonservativen Sicht der Dinge zu weit auf die Spitze treibt.

Das wäre jammerschade.

So durchschnittlich Cousins sein mag: Wenn man die Umstände optimiert – z.B. in 1st und 2nd Downs viele Pässe wirft – kann man die Effizienz des Passspiels (und damit der ganzen Offense) in die Höhe treiben, weil man in die Situationen hinein wirft, in denen die Defense Laufspiel erwartet. Wenn man sogar die zuletzt in der NFL geoffenbarten Ineffizienzen von Pass-Verteidigungen gegen 12-Personnel verstärkt zu nutzen imstande ist, geht sicher mehr als letztes Jahr.

Es ist das Szenario, in dem ich die Vikings ohne Scheiß als Superbowl-Contender sehen würde. Aber andererseits frage ich mich, wer in 11-Personnel den dritten Receiver geben soll und ob Zimmer nicht doch zu zuviel Laufspiel tendieren wird. Besonderen Vertrauensvorschuss möchte ich ihm diesbezüglich nicht mehr geben.

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3 Kommentare zu “Minnesota Vikings in der Sezierstunde

  1. Sorry, ist zwar offtopic aber wo du Bridgewater Knie erwähnst. Wie schlimm ist denn seine aktuelle gesundheitliche Lage, dass du das so katastrophal darstellst?

  2. Ich weiß nicht genau, wie es mit Bridgewaters Knie heute aussieht, aber damals galt die Verletzung als übel genug, dass über ein Ende der Karriere spekuliert wurde.

    Keine Chance, dass Minnesota im Frühjahr 2018 seine Jetons auf Bridgewater als Franchise-QB gesetzt hätte.

  3. Ok, das Team ist auf beiden Seiten des Balles nicht schlecht besetzt und ziemlich eingespielt.
    Trotzdem: Super Bowl Contender – Nein!
    Du hast die ‚chose‘ selbst beschrieben. Mike Zimmer ist ein guter Devensiv Coach. Gary Kubiak ist nicht (mehr) der Heilsbringer. Zusammen liegen die Play off’s in Reichweite ‚abe; es müsste in dieser Saison sein‘!
    Die anderen Teams schlafen nicht und lehren ihrerseits dazu.
    Die Browns, Jets vieleicht sogar die Cardinals könnten neben den üblichen Verdächtigen die neuen Rams von Morgen werden. Ahhh, der Faktor Verletzungen auf den Schlüßelpositionen wird wieder zur Überlebensfrage. Wenn es nicht klappen sollte müßte gehandelt werden. Zu verstaubt sind die alten Haupübungsleiter. Das gilt auch für Mike Tomlin und noch viel schlimmer Jason Garrett der diese Cowboys nie in’s gelobte Land führen wird!

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