Houston Texans in der Sezierstunde

Unruhige Zeiten bei den Houston Texans, die vor wenigen Tagen ihren GM Brian Gaine gefeuert haben, weil dieser mit seiner Passivität am Transfermarkt riskiert hatte, das Rookie-Vertragsfenster von QB Deshaun Watson zu torpedieren.

Mal ehrlich? Gaine war nahezu eine Unbekannte. Hätte Charles Casserly nicht permanent mit idiotischen Takes im TV für Aufsehen gesorgt, ich hätte glatt den ollen Belichick-Spezl noch als Texans-GM getippt… zumindest fast. Punkt ist: Houstons Aktivitäten in Draft und Free-Agency in den letzten Jahren waren so unauffällig, dass man sie kaum wahrnahm.

Was ein Problem darstellt, denn die Texans hatten bei allen Superstars im Kader in den letzten Jahren immer zwei Sollbruchstellen, an denen ihr Durchbruch zu einer Spitzenmannschaft gescheiter war:

  • Unterirdisches Quarterback-Play
  • Unterirdische Offensive Line

Ersteres Problem scheint seit der Einberufung Watsons an #12 im Draft 2017 gelöst, doch Watson ist a) nicht der robusteste Spieler unter der Sonne, neigte schon am College zu Zipperlein und verpasste in der NFL schon seine halbe Rookiesaison mit Kreuzbandriss und b) der Tauschhandel für die Rechte an Watson kostete die Texans einen zusätzlichen 1st Rounder, der sich als #4 Overall Pick 2018 herauskristallisierte und essenziell für eine Aufbolsterung der Offensive Line gewesen wäre.

Wie schlimm stand es die letzten beiden Jahre um die O-Line?

  • Höchste QB-Pressure Rate der NFL mit 39%
  • Meiste Snaps des QBs unter Druck mit 240
  • 5t-meiste Sacks ever gegen einen QB in einer Saison mit 62 (inkl. Playoffs 65)

Doch so übel diese Werte auf den ersten Blick klingen, so sehr muss man eine Prämisse betonen: Pressures gelten zwar als eher der Offensive Line zuzuschreiben, doch sie entstehen auch auf Basis des Play-Designs: Hält der Quarterback länger den Ball, wird eine Quarterback-Pressure wahrscheinlicher.

Und Watson gehört zu den Quarterbacks, der mit am längsten den Ball hält: Durchschnittlich warf er den Ball erst nach 3.01 Sekunden – nur drei Quarterbacks halten den Ball länger. Entsprechend sind fortgeschrittenere Metriken wie PFFs Pass-Blocking Grades oder ESPNs Pass-Blocking Win-Rates („OL muss 2.5 Sekunden lang halten“) auch deutlich gütiger zu Houstons Offensive Lines:

  • PFF: #19 nach Pass-Blocking Grade
  • PBWR: #16 der NFL mit 50% Win-Rate

Und so sehr Pressures eher der O-Line zugeschrieben werden, so sehr sind Sacks eher ein QB-Stat. Selbst mit einer durchschnittlichen Conversion-Rate von 4.5 Pressures pro Sack hätte Watson nur 53, nicht 65, Sacks kassieren „dürfen“. Die Line ist also eher mäßig, aber keineswegs alleinschuldig am Fiasko.

Was tat man für die Offensive Line?

Dennoch brauchte es Upgrade – auch, weil Headcoach O’Brien offensichtlich eine Offense mit längeren Dropbacks spielen lassen möchte – entsprechend dem QB mehr Zeit geben muss.

Reaktion des Front-Office: In OT Matt Kalil nur ein unterklassiger neuer Free-Agent, dafür zwei hohe Draftpicks in 1st Round OT Tytus Howard und 2nd Rounder OT Max Scharping – und dennoch schien hinterher niemand zufrieden, denn nicht bloß kommen die beiden Prospects aus den Niederungen der FBS bzw. im Falle von Howard gar aus der FCS (zweite Ebene des College Football) und haben zumindest konzeptionell einen großen Sprung in die NFL vor sich – nein: Die Texans verpassten durch einen geschickt eingefädelten Eagles-Trade auch noch die Möglichkeit, in der 1ten Runde OT Andre Dillard zu ziehen.

Dillard galt für viele als Wunschspieler der Texans – und wurde ihnen vor der Nase weggeschnappt. Weia. Wer auch immer nun das Zepter auf GM übernimmt, könnte kurzfristig eine Lösung auf dem Präsentierteller bekommen, denn rein zufällig möchte offensichtlich Washingtons LT Trent Williams nur noch weg von den Redskins. Würde man in Houstons Situation einen 1st oder 2nd Rounder für einen 31-jährigen Williams hinblättern?

Williams wäre definitiv ein schnelleres Upgrade als die jungen Rookie-Tackles, doch O’Brien könnte auch einfach verstärkt etwas kürzere Dropbacks einbauen um der Offense zu helfen.

Die andere große Baustelle…

…tut sich auf Edge-Rusher auf, wo man sich mit Jadeveon Clowney nicht einig wird. Clowney, #1 Overall Pick von 2014, geht in sein sechstes NFL-Jahr und bekam an Stelle eines Langzeitvertrags nur die verhasste Franchise-Tag.

Clowney ist als 26-jähriger Pro Bowler einer der besten Run-Defender in der NFL und hat drei starke Jahre hinter sich, doch er ist weder ein Elite-Passrusher noch ein zwingend designierter Nachfolger für DE J.J. Watt, der mit nunmehr 30 Lenzen bald in den Herbst seiner Karriere geht.

Gerade in Zeiten, in denen immer mehr Pfeile in eine andere Richtung als „18 Mio-Verträge für non-Elite Defensive Ends“ zeigen, könnten die Texans verleitet sein, auf eine Langzeitanstellung Clowneys zu verzichten, ihn für immediaten Gegenwert zu traden, eventuell sogar um damit ihre Offensive Line aufzubolstern und dem großen Versprechen Watson eine realistische Chance auf Elite-Offense zu geben.

Doch was nicht klar ist: Wer soll den Move machen? Weder ist bei den Texans klar, wie es sich unter dem neuen Owner, dem 58-jährigen Cal McNair (Titel: „Bobs Sohn“) arbeiten lässt, noch ist klar, ob der mächtige Bill O’Brien kritische Stimmen im Konferenzraum zulässt.

Dem Vernehmen nach soll der Wunschkandidat New Englands „geheimer Kopf im Hintergrund“, Nick Caserio, sein – doch mit dem Unterbreiten einer Offerte für Caserio (bzw. der Vorstufe zu einer Offerte) sollen sich die Texans erstmal eine offizielle Beschwerde der Patriots eingeholt haben. Wird das mit Caserio nix, sind Houstons GM-Wünsche sind schwer zu greifen. Konzentrieren wird uns also darauf, was sie in Houston haben und gemacht haben.

Offense

Watson war mit 6.5 NY/A und 0.07 EPA/Passspielzug im Passspiel nur ein durchschnittlich effizienter Quarterback. Seine großen Verkaufsschlager sind seine aggressive Mentalität in 3rd Downs und sein hyper-effizientes Scrambling (0.23 EPA/Run). Trotzdem waren die Texans 2019 eine der konservativsten 1st-Down Offenses:

Das, obwohl das Laufspiel nur 5.3 Yards/Carry und 42% Success-Rate brachte, wohingegen man im Passspiel 7.1 NY/A und 53% Success-Rate eine der erfolgreichsten 1st-Down Passing Offenses stellte. Vielleicht braucht es nur mehr Vertrauen in die Offense Line um diese schiefe Ebene zu kippen. Vielleicht braucht es auch nur ein Minimum an Vertrauen in die schreienden Zahlen.

Vielleicht hilft ausgerechnet das eine: Auf Runnnigback sind die Texans schwach besetzt: Weder Lamar Miller noch D’Onta Foreman bringen irgendetwas als Ballfänger, und sie sind auch keine Big-Play Threads hinter einer dürftigen O-Line.

Wide Receiver dagegen ist eine der großen Stärken: Der brutal physische WR DeAndre Hopkins ist mutmaßlich der beste Receiver der NFL, während der letztes Jahr am Kreuzband verletzte Will Fuller als deep threat extrem gut mit Watson harmonierte und überragende Effizienz-Werte hatte.

Ein Keke Coutee oder Vince Smith als #3 wäre hinter so einem Starting-Duo mehr als akzeptabel – allerdings bleibt Tight End eine der großen Schwächen. Die Texans tendieren seit Jahren dazu, aufgrund der O-Line Schwächen ihre Tight Ends primär als Blocker einzusetzen, was dem gesamten Konstrukt Dimensionen nimmt. Selbst wenn die O-Line noch adressiert wird: Es gibt keine athletischen „Fang-Tight Ends“ im Texans-Kader.

Passspiel aus 12-Personnel zu spielen ist zwar mit einem WR-Duo Hopkins/Fuller keine verheerende Option, doch wenn zumindest ein fangstarker Tight End im Kader stünde, würde das definitiv helfen. Der in der 3ten Runde gedraftete Rookie Kahale Warring (San Diego State) gilt maximal als zu entwickelndes Receiving-Prospect.

Defense

Die Defense ist schwieriger zu lesen. Sie war im Mittelmaß, was Pressures und Sacks angeht, hatte aber die #7 Coverage-Grade nach PFF-Metriken.

Doch personell wird die Secondary diesen Herbst doch ziemlich verändert aussehen: FS Tyrann Mathieu und CB Kareem Jackson wurden ziehen gelassen, dafür holte man FS Tashaun Gipson, CB Bradley Roby und CB Boddy-Calhoun in der Free-Agency sowie Lonnie Johnson jr. via Draft (2nd Rounder). Vor allem bei Roby wettet man darauf, dass seine schwache 2018-Saison in Denver ein Ausreißer war.

CB Jonathan Joseph galt 2018 noch immer als verlässlicher Starter, doch er wird nicht jünger. Safety Reid war als Rookie eine Offenbarung, doch kann er diesen Coup wiederholen?

Und wie sähe es „vorne“ aus, wenn man Clowney tatsächlich noch verliert? Watt spielte noch auf All-Pro Level, doch seine Zeit als absolut alles dominierender Edge-Rusher scheint erstmal vorbei, und der dritte Passrusher im Bunde, Mercilus, gilt als nicht mehr als ein Rotationsspieler.

Ausblick

Trotz Gewinn der AFC South in der letzten Saison hatte man am Ende der letzten Saison nicht das Gefühl, dass die Texans die beste Mannschaft der Staffel stellten. Dieses Gefühl wurde nicht nur durch eine zähe zweite Saisonhälfte und den Vorteil des schwachen Schedules befeuert, sondern auch durch die leb- wie chancenlose Vorstellung am Wildcard-Weekend gegen die überlegenen Colts.

Der Schedule wird 2019 härter.

Die Defense vermutlich etwas schwächer.

Ergo: Es hängt an der Offense, den Karren zu fahren. Play-Calling in Early-Downs habe ich schon als offensichtliches Verbesserungspotenzial angeführt, doch mein Vertrauen in die NFL-Coaches wie besonders einem O’Brien ist diesbezüglich eher gering.

Es wird also wird eine ganz spannende Saison. Tendenziell halte ich Watson für gut genug um mit Luck und den Colts mitzugehen, wenn das Zusammenspiel mit Offense Line und Play-Design einigermaßen stimmt. So würde ich die Texans nur leicht unterhalb der Colts verorten, aber dank deutlich weniger Fragezeichen auf QB über Titans und Jaguars.

Playoffs sind mit dieser Ausgangslage trotz eines schwierigeren Schedules als 2018 nicht ausgeschlossen. Doch reicht das? Das Fenster ist maximal noch bis 2020 offen – danach wird Watson teurer, Watt zu alt und Clowney vielleicht schon woanders sein, und dann muss die Mannschaft gänzlich umgebaut werden. Schlussfazit: Spannendes Team, das in den nächsten 2-3 Jahren bestimmt aufregender ist als in der jüngeren Vergangenheit.

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2 Kommentare zu “Houston Texans in der Sezierstunde

  1. Danke für die differenzierte Betrachtung der OL Problematik bei den Texans. Bisher habe ich immer nur Draufhauen vernommen, das ist der erste Bericht der ein optimistischeres Licht auf die Texans OL wirft, und offenbar nicht ganz zu Unrecht.

    Halte Watson nicht auf einer Stufe wie Luck, aber nicht weit davon entfernt. Der restliche Kader ist aus meiner Sicht nicht tief genug um mit den Colts mitzuhalten, aber eine Wild Card könnte schon drin sein.

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