Sind die Chicago Bears 2019/20 wirklich ein Superbowl-Contender?

Die Chicago Bears gehören zu den meistgenannten Superbowl-Favoriten 2019/20 und haben in den Wettbüros eine Top-10 Titel-Quote. Wie enthusiastisch sollte man beim Tippen auf diese Mannschaft sein?

Ausgangslage

Die Bears waren 2018 einer der gefährlichsten Dark-Horses schon vor dem Einkauf von Superstar-Passrusher Khalil Mack. Nach dessen Einkauf war ich geneigt, sie als NFC-North Playoffteam zu tippen – doch am Ende fehlte mir nur knapp der Mut. Doch die vielen positiven Anzeichen waren einfach erkennbar:

  • Eine starke, von Kontiuität geprägte Defense
  • Neues Offense-Scheme für QB Mitchell Trubisky
  • Einkauf zahlreicher Skill-Player
  • Sehr wahrscheinliche positive Regression von #31 der Verletztenliste

Die Bears bewiesen Stärke: 12-4 Bilanz in der NFC North, souveräner Gewinn der Division auf dem Rücken einer fantastischen Defense und eines QB-freundlichen Schemes von Headcoach Matt Nagy.

Was spricht für die Bears 2019?

Die Bears 2018 waren kein Zufallsprodukt. Sie waren 6-4 in engen Spielen, was einerseits bedeutet, dass sie womöglich ein knappes Spiel mehr gewannen als man langfristig erwarten kann. Doch andererseits kann man 6-4 Bilanz in engen Spielen bei 12-4 Bilanz auch so deuten:

  1. Keine einzige Niederlage mit mehr als einem Score Differenz
  2. 6x einen Blowout gewonnen.

Der Pythagorean der Bears 2018 sieht ein Team mit Sieg/Niederlagen Erwartung von 11.8 Siegen. Dieses Team war also for real. Auch in den Playoffs wurden sie nicht rausgeschossen, sondern verloren am Ende gegen den regierenden Titelverteidiger Philadelphia, weil der Kicker in letzter Sekunde einen Schuss an die Stange setzte.

Doch was sind die kritischen Punkte?

Doch andererseits gibt es zahlreiche Indikatoren, die darauf hindeuten, dass die Saison 2019 für die Chicago Bears keine einfache wird – und bei so hohen Erwartungen wie „Superbowl or Bust“ schneller als man denkt in einer Enttäuschung enden könnte.

#1 Regression der Defense

Es wurde häufig belegt, dass die NFL als Offense-Liga designt ist, in der die Performance von Offenses Saison-übergreifend wesentlich stabiler ist als jene von Defenses. In anderen Worten: Selbst dominante Defenses tendieren dazu, im Folgejahr deutlich näher an NFL-Durchschnitt zu spielen als man auf Basis der letztjährigen Leistungen erwarten würde. Zuletzt erlebten es die atemberaubenden Defenses von Seahawks 2013, Broncos 2015 oder Jaguars 2017: Folgejahr war besser als Durchschnitt, aber längst nicht so gut wie die Original-Ausgabe. Das nennt man dann „Regression zur Mitte“.

Doch die Bears haben zu diesem „neutralen Indikator“ zwei weitere ungünstige Vorzeichen durchzuschleifen: Zum einen ist das der Abgang von Defensive Coordinator Vic Fangio, der in Denver neuer Headcoach wird.

Zum anderen verlieren die Bears aus Salary-Cap Gründen zwei wichtige Leistungsträger der letzten Saison: Slot-CB Bryan Callahan und FS Adrian Amos. Beide waren nicht die größten Playmaker unter der Sonne. Aber beide waren wertvolle Stützten in der Pass-Coverage, um die herum Chicagos Defense-Erfolg gebaut war. Wesentliche Verstärkungen gab es aus Cap-Gründen nicht, weswegen die beiden Abgänge zumindest dünnere Personaldecke im Fall der ersten Verletzungsausfälle bedeuten.

#2 Turnover-Bilanz

Die Bears hatten letztes Jahr eine Turnover-Bilanz von +14 (22 Give-Aways bei 36 Takeaways) und waren damit das 3t-glücklichste Team in der NFL. So gerne man glauben möchte, dass das Erzwingen von Turnovers ein echtes Qualitätsmerkmal ist, so sehr muss man leider feststellen, dass das Erzwingen von Turnovers vor allem dem Zufall geschuldet ist.

In den neun Jahren zwischen 2009 und 2017 gab es insgesamt 38 Teams mit einem Turnover-Differenzial von mehr als +10 Turnovers in einer Saison. Diese 38 Mannschaften hatten im Schnitt ein Turnover-Differenzial von +15.6 in Jahr 1.

Im Folgejahr? Im Schnitt +2.2 Turnovers. 15 dieser Mannschaften hatten im Folgejahr sogar eine negative Turnovers-Bilanz und nur fünf der 38 Mannschaften hatten im Folgejahr erneut eine Turnover-Bilanz von +10 (Patriots 2011 und 2012 sowie Seahawks 2013 und Chiefs 2016 und 2017).

Die Korrelation zwischen Turnover-Differenzial zwischen dem ersten Jahr und dem Folgejahr beträgt R = 0.11 mit einem R^2 = 0.01. Man kann also genau 1% der nächstjährigen Turnover-Bilanz mit der aktuellen vorhersagen. Reiner Zufall galore.

#3 Verletzungs-Regression

Schauen wir uns die Bears-Bilanz in Football Outsiders‘ Adjusted Games Lost Bilanz an (Jahr / Anzahl Starter-Ausfälle / Platzierung in der NFL):

  • 2007: 68.8 | #30
  • 2008: 33.3 | #7
  • 2009: 51.1 | #14
  • 2010: 12.3 | #2
  • 2011: 54.5 | #14
  • 2012: 31.1 | #3
  • 2013: 62.6 | #14
  • 2014: 102.0 | #27
  • 2015: 92.8 |#28
  • 2016: 155.0 | #32
  • 2017: 118.0 | #31
  • 2018: 36.6 | #3

Die Bears waren letztes Jahr nach mehreren extrem verletzungsgeplagten Jahren plötzlich eines der gesündesten Teams in der Liga. Möglich, dass der neue Medizinstab und die Trainingsmethoden von Matt Nagy extrem erfolgreich sind und die Bears in der kommenden Saison erneut unter den gesündesten Teams der NFL sind.

Doch die Volatilität in dieser Übersicht ist groß. Es ist zu befürchten, dass Chicago in der kommenden Saison wieder stärker vom Verletzungsteufel getroffen wird als in der letzten positiven Ausreißer-Saison.

#4 1st-Place Schedule

Die Bears spielen in der NFC 2019 gegen die Rams, Cowboys und Saints anstatt wie in der letzten Saison gegen Giants, Buccs und 49ers (4th-Place Schedule).

Vergleich:

  • Die Vikings (2nd Place) spielen gegen Eagles, Falcons und Seahawks
  • Die Packers (3rd Place) spielen 2018 gegen Redskins, Panthers und 49ers.
  • Die Lions (4th Place) spielen gegen Cardinals, Buccs und Giants

Zumindest der Packers- und Lions-Schedule klingen deutlich einfacher als jener der Bears.

#5 NFC North

Die NFC North hatte 2018 ein eher schwaches Jahr und könnte in dieser Saison unabhängig von der Bears-Performance qualitativ einen Schritt nach vorne machen.

Die Packers sehen in Jahr 1 nach Mike McCarthy Hoffnung, dass QB Aaron Rodgers endlich zu alter Form zurückfindet und dass die Defense nach zahlreichen Personal-Upgrades in Jahr 2 von DefCoord Mike Pettine greift.

Die Vikings waren eine der Enttäuschungen der letzten Saison und sollten mit Upgrades in der Offensive Line die größte Sollbruchstelle des letzten Jahres verbessert haben.

Und die Lions? Sind personell auch einen Schritt nach vorn gekommen, wenn auch mit gigantischen Fragezeichen ob Spielstil und möglichen Vertragsstreitereien mit Schlüsselspielern wie CB Slay oder DT Harrison.

Freilich ist all das keine Garantie. Niemand weiß, ob die Lions und Vikings nicht doch zwei von drei 1st Downs per Laufspiel in die Mauer jagen werden oder ob das LaFleur-System in Green Bay zünden wird. Doch personell sind alle drei Teams tendenziell aufgerüstet im Vergleich zur letzten Saison.

#6 QB Mitchell Trubisky

Sechstens und vielleicht wichtigstens der Quarterback. Trubisky wird in Bears-Kreisen in alle Höhen gelobt – verständlich, wenn man sich die vor ihm unglückliche Quarterback-Historie der letzten 30 Jahre anschaut – doch ehrlicherweise ist Trubisky nicht bloß der drittbeste Quarterback der „Klasse von 2017“, sondern war auch in seinem zweiten NFL-Jahr nur mit zugedrückten Augen NFL-Durchschnitt.

Nicht zuletzt Pro Football Focus wies auf die Schwächen in Trubiskys Spiel hin:

Warum viele Trubisky dennoch als guten Passer sehen? Er war nach Pass Success-Rate mit 46% die #15 der NFL, mit 6.7 NY/A die #13 und nach EPA/Pass mit 0.12 EPA/Pass die #10 der NFL. Doch nach Total Adjusted Yards/Play (TAY/Play) war Trubisky unter allen QBs mit mehr als 200 Passversuchen nur die #18 der NFL – trotz nahezu idealer Ausgangslage mit einer kaum verletzten Offense und vielen Plays mit Führung im Rücken!

Was man behaupten kann: Trubisky profitierte von exzellentem Scheming. Wenn man sich das Accuracy-Charting von PFF ansieht, so hatte Trubisky zwar viele Yards after Catch bei seinen Pässen, doch bei allem, was über die Anspiellinie ging, die Präzision einer Schrotflinte:

  • Air-Yards < 0: #7 von 35
  • 1-5 Air-Yards: #29 von 35
  • 6-20 Air-Yards: #32 von 35
  • >20 Air-Yards: #31 von 35

Aber Trubisky war doch ein grandioser Scrambler! Daran ist was dran, doch vom besten Scrambling-QB der Liga, zu dem er hie und da stilisiert wurde, ist er ein Stück entfernt:

  • #8 nach Rush-SR% unter QBs (sogar der fußlahme Rodgers war erfolgreicher)
  • #5 nach EPA/Rush
  • #12 nach 1st Downs pro Rush

Natürlich ist eine weitere Entwicklung Trubiskys in seinem zweiten Jahr unter Matt Nagy nicht auszuschließen. Doch wir haben nun insgesamt drei Jahre Trubisky als Starter gesehen, zwei davon in der NFL, und es deuten wenige Anzeichen darauf hin, dass es sich bei diesem QB um einen künftigen Superstar-QB handelt. Ich würde nicht mal meine Jetons darauf wetten, dass Trubisky der drittbeste Quarterback der NFC North ist.

Ausblick

Wir leben in Zeiten von schwarz/weiß, weswegen ein Eintrag wie dieser sofort als „Haten gegen die Bears“ ausgelegt wird. Disclaimer: Ich bin mir dessen bewusst. Doch ich „hate“ nicht. Ich versuche nur, Erwartungen in Relation zu setzen.

Punkt ist: Auf Basis aller verfügbaren Informationen sollten die Chicago Bears auch in der anstehenden Saison 2019 eine Chance haben, sich einen der sechs NFC-Playoffplätze zu sichern. Dass es die höhere Chance ist wie jene der Packers oder Vikings, würde ich bezweifeln. Dass die Bears sogar eine höheren Chance auf die Superbowl haben als Eagles, Rams, Saints, Falcons, Vikings oder Packers – würde ich auch bezweifeln.

Die Bears sind dank einiger stabiler Indikatoren wie dem exzellenten Pythagorean, einer nach wie vor gut besetzten Defense und personell im Vergleich zu 2018 nicht schwächerer Offense bestimmt kein Team, das über Nacht auf den Bodensatz der NFL zurückkehrt. Doch die Erwartung lautet Superbowl.

Und dagegen sprechen etliche Indikatoren. Was, wenn Trubisky nicht mehr ständig mit Führung im Rücken spielen kann, sondern hie und da auch auf eigenes Passspiel vertrauen muss um die Kohlen aus dem Feuer zu holen, weil die Defense nicht mehr auf dem Niveau von 2018 spielt und keine 36 Turnovers mehr erzwingt?

Ich würde eher auf 8-8 oder 9-7 tippen denn auf eine weitere 12-4 Saison.

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8 Kommentare zu “Sind die Chicago Bears 2019/20 wirklich ein Superbowl-Contender?

  1. Sorry, der Twitter-link tut offenbar nicht. Brett Favre hatte getwittert, dass er 2020 wieder in der NFL spielen würde. Das hätte Packers oder Vikings einen völlig unberechenbaren X-Faktor beim Playmaking geben können. 😀
    Mittlerweile hat er leider auch gesagt, dass sein Account gehackt wurde. :/

  2. Trubisky ist jetzt auch noch der aktuelle Vegas-Favorit auf NFL-MVP. Ich kann mich noch erinnern, wie die armen Bears in seiner Rookiesaison gewinnen mussten, OBWOHL er im Team war. Gefühlte zwei Dump-pässe pro Spiel. Mehr ging nicht. Ich muss seine rasante Entwicklung völlig übersehen haben… MVP? *am Kopf kratz*

  3. Pingback: NFL 2019 Preview: Wichtige Faktoren zur Trennung zwischen Glück und Können | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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