Status quo und Zukunft von Analytics in der NFL

Der exzellente Ringer NFL Podcast hatte letzte Woche ein Interview mit Josh Hermsmeyer von Five Thirty Eight, der seit Jahren hervorragende Pionierarbeit auf dem Gebiet von NFL-Analytics leistet und einige sehr bemerkenswerte Aussagen zu Analytics gemacht hat: The Present and Future of NFL Analytics.

Ich empfehle, sich das halbstündige Segment anzuhören. Es ist ein Beispiel, in dem ein sehr kompetenter Experte zwei ebenso exzellenten Interviewern (Robert Mays und Kevin Clark) Rede und Antwort steht.

Wer es nicht anhören will (Spoiler: Die Tonqualität Hermsmeyers ist eher dürftig), für den hier die Zusammenfassung einiger der wichtigsten Aussagen.

  • Der heilige Gral von Football-Analytics ist es, den Denkprozess von Quarterbacks zu entschlüsseln. Es ist die mit Abstand wichtigste Position. Passspiel ist das mit Abstand wichtigste Tool, doch man weiß noch viel zu wenig wie Quarterbacks ticken. Diese Denkprozesse besser quantifizieren zu können, würde nicht bloß das College-Scouting auf Vordermann bringen.
  • Simplifizierung von Offense ist gut. Nicht die komplizierteste Offense ist die beste, sondern die einfache. Hoher Einsatz von Play-Action Passing ist besser als niedriger Einsatz. Ein Quarterback wie Aaron Rodgers würde gut daran tun, sich mehr an die Struktur seiner Offense zu halten als er es in Vergangenheit tat – so gut er vor 2015 auch war. Ein QB wie Matt Ryan würde in der landläufigen Meinung zwar „als Talent“ schlechter wegkommen als Rodgers, doch er operiert besser im Sinne seiner Offense und ist daher deutlich effizienter (ich schrieb schon darüber).
  • Early-Down Passing ist eine der wichtigsten und krassesten Ineffizienzen im momentanen Football (ich hatte oft darüber geschrieben). Hermsmeyer schätzt, dass in einigen Jahren 70-75% der Early Downs (1st und 2nd Down) Passspielzüge sein werden.
  • Laufspiel hat nahezu keinen Einfluss auf den Ausgang von Spielen. Das ist keine neue Erkenntnis. Doch Hermsmeyer berichtet bereits von neuen Studien, die er momentan ausführt, und sagt: Situational-Running ist dennoch wichtig und bietet einige wichtige Verbesserungsmöglichkeiten. So ist zum Beispiel in der Redzone Power-Rushing mit Pulling-Guards deutlich effizienter als das momentan so hoch gepriesene Inside/Outside Zone-Running. Trotzdem laufen vor allem an der Goal-Line Teams Zone-Blocking mit einem Verhältnis von 2:1.
  • Hermsmeyer sagt auch: Die überraschendste Erkenntnis, an der er lange Zeit zu knabbern hatte, war, dass Defense sehr viel weniger Einfluss auf den Ausgang von Spielen hat als Offense. Das habe ihn extrem überrascht. Doch mittlerweile schließe er die Stärke der gegnerischen Defense sogar komplett aus, wenn er Spiele prognostiziert (Ergänzung 08h23) nicht unbedingt, weil er glaube, dass Defense wertlos ist, sondern weil er momentan nicht über alle notwendigen Metriken verfüge um anhand der Defense bessere Vorhersagen zu treffen (/Ergänzung; H/T James Wiebe).
  • Interessant auch: Hermsmeyer weiß zwar um die jüngsten Erkenntnisse in der Pass-Rush vs. Coverage Debatte, bricht jedoch eine Lanze für die Manager, die dennoch noch immer Passrusher bevorzugen. Sein Argument: Bei Pass-Rushern weiß man sehr viel besser, was man bekommt, wohingegen Deckungsspieler sehr viel stärker zu Regression zur Mitte tendieren. Fazit: Coverage mag wichtiger sein, aber weil Pass-Rush stabiler ist, bleibt sein Wert trotzdem hoch.
  • Zum 3rd Down und 4th Down Playcalling: Hermsmeyer schätzt, dass sich auf kurz oder lang die rationalen Entscheider durchsetzen werden und verstärkt 4th Downs auch in den frühen Phasen des Spiels ausgespielt werden. Dieses Mindset beeinflusse auch, wie Coaches ein 3rd Down angehen. Ich hatte schon darüber geschrieben: Laufspiel bei 3rd & long wird momentan kaum gecallt (in ca. 10% der Fälle), hat aber eine sehr viel höhere Erfolgsquote als Passspiel (weil Defenses vor allem den Pass verteidigen). Gehen Coaches künftig verstärkt mit dem Mindset ins Spiel, 4th Downs auszuspielen, werden wir auch Änderungen im 3rd-Down Playcalling sehen, was z.B. mehr 3rd-Down & long Running zur Folge haben sollte.
  • Hermsmeyer preist neben den Eagles vor allem die Ravens und Panthers als eine der Franchises an, die momentan am stärksten ihre Analytics-Departments ausbauen. Er gibt zu bedenken, dass sich dieser Aufbau NFL-weit vielleicht noch gar nicht in 2019 auf dem Feld niederschlagen wird, weil es Zeit braucht, bis NFL-Entscheidungsträger ausreichend Vertrauen in die Laptop-Generation haben. Super Analysten sind das eine. Dass ihnen zugehört wird und NFL-Offizielle und Coaches ihre Entscheidungen prozessorientiert („evidence-based“) und nicht ergebnisorientiert treffen, sei aber noch wichtiger um die PS auf den Boden zu bringen. Daher ist Analytics ein langfristiger Prozess.
  • Überhaupt nutzen bereits zahlreiche Teams Analytics in der einen oder anderen Form. Eine revolutionär neue Entwicklung schon 2019 sieht er also nicht kommen.
  • Football werde sich in den nächsten Jahren in Richtung MLB/Baseball entwickeln. Doch dass die Laptop-Generation so starken Einfluss haben wird wie im Baseball, ist derzeit noch nicht abzusehen. Ehemalige Spieler werden zumindest in den nächsten 10 Jahren noch immer Vorrang haben, wenn Posten zu besetzen sind. Junge Analysten, die momentan angestellt werden und Kandidaten für die GM-Posten in 10 Jahren sind, sollten sich dessen bewusst sein. Das macht das Erklären zu einer wichtigen Qualität. Einfach über die Köpfe hinweg alle alten Köpfe als überholt zu bezeichnen, sei kontraproduktiv für die Karriereleiter.

Wichtige Arbeit von Hermsmeyer ist auch auf seiner alten Seite „AirYards.com“ zu finden, wo er die Completion-Rate in Relation zur Schwierigkeit der Passspielzüge setzte.

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Ein Kommentar zu “Status quo und Zukunft von Analytics in der NFL

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