Eine kurze Geschichte des American Football

2019 ist ein Jubiläumsjahr im American Football. Die NFL feiert ihre 100ste Saison, der College Football sogar das 150ste Jahr seines Bestehens. Gelegenheit für mich, Geschichtsunterricht zu leisten.

Auf The Athletic (Paywall) schreiben Michael Weinreb (Season of Saturdays) und Kollegen gerade an einer ausführlichen Geschichte des US-amerikanischen Nationalsports College Football. Die Chance schlechthin, mich in die Geschichte dieses Spiels zu fuchsen und in einem mehrteiligen Eintrag zu publizieren.

In den ersten fünf Jahrzehnten war die Geschichte des American Football gleichzeitig die Geschichte des College Football, der wesentlich älter als die erst kurz vor 1920 gegründete NFL ist. Ich weiß noch nicht, ob ich auch die NFL-Geschichte mit reinpacken werde, aber ich habe die letzten Wochen bereits genutzt um etwas Vorarbeit zu leisten um die Geschichte des College Football aufzubereiten.


Als Geburtsstunde des College Football gilt das Duell Princeton vs. Rutgers im Jahr 1869. American Football im heute bekannten Sinne konnte man das damals noch nicht nennen. Aus der Fußball-Abspaltung der damaligen Debüt-Partie wurde erst im Laufe der nächsten Jahrzehnte das, was wir heute American Football nannten.

Bis ca. in die späten 1960er Jahre war überhaupt keine Frage, dass College Football den professionellen Football (NFL) in den USA dominierte. Doch mit dem „Spiel des Jahrhunderts“ 1958 zwischen den Baltimore Colts und New York Giants begann sich das Blatt zu wenden. Die NFL begann sich clever als TV-Sport zu positionieren, während der verkrustete College Football trotz NCAA-Schirmherrschaft kein zentrales Vermarktungssystem kannte und peu à peu die urbanen Zentren an die NFL verlor.

Nach Aufkommen der AFL 1960 sowie dem Zusammenschluss von AFL und NFL zehn Jahre später und dem Beginn der Super-Bowl Ära begann der Aufstieg des professionellen Football zum US-Sport #1, der schon wenige Jahre später die anderen der großen Ligen – MLB, NBA oder NHL – komplett in den Schatten stellte.

College Football verlor damit in den urbanen Zentren der USA an Bedeutung, blieb aber in vielen Märkten vor allem im US-Süden und in den Rednecks die #1 und ist es in einigen Märkten wohl bis heute. Dank immer stärker werdender TV-Präsenz und dem Aufkommen von ESPN als eine Art „Chef-Vermarkter“ erreichen College-Football Partien aus den großen Conferences heute teilweise bessere Quoten als MLB, NBA oder NHL.


Die Geschichte des College Football ist eng verknüpft mit politischen und sozialen Fragen in den USA – logisch, wenn man bedenkt, dass es sich bei den meisten universitären Institutionen um staatliche Einrichtungen handelt – und ebenso logisch, wenn man sieht, dass sich ein Epizentrum im US-Süden befand, wo bis in die 1960er Jahre hinein ein tödlicher Rassenkonflikt tobte.

Ebenso ist die Geschichte des College Football ein ewiger Kampf um die Bewahrung des Ideals des Amateursportlers, ohne den Footballspielen von Studenten an Universitäten keine Daseinsberechtigung hätte. Das alles erweitert um das Wissen, dass sich mafiöse Strukturen und Bestechungsgelder unter Tischen in einem Big-Business mit hunderten Millionen Umsatz nicht verhindern lassen und dass die, die ihre Gesundheit hinhalten, am schlechtesten entlohnt werden (die Spieler), ergibt eine seit Jahrzehnten angespannte Situation zwischen Befürwortern und Gegner des College Football-Systems.


Die Geschichte des American Football ist auch unzertrennlich mit der Geschichte des Vorwärtspasses, der den Sport um die Jahrhundertwende zum 20ten Jahrhundert vor dem Untergang bewahrte und schließlich nach Jahrzehnten unter dem Stigma des „Trick-Plays in den letzten rund 40 Jahren zunehmend das einst so dominierende Laufspiel zur Randnotiz verdrängt hat.

Die graduelle Verbesserung des Passspiels im American Football kann man auch als Verschiebung des Sports von einem militärischen, überwiegend physischen Muskelkampf hin zu einem Schach-ähnlichen Denksport für geistige Entwicklung beschreiben – mens sana in corpore sano, ein gesunder Geist in einem gesunden Körper als oberste Prämisse des Spiels.

Doch nicht nur der Weg zu dieser Erkenntnis brauchte lange. College Football war schon immer eine Auseinandersetzung von konservativen und progressiven Kräften – nirgendwo besser ersichtlich an der Meisterschaftsentscheidung. Man möchte meinen, das Küren eines Titelträgers sei oberstes Ziel eines sportlichen Wettkampfs, doch College Football widerstrebte sich diesem Prinzip Jahrzehnte, vielleicht mehr als ein Jahrhundert.

Erst über zahlreiche Umwege wurde über Abstimmungen, Bowls und vereinzelte Finalspiele vor einigen Jahren der ultimative Weg zum sportlichen Ausspielen eines Landesmeisters gefunden: Das Playoff-System. Doch wie in der Globalisierung bewirkt auch dieses System am Ende vor allem das eine: Bei allem Fortschritt konzentriert sich die Musik immer stärker auf eine kleine Elite, die dem Rest immer stärker entfleucht.


In den nächsten Wochen werde ich diese kurze Geschichte unseres Lieblingssports vertiefen.

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