Welchen Einfluss haben Verletzungen in der NFL und wie wirken sie sich auf die Performance aus?

Update 17h40 nach mehrfachem Hinweis: Die Durchschnittswerte an Verletzungen pro Jahr waren auf der y-Achse verschoben. Ich habe sie nun korrigiert. H/T mehrere Twitter-User. /Update Ende


Seit der Saison 2007 veröffentlicht Football Outsiders jedes Jahr seine „Adjusted Games Lost“ Aufstellung – eine Schätzung, wie viele „Starts“ jede Mannschaft pro Saison durch Verletzungen verloren hat. Dabei stützt sich die Bewertung auf der Veröffentlichung der Injury-Reports der einzelnen Mannschaften und versucht zu gewichten ob es sich beim Ausfall um einen Stammspieler oder Rotationsspieler handelt.

Die Methode ist natürlich nicht perfekt, doch sie gibt eine ganz brauchbare Schätzung der verlorenen Starts durch Verletzungen ab. Schauen wir uns einmal an, wie diese Verletzungen sich auf die Performance der einzelnen Mannschaften auswirkt, und wie stabil sie über die Zeit ist.

Ich habe die kommunizierten Adjusted Games Lost für den kompletten Mannschaftskader in einer Übersicht zusammengefasst:

Adjusted Games Lost Aufstellung 2007-2018 - Quelle: Football Outsiders

Adjusted Games Lost Aufstellung 2007-2018 – Quelle: Football Outsiders

Die erste Auffälligkeit: Über die Zeit nahm die Anzahl der verpassten Starts zu:

Adjusted Games Lost 2007-2018

Adjusted Games Lost 2007-2018

Das gesündeste Team in den letzten 12 Spielzeiten waren die Tennessee Titans (43 verpasste Starts pro Saison), das verletzungsanfälligste die Indianapolis Colts (89 verpasste Starts pro Saison).

Das Team, das im Betrachtungszeitraum am meisten von Verletzungspech verschont blieb, waren die Kansas City Chiefs von 2010, die nur 10 Starts verpassten. Wir erinnern uns an jene Chiefs als eines der glücklichsten Teams der letzten 15 Jahre: Easy Schedule, Matt-Cassell-27-TD-vs-7-INT Jahr und keine Verletzungen führten in die Playoffs und ließen Todd Haley für kurze Zeit wie ein Coaching-Genie aussehen.

Die nächsten in der Reihe waren schon die Cutler-Bears von 2010, die auf ihrer Glückswelle bis ins NFC-Finale ritten, wo just der in einer Jacke schmorende Cutler zum Gespött der NFL wurde.

Die Bears stellen aber auch das verletzungsgeplagteste Team von allen: Ihre Version 2016 verpasste sagenhafte 155 Starts. Es war die Saison, die zu 3-13 und zum Top-3 Draftpick führte, den man später in QB Trubisky investierte.

Wie stabil sind Verletzungen über die Zeit?

Korrelieren wir die Verletzungsausfälle pro Mannschaft mit den Verletzungsausfällen aus dem Folgejahr, so sehen wir eine Korrelation von R = 0.35 mit einem Bestimmtheitsmaß R^2 = 0.12.

Das heißt: 12% der Verletzungsbilanz einer Mannschaft kann mit der Verletzungsbilanz der Mannschaft aus der letzten Saison erklärt werden.

Damit ist die Verletzungsbilanz einer Mannschaft zumindest nicht völlig dem Zufall zuzuschreiben. Ehrlich gesagt hatte ich angesichts des doch recht hohen Roster-Turnovers einer Mannschaft, der verschiedenen Medizin-Staffs und der generell als sehr unstabil geltenden Verletzungsentwicklung (v.a. auch der oft sehr zufälligen Verletzungszeitpunkte) mit einer niedrigeren Korrelation gerechnet.

Beziehung Verletzungen und Performance

Die Korrelation von Verletzungen zu Siegen ist eine relativ schwache: R = -0.28 mit einem Bestimmtheitsmaß von R^2 = 0.08. Es erscheint logisch, dass zwischen Verletzungen und Siegen eine negative Korrelation besteht: Mehr Verletzungen bedeutet weniger Siege.

Doch die Beziehung erscheint mir erstaunlich niedrig: Nur 8% einer Sieg-Bilanz lässt sich im Rückspiegel allein mit dem Wissen um die Verletzungsbilanz erklären. Ich gebe zu: Ich hatte mehr erwartet.

Siege gelten jedoch als relativ „fluky“. Doch auch wenn wir uns die Korrelation von Verletzungen zur Punktdifferenz anschauen, wird es nicht viel besser: R = -0.29 (R^2 = 0.09).

Vorhersagekraft von Verletzungen auf Performance

Wie sieht es aus, wenn wir Verletzungen der aktuellen Saison als Predictor für künftige Performance verwenden? Können wir sagen, dass eine besonders hohe Verletzungsrate in Jahr 1 dank Regression zur Mitte auf eine bessere Siegbilanz im nächsten Jahr hoffen?

Die Antwort ist einfach: Nein. Man kann genauso gut würfeln, wenn man aus der Verletztenliste Schlüsse auf künftige Performance ziehen will.

Korrelation von Verletzungen zur Siegbilanz im nächsten Jahr ist -0.11 bei einem Bestimmtheitsmaß von R^2 = 0.01. Dieselben Ergebnisse liefert die Beziehung von Verletzungen zu künftigen Punktverhältnissen.

Fazit

Verletzungen, betrachtet auf den ganzen Kader, sind weder besonders stabil noch haben sie besonders hohen Einfluss auf Siegbilanzen und Punktverhältnisse von einzelnen Mannschaften, und sie sind völlig überflüssig um auf künftige Resultate Schlüsse zu ziehen.

Tendenziell ist es natürlich besser, von Verletzungen verschont zu bleiben. Tendenziell tendieren stärker verletzte Teams dazu, auch in Zukunft etwas mehr Starts zu verpassen.

Doch wichtig zu erwähnen hier ist: Es handelt sich bei dieser Verletztenliste um eine Summe des gesamten Kaders. Vielleicht liefert die Aufsplittung auf Offense/Defense beziehungsweise sogar auf die einzelnen Positionen konkretere Resultate.

5 Kommentare zu “Welchen Einfluss haben Verletzungen in der NFL und wie wirken sie sich auf die Performance aus?

  1. Somit lag der Absturz der Jaguars nicht an Blake Bortles, sondern an dieser Statistik 🙂

  2. Ja, das Thema ist spannend. Aber zeigt nur noch einmal mehr wie fluky die Jags 2007 waren.

    Ein paar Bemerkungen:

    1) 12% Anteil an der Performance klingt für mich als Nicht-Statistiker nach gar nicht so wenig.

    2) Es wäre sicher interessant zu erfahren, warum die Anzahl der Injurys trotz besserer Sicherheitsmaßnahmen so nach oben schnellt.

    3) Chip Kelly hatte keinen Einfluss auf die NFL? Man schaue sich die Philly Verletzungen vor und nach 2013 an…

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