Geschichtsstunde, Teil 2: Die wahre Wiege des American Football

Der 6. November 1869 wird häufig als offizielles Geburtsdatum des American Football genannt. Es war der Tag, an dem die beiden Universitätsmannschaften von Princeton und Rutgers zum ersten Mal gegeneinander spielten. Rutgers gewann 6-4. Doch wurde an diesem Tag wirklich Football gespielt – und wenn ja: War es wirklich das erste Footballspiel?

Die Antwort ist nicht ganz klar.

Fest steht: Es wurde an jenem vor allem mit dem Fuß gespielt. Die Regeln, die Princeton und Rutgers an jenem Tag anwandten, waren grob aus dem 1862 formulierten Regelbuch der London Football Association (gleichzeitig dem Vorläufer des Fußball-Regelwerks) abgeleitet. So war noch kein Balltragen erlaubt – nur Kicken und Kopfball. Das Ei war noch ein Ball. Wer darin Ähnlichkeit zum Fußball sieht: Nur zu!

Das erste Footballspiel erinnerte also trotz 25-köpfiger Mannschaften mehr an ein Fußballspiel denn an den heutigen Football. Der wahre Meilenstein, den diese Partie setzte: Sie fand unter kontrollierten Bedingungen statt. Prügelei um einen Ball waren damit passé.

Denn genau das, unkontrollierte Prügeleien um einen Ball, war zuvor Jahrzehnte das „Footballspiel“ der Amerikaner gewesen. Die Bloody Mondays zu jedem Semesterbeginn, zu dem sich Freshmen und Sophomores die Köpfe einschlugen, waren des Amerikaners größte Freude gewesen – solch archaische Kämpfe, dass ihre Auswüchse aus moralischen Gründen verboten werden mussten.

Princeton vs. Rutgers 1869 war eines der ersten Spiele unter kontrollierten Bedingungen. Vor allem war es die Partie, die als erste wirklich große Begeisterung auslöste und über die Grenzen eines einzelnen Campus hinaus bekannt wurde.

Das weckte das Interesse auch an anderen großen Ivy-League Universitäten wie Columbia, Yale oder Harvard. Sie alle wollten plötzlich mitmischen und sollten fortan für die nächsten Jahre die Entwicklung dieser neuen Sportart entscheidend prägen.

Die eigensinnige Harvard University spielte dabei schnell eine Schlüsselrolle. Sie entzog sich eines Zusammenschlusses mit anderen Unis um ein erstes gemeinsames Regelwerk zu formulieren und entwickelte ihre eigene Version vom Football, die Laufen und Tackeln erlaubte.

Harvard hatte nur ein Problem: Keine andere regionale Mannschaft wollte mit diesen Regeln spielen. Sie fand im US-Nordosten also keinen Gegner. Konkurrenzlos zu sein ist nur gut, wenn es überhaupt Konkurrenz gibt.

Harvard vs. McGill

Und so war Harvard im Frühjahr 1874 verzweifelt genug um ein Angebot der kanadischen McGill University (bei Montreal) zu akzeptieren, die ein Hin- und Rückspiel anboten, mit abwechselnden Regeln:

  1. Hinspiel mit Harvard-Regeln: 15 Mann pro Team, runder Ball, English-Soccer als Grundlage
  2. Rückspiel mit McGill-Regeln: Nur 13 Mann, eierförmiger Ball, Rugby als Grundlage

McGill spielte Canadian-Rugby, und spielte mit Ei anstatt mit Ball. Das stürmische McGill dominierte die Hinspielpartie. Doch weil Harvards Regeln kein Balltragen ohne einen nachrennenden Mob an Verteidigern erlaubte, wurde McGill immer wieder zurückgepfiffen und verlor 0-3.

Am nächsten Tag folgte die Revanche mit kanadischen Regeln. Die Partie endete punktelos 0-0, doch alle Beobachter waren sich einig: Dieses Rückspiel bot mehr Action – es war das bessere Spiel! Die Eintrittsgelder für das Spektakel investierte man hernach in eine gepflegte Sauferei um die wahre Geburtsstunde des American Football zu feiern.

Das Harvard-vs-McGill Spiel von 1874 gilt unter Historikern heute als Moment, in dem sich der American Football vom Fußball löste und die „Rugby-Richtung“ einschlug. Harvard war so überzeugt von der Rugby-Richtung, dass es fast umgehend Kompromiss-Regeln mit dem rivalisierten Yale ausarbeitete und unter den so genannten „Concessionary-Rules“ 1875 das erste Duell mit Yale ausspielte.

Jene Concessionary-Rules kannten bereits Touchdowns, die dem Try (Versuch) im Rugby ähnelten, jedoch noch keine Punkte zählten. Die ersten Touchdowns waren nur Vorbereitung für den Extrapunkt. Doch dem Publikum war das egal. Es war begeistert über seine „amerikanische“ Ur-Variante des Spiels.

Das Duell der beiden vorherrschenden Elite-Unis Harvard vs. Yale sah schließlich schon ein Jahr später, 1876, den ersten Auftritt des „Vaters vom American Football“: Walter Camp. Der sollte die nächsten Jahrzehnte des American Football entscheidend prägen.

3 Kommentare zu “Geschichtsstunde, Teil 2: Die wahre Wiege des American Football

  1. ja im Vergleich am Anfang des Sports ist ja Football heute fast zart und sanft,wenn man bedenkt wie viel tote es am Anfang gab.

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