Footballgeschichte, Teil 3: American Football nimmt Gestalt an

Walter Camp – Der Name war im letzten Teil der College Football Geschichtsstunde bereits gefallen, doch er sollte die Jahre nach der Gründerzeit im American Football entscheidend prägen. Die Rede ist von Walter Camp, in den 1870er Jahren Kapitän der Footballer von Yale.

Walter Camp

Walter Camp

Camp gilt aufgrund seines Einflusses auf die Regelhüter Ende des 19ten Jahrhunderts in weiten Kreisen heute als „Vater des American Football“. Man muss sich das vorstellen: Selbst nachdem sich um 1875 Yale, Princeton, Harvard und Co. In den „Concessionary Rules“ grob drauf geeinigt hatten, wie das Spiel aussehen sollte, so gab es noch immer Rahmenbedingungen, die wenig mit dem zu tun hatten, was wir heute als Football kennen.

Es spielten 15 Mann pro Team. Punkte wurden nicht nach Touchdowns, sondern nur nach Kicks vergeben (deshalb gab es Ergebnisse wie 1-0, 4-0 oder 11-4). Downs oder Line of Scrimmage waren noch unbekannt.

Doch Camp sah in der jungen Sportart Football die Chance, etwas „typisch Amerikanisches“ zu schaffen – ein Spiel, in dem nicht allein Barberei vorherrschte. Gewonnen werden sollte durch eine Kombination aus physischem Spiel und strategischen Entscheidungen. Camp sah im Football die Chance, Körper und Geist in jungen Männern zu stärken. In seinem Buch „Football“ von 1896 schrieb Camp vielsagend:

„… Football games are not won or lost by luck except in very rare instances. What appears to be luck is inevitably some of the moral qualities here enumerated, which, carefully nurtured by one coach, and perhaps unappreciated by the opponents, proves to be a turning-point in the contest.”

Camp traf damit genau den Geist seiner Zeit – eine Zeit, in der man von jungen Männern erwartete, dass sie im Zweifel auch mal die Fäuste sprechen lassen, doch auch eine Zeit, in der sich Amerika voll in der Industrialisierung befand und auch geistige Höchstleistungen von seinen jungen Leistungsträgern verlangte. Im Football sah Camp die ideale Vorbereitung für die Studenten auf das spätere Leben um die Anforderungen an Körper und Geist zu vereinen.

Neue Paragraphen, neue Sportart

Mit vielen von Camp vorgeschlagenen, schließlich umgesetzten Regeländerungen, veränderte sich das Spiel ab den 1880er Jahren innerhalb kurzer Zeit annähernd zu dem Spiel, das wir heute kennen:

  • Nur noch 11 Mann pro Team am Feld
  • Einführung der Line of Scrimmage als Start jedes Spielzugs, und darauf folgend die Unterteilung des Spiels in Spielzüge („Downs“ / „Fairs“)
  • Einführung des Snaps vom Center zum dahinter befindlichen Spieler (der alsbald als „Quarter-Back“ bekannt wurde)
  • Einführung der „Seven-Man Line“ an der Anspiellinie mit einem Backfield bestehend aus den restlichen 4 Mann (Quarterback, 2x Halfback, 1x Fullback)
  • Änderungen am Punktesystem, inklusive Einführung des Safetys als Defense-Score (was sich stark vom Rugby unterschied)

In der Football-Urzeit war der Ball noch durch „Scrums“ ähnlich wie im Rugby ins Spiel gebracht worden. Doch Camp verabscheute dieses „Einrollen“ des eierförmigen Balls ins Spiel. Zu viel Zufall sei dabei im Spiel. Camp wollte Strategie über den Zufall priorisieren und schlug vor, den Ball in der Spieleröffnung eindeutig einem Team zuzusprechen.

So entstand aus dem „Scrum“ die Line of Scrimmage mit dem Snap des Balles. Ab sofort war zum Zeitpunkt des Snaps bereits bekannt, wer Ballrecht im folgenden Spielzug hatte. Doch das führte dazu, dass die Spiele öde wurden, denn ohne Angst vor Ballverlust spielten einzelne Mannschaften ganz einfach die Uhr runter, brachten den Ball ins Spiel und liefen ohne Raumgewinn die Spieluhr runter.

Als Reaktion auf diese elendige Zeitschinderei wurden die Downs begrenzt: Ein Team hatte ab sofort nur drei Spielzüge um die Distanz von 5 Yards zurückzulegen – im Fall des Misserfolgs musste es das Ballrecht abgeben.

Mit solchen Änderungen schaffte es Camp, Football weg von den archaischen „Bloody Monday“ Prügeleien vergangener Zeit zu entwickeln, hin zu einem strategisch fordernden Spiel, in dem der Zufall so weit wie möglich ausgeschaltet werden konnte. Der Fokus war nicht mehr auf Spaß, sondern auf Training und harte Arbeit gelegt. Der Football sollte den Besseren belohnen, und der Bessere konnte am besten dann ermittelt werden, wenn das Regelwerk die Optionen und damit den Zufall einschränkte. Denn Football sollte die Mannhaftigkeit stählen, nicht den Sieger auswürfeln.

Exkurs: Die Punkteverteilung im American Football

Kurzer Exkurs: Es war mitnichten so, dass im Football schon immer Touchdowns 6 Punkte zählten, Kicks drei und der Extrapunkt einen. Nachfolgend eine Tabelle, die veranschaulicht, wie sich die Scoring-Verteilung im American Football über die Jahrzehnte entwickelte – wobei man besonderen Fokus auf die Zeit zwischen 1880 und 1905 legen sollte – die Zeit, in Walter Camp so gut wie alle wesentlichen Richtlinien diktierte:

Punkte-Entwicklung im American Football

Punkte-Entwicklung im American Football

Eine ganz nette Anekdote gibt es auch zum Safety, der schon sehr früh in der Footballzeit – schon vor Walter Camp – eingeführt wurde. Seine ursprüngliche Intention war es, den letzten Angreifer zu beschützen: Er konnte, um nicht angegriffen zu werden, wie bei einem Touchdown den Ball in der eigenen Endzone ablegen um den Spielzug zu beenden und „sicher“ zu sein vor Angriffen der Defense (die Spieler waren längst nicht so gut gekleidet oder ausgerüstet wie heute). Die Offense konnte nach dem Safety den Ball wegpunten ohne dass sie weiteren Schaden erlitt.

Als die Safety-Regel mehr und mehr ausgenutzt wurde um den Ball sicher wegtreten zu können, begann man ab 1883, die Offense für einen Safety mit Gegenpunkten zu bestrafen.

Footballs drohender Untergang

Doch so sehr Walter Camps Umformung der einstigen Fußball/Rubgy-Abspaltung zum echten „American Football“ in den letzten Jahrzehnten des 19ten Jahrhunderts fruchtete und das Spiel nicht nur markanter, sondern vor allem auch immer beliebter im ganzen Land machte (der Sprung raus aus der Ivy-League Zone im US-Nordosten wurde schon früh geschafft – Football war schon in den 1880er im Süden und im Mid-West ein Renner, der Stadien füllte), so gefährlich machte sie das Spiel für die Akteure am Feld.

Hauptverantwortlich dafür war eine Offensiv-Innovation, die als „Flying Wedge“ bekannt wurde: Eine eigentlich simple Angriffsformation, in der sieben Vorblocker ähnlich wie Zugvögel einen V-förmigen „Keil“ bildeten um das Vorwärts-Moment zu nutzen und Löcher in die Defenses zu reißen.

In Kombination mit der Legalisierung des Tacklings unterhalb des Bauchs führte das zu tödlichen mass momentum plays – Spielzüge, in denen die anrennende Offense mit voller Wucht auf die abblockende Defense traf und sich in sinnlosen Grabenkämpfen, die kaum Raumgewinn brachten, aufrieb – das Rückfall des Football in die Steinzeit. Immer wieder gab es Tote am Feld.

Die Gegenbewegungen

Und so fragten sich immer mehr Leute im liberalen Amerika der Jahrhundertwende: Warum müssen Menschen am Footballfeld sterben? Vordenker wie Harvards Universitätspräsident Charles Eliot forderten eine Abschaffung des sinnlosen Gemetzels am Footballfeld und eine Rückbesinnung auf die traditionellen Werte von Universitäten: Der Lehre.

Das kam in Walters Camp gar nicht gut an, und so war diese Auseinandersetzung der beiden Elite-Universitäten des Nordostens auch prägend für einen generellen Konflikt des College Footballs: Zwischen denjenigen, die glaubten, dass er sinnloses Gemetzel und Ausnutzung von unbezahlten Studenten sei, und denjenigen, die glaubten, dass Football die Jugend abhärtete und daher notwendig sei – man müsse ihn nur zähmen.

Die Nerds um Eliot hatten es zwar anfangs schwer, gehört zu werden – auch an Eliots Harvard University, die ihr Footballprogramm nur zwischendurch für ein Jahr aus Eis legte, ehe sie merkte, dass ihr dadurch lukrative Einnahmequellen abhanden gingen.

Doch auf der anderen Seite war das Amerika der Jahrhundertwende längst nicht mehr das Amerika der 1870er Jahre, und weil Football sich aus der Nische heraus hin zu einem landesweit von vielen Journalisten beobachteten Spiel entwickelte hatte, war man nicht bloß immer entsetzter über die vielen Toten: Es wurde auch immer häufiger darüber berichtet. Football hatte sich in die Sackgasse entwickelt: Es war Ende des 19ten Jahrhunderts langweilig und gefährlich.

Der Wurf nach vorn

Just in diesen existenzgefährdenden Mix hinein passierte 1895 im tiefen Süden ein Ereignis, das von einer weiteren künftig prägenden Figur des Sports rein zufällig beobachtet wurde: Der erste dokumentierte erfolgreiche Vorwärtspass der Footballgeschichte. Er war ein Zufallsprodukt, mehr Roller als Wurf – eigentlich in den Regeln gar nicht vorgesehen und schon gar nicht erlaubt, doch versehentlich von den Schiedsrichtern nicht geahndet.

Dieser Fehler war entscheidend für den Sieg von Georgia Tech über Georgia. Doch das war weniger entscheidend als der Fakt, dass ein besonderer Mann das Spiel im Stadion beobachtete und Notiz nahm vom Vorwärtspass: John Heisman, Coach der Auburn University (die damals noch den Namen Agricultural Institute of Alabama trug). Heisman war später Namensgeber der Heisman-Trophy für den besten ehrenwerten College-Spieler der Saison.

Einflussreich war er schon damals. Heisman verstand sofort, dass es sich beim Vorwärtspass um einen potenziellen Ausweg aus der Misere der immergleichen Kollisionen von Offense und Defense handeln konnte. Er begann fleißig Lobbyarbeit für die Zulassung des Vorwärtspasses zu leisten um das Spiel zu öffnen.

Doch sein Geschrei wurde zwar gehört, doch im gleichen Moment auch als selbiges abgetan. Das Camp der dominierenden Elite-Unis aus der Ivy-League, das damals den Sport beherrschte – man könnte es spöttisch das „Walter-Camp“ nennen – blockte alle Bestrebungen in Richtung Implementierung von Vorwärtspass. Für Camp war der Pass zu wenig strategisch, zu sehr vom Zufall dominiert. Camp wollte Strategen siegen sehen, keine Glückskinder.

Und so sollte es nach 1895 noch ein Jahrzehnt lang dauern, bis der Vorwärtspass erlaubt wurde, und noch einmal fast so lange, bis er sich endlich Gehör verschaffte. Es gibt viele Argumente, die behaupten, dass der Vorwärtspass den American Football nicht nur für immer veränderte, sondern letztlich auch vor seinem Untergang bewahrte.

Walter Camp und die alten Eliten überzeugte das nicht. Sie blieben zeitlebens skeptisch dieser hypermodernen Innovation gegenüber eingestellt – die Footballeliten waren schon immer veränderungsresistent! Walter Camp blieb bis zu seinem Tod 1925 im Footballgeschäft – doch dann war der Vorwärtspass längst etabliert, und seine Meinung bedeutungslos.

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6 Kommentare zu “Footballgeschichte, Teil 3: American Football nimmt Gestalt an

  1. Ist dir eigentlich klar, dass es an seelische Grausamkeit grenzt, eine so spannende Story in einem quälenden Mehrteiler zu bringen? 😉

  2. Ja, super! Man weiß zwar, dass es auch vor 1920 etwas gegeben hat, aber dass man das nicht nur im Detail erfährt, sondern so toll aufbereitet geliefert bekommt, ist bockstark.

    Großer Dank dafür. Ich kann nun die Namen Heisman und Walter Camp besser einordnen, nachdem ich bislang nur wusste, dass es sich um Gestalten aus der grauen Football Vorzeit gehandelt hat.

  3. großartig, wie man es seit einem Jahrzehnt gewohnt ist! DANKE Korsakoff! deine Konstanz über die Jahre ist unglaublich

  4. absolut eine spitzen Seite für Football,ich lese hier täglich,freue mich schon auf die neue season.

  5. Pingback: Geschichtsstunde, Teil 6: Auswüchse der Popularität und der gordische Knoten des College Football | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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