Neugeburt des American Football: Die Legalisierung des Vorwärtspasses

Vierter Teil der großen Geschichtestunde des American / College Football. In Teil 1 haben wir die Verwandtschaft des Football kennengelernt. In Teil 2 haben wir gelesen, warum das von vielen übersehene Duell Harvard vs. McGill mutmaßlich die wahre Geburtsstunde des American Football war. In Teil 3 haben wir den Blick auf den Vater des Football, Walter Camp, gerichtet, gelernt, wie der Football zu krabbeln begann, aber dann auf entsetzt miterlebt, wie der Football an ausufernder Brutalität fast zugrunde gegangen wäre.

Und so war der Zwischenstand nach etwa 25-30 Jahren Footballgeschichte war Ende des 19ten Jahrhunderts trotz vielversprechendem Zuschauerzuspruch kein allzu rosiger, denn der Football hatte sich mit seiner „Flying-Wedge“ in eine derart gefährliche Unternehmung verwandelt, dass bei zahlreichen Todesopfern erste landesweite Medien die Einstellung dieser Barberei forderten.

Sportlich wurde der College Football geprägt durch die Dominanz eines Quartetts an Elite-Unis aus der Ivy-League (Princeton, Yale, Harvard und Penn), die auch die größte Lobby besaßen und sich damit konsequent wie erfolgreich gegen jeden Innovationsversuch wehrten.

Vorwärtspass? Steht nicht in der Bibel, deshalb un-amerikanisch und überhaupt Werk des Teufels!

Doch Football in der bestehenden Form war nicht mehr zu retten.

Die Legalisierung des Vorwärtspasses

Im Jahr 1905 schaltete sich schließlich auch der damalige US-Präsident Theodore Roosevelt ein übte Druck auf die College-Football Regelhüter aus, die größte Reform der Footballgeschichte umzusetzen: Die Zulassung des Vorwärtspasses gegen alle Widerstände aus der Ivy-League, in der Hoffnung, dass die überbordende Gewalt vor allem in der überbevölkerten Spielfeldmitte damit etwas entzerrt werden würde.

Darüber hinaus wurden weitere Neuerungen wie eine Neutral-Zone an der Anspiellinie und die Erweiterung des First Downs auf 1st & 10 eingeführt.

Doch Vorsicht: Man sollte sich auf die erste Version des Vorwärtspasses nicht zu viel einbilden. Walter Camp hatte im Jahr 1905 zwar nicht mehr die alleinige Weisungsbefugnis für die Regelhüter, aber sein Wort hatte nach wie vor Gewicht. Er sah im Vorwärtspass etwas Riskantes, ja Hypermodernes. Er fühlte sich wie ein Cheat-Code an, mit dem man eine Offense die Hindernisse auf billige Weise umgehen konnte, mit dem Individualisten sich über ein Team erheben konnten. Camps Footballidee, ja Lebenseinstellung, und der Vorwärtspass standen sich diametral gegenüber.

Camp war damit einer der Vorreiter des Glaubens, dass beim Vorwärtspass drei Dinge passieren können (Completion, Incompletion und Interception), und zwei davon sind schlecht (eben Incompletion und Interception). Und weil er zwar kein Regeldiktator mehr war, der einer Instanz wie dem US-Präsidenten Widerworte entgegensetzen konnte, aber noch nicht völlig bedeutungslos war, ließ Camp zahlreiche Restriktionen in die Legalisierung des Vorwärtspasses von 1905 schreiben:

  • Der Ball durfte nur 5 Yards hinter der Anspiellinie geworfen werden und musste bis maximal 5 Yards jenseits der Line of Scrimmage geworfen werden, andernfalls war der Passversuch strafbar
  • Pässe, die unberührt zu Boden fielen, wurden mit Turnover bestraft.

Doch wie sah es in der Praxis aus?

In der Praxis bedeutete das, dass der Vorwärtspass zunächst nur „theoretisch“ existierte. Auf dem Feld wurde er anfangs nur von Freakmannschaften eingesetzt.

Eine Schwalbe allein macht noch keinen Frühling. Und so macht ein Regelparagraphen allein noch keine Wunderwaffe. Vielmehr: Im Jahr 1905 wusste noch kein Mensch, wie man einen Football überhaupt wirft. Der Ball war in den ersten Jahren des Sports nur deshalb von völlig rund zu leicht oval umgeformt worden, weil er sich damit besser kicken und unter den Achseln tragen ließ. Er war längst nicht so stark geformt wie wir es heute kennen.

Die ersten Versuche, den Ball zu werfen, ähnelten der Rückpasstechnik der Rugby-Spieler. Man kann sich vorstellen, dass das halbrunde Ei damit nur schwerlich über 10 Yards (von -5 auf +5) präzise zu bewegen war.

Die heute bekannte „Over-the-Shoulder“ Wurftechnik wurde eher zufällig entdeckt – doch diejenigen, die erkannten, dass man das Ei weit und präzise werfen konnte, wenn es sich rotierend durch die Luft fräst, blieben zunächst die Ausnahme.

Innovation in der Wurftechnik

Die Geschichte wird heute so erzählt – und sie ist typisch für so viele Innovationen: Eddie Cochems, Coach der Saint Louis University, spielte aufgrund der physischen Unterlegenheit seiner Mannschaft schon seit Längerem mit dem Gedanken, Passspiel einzubauen, doch das hohe Risiko eines Turnovers und fehlende Technik schreckten ihn ab.

Im Sommertrainingslager seines Jesuitencolleges Saint Louis entdeckte einer seiner Spieler aus purem Zufall die richtige Wurftechnik, als sie Punts und Kick trainierten. Der Kicker (Bradburry Robinson) schoss den Ball das Feld hinunter, der Trainingspartner (Howard P. Savage) sollte ihn zurückschießen. Doch Savage warf den Ball mit über die Schulter rotierender Wurfbewegung – und er konnte den in der Luft rotierenden Ball („spiral“) damit fast so weit zurück zum Kicker werfen wie jener ihn gekickt hatte. Es war eine Sensation!

Cochems roch Lunte und ließ den Passspielzug mit Verve trainieren. Er begann als mutmaßlich erster Coach der Footballgeschichte, die Intentionen seines Spielzugs zu verschleiern, indem er die Line so umbaute, dass sein Quarterback nach Annahme des Snaps zwischen den Möglichkeiten Punt, Kick, Ballübergabe und eben Wurf entscheiden konnte. Cochems brachte den Pass in der Regular Season und sein Außenseitercollege beendete die Saison mit 11-0 Record, sowie 407-11 Punkten.

Vor allem der sensationelle Upset über Iowa brachte ihm landesweite Bekanntheit und einige hymnische Beschreibungen in größeren Zeitungen ein. Cochems sah wie erfolgreich der Pass war und sprach darüber:

The story in a nutshell is this. The ball is too large and too light. Some of the best teams in the country find it impossible to use the pass owing to lack of players who can make it. … Since it is impossible to grow larger hands and it is possible to make the ball conform to human dimensions, why not make the ball fit the needed conditions? … With a ball such as I have proposed, longer, narrower, and a bit heavier, so that it would carry in the face of a strong wind, I firmly believe that the game of rugby would develop into one of the most beautiful and versatile sports the world ever saw.

Er folgerte, dass dies auch andere erkennen würden, und ließ fleißig Pass-Defense trainieren. Auch ließ er windschnittigere Bälle designen, die sich effizienter durch die Luft bewegen sollten.

Alles umsonst.

Jede Minute Coaching der Pass-Defense war zunächst umsonst und seine Bälle blieben Ladenhüter. Die Elite kratzte der Pass nicht. Sie verwehrten sich der Höhenflüge. Sie blieben beim ur-amerikanischen“ Ground & Pound. Cochems kehrte verwirrt und am Ende resigniert 1912 dem Football den Rücken.

Doch der Vorwärtspass war damit nicht begraben. Neue Köpfe sollten in Kürze verstehen, wie man den Pass besser nutzen konnte: Ausgerechnet die kleine private Katholiken-Uni Notre Dame, von den Eliten als „Slum College“ verspottet, sollte auf ihm gründend ein Footballimperium aufbauen. Cochems sah das alles nur noch von außen. Er war dann schon frustriert in die Politik gewechselt. Es war lange vergessen und dann lange umstritten, doch für die meisten Footballhistoriker ist sein Erbe dennoch gigantisch. Schließlich gilt er als „Vater des Vorwärtspasses“.

7 Kommentare zu “Neugeburt des American Football: Die Legalisierung des Vorwärtspasses

  1. Nicht mehr häufig, wenn ich Football-Artikel lese, denke ich mir danach „Super, da habe ich jetzt echt was neues gelernt“ – bei dieser Serie war das aber zahlreich der Fall!
    Vielen Dank, mal wieder! 🙂

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