NFL General Manager unter der Lupe – Teil 1

Es kam mir wie ein interessantes Experiment vor, für einmal einen Blick nicht auf Spieler und Trainer zu werfen, sondern auf deren Vorgesetzte: Die General Manager (GM) in der NFL. Welche sind die besten, welche kann man vergessen?

Dabei fiel schnell auf: Es ist gar nicht so einfach, GMs sinnvoll zu bewerten und zu ranken, denn es fließen viele Faktoren in ihre Arbeit mit ein, bei denen wir nicht mit Sicherheit sagen können, ob es sich dabei um eine Qualität handelt, oder vorwiegend um Glück oder Pech. Hier ein paar Beispiele:

  • Gut zu draften ist eines. Aber es wurde zig-fach nachgewiesen, dass der Draft zu viel Lotterie ist um ernsthaft davon auszugehen, dass einzelne Leute wesentlich besser draften als andere. Im Prinzip ist die beste Draft-Herangehensweise, möglichst viel Draft-Kapital anzusammeln und möglichst viele gute Chancen auf Picks zu bekommen. Dabei ist der Down-Trade ein probates Mittel.
  • Cap-Management: Gute Allokation von Salary-Cap ist eine wichtige Qualität von GM. GMs, die für unwichtige Positionen viel Geld ausgeben (oder hohe Draftpicks investieren), sind mit großem Argwohn zu betrachten. Vor allem Positionen wie Quarterback, Wide Receiver, Cornerbacks und mit Abstrichen Pass-Rusher und Offensive Tackles sind die Positionen, die für die wichtigste Qualität im NFL-Football sorgen: Passspiel.
  • Trainer-Auswahl: Die Historie zeigt, dass GMs für gewöhnlich nicht mehr als einen, in Ausnahemfällen zwei, Coaches anstellen – scheitern diese, fliegt das ganze Front-Office für gewöhnlich mit. Doch wie oft sind hoch gehypte Coaching-Prospects ohne Vorwarnung tief gefallen (Chip Kelly, Josh McDaniels, ) – und wie oft haben völlig unbekannte Prospects die Liga im Sturm genommen (Sean McVay, Doug Pederson, Mike Tomlin)?

Zu behaupten, dass das Schicksal eines GMs vordergründig daran hängt ob ihm ein Franchise-QB in die Hände fällt, ist wahrscheinlich übertrieben, weswegen ein Mike Tanier dem GM auch exorbitanten Wert beimisst:

Doch ein superber QB deckt viel Scheiße in einer Organisation zu (Paradebeispiel Peyton Manning), weswegen wir alle Gefahr laufen, uns von Siegbilanzen und Dingen blenden zu lassen, die nicht zwingend mit der Qualität des GM zu tun haben.

Was möchte ich in einem GM also haben?

  1. Dass er möglichst rationale Entscheidungen trifft: Im Draft tendenziell nach unten tradet um Kapital aus über-aggressiven Mannschaften zu schlagen.
  2. Dass er keine Runningbacks in den ersten Runden draftet und sie auch nicht „long term“ teuer an sich bindet.
  3. Dass er Passspiel in den Mittelpunkt setzt und Laufspiel nur dann tangiert, wenn das Passspiel gesettelt ist.
  4. Dass er Analytics-Abteilungen baut, ihnen zuhört und auf sie aufbaut.
  5. Dass er Coaches dazu anhält, aggressivere in-Game Entscheidungen zu treffen (1st Down Passing, 4th Downs ausspielen usw.) und ihnen den Rücken stärkt, wenn mal ein Resultat im Spiel daneben geht.
  6. Dass er grundsätzlich nicht die Zukunft für die Gegenwart verkauft.
  7. Dass er Ineffizienzen wie Compensatory-Picks oder billige Veterans für sich nutzt

Klar ist: Ein GM ist niemals ganz autonom. Das Thema Quarterback hatten wir schon – aber für den Aufbau einer prozessorientierten, „analytischen“ Organisation ist auch das Committment des Team-Owners notwendig. Ein Belichick bei den Jets würde niemals gut gehen (was Belichick 2000 auch richtigerweise erkannte), wie auch ein Sashi Brown bei einem Chaoten-Owner wie Jimmy Haslam keine Chance hatte, seinen Job zu Ende zu bringen.

Elite

Bill Belichick / Patriots
Howie Roseman / Eagles

Belichick und Roseman eint eines: Sie arbeiten beide unter Ownern, die sie machen lassen. Das heißt nicht, dass Robert Kraft in New England oder Jeffrie Lurie in Philadelphia besonders geduldige Leute wären – Kraft feuerte einst Pete Carroll nach nur drei Jahren, Lurie hatte mit „seinem“ Lieblingscoach Chip Kelly eine noch kürzere Zündschnur und hielt noch nichtmal drei Jahre durch. Doch Belichick wie Roseman verfolgen einen strategischen Plan, der nahe am Optimum dessen liegt, wie man NFL-Mannschaften heute bauen kann.

Dabei haben beide natürlich etwas Glück: Belichick hat QB Tom Brady zur Verfügung, den er in der 6ten Runde des Drafts fand und der nicht bloß seit zwei Jahrzehnten zur Liga-Elite unter den Quarterbacks gehört, sondern überdies auch noch seit 6-8 Jahren auf vergleichsweise viel Geld verzichtete. Roseman hat in Carson Wentz einen jungen Franchise-QB, der einige Jahre weit unter Marktwert spielte. Doch natürlich ist damit nicht erklärt, was die beiden so stark macht.

Roseman hat bei den Philadelphia Eagles ganze Arbeit geleistet: Obwohl er einst für Chip Kelly abgesägt wurde, blieb er der Organisation treu, und als sich das Experiment Kelly als Flop erwiesen hatte, schlug Rosemans Stunde. Roseman ist ein Mann der „Laptop-Generation“. Er ist kein alteingesessener Scout, der sich nix sagen lässt – vielmehr ist er ein relativer Jungspund (44 Jahre alt), der bei den Eagles eine „prozessorientierte“ Kultur implementiert hat.

Roseman ist momentan sowas wie der große heiße Scheiß, weil er auch schon eine Superbowl gewonnen hat. Und weil die Eagles in den letzten Jahren so „analytisch“ an das Spiel herangegangen sind und das auch aggressiv nach draußen kommunizierten, ist es recht einfach, die sensationelle Qualität von Bill Belichick zu übersehen.

Belichick vermarktet sich nicht als Analytiker. Vielmehr gehen viele seiner öffentlichen Statements in Richtung Verachtung von Analytics. Das kann man getrost als Ablenkungsmanöver abtun, denn kein Footballteam wird in den letzten 20 Jahren so sehr nach „Analytics-Prinzipien“ geführt wie jenes der Patriots – mit überwältigendem Erfolg: Es sind nicht allein die sechs Superbowlringe und drei weiteren Finalteilnahmen. Es ist auch die unfassbare Beständigkeit in Nähe der Titelkandidaten, die New England so einzigartig machen.

Belichick hat dabei (neben Brady natürlich) einen großen Vorteil: Er ist gleichzeitig GM und Headcoach. Belichick, der Headcoach, beliefert Belichick, den Cheftrainer, mit genau den Spielern, die sich der Coach wünscht.

Das führte in Vergangenheit nicht immer zu glücklichen Entscheidungen – vor allem Belichicks Probleme mit 2nd Round Picks, Wide Receivern und Cornerbacks, sind zuhauf dokumentiert. Doch Belichick, der GM, hat Jahre vor allen anderen verstanden, dass der Draft allein von zu viel Zufall abhängt, und dass man Ineffizienzen wie den Trade-Down oder Compensatory-Picks für sich nutzen kann um seine Anzahl an guten Lotterie-Tickets zu erhöhen.

Eindrucksvoll an Belichick: Er bleibt sich immer treu, scheut niemals vor unpopulären Entscheidungen zurück. Ty Law, Willie McGinest, Wes Welker, Adam Vinatieri oder Darrelle Revis, vielfache Playoff-Helden? Alle als Free-Agents, teilweise noch in ihrer Blütezeit, ziehen gelassen. Richard Seymour? Für einen 1st Rounder verkauft. Chandler Jones – ebenso ziehen gelassen, sogar vor seinem zweiten Vertrag. Randy Moss? Für einen Late-Rounder mitten in der Saison verkauft.

Es gibt auch jüngere Beispiele: Nach der letzten Superbowl trennte sich Belichick von Leistungsträgern wie DE Trey Flowers oder OT Trent Brown – beide seine Ziehsöhne, die er für billige Kohle aufgabelte und innerhalb kürzester Zeit zu Stars machte. Beide ziehen gelassen und den Compensatory-Pick 2020 abgestaubt: Belichick wird niemals sentimental.

Seine Organisation ist von oben bis unten durchgepolt und tickt nach den gleichen – seinen! – Prinzipien. Womit wir wieder beim Thema Owner wären: Lurie wie Kraft sind prozessorientierter Denke gegenüber aufgeschlossen und denken nicht primär in Resultaten.

Was in den letzten Jahren ein wenig an Belichicks GM-Qualitäten zweifeln ließ, war seine relative Aggressivität im Draften von Runningbacks mit hohen Picks: 1st Rounder 2018, 3rd Rounder 2019 – dabei weiß eigentlich gerade Belichick, der Coach, mit seiner seit fast 15 Jahren implementierten „Pass-First“ Mentalität, wie austauschbar ein Runningback eigentlich ist.

Es gibt Stimmen, die sagen Belichick, der Coach, reißt zu oft Belichick, den GM raus. Aber das wäre zu kurz gegriffen. Das Zusammenspiel dieser beiden Alter Egos hat zu der Dynastie geführt, die die NFL mit Einführung von Salary-Cap und Free-Agency eigentlich verhindern wollte. Roseman mag aktuell der letzte Schrei sein – und er wird zurecht so hoch gelobt.

Doch Belichick ist fünfmal so lange im Amt – und hat sechsmal so viele Superbowls gewonnen! Natürlich wäre das ohne Brady nicht möglich gewesen – und natürlich sind die Coaching-Fähigkeiten Belichicks ein wesentlicher Grund. Aber zuvorderst ist es der Rahmenbedingungen geschuldet, die es der Patriots-Organisation erlaubt, sich stets neu zu erfinden und immer neue Marktlücken zu erschließen.

Erweiterte Spitzenklasse

Chris Ballard / Colts
Thomas Dimitroff / Falcons
John Schneider / Seahawks
Kevin Colbert / Steelers

Weniger von einem starken Owner profitiert Chris Ballard in Indianapolis. Zugegeben: Ballard ist noch nicht lange GM der Colts und hat auch erst eine gute Saison vorzuweisen. Auch scheint seine Einstellung von Frank Reich als Headcoach mehr von Glück als von Verstand zu zeugen – schließlich bekam er die Chance auf Reich nur deswegen, weil der eigentlich schon eingestellte Josh McDaniels in letzter Sekunde doch noch absagte.

Doch abseits dieser kuriosen Trainerbestellung kann man Ballards Aktivitäten in den letzten Jahren durchaus mit dem Top-Standard von Belichick oder Roseman vergleichen: Geduld am Transfermarkt, nahezu perfektes Draft-Trading, weitsichtige Verpflichtungen, Analytics-basierte Entscheidungskultur. Über seine Arbeitsweise, die Verbindung zum Headcoach und das an verschiedenen Fronten breit aufgestellte Front-Office schreibt Ballard übrigens gestern im „Football Morning in America“ von NBC und gibt einige wertvolle Insights in die Arbeitsweise eines GM.

Die Colts deuteten letztes Jahr schon Highend-Qualität am Spielfeld an – und weil Ballard in dieser Offseason nicht überaggressiv wurde, sondern auf lange Sicht dachte, riecht die Colts-„Ära“ von 2020-2022 schon leicht „Dynastie-mäßig“.


Der unkonventionelle Dimitroff ist ein schwieriger Case-Study: Er ist insbesondere im Draft berüchtigt dafür, zur Selbstüberschätzung zu neigen und mit permanenten Up-Trades die Kadertiefe zu riskieren. Wirklich glücklich waren seine letzten Coaching-Moves nicht. Und auch nicht gar klar waren die Machtverhältnisse in Atlanta mit Dimitroff und seinem ex-Patriots Kumpanen Scott Pioli.

Aber auf der anderen Seite: Dimitroff ist seit 2008 der Falcons-GM, und er hat in diesen nunmehr über zehn Jahren eine fast durchgängig überdurchschnittliche bis hochwertige Franchise angeführt. Er verlängert mit den richtigen Spielern, setzt auf Passing-Offense und Passing-Defense und hat damit die heutige NFL mit am besten verstanden.


Schneider hätte ich theoretisch gerne höher gerankt, weil er den Seahawks-Aufschwung zur bestimmenden Franchise unseres Jahrzehnts entscheidend vorantrieb, den Erfolg über Jahre halten konnte und in der laufenden Offseason hervorragende Weichenstellung betrieben hat um nach einer teuren QB-Vertragsverlängerung zu überleben, aber es gibt zwei kritische Faktoren bei ihm.

1) Wie viel an seinem Erfolg hängt am Drafting von Scot McCloughan? McCloughan ist der beste Scout der NFL – er baute vor seiner Seahawks-Zeit den dominanten Kader der 49ers, und als er zu den Seahawks wechselte, war Seattle plötzlich das Team, das von 2010 bis 2012 mit atemberaubenden Drafts die Grundlage für die „Legion-of-Boom“ Ära legte. Als McCloughan ging und nur noch Schneider übrig blieb, war Seattles Drafting über Nacht eines der schlechtesten in der NFL.

2) Der noch viel wichtigere Faktor ist der „Brian-Schottenheimer-Faktor“: Seine Anstellung als OffCoord im letzten Jahr ist ein gigantisches Red-Flag. Es ist nicht ganz klar, wie viel Mitspracherecht Schneider dabei hatte (oder ob Carroll den Scheiß allein durchgezogen hat). Aber selbst für den Fall, dass es vor allem ein Carroll-Move war: Schneider hätte alle Hebel der Welt in Bewegung setzen müssen (MÜSSEN können wir dabei getrost in Großbuchstaben schreiben) um diese Einstellung zu verhindern. Tat er nicht – oder hatte zu wenig Gewicht. Das reicht aus um Schneider sehr sicher unterhalb von Roseman / Belichick anzuordnen.


Colbert ist gemeinsam mit Belichick am längsten im Amt, und hat als solcher große Erfolge eingefahren (u.a. zwei Superbowl-Siege und eine dritte verloren / letzte Losing-Season vor 15 Jahren), doch die letzten Jahre waren eher durchwachsen.

Colbert ist nicht als Analytiker vor dem Herrn bekannt – seine Stärke ist seine ruhige Hand und sein Vertrauen in Kontinuität. Er hielt an Bill Cowher als Headcoach fest, als es nicht lief. Cowhers Nachfolger Mike Tomlin war eine riskante Entscheidung, die ihm fast um die Ohren geflogen wäre – doch Colbert stärkte Tomlin in schwierigen Zeiten und wurde mit zwei weiteren AFC-Championships belohnt.

In den letzten Jahren blieb das Team unter den Erwartungen, was u.a. an mehreren versemmelten 1st Roundern lag. Auf der Habenseite steht ein hervorragender Track-Record im Finden und Entwickeln von Wide Receivern, das Fixen von jahrelangen Schwächen (Offensive Line), die starken, team-freundlichen Verträge von Leuten wie WR Antonio Brown sowie das Festhalten an der vorgegebenen Linie im Handling von RB LeVeon Bell: Andere GMs wären unter öffentlichem Druck eingeknickt. Colbert, obwohl alte Schule, bliebt hart und stärkte den Mann, der sportlich den größten Beitrag an der langen Erfolgsserie hatte: QB Ben Roethlisberger, selbst nicht der einfachste Typ unter der Sonne.

Colbert mag damit nicht mehr zu den erfolgreichsten GMs der letzten 2-3 Jahre gehören, doch auch nach 20 Jahren scheinen seine Steelers konzeptionell noch auf Höhe der Zeit – und mit dem jüngsten Kaderumbau hat er vielleicht noch einmal die Grundlage für einen letzten Titel-Run gelegt.

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5 Kommentare zu “NFL General Manager unter der Lupe – Teil 1

  1. Jim Irsay mag wegen seiner Medikamentenabhängigkeit keinen so guten Ruf haben, allerdings mischt sich der schon längst mich mehr ins Tagesgeschäft ein. Chris Ballard kann in Ruhe arbeiten und seine Philosophie verfolgen, wäre das nicht so, hätte er erst gar nicht unterschrieben. Die McDaniels-Absage und damit Anstellung von Frank Reich als HC war natürlich ein absoluter Goldgriff.

  2. Dimitroff unter den Top GMs? Puh.

    Ständige Trade Ups, dünner Kader und teaminterne Streitigkeiten mit HC Quinn, dazu ist nicht ganz klar wo die Rollenteilung mit Pioli verlaufen ist (war mit Dimitroff vor 2 Jahren erst entmachtet?).

    Sonst spannendes Thema, über das man kaum was liest. Bin etwas überrascht, daß man nix zu Soft Skills liest, doch die Hard Facts sind da wohl wichtiger… Und BB in NE ist ja auch nicht als umgänglichster Typ bekannt, aber alle schwärmen von seinen Führungsqualitäten.

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