American Football Geschichte: Geburt des modernen Spiels, Geburt moderner Supermächte

Wir haben in der letzten Ausgabe der College-Football History Serie gesehen, wie die Sportart American Football durch die Einführung des Vorwärtspasses nach 1905 gerettet wurde. Ein Kuriosum blieb dabei die Ignoranz der traditionellen College-Football Großmächte wie Princeton, Harvard oder Yale für dieses neue Instrument, das so viel Erfolg versprach.

Doch gerade dass die alten Mächte sich des Vorwärtspasses verwehrten, stieß die Tür auf für einige neue Big-Player am immer lukrativer werdenden Markt „College Football“.

Das Spiel von heute

Die Legalisierung des Vorwärtspasses nach 1905 war mutmaßlich der wichtigste gefallene Dominostein in der Geschichte des American Football. Das lag zwar mehr daran, dass damit die Büchse der Pandora geöffnet war, und weniger, dass der Pass sofort abseits einiger Freak-Mannschaften besonders viel genutzt worden wäre. Doch selbst die größten Kritiker der „tödlichen Football-Barberei“ wie z.B. ein Charles Eliot an der Harvard University gaben zu, dass der Football nach 1905 eine verbesserte, weil sicherere Sportart war.


Tipp am Rande: Eine der besten Episoden aus der Serie „A Football Life“ vom NFL Network beschäftigte sich just mit den Anfängen, aber auch der späteren Verbreitung und den Schwierigkeiten, des Vorwärtspasses. Die NFL hat den 45-minütigen Film auf Youtube hochgeladen.


Die Freigabe des Passes war also so etwas wie die strategische, langfristige Weichenstellung um die Zeiten des Neandertaler-Football hinter sich zu lassen. Die operativen kleinen Schritte, die Football nach und nach zu dem Spiel formten, das wir heute kennen, wurden in mehreren Schritten zwischen 1910 und 1914 gemacht – es war die Zeit, in der das Regelwerk an heute bekannte Standards angepasst wurde – seither wird nur noch an einigen Details geschraubt.

1910 wurde zum Beispiel die „Neutral Zone“ an der Line of Scrimmage eingeführt und endgültig zementiert, dass sich nur maximal sieben Mann direkt an der Anspiellinie befinden durften. Das Spiel wurde auf vier Viertel à 15 Minuten begrenzt und der „fliegende Tackle“ wurde trotz des vehementen Protests von Football-Gründervater Walter Camp verboten.

Auch das Passspiel sah durch die Regeländerungen von 1910 eine leichte Öffnung. Pässe, die weiter als 20 Yards downfield flogen, wurden zwar ab sofort mit Turnover bestraft, doch dafür durfte nun von jeder Position hinter der Line of Scrimmage geworfen werden (bis dahin musste der Werfer sich 5 Yards nach hinten und links oder rechts bewegt haben) – und am wichtigsten: Es wurde die erste Art von „Pass-Interference“ eingeführt: Der Catcher, sei es Offense oder Defense, durfte vor dem Fangen nicht gestört werden.

Vor allem die Eingrenzung des Passes auf maximal 20 Air-Yards führte allerdings schnell zu Missbrauch, denn die schlauen Passing-Pioniere erkannten sofort, dass man den Ball einfach wegwerfen konnte um Raumverluste zu verhindern – solange der Ball nicht tiefer als eben jene 20 Yards geworfen wurde. Jene 20-Yards Begrenzung wurde schon nach einem Jahr wieder abgeschafft – die Bestrafung von „Intentional Grounding“ folgte 1914.

Noch wichtiger: Man begrenzte das Spielfeld nun auf 100 Yards Länge plus zweimal 10 Yards Endzone. Man erschuf das 4th Down, und man erhöhte den Wert des Touchdowns auf 6 Punkte sowie schrieb den Wert des Fieldgoals auf 3 Punkte fest. Indem man das Fangen von Touchdowns in der Endzone erlaubte, öffnete man das Spiel endgültig und gab ihm im Wesentlichen seine heutige Form.

Die Pioniere

Während die Elite-Unis im Nordosten in ihren alten, starren Vorstellungen verhangen blieben, öffnete der Vorwärtspass das Spiel nicht nur am Feld, sondern erschloss auch ganze neue Bundesstaaten. Denn während im Nordosten weiterhin vor allem auf Bodenwaffe gesetzt wurde, entwickelten sich im US-Süden und in den Midlands neue, unvoreingenommene Footballkulturen, die schon durch die Luft dachten.

So entwickelte Pop Warner ab ca. 1908 an verschiedenen Colleges wie Carlisle (u.a. mit dem legendären Olympioniken Jim Thorpe) oder Pitt die berühmte „Single-Wing Offense“, eine bahnbrechende Offense, weil sie nicht bloß Pässe erlaubte, sondern vor allem als erste Offense auf richtigen „Fakes“ gründete – und so ist die Single-Wing Offense nicht bloß eine der ältesten Vorläuferinnen der heutigen Spread-Offenses, sondern eine im Highschool-Football noch immer recht präsente Offense. Manche Footballkenner wie Bill Belichick bezeichnen auch das, was die Florida Gators in der Tim-Tebow Ära um 2007-2009 spielten, als Single-Wing Offense.

In Oklahoma feuerte ein einarmiger Headcoach namens Bennie Owen als erster Play-Designer Passfeuerwerke mit 30 und mehr Pässen pro Spiel ab, stellte damit in den 1910er Jahren die insgesamt besten Angriffsreihen im ganzen Land und verdiente seiner Universität so viel Geld, dass sie sich am Ende ein fettes neues Stadion hinstellen konnte, in dem die Oklahoma Sooners noch heute spielen.

In Chicago experimentierte der berühmte College-Coach Amos Alonzo Stagg mit allen erdenklichen neuen Systemen – oder zumindest behauptete das der einstige Walter-Camp Spezl Jahrzehnte später: Kein Coach beanspruchte „hinterher“ mehr Innovationen für sich als Stagg, der im Nachhinein alles schon als erster gewusst und ausprobiert haben wollte.

Knute Rockne und seine Fighting Irish

Von einem anderen glaubte man viele Jahrzehnte lang, dass er das mit dem Passspiel als erster gewusst habe: Knute Rockne, Sohn norwegischer Einwanderer, erst Spieler und später Headcoach eines kleinen Katholiken-Colleges in der Pampa von Indiana, das Spötter als „Slum-College“ abkanzelten, und das im Jahr 1913 mit einem Sieg gegen die US Army in der der ersten ganz fest in der kollektiven Erinnerung verankerten Partie des College Football den Grundstein für jahrzehntelange Dominanz und Prägung legte: Notre Dame.

Der 35-13 Sieg der Fighting Irish über die Army geschah vorwiegend unter Nutzung des Passspiels mit QB Gus Dorais und dem End (Jahrzehnte später: „Wide Receiver“) Rockne. Die beiden taten sich zusammen für 17 Passversuche für 14 Completions und 243 Yards Raumgewinn – sensationell für die damalige Zeit! Besonders wichtig an diesem Tag: Die halbe New Yorker Presse war in West Point anwesend, und sie alle staunten über dieses neue Wunderwerk der Technik (eben dem Pass), von dem sie bis dahin allenfalls mal was im Vorbeigehen gehört hatten („es gibt da drüben in den Midlands etwas…“).

Und weil die Presse so zahlreich anwesend war, verbreitete sich die Kunde vom Vorwärtspass wie ein Lauffeuer, und man glaubte danach lange fälschlicherweise, dass das Passspiel in jener Partie erfunden worden war – vom schillernden Rockne und seinen Kollegen.

Doch das ist, wie wir schon seit Montag wissen, falsch.

Doch unbestritten ist, dass Rockne und Notre Dame zwar nicht den Vorwärtspass erfanden, doch mit der Erregung öffentlichen Aufsehens den entscheidenden Beitrag zur Bekanntmachung in der US-Öffentlichkeit legten: Passspiel war ja doch für etwas gut und nicht bloß ein lahmer Cheat-Code!

Als besonders hilfreich erwies sich unter diesem Gesichtspunkt auch die extrovertierte Natur des Knute Rockne, der es immer schon verstand, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Legendenbildung zu verschwimmen, und der mit seinen exzellenten Kontakten vor allem in die Medienlandschaft des „Big-Apple“ in New York einen entscheidenden Beitrag nicht nur zur frühen Popularisierung des Passspiels lieferte, sondern auch zur Popularisierung der Notre Dame University als College Footballs liebstes, aber auch meistgehasstes (weil von den Medien oft bevorzugt behandeltes) Team.

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