Tennessee Titans in der Sezierstunde

2018 war die dritte 9-7 Saison hintereinander für die Tennessee Titans. Am Ende verpasste man die Playoffs am letzten Spieltag, weil man gegen den direkten Konkurrenten Indianapolis verlor. Franchise-QB Marcus Mariota fehlte in diesem Spiel. Er war verletzt – mal wieder. Eine kurze Situationsaufnahme der Franchise.

Die Titans-Probleme der letzten Saison habe ich in den vergangenen Monaten oft angesprochen, daher nur noch einmal kurz als Zusammenfassung:

Nach sehr vielen erdenklichen Metriken summierte sich das für die Titans letzte Saison zu einem komplett durchschnittlichen Team – reflektiert auch von ihrem 9-7 Record:

  • 2 Siege nach Pythagorean
  • 4-3 Record in Close Games
  • #20 nach DVOA total, #22 DVOA Offense, #19 DVOA Defense

Dass man am allerletzten Spieltag noch theoretisch in der Play-off Verlosung war, sagte mehr über die inhaltliche Tiefe der AFC aus als über die Qualität der Titans selbst. Bezeichnend, dass die Titans im alles entscheidenden „Play-in“ Game in Woche 17 gegen die Colts nicht bloß auf QB Mariota verzichten mussten, sondern im Spiel dann auch überrollt wurden.

Wie viel besser es 2019 wird, bleibt abzuwarten.

Offensive Play-Calling

Die auffälligste Änderung gibt es auf Offensive Coordinator: Matt LaFleur wird Headcoach in Green Bay. LaFleur war in Tennessee ein interessanter Case-Study: Auf einen einen Seite spiegelte sich sein Shanahan/McVay-Stammbaum in schönem Spielzug-Design mit einer hohen Play-Action Rate, was unter anderem in den 3t-einfachsten Würfen für QB Mariota in Sachen „open receivers“ resultierte.

Auf der anderen Seite sahen die RBs Henry/Lewis extrem viele 8+ Mann-Boxen, und vor allem: Glich sein Early-Down Playcalling 2018 einem Analytics-Gruselfilm:

  • 1st Down Playcalling: 47% Pass-Rate in 1st&10 in der 1ten Halbzeit, #26 der NFL
  • 2nd Down Playcalling: 44% Pass-Rate in 2nd&10 oder länger in der 1ten Halbzeit, #31 der NFL (nur das Schottenheimer-Seattle war noch einen Prozentpunkt dahinter)

Die schönsten Passing-Designs sind für die Tonne, wenn dein Arbeitsnachweis bestätigt: Du hast höhere Run-Rate gecallt als „smashmouth-exotic“ Mike Mularkey.

LaFleurs Abgang bedeutet, dass Mariota 2019 in seinem fünften Profijahr, dem „make or break“ Jahr, seinen vierten Offensive Coordinator bekommt. Um Mariota nicht noch mehr zu verunsichern und die Umstellung möglichst gering zu halten, entschieden sich die Verantwortlichen in Tennessee dazu, den bisherigen Tight-Ends Coach Arthur Smith (der noch keine Playcalling-Erfahrung) zu befördern um Kontinuität zu schaffen.

Kontinuität ist oft gut. Aber ist sie auch gut in Tennessee, wo es geradezu tragisch ist, wie der am College so sensationelle Spread-QB Mariota in einem überholten Steinzeitsystem nach dem nächsten verbrannt wird?

Mariota mag unabhängig vom Offense-Design eine Enttäuschung sein, doch wenn man vergleicht, was Coaches anderswo einem Mahomes, Trubisky oder Wentz anbieten, kannste schon ein paar Tränen des Frusts verdrücken, wenn du an Mariota und die Titans denkst. Immerhin: Personell hat GM Jon Robinson noch einmal alles getan um Mariota das bestmögliche bezahlbare Arsenal zur Seite zu stellen.

Offseason-Einkäufe in der Offense

Da wäre zum einen die Aufbolsterung der Offensive Line, wo man Rams-OG Saffold für 11 Mio/Jahr aus Los Angeles loseiste und RT Conklin durch den Verzicht auf die 5th-Year Option mit Nachdruck versucht, Feuer unterm Arsch zu machen. Zudem wurde in OG Nate Davis ein von PFF hoch gehandelter Small-School Prospect in der 3ten Runde gedraftet. Davis‘ große Stärke ist das Pass-Blocking. Im Mai hatte ich ihn noch als Ergänzungsspieler zum langsamen Eingewöhnen bezeichnet, doch offensichtlich hat Davis in den ersten Trainingseinheiten so überzeugt, dass er bereits zur Starting-Unit gezählt wird:

LT Taylor Lewan
LG Rodgers Saffold
C Ben Jones
RG Nate Davis
RT Jack Conklin

Für PFF ist das die 4t-beste Offensive Line in der NFL.


Der Receiving-Corps wird durch 2nd Rounder WR A.J. Brown und Slot-WR Adam Humphries (kam für 9 Mio/Jahr aus Tampa) erweitert. Damit hat Tennessee auf dem Papier ein vernünftiges 11-Personnel:

WR Corey Davis (verbesserte sich 2018 massiv)
WR Brown / WR Taywan Taylor
WR Adam Humphries
TE Delanie Walker / TE Jonnu Smith
RB Derrick Henry / RB Dion Lewis

Doch Vorsicht: Der #5 Pick 2017 Davis hat im Prinzip erst ein halbes Jahr als richtiger #1-WR im Petto, Brown ist Rookie und Taylor bestenfalls Ergänzungsspieler. Humphries ist ein Upgrade im Slot, aber Walker ist 35 und war schon letztes Jahr nicht mehr die dynamische Waffe früherer Tage. Im schlimmsten Fall wird 12-Personnel für die Titans zu einem Problem-Package, im besten Fall muss man die Snaps in 11-Personnel zwischen Walker und Smith verteilen.

Im Backfield soll RB Derrick Henry per Diktat von oben nun den Löwenanteil vom Kuchen bekommen (Dion Lewis war brutal ineffizient in 2018 und als ex-Patriots Back hat man heutzutage kein Vertrauen mehr in einen solchen Spieler) – doch wichtiger als der Runningback ist bekanntlich die Situation, in der eine Mannschaft Laufspiel ansagen lässt.


Schaut man sich an, wie die Titans in den letzten Jahren ihr Offensiv-Personal zusammengestellt haben…

  • Ex-Spread QB Mariota
  • 1st Round Pick auf WR (Davis), 2nd Round Pick auf WR (Brown), teurer Free-Agent Einkauf (Humphries)
  • Pass-Blocking OTs

…so würde man eigentlich erwarten, dass Tennessee eines der passlastigsten Teams sein sollte. Doch wenn wir uns vor Augen rufen, dass der neue OffCoord seit Jahren das Titans-System kennt und auch das eine Jahr LaFleur konzeptionell wie „typisch Titans“ funktionierte, darf man ruhig skeptisch sein. Man darf sich auch fragen, ob es nicht vor allem an Mariota selbst liegt, dass man den QB nicht von der Leine lässt – weil er vielleicht gar nicht besser ist als es scheint.


Robinson holte außerdem via Late-Round Draft-Trade noch QB Ryan Tannehill aus Miami. Tannehill ist sowas wie „Mariota für Arme“: Ebenso mobil, ebenso durchschnittlich, ebenso verletzungsanfällig. Der Unterschied: Tannehill hat noch drei Jahre mehr Nachweis, nicht aus dem Durchschnitt herauszuragen. Es ist möglich, dass Tannehill im Training-Camp sogar den QB-Battle gegen Mariota gewinnt – in diesem Fall würde sich an der grundsätzlichen Offensiv-Problematik zwar wenig ändern, aber zumindest die Frage nach Mariotas Langzeit-Aussichten wäre dann geklärt.

Defense

Darf man ob der Defense optimistischer sein? DefCoord Dean Pees geht in sein zweites Jahr. Pees ist ein Mann mit fassungslos gut klingender Defense-Vita, als ehemaliger DC unter Belichick in New England und später in der Abwehr-Schmiede Baltimore. Die Defense schient im letzten Jahr einen Sprung nach vorne gemacht zu haben, doch an diesem Gefühl sind zwei harte Fakten problematisch:

  • Defensive Pass-DVOA war nur #21
  • Man sah extrem viele unterdurchschnittliche QBs wie Josh Allen, Tannehill, McCown, Bortles, Flacco, Josh Johnson oder Kessler

Es ist einfach, gegen solche QBs gut auszusehen. Doch von den meisten stärkeren QBs wurde man verbrannt (Ausnahme ausgerechnet Brady). Gut möglich, dass die scheinbare Verbesserung in Jahr 1 unter Pees eine Augenauswischerei war.

Viele personelle Änderungen wurden nicht vorgenommen: Der 37-jährige, ewige DE Cameron Wake kommt aus Miami und unterschrieb noch einmal einen Dreijahresvertrag (!) und im Draft zog man DT Jeffery Simmons (1st Round) und WR Amani Hooker (4th Round), wobei beide Top-Rookies nicht allzu viel Einsatzzeit sehen werden: Simmons ist nach Kreuzbandriss noch mindestens die halbe Saison raus, Hooker kann hinter dem Safety-Duo Byard/Vaccaro mit Bedacht eingelernt werden.

Pass-Rush ist weder über die Flanken (Wake / DE Harold Landry) noch über die Mitte (DT Jurrell Casey) ein Problem, auf Linebacker ist man in Woodyard und Jaylon Brown mehr als solide besetzt – einzig das namhafte, aber hie und da etwas wechselhafte Cornerback-Trio aus Adoree Jackson, Malcolm Butler und Logan Ryan bietet Angriffspunkte – an lichten Tagen können diese drei auch eine „Shutdown-Mauer“ bilden, aber diese lichten Tagen waren zuletzt eher selten.

Man ist zwar geneigt, von der Defense zumindest Durchschnitt zu erwarten, auch wenn man einen happigen Schedule spielt, u.a. gegen Kansas City, New Orleans, Atlanta, L.A. Chargers, Indianapolis oder Cleveland. Doch im Sinne des Grundsatzes „Offense ist wichtiger als Defense“ könnte es auch ein bitteres Jahr für diese Defense werden, wenn sie nicht imstande ist, mit ihren Cornerbacks gegenzuhalten.

Ausblick

Die ganze Titans-Saison ist schwer zu greifen. QB Robinson macht prinzipiell nicht vieles falsch – im Gegenteil: Er hat den Kader zur anstehenden Saison eigentlich gut verstärkt und in DT Simmons theoretisch ein hervorragendes Talent für die mittelfristigen Zukunft gedraftet.

Doch Wohl und Wehe der Titans hängt an Mariota – und dort sind Robinson fürs erste die Hände gebunden. Es spricht für mein Empfinden für die Robinson, dass er Mariota keinen Langzeitvertrag angeboten hat, sondern mit der 5th-Year Tag ein letztes Mal auf Zeit spielt anstatt die Franchise mit einem potenziellen Multimillionenvertrag (50 Mio guaranteed aufwärts) für einen mittelmäßigen Quarterback auf Jahre zu kastrieren.

Man kann es drehen und wenden wie man will: Für Mariota ist 2019 das Jahr der Wahrheit, in dem sich entscheidet ob er künftig als Franchise-QB auflaufen kann oder eine Karriere als glorifizierter Backup wartet.

Doch gleiches gilt für die Titans und ihre sportliche Leitung selbst. Man kann argumentieren, dass Mariotas Entwicklung in dieser Saison das wichtigere Ziel ist als der Blick auf den reinen Win/Loss Record. Man kann argumentieren, dass ein Verbleib bis Mitte/Ende Dezember im AFC-Wildcardrennen das sportliche „Best-Case“ ist, weil man nicht an Indianapolis und Houston vorbeikommt – maximal an einem von beiden.

Doch gleichzeitig kann man argumentieren, dass ein solches erneutes 9-7 Szenario der „Worst Case“ ist. Denn es würde implizieren, dass Mariota wohl erneut nur Durchschnitt war (oder leicht drunter oder drüber), und man stünde dann vor einer schwierigen Zukunft: Macht man weiter, riskiert man Fan-Frust durch das „stuck in the middle“ Phänomen. Zieht man einen Schlussstrich, muss man erstmal etwas besseres als Mariota finden, das man den gleichen Fans verkaufen kann.

(Ach ja: Der Titans-Headcoach heißt Mike Vrabel. An den würdest du auch erst im allerletzten Moment denken – gib’s zu.)

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3 Kommentare zu “Tennessee Titans in der Sezierstunde

  1. TE Delanie Walker hat sich letzte Saison im 4. Quarter des 1. Saisonspiels in Miami verletzt: Knöchelbruch, out for season. Bis dahin hatte er 4 catches für 50 yards. Natürlich war er dadurch nicht die dynamische Waffe alter Tage und es ist auch fraglich, wie er von der Verletzung zurück kehrt. Aber meiner Einschätzung nach war er schon DER Playmaker der Titans in den letzten Jahren.

  2. Schöner Artikel. Insbesondere das Mariota-phänomen ist wirklich interessant, wenn auch frustrierend. Ich hoffe für Mariota, dass er eine schwache Saison hat und woanders neu anfangen darf. Es gibt soviele Teams, die QBs durch angepasstes Playdesign und leichte, schnelle Reads sauber entwickeln. Hoffentlich landet er bei einem und hat endlich den erhofften Erfolg.

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