Pittsburgh Steelers in der Sezierstunde

Verrückte 12 Monate liegen hinter den Pittsburgh Steelers. Sie gehen nun trotz Aderlass mit einer der komplettesten AFC-Mannschaften ins Rennen.

Seit die Steelers im Jänner 2018 von Freaking Blake Bortles 45 Punkte in den Divisional Playoffs eingeschenkt bekommen haben, bot diese altehrwürdige Franchise ausreichend Stoff für den Boulevard.

Einen breit getretenen Abgang von OffCoord Todd Haley, monatelanges Theater um RB LeVeon Bell, gefolgt von einem wochenlangen Theater um QB Ben Roethlisberger, gefolgt von einem ausflippenden WR Antonio Brown, gefolgt von einem fassungslosen Ausscheiden schon vor den Playoffs – und das alles resultierte am Ende im Abgang von Bell und Brown und dem Eindruck, dass man eine goldene Titelchance in einer machbaren AFC komplett in den Müll geschmissen hatte.

Was blieb, waren viele Fragen. Zum Beispiel, ob Headcoach Mike Tomlin den Laden noch im Griff hat. Zu sehr erinnerten die Steelers der Saisonschlussphase und des Frühjahrs an alte Komödiantenzeiten bei den Oakland Raiders oder den Rex-Ryan Jets, als dass man sich hätte des Eindrucks erwehren können, dass die Situation Tomlin längst entglitten ist.

Tomlin durfte zwar bleiben. Doch er wird nur deswegen nicht laut angezählt, weil die Führungsriege um die Owner-Familie Rooney und GM Kevin Colbert traditionell zu allen Wechselgerüchten schwieg und das lodernde Feuer damit ganz unscheinbar austrat.

Ausblick auf 2019

In einer AFC mit den ewigen Patriots, mit einem aufstrebenden Mahomes, mit den allgemeinen Lieblingen Chargers und Colts sowie in einer Division mit den Ravens und den extrem gehypten Browns ist es einfach, die Pittsburgh Steelers 2019 zu übersehen. Doch Vorsicht: Der Kader ist nach wie vor gut besetzt.

Die Steelers waren letzte Saison zwar nur 9-6-1, doch mit einem Pythagorean von 9.7 Siegen waren sie leistungstechnisch die siebtbeste Mannschaft der AFC, und es hätte nur ein einziges der sechs nicht gewonnenen Close-Game Spiele mit Sieg ausgehen müssen um dass es für eine Post-Season Qualifikation gereicht hätte.

Die Steelers verpassten die Playoffs trotz der zweitbesten „Net Success-Rate“ der NFL und trotz der 7t-besten EPA/Play Differenz. Sie hatten eine Turnover-Bilanz von -11. Aber sie erlaubten sich hirnrissige Pleiten wie @Oakland, @Denver, verpassten es, gegen die Hue-Jackson Browns zu gewinnen und verscherbelten eine fette Führung zuhause gegen die Chargers. Fazit: Eine Playoff-Qualifikation war locker möglich.

Offense

Wer schon länger Mathletics verfolgt, hat längst verstanden, dass RB Bells Abgang so gut wie kein Problem darstellt – das Downgrade zu Backup James Conner ist überwiegend irrelevant. Manche werden sogar argumentieren, dass Conner 2018 die besseren Zahlen hatte als Bell 2017. Doch die wichtigste Aussage in diesem Kontext ist: Erfolg von Runningbacks wird vor allem durch externe Faktoren getriggert:

  • Wie viele Verteidiger stehen in der Box?
  • Wann wird das Laufspiel angesagt?
  • Wann wird der Runningback im Passspiel angespielt?
  • Wie gut ist die Offensive Line?

Der Verlust Browns dürfte schwerwiegender sein – immerhin war AB84 in den letzten Jahren die Catch-Maschine im Slot und unisono akzeptierter Top-5 WR. Browns Abgang reißt nicht nur ein 20-Mio Loch in das Gehaltsbudget der Steelers. Er sorgt auch dafür, dass WR Ju-ju Smith Schuster im kommenden Herbst die #1-Coverage sieht – was für den jungen Ju-Ju eine deutliche Umstellung wird.

Positiv für Pittsburgh: Woran es auch liegt, sie haben einen hervorragenden Track-Record im Entwickeln junger Eigenbauprodukte auf Receiver. Brown selbst war nur ein 6th Rounder 2010 gewesen, auch Leute wie Mike Wallace, Emmanuel Sanders oder zuletzt Smith-Schuster (2018: 166 Targets, 57% Success-Rate) reiften in Pittsburgh zuletzt zu Top-Receivern, ohne dass die Steelers dafür 1st oder frühe 2nd Rounder (Schuster war als #62 ein später 2nd Rounder) ausgegeben hätten.

Die anderen beiden jungen „intern entwickelten“ Receiver neben Smith-Schuster sind James Washington (3rd Rounder 2018) und der heuer in der 3ten Runde gezogene Diontae Johnston. Dazu holte man via Free Agency in Donte Moncrief einen erfahrenen Recken für rund 50 Targets. Auf Tight End verliert man Jesse James, der ohnehin nur noch die zweite Geige hinter Vance McDonald gespielt hatte.


Wie man es dreht und wendet: QB Roethlisberger hat weiterhin einen starken Corps an Skill-Playern zum Bedienen – und wenn die Steelers offensiv eines sehr gut machen, dann, dass sie eine hohe Pass-Ratio spielen: Letztes Jahr war man wieder eine der wurfgewaltigsten Mannschaften:

  • 1st Down: 62% Pass-Quote (NFL: 53%)
  • 2nd Down: 74% Pass-Quote (NFL: 62%)
  • 3rd Down: 88% Pass-Quote (NFL 80%)

Weil OffCoord Randy Fichtner als Roethlisberger-Spezl bleiben durfte, besteht wenig Grund zur Annahme, dass man an dieser aggressiven Herangehensweise etwas ändern wird. Vielleicht sogar im Gegenteil: Ohne den Druck, einen „Star-RB“ wie Bell mit Carries bedienen zu müssen, fällt das Ansagen von Passspielzügen vielleicht sogar noch leichter. Das hilft der Effizienz der kompletten Offense.

Der große Knackpunkt ist die Offensive Line. Dort verlor man RT Marcus Gilbert, aber vor allem verlor man O-Line Coach Mike Munchak. Munchak gehört zu den besten Line-Coaches im Business, was man an der Performance vor und seit seiner Einstellung zur Saison 2014 ablesen kann:

  • OL Ranking 2009-2013: nur einmal in den Top-20
  • OL Ranking 2014-2018: zweimal Top-5, nie schlechter als #10

Wie stabil der Schutzwall vor Roethlisberger ist, wird also eine der Wildcards. Wie lange er halten muss, allerdings auch: Roethlisberger hatte zwar mit 90 „langen“ Dropsbacks (5-step/7-step Drops) zwar mit die meisten der Liga, doch andererseits ist seine durchschnittliche „Time-to-Throw“ bei mittlerweile 2.55 Sekunden angekommen. Das heißt: Roethlisberger wirft im Schnitt am schnellsten aller QBs in der NFL den Ball aus der Pocket! Hätteste nicht gedacht, oder?

Defense

Wo sich in der Offense die große Frage auf die Protection konzentriert, ist in der Defense vieles mehr fraglich. Zum Beispiel DefCoord Keith Butler, der bleiben durfte, aber wegen seiner oftmals haarsträubenden Game-Plans in der Kritik steht.

Die rohen Zahlen geben zwar nicht unbedingt zwingend Futter für solche Kritik: #13 nach DVOA, davon #17 gegen den Pass und #6 gegen den Lauf – und das gegen einen der schwierigsten Offense-Schedules. Doch es gibt in vielen Spielen Situationen, in denen Butlers Defense sich unerklärliche Bolzen leistet und plötzlich ein Receiver 20 Yards offen das Spielfeld runterläuft.

Die große Neuverpflichtung ist LB Devin Bush, der „neue Ryan Shazier“, der nach einem teuren Trade-Up an #10 im Draft gezogen wurde. Bush soll den letzte Saison immer wieder zutage getretenen Coverage-Zusammenbrüchen entgegenwirken und den indisponierten LB Jon Bostic ersetzen. Doch zur Vorsicht sei gemahnt: Gerade das korrekte Lesen von Spielzügen galt im Scouting-Prozess noch als Schwäche Bushs.

Immerhin kann er hinter einer der besten Defensive Lines in der NFL operieren: Die DTs Tuitt/Heyward sowie das EDGE-Pärchen TJ Watt/Bud Dupree gehört zum Feinsten, was die NFL anbietet. 2018 war diese Steelers-Front nicht bloß eine der Sack-freudigsten in der NFL (mit 8.4% Sack-Rate die #3), sondern vor allem hatte sie die höchste QB-Pressure Rate der NFL: 36.7% der Snaps endeten in QB-Pressure.

Dafür ist die Secondary eine Schwachstelle: Hinter dem etatmäßigen CB1 Haden müssen Wackelkandidaten wie Stevie Nelson (kam aus Kansas City), Hilton oder der einstige 1st-Round Flop Artie Burns auflaufen – und auf Safety muss FS Terrell Edmunds schon in seinem zweiten Jahr eine tragende Rolle einnehmen.

Ausblick

Was mir am Steelers-Kader überdies auffällt: Er ist auf einigen Positionen hinter dem ersten Anzug relativ schnell sehr dünn. Hinter Conner gibt es nur noch Jaylen Samuels als athletischen Runningback. McDonald ist der einzige Tight End von Format. In der Offensive Line verletzt sich besser kein Starter, und auf Linebacker ist hinter Bush, Williams und Neuzugang Alex Barron auch noch recht wenig. Doch du wirst es notiert haben: RB, TE oder LB sind nicht die „kritischen“ Positionen der NFL.

Vorteil Steelers: Der Schedule ist wesentlich einfacher als letztes Jahr. Nach dem Auftaktspiel in New England gibt es Stand jetzt nur zwei weitere Partien, in denen Pittsburgh als Außenseiter antritt: Woche 6 @Chargers und Woche 11 @Cleveland. Das gesellt sich zu eingangs genannten „positiven Regressions-Statistiken“.

Die AFC North droht eine umkämpfte Division ohne ein richtiges Graupenteam zu werden, und Pittsburgh verliert in Brown einen der besten Offensiv-Skill Player der NFL. Doch andererseits haben die Steelers mit ihrer kompromisslosen „Pass-First“ Mentalität einen ganz fetten Trumpf in der Hinterhand, der sie vieler Probleme entledigt – denn selbst ohne einen Brown ist Passspiel noch immer die weit bessere Option als Laufspiel, und die Steelers nutzen solche Ineffizienz besser als die meisten anderen NFL-Teams aus.

Auch haben die Steelers trotz Baker Mayfield wohl noch immer den besten QB der Division. Ravens und Browns werden harte Gegner stellen und eine 12-4 Saison und damit verbundenes Freilos in Runde 1 der Playoffs werden überaus schwierig, um nicht zu sagen utopisch. Doch seien wir ehrlich: Die Playoffs sollten es schon werden. Idealerweise mit dem Gewinn der AFC North, nicht bloß mit der letzten Wildcard.

4 Kommentare zu “Pittsburgh Steelers in der Sezierstunde

  1. Immobiler und verletzungsanfälliger QB hinter OL mit Fragezeichen, keine Tiefe, fragwürdige/eher unterdurchschnittliche Secondary und die Frage, ob Schuster-Smith ein legitimer #1 WR sein kann. Mir persönlich zu viele “red flags”, auch den Schedule sehe ich nicht so einfach. Habe PIT bei 7 bis 8 Siegen.

  2. Naja, das finde ich wieder was negativ. Der QB war die letzten beiden Saisons eigentlich durchgehend fit. Der schnellere Release hat geholfen.

    Die O-Line hat Fragezeichen bezüglich der Qualität im Vergleich zum letzten Jahr. Sie wird immer noch eine richtig gute O-Line sein – aber vielleicht keine Top3-5 Line wie davor. Mit Pouncey und Castro hat man zwei All-Pro Kaliber, mit dem LT und Foster zwei sehr solide Starter. Der RT ist etwas unklarer, aber der planmäßige Starter war letztes Jahr auch schon komplett ausgefallen.

    Die Defensive sollte durch Nelson und Bush besser sein als letzes Jahr, immer noch weit weg von Spitze aber auf jeden Fall verbessert.

    Einzig Brown ist ein herber Verlust (zumindestens sportlich), da gibt es nichts zu diskutieren.

    Tippe auf 9-11 Siege. In den Playoffs ist man für mich aber klar schlechter als KC, NE und LAC.

  3. die steelers haben gegen die ravens mit lamar jackson in den nächsten Jahren ganz schlechte karten. ich denke die playoffs werden regelmäßig verpasst.

  4. Ich sehe nicht, was die Ravens mit Jackson so besonders stark machen würde. Cleveland ist hier wohl eher zu nennen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.