Alabama Crimson Tide 2019 – Vorschau Offense

Alabama ist in der Ära Nick Saban als Defense-Universität bekannt. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Saban ist nicht nur ein gerissener Innovator auf dem Defense-Feld. Seine Units haben über die Jahre auch stets geliefert: Nach Bill Connellys S&P+ Rating haben Alabamas Defenses seit 2007 insgesamt sechsmal als #1 Defense im Lande abgeschlossen. Das letztjährige #7 Ranking war Alabamas schlechtestes Abschluss-Ranking seit fast zehn Jahren.

Doch heute geht es um Alabamas oft stiefmütterlich behandelte Offense. Die ist wesentlich besser als ihr Ruf – nicht erst seit dem letzten Jahr. Schauen wir uns das Abschluss-Ranking in Offensive S&P+ an, so sehen wir, dass Alabama mit Ausnahme Sabans Debütjahr 2007 jedes Jahr in den Top-25 gerankt war, davon fünfmal in den Top-6 des Landes:

  • 2018: #2 nach S&P+
  • 2017: #11 nach S&P+
  • 2016: #14 nach S&P+
  • 2015: #23 nach S&P+
  • 2014: #5 nach S&P+
  • 2013: #6 nach S&P+
  • 2012: #3 nach S&P+
  • 2011: #13 nach S&P+
  • 2010: #4 nach S&P+
  • 2009: #23 nach S&P+
  • 2008: #23 nach S&P+
  • 2007: #53 nach S&P+

Auch für 2019 gilt: Das Offensivpersonal in Alabama ist beeindruckend.


QB Tua Tagovailoa gilt als eines der besten QB-Prospects der letzten Jahre. Tagovailoa hat nicht den schärfsten Wurfarm unter der Sonne, doch er punktet mit tödlicher Präzision. Quasi seit er vor eineinhalb Jahren das National-Championship Game gegen Georgia gewann, gilt er als Top-Draftpick 2020.

Doch Sideline Reporter ist kein Portal, das überhitzten Jazz liebt – lass uns die kritischen Punkte an Tua abarbeiten:

  1. Die Konzepte, die Alabamas Offense letztes Jahr spielte, waren relativ simpel – mache sagen, es war nur ein einziges Konzept. Tua hatte nur Half-Field Reads auszuführen – er muss sich diesbezüglich weiterentwickeln.
  2. Performances gegen die besten Gegner im Schedule war eher mau. Je besser der Gegner, desto schwieriger ist es natürlich, dominante Zahlen aufzulegen, doch Tua war gegen LSU, Georgia und Clemson insgesamt enttäuschend.
  3. Verletzungen: Tua hatte immer wieder mit diversen Zipperlein zu kämpfen. Meine Wette steht nach wie vor: Sollte Tua eine dominante Regular Season spielen und den #1 Pick Anfang Dezember quasi eingetütet haben, wird er der erste Superstar sein, der die College Football Playoffs aussetzt und damit ein erster Totengräber für den College Football.

Alabamas Offense Line muss den Abgang von LT Jonah Williams verkraften und bringt insgesamt nur 47% der Starts zurück. In den letzten Jahren war das nie ein Problem: Alabama stellte immer eine dominante Line auf.


Sensationell sind die Skill-Player: Auf Runningback verliert Alabama in Josh Jacobs (1st Rounder) und Damien Harris (3rd Rounder) die beiden Starter mit den meisten Carries, wobei der explosivste der Backs in den letzten Jahren noch immer im Kader steht: Najee Harris, mit 6.7 Yards/Carry in nur knapp über 100 Downs ein brandgefährlicher Ballträger.

Harris ist mittlerweile Junior. Er galt in den letzten Jahren als sauer, weil er zu selten eingesetzt wurde, sieht sich als 1st-Round Talent. Doch um wirklich als Top-Prospect angesehen zu werden, muss Harris an seiner Receiving-Dimension arbeiten: Nur 4 Catches in der kompletten letzten Saison – das ist in der heutigen Zeit zu wenig. Najees Vorgänger Jacobs war ein famoser Ballfänger – gab es bloß nicht genügend Downs um auch Najee vollumfänglich zu bedienen, oder ist er schlicht nicht komplett genug?

Selbst wenn er ein ausreichend guter Catcher wäre: Wird Tagovailoa ihn bedienen, wenn er zusätzlich noch so viele Hände auf Wide Receiver füttern muss, dass davon im Prinzip zwei Mannschaften leben könnten? Alabamas Wide-Receiver Corps 2019 ist so atemberaubend, dass er nächstes Jahr drei hohe Draftpicks liefern könnte:

  • WR Jerry Jeudy – der neue Julio Jones: Ein Mann, der die 40yds in unter 4.35 Sekunden sprintet und schon in jungen Jahren als derart perfekter Route-Runner gilt, dass er über die Mitte wie auf tiefen Routen als kaum schlagbar gilt. Jeudy hatte schon letztes Jahr fast 1400 Receiving-Yards, darunter viele tiefe Catches.
  • WR Henry Ruggs – Wie Jeudy von den Anlagen her ein deep threat, doch im Gegensatz zu Jeudy wurde er zuletzt eher auf kürzeren Routen eingesetzt und sah nur jedes siebte Target tiefer als 20yds downfield.
  • WR Jalen Waddle – Der primäre Slot-Receiver im Alabama-System. Waddle ist ultra-antrittsschnell und gilt wie Ruggs als Spezialist für Yards nach dem Catch.
  • WR DeVonta Smith – Der Scorer des Sieg-Touchdowns im epischen Title-Game 2017/18 gegen Georgia. Smith ist mittlerweile Junior und gilt als extrem fangsicherer Mann (75% Catch-Rate), doch man traut ihm bei allen Anlagen nicht zu, an Jeudy/Ruggs vorbeizuziehen, und im Slot ist Waddle die vielseitigere Waffe. In vielen Offenses wäre Smith die #1, doch in Alabama reicht es nur zu sporadischen Einsätzen.

Die Amerikaner sagen hierzu „embarrassment of riches“. Schon letztes Jahr fegte die Crimson-Tide Offense über die SEC hinweg, als gäbe es kein Morgen. Kaum ein Spiel war in der zweiten Halbzeit überhaupt noch spannend. Es ist bekannt, dass Tagovailoa erst in den allerletzten Spielen überhaupt im vierten Viertel noch eingesetzt werden musste.


Und dennoch bleiben ein paar Fragen offen. Die wichtigste kreist um OffCoord Steve Sarkisian, der für seine zweijährige Anstellung als NFL-Playcaller der Atlanta Falcons gemischte Kritiken bekam.

Die andere kreiselt um die generellen Pass-Konzepte. Saban galt nie als Liebhaber der Spread-Offense, doch Saban erkannte schon vor einigen Jahren, dass in der gegenwärtigen Footballwelt ohne Spread-Konzepte kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist – selbst für seine athletisch meist überlegenen Alabama-Spieler nicht mehr.

Dennoch spielt Alabama weniger Spread-Offense als viele andere Topteams. Mit besagtem WR-Quartett, einem phyischen Back wie Najee Harris sowie einem extrem präzisen Werfer wie Tagovailoa wäre eigentlich ideales Spielermaterial für mehr Spread-Konzepte vorhaben.

Wird man also sein Spielzug-Arsenal erweitern, oder wird man weiterhin nur an einigen wenigen Konzepten festhalten und darauf vertrauen, dass Tagovailoa jedesmal das notwendige Fenster trifft? Oder kann man es gar nicht erweitern, weil Tagovailoa gar nicht so gut ist wie alle denken?

2019 wird diesbezüglich ein vielsagendes Jahr.

Mögliche Umstellungen in der Offense

Run/Pass-Options aus Spread-Formationen sind momentan der große heiße Scheiß in der Footballwelt. Sie geben der Offense bis nach dem Snap die Option sowohl auf Laufspielzug als auch auf Passspielzug. Sie hindert die Defense daran, mit zusätzlichen Defensive Backs die Box zuzustellen und bringt Linebackers und Safetys in die Bredouille, weil diese sich entscheidend müssen, primär Lauf oder Pass zu verteidigen.

Alabama spielte seine Run/Pass-Options wie viele Mannschaft und trotz eines Superstar-QBs wie Tagovailoa mit dem Hauptziel, gegen eine möglichst sachte bevölkerte Box zu laufen. Man stellte sich in Spread-Offense auf in der Hoffnung, dass möglichst wenige Defensive Backs die Box zustellen würden, um entweder dagegen zu laufen oder einen schnellen Pass raus zu einem Wide Receiver anzubringen. Die Play-Designs waren relativ simpel – das oben verlinkte „Smash“-Konzept dominierte dank Tagovailoas tödlicher Präzision und seiner quicken Reads.

Doch in den letzten Wochen der Saison hatte Alabama zunehmend Probleme gegen Gegner wie Clemson, die vor allem darauf pochten, Alabama das Passspiel wegzunehmen. Sie erzwangen bei RPOs das Laufspiel. Tagovailoa hatte dagegen Probleme.

Sarkisian ist kein Coach, der in seiner Karriere viel RPO coachte. Er gilt als Verfechter von „Pro-Style Passing“ mit vielen West-Coast Konzepten und Progression-Reads über das ganze Feld („full field progression-reads“). Für Tua ist vieles davon neu – er war bislang vor allem schnelle RPO-Reads gewohnt. Im Spring-Football Game hatte er mit den neuen Reads noch Probleme.

Doch so verwirrend die „Rückkehr“ von RPO/Spread auf Pro-Style Passing erstmal klingen mag: Es gibt durchaus Potenzial, nämlich dann, wenn Sarkisian die West-Coast Routen aus Spread-Aufstellung designt und mit einer Run/Pass-Option kombiniert. SB Nation erklärt, wie es funktionieren kann. Doch es kann auch schief gehen: Für Tagovailoa ist diese Art von Field-Screening neu.

Trotzdem geht man davon aus, dass allein aufgrund des fassungslosen Spielermaterials eine weitere Top-10 Offense Pflicht ist. Alabama 2019 wird wie schon die letztjährige Version vor allem von seinem Angriff leben.

3 Kommentare zu “Alabama Crimson Tide 2019 – Vorschau Offense

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