Buchrezension: The Perfect Pass (S.C. Gwynne)

Mit Kliff Kingsbury bei den Arizona Cardinals wird zur anstehenden Footballsaison erstmals in der NFL die „Air-Raid Offense“ als gesamtes Konzept eingeführt. Zu diesem Anlass hier eine kurze Rezension zu einem Buch von S.C. Gwynne, das ich kürzlich gelesen habe: The Perfect Pass aus dem Jahr 2015.

The Perfect Passbeschäftigt sich mit der Geschichte und der Philosophie der Air-Raid Offense. Hauptfigur sind dabei der „Vater der Air-Raid“, Hal Mumme (Aussprache wie Mami) sowie in Teilen Mummes Lieblings-Ziehsohn Mike Leach.

Das Buch begleitet Mumme dabei beginnend mit seinen Anfängen als junger Familienvater, doch unterbezahlter Coach in den Colleges und Highschools von Texas Mitte der 1980er, als Passspiel bis auf wenige Ausnahmen noch eher als Ablenkungsmanöver eingesetzt wurde und Bestreben nach physischer Defense und viel ground und pound das Footballgeschehen bestimmten.

Mumme war zu jener Zeit so etwas wie ein bunter Vogel, ein Künstler, der im Football die Möglichkeit sah, sich zu verwirklichen. Dabei setzte Mumme nicht wie alle anderen auf Physis, sondern verfolgte schon früh die Idee, sein Spiel primär über eine Passing-Offense aufzuziehen.

Passspiel war in den 1980ern natürlich nicht komplett unbekannt. Schon seit Jahrzehnten hatte es Bestrebungen gegeben, den Luftweg zu etablieren – z.B. Dutch Meyer mit seiner urzeitlichen Spread-Offense in den 1930ern, Clark Shaughnessy mit seiner T-Formation in den 1940ern, Tiger Ellison und Mouse Davis mit ihrer Run & Shoot-Offense ab den 1960ern, Sid Gillman mit seinem Downfield-Passing in den 1960ern, Don Coryell mit seiner Air-Coryell Offense ab den 1970ern, natürlich Bill Walsh mit seiner West Coast Offense ab Anfang der 1980er oder LaVell Edwards mit seiner sensationellen Passgewalt an der Brigham Young University (gewann 1984 als Mid-Major sogar eine National Championship).

Diese Pioniere waren zu oft eher die Freakerscheinungen als die echten Wegbereiter geblieben – denn auch wenn sich Passspiel über die Jahre und dank einiger Regeländerungen stetig zu einem immer wichtigeren Teil des Footballspiels entwickelt hatte, so gab es bis Hal Mumme niemanden, der wirklich allein das Passspiel in den Mittelpunkt seines Gameplannings stellte.

Mumme entwickelte sich diesbezüglich zu einem Extremisten. Er arbeitete nicht bei großen Mannschaften. Vielmehr operierte er in obskuren, kleinen Highschools (Copperas Cove) und Colleges (Iowa Wesleyan), die niemals Erfolg hatten – mit dem einen Vorteil: Er konnte schalten und walten wie er wollte. Mumme mag kein einfacher Charakter gewesen sein, aber er war mutig, einfallsreich und zielstrebig. Gemeinsam mit seinem ulkigen Assistenten Leach entwickelte er, stets durch die Lande tingelnd und bei den besten Passing-Coaches hospitierend, über die Jahre die wesentlichen Bestandteile seiner späteren Offense.

Immer wieder hatte er dabei mit Widerständen, und schlimmer noch, absolutem Desinteresse zu kämpfen. Wenige glaubten an ihn – aber die Wenigen waren ausreichend um auf einer Station nach der anderen die notwendigen Stellschrauben drehen zu können.

Schließlich schaffte Mumme im tiefsten, erzkonservativen US-Süden den Durchbruch, als er zwischen 1992 und 1996 beim Division-II College Valdosta State die Liga von hinten aufrollte – beziehungsweise überrollte: Passfeuerwerke und Passrekorde bestimmten seine Zeit bei Valdosta, und sie bescherten ihm einen Job als Chefcoach der Kentucky Wildcats. Die spielen in der Königsklasse, der SEC. Dort brachte Mumme in zwei Jahren sogar einen #1 Overall Draftpick in QB Tim Couch hervor.

Das Buch endet im Prinzip mit Kentuckys Sieg über Alabama 1997, den Gwynne als Mummes Höhepunkt und endgültige Ankunft der „Außenseiter-Offense“ Air-Raid anpreist. Just dieser Teil im Erzählfaden erscheint etwas kurios, nachdem die Air-Raid Offense damit zwar erstmals auf der großen Bühne in Erscheinung trat. Doch die wahren Meilensteine in der Geschichte der Air-Raid Offense waren andere. Seine erste erfolgreiche Saison bei Iowa Wesleyan. Seine Duelle mit North Alabama bei Valdosta State. Oder ultimativ 2008 der Crabtree-Touchdown gegen Texas.

Mumme war in seiner Funktion als Ideengeber, aber vor allem auch (im Buch super beschrieben!) Ideensammler, natürlich der Gründervater der Air-Raid Offense. Doch auf den höchsten Ebenen popularisiert wurde die Offense dann von anderen – Mike Leach, Tony Franklin (der im Buch überraschenderweise überhaupt nicht vorkommt), Dana Holgorsen oder Kliff Kingsbury.

Der exzentrische Mumme war dann, nach 2000, weg vom Fenster – er wurde in Kentucky schnell gefeuert, als es nicht mehr lief und verbrachte seine spätere Coaching-Karriere unter ferner Liefen in den Niederungen des College Football – chancenlos, gegen sein eigenes geschaffenes Monster „Air-Raid“ anzukommen: Sein „Trainerbaum“ erreichte weit größere Erfolge.

Leach zum Beispiel nutzte das Sprungbrett als Offensive Coordinator in Oklahoma um eine Anstellung beim Big-12 College Texas Tech zu bekommen, bei dem er mit atemberaubenden Passing-Rekorden und dem absolut epischen 39-33 Sieg über Texas 2008 zum Helden wurde.

Die Geschichte des Buches endet in Kentucky. Doch die Geschichte der Air-Raid wird noch immer weitergeschrieben. Es gibt sogar Argumente dafür, dass sie gerade wieder zusätzlichen Schwung aufnimmt, weil sie über die Jahre immer weiter angereichert und bis hoch in die NFL verbreitet wurde. Doch weder hat eine in erster Linie auf „Air-Raid“ Philosophie gebaute Offense bislang eine National-Championship gewonnen, noch hat sie in der NFL vollständig Fuß gefasst.

Trotzdem geht Autor Gwynne bereits dazu über, die Air-Raid Offense in eine Reihe mit der Single-Wing Offense und der Wishbone-Offense als die einzigen unbezwingbaren Offenses der Footballgeschichte zu stellen.

Vieles daran ist richtig. Mummes „Air-Raid“ Offense hat den entscheidenden Beitrag dazu geliefert, Football für immer zu verändern und von den öden Grabenkämpfen hin zu einem intellektuell fordernden Spiel zu machen, das heute überwiegend über das Passspiel definiert wird.

Das Buch mag Mumme zu sehr glorifizieren, denn so faszinierend und bahnbrechend er als Coach war, so hat letztlich nicht er, der Innovator, die höchsten Ebenen des Footballs erobert, sondern die „First-Follower“. Auch scheitert dieses ansonsten hervorragende Buch ein wenig an der Stelle der kritischen Betrachtung Mummes, dessen (für seinen persönlichen Erfolg letztlich entscheidenden) Verfehlungen nur am Rande tangiert werden.

Doch vielleicht ist all dies am Ende auch nur Nebensache, denn das wahre Erbe ist nicht Mumme selbst, sondern die „Air-Raid“ als Vermächtnis, und ihre Ideen, Grundgedanken, Weiterentwicklungen – ihre Geschichte – sind in diesem Buch exzellent verarbeitet. Ich habe beim Lesen nur einmal abgesetzt. Am zweiten Abend war ich schon fertig – ausgestattet mit genügend Ideen um das Thema Air-Raid in den nächsten Wochen auf diesem Blog zu vertiefen.

4 Kommentare zu “Buchrezension: The Perfect Pass (S.C. Gwynne)

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