4th Down Aggressivität 2018

Aggressivität in 4th Downs – für viele die Situation, in der NFL-Coaches den meisten Aufholbedarf haben. Lass uns auf den „Aggressivitäts-Index“ der NFL-Coaches in 4th Downs 2018 schauen.

Ich cheate dabei mal ganz ungeniert und stehle die Definition von Football-Outsiders. Um die „logischen“ Ausspiel-Situationen zu eliminieren, in denen jeder Coach 4th Downs ausspielt, habe ich ganz einfach folgende 4th-Down Situationen der letzten Saison verwendet:

  • Alle 4th Downs in der ersten Halbzeit
  • 4th Downs aus dem dritten Viertel, in dem die Mannschaft nicht bereits mit mindestens 15 Punkten zurücklag
  • 4th Downs aus dem Schlussviertel, in dem die Mannschaft nicht bereits 10 Punkte zurücklag

Damit haben wir natürlich kein perfektes Bild, aber eine ganz gute Annäherung dessen, was wir studieren wollen: Wie oft spielen Coaches 4th Downs aus, obwohl sie nach landläufiger (von Konservativen getriebener) Meinung nicht „müssten“? Football-Outsiders schließt übrigens auch alle Plays innerhalb der letzten 10 Sekunden der 1ten Halbzeit aus. Ich habe das nicht getan.

Alle 4th Downs

Die Auflistung des Play-Callings bezogen auf alle 4th Downs sehen wir in nachfolgender Tabelle: In der zweiten Spalte („Opportunities“) sehen wir die 4th-Down Situationen unter oben beschrieben Bedingungen, in denen Coaches hätten ausspielen können. In der dritten Spalte („Go for It“) sehen wir die Anzahl der effektiv ausgespielten 4th Downs.

Die Spalte „GoForIt%“ ist die Rate der ausgespielten 4th-Downs. „AGG“ zeigt den Aggressivitäts-Index: Wie aggressiv war die Mannschaft im Vergleich zum Liga-Schnitt. 1 ist dabei der Durchschnitt. Ein Index von weniger als 1 ist weniger aggressiv als NFL-Schnitt. Index über 1 ist aggressiver als NFL-Durchschnitt.

Unter „Rk“ ist die Platzierung der Mannschaften zu sehen. In der letzten Spalte habe ich die Success-Rate der ausgespielten 4th Downs aufgelistet.

Für Arizona kann man das so lesen: Steve Wilks hatte 97 Chancen, ein 4th Down auszuspielen, bevor er in „desperation modus“ sowieso ausspielen musste. Er tat es viermal. Das ist eine GoForIt% von 4%. Das ist ein Aggressivitäts-Index von 0.39 (da die NFL roundabout 10% der 4th Down Opportunities ausspielte).

Damit war er der 32t-aggressivste Coach von 32. Die Success-Rate der Cardinals in 4th Downs betruf aber auch nur 25%, was impliziert, dass nur eines der ausgespielten 4th Downs zum 1st Down verwertet wurde.

Wir sehen, dass Coaches weiterhin nur wenig proaktiv 4th Downs ausspielen lassen: Nur 10% der Situationen wurden ausgespielt – obwohl 61% zu einem neuen 1st Down führten!

4th Down Opportunities 2018 - All Downs

Andy Reid war bei den Chiefs dabei der aggressivste Coach mit 17% ausgespielten 4th Downs. Ziemlich tragisch dagegen ist die Franchise, von der wir mittlerweile wissen, dass sie sich einen Scheißdreck um Analytics schert, und wo offensichtlich niemand den ultrakonservativen Headcoach darauf hinweist, dass er seiner eigenen Mannschaft mit dem „Hose-voll-Playcalling“ schadet: Anthony Lynn von den Los Angeles Chargers: Nur 7 von 110 4th-Down Opportunities wurden ausgespielt – die fünftschlechteste Ratio der NFL! Und das, obwohl die Chargers alle sieben 4th Downs verwerteten!

Wenn du keine Analytics-Abteilung verwendest, checkst du noch nichtmal, dass du jedes 4th Down verwertest, vor lauter Schiss, weil du seit 35 Jahren immer nur hörst, dass man erst dann ausspielt, wenn es nicht mehr anders geht.

Wir erinnern uns an die richtige Strategie: Establish the Lead. 4th Downs auszuspielen ist eine „strategische Stoßrichtung“ davon.

4th Down & Distance

Doch man kann argumentieren, dass eine Auflistung aller 4th Downs irreführend ist, weil sie keine Rücksicht auf die zurückzulegende Yardage nimmt. Wenn wir uns ligaweit anschauen, wie Coaches letzte Saison ihre 4th Downs nach Berücksichtigung auf die Distanz zum neuen 1st Down gehandhabt haben, so sehen wir:

  • 4th & 1 wird schon in fast der Hälfte der Zeit ausgespielt und bringt auch starke 72% Conversion-Rate
  • Doch schon ab 4th&2 sind Coaches sehr skeptisch gegenüber dem Ausspielen: Nur noch 17% bei 4th&2 und 11% Ausspielen-Rate bei 4th & 3, obwohl die Conversion-Rate jeweils über 50% liegt
  • Ab 4th & 5 wird nur noch in wenigen Ausnahmesituationen ausgespielt: 4% Ausspiel-Rate.

Es ist also nur fair, dass wir uns auch die 4th & short Situationen getrennt anschauen, wenn wir Coaches bewerten wollen.

4th Down Opportunities 2018 - by Distance

4th & short (1-3 Yards to go)

Als 4th & short habe ich fürs erste mal alle Situationen mit maximal 3 Yards to go definiert.

4th Down Opportunities 2018 - 4th und short

Ich hatte es schon im Jänner in einer ähnlichen Studie aufgezeigt, aber es bleibt „baffling“, gerade in Anbetracht dass diese Mannschaft RB Todd Gurley einen Multimillionendeal gab: Die Rams sind eine der konservativsten Mannschaften in 4th & short Situationen – und das, obwohl sie fast jedes der ausgespielten 4th Downs verwerteten!

Belichick, früher einer der aggressivsten 4th-Down Coaches, spielt wie wir in dieser Aufstellung sehen, kurze 4th-Downs nur noch in Liga-Durchschnitt aus.

4th & 1

Beschränken wir uns nur auf 4th & 1, das in der gegenwärtigen NFL mit 48%-Ausspielquote noch immer deutlich zu konservativ gecallt wird, zumal es in 72% der Fälle ein neues 1st Down oder Touchdown bringt, so sehen wir:

4th Down Opportunities 2018 - 4th und 1

Auch hier gilt: Andy Reid hat es verstanden. Satte 11 der 16 Gelegenheiten spielte er aus. Leider nicht in der wichigsten von ihnen allen – dem 4th Down in der eigenen Spielhälfte gegen die Patriots, als er die Chance gehabt hätte, das Schicksal der Chiefs zu wenden. Meine Instant-Reaction auf Twitter, die Reid zum Ausspielen aufforderte, sorgte für lebhaften Gegenwind, wie man im Thread nachlesen kann.

Hätte Reid jenes 4th Downs ausgespielt, er wäre der „small sample size“ King in der 4th&1-Kategorie gewesen. So war es am Ende überraschenderweise Pat Shurmur, der mit Daten der David-Gettleman Analytics-Wizards gefüttert wird, und 7 von 10 Ausspiel-Optionen nutzte.

Desaster sind übrigens Mike McCarthy (das kennen wir bei ihm in 4th & 1 ja schon…) und Kyle Shanahan, die nur 25% der Optionen ausspielten.

4th & longer (mehr als 3 Yards to go)

Teams gehen in 4th-Down-Situationen, die mehr als 3 Yards zurücklegen müssen, kaum aufs Ganze: Sie spielten nur 4% der über 2.600 Fälle aus. Erstaunlich ist dabei, dass gerade Teams wie die Panthers oder Rams weit oberhalb von NFL-Form ausspielten (11% bzw. 10% der Fälle).

Was bewegt einen Coach wie Sean McVay, nur 20% seiner kurzen 4th Downs auszuspielen, dafür aber 9% seiner langen?

Übrigens sind die Detroit Lions die einzige Mannschaft, die nicht ein einziges 4th Down mit mehr als 3 Yards Distanz ausspielten.

4th Down Opportunities 2018 - 4th und longer

Aggressivitäts-Index

Schauen wir uns das Aggressivitätsverhalten der Mannschaften für die oben beschriebenen Szenarien an – 4th & 1, 4th & short, 4th & long sowie alle 4th Downs – so können wir grob abschätzen, wie die einzelnen Coaches ihre 4th Down-Strategie angelegt haben.

Die meisten Coaches sind unabhängig von der Distanz „to go“ relativ beständig in dem, wie sie 4th Downs handhaben. Die Texans zum Beispiel haben einen Aggressivitäts-Index von jeweils 0.7 in den kurzen Situationen, und 0.61 in den längeren 4th Downs.

Doch zum Beispiel die Saints zeigen ein klar definiertes Verhalten: Während sie in kurzen 4th Down Situationen mehr als 30% aggressiver als das durchschnittliche Team callen, vermeiden sie in ihren längeren 4th Downs jegliches Risiko und spielen deutlich unterhalb von NFL-Norm aus.

Ein ähnliches Verhalten, etwas abgeschwächt, legten die Vikings, Giants und Eagles an den Tisch.

Die Packers waren in 4th & 1 Situationen extrem konservativ (was wir schon seit dem bodenlosen NFC-Finale 2014/15 wissen…), aber sie waren um 17% aggressiver als der Durchschnitt, wenn es mindestens 2 Yards zurückzulegen galt.

Belichick war früher mal der aggressivste 4th-Down Playcaller der NFL. Wo sich die Liga weiterentwickelt hat, scheint Belichick ca. 2010 stehen geblieben zu sein. Er ist in 4th & 1 aggressiver als der Durchschnitt, aber längst nicht aggressiv genug – gerade er, der in Tom Brady den besten Sneak-QB aller Zeiten hat, hätte häufiger ausspielen sollen! Auf längeren Distanzen ist Belichick sogar unter NFL-Schnitt.

Spannend ist auch Frank Reich in Indianapolis, der auch aufgrund des Overtime-Calls gegen die Texans in der landläufigen Meinung als einer der besseren 4th-Down Playcaller galt. Doch in Wahrheit ist Reich konservativer als der NFL-Schnitt. Jetzt stell dir mal vor, dem Mann flüstert einer diese Ineffizienz ins Ohr…

4th Down Opportunities 2018 - Aggressivitäts Index

Wir können auf Basis dieses Rankings auch die Aggressivitäts-Könige der NFL kürzen:

In 4th & 1 Situationen sind es Pat Shurmur von den sowie Andy Reid von den Chiefs.

In 4th & short Situationen ist Reid alleiniger Champion.

In 4th & longer Situationen sprengen die Panthers und Rams völlig den Rahmen und spielen mehr als doppelt so häufig wie Liga-Durchschnitt aus.

Nehmen wir alle Spielsituationen als Grundlage, ist Reid der 4th-Down Aggressivitäts-Champion der NFL.

13 Kommentare zu “4th Down Aggressivität 2018

  1. Interessanter Artikel mit teils überraschenden Ergebnissen, Danke dafür!
    Für wie groß hältst Du denn den Einfluss der Feldposition auf die Aggressivität von 4th Downs?

  2. Sind hier auch Fake-Punts/-Kicks mit eingerechnet oder spielt der Einfluss keine Rolle auf die gesamte Statistik?

  3. ich frage mich, was die Konsequenz wäre, prinzipiell auf das Ausspielen des veriten zu gehen.
    Es würde bedeuten, dass ich „nur“ 2,5 yard pro Versuch brauche statt 3,333.
    Ein unterschied von 0,8333 also knap ein Yard. Wenn ich die 0,833 weniger nun in Relation zu den 3,3 setze, müsste jeder Zahlenmensch doch sagen: Geht von Anfang an auf 4th downs im playcalling.

    Auch das playcalling würde hier flexibler werden. Geht man tief und es ist incomplete hat man für die verbleibenden versuche immer „nur“ 3,3 statt 5 yards zu erzielen.

    Ferner denke ich, dass gegnerische DEF mehr gefrustet sind da sie ja wissen, dass sie 4 mal stoppen müssen und der Ggener im Schnitt nur 2,5 yard statt 3,333 yard braucht. Psychologierscher Effekt.
    Geht man auch davon aus, dss DEF schneller ermüdet als OFF und die dann länger am Feld ist…..
    Dafür wird die eigene DEF weniger ermüden…..

    Was es meiner Meinung hierzu braucht, ist eine möglichst gute O Line. Hilft beim Pass, hilft beim Run und hilft beim Sneak.

  4. @andi: Bezüglich der Feldpositionen gilt der Grundsatz „je weiter weg von der eigenen Endzone, desto besser“.

    Hier die Ausspiel-Rate bei 4th & short (bis 3 Yards to go) pro Field-Zone:

    Gleiches Bild für 4th & 1:

    77% der 4th & 1 Situationen in der gegnerischen Redzone werden also mittlerweile auch dann ausgespielt, wenn der Coach nicht „muss“. Das würde ich als Fortschritt bezeichnen. Vor 10 Jahren hat die überwältigende Mehrheit der Analysten solche Calls noch verdammt.

  5. @Alexander: Es wäre vielleicht nicht sinnvoll, jedes 4th Down auszuspielen. Aber es wäre sinnvoll, mit dem Mindset ins Rennen zu gehen, 4th Downs überwiegend ausspielen zu wollen.

    Im Prinzip verändert sich damit vor allem die Situation bei 3rd & long: Coaches würden dann ihr Play-Calling anders gestalten, weil sie nicht zwingend schon im 3ten Versuch converten „müssen“, sondern zwei Downs zur Verfügung haben.

    Einige Coaches praktizieren das bereits in Ansätzen. Die Analytics-Community erwartet mit recht hoher Zuversicht, dass sich diese Denke in den nächsten 5-10 Jahren durchsetzen wird.

  6. genau das mindset, das wollte ich ausdrücken. Auch klar, dass ich dann bei 4. und lang an der eigenen 15 doch mal lieber den punter schicke. Aber genau um dieses mindset geht es mir und ich denke, das kann eine gegnerische DEF auch ziemlich mürbe machen.

  7. Danke für deine Antwort!

    Die 77% klingen ja schon ganz gut. Bei 4th&short ist aber noch Luft nach oben. Die 3 Punkte durch Fieldgoal scheinen hier noch lieber genommen zu werden.

    Wie verhält sich denn die SR% je Field Zone? Müsste ja eigentlich abnehmen je näher man der gegnerischen Endzone kommt.

    Kannst Du deine Statistik auch nach Run und Pass aufdröseln? Bei 4th&1 wird der Großteil ja vermutlich Run sein, aber wie siehts da bei 4th&short aus?

  8. Siehe hier für 4th & short (bis 3 yds to go):

    Du scheinst richtig geahnt zu haben.

    Man müsste aber vermutlich zumindest noch 2-3 Jahre dazunehmen um wirklich stabile Zahlen zu bekommen.

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