QB im Fokus: Lamar Jackson / Baltimore Ravens

Disclaimer voraus: Ich bin Lamar-Jackson Fanboy der ersten Stunde. Seine Performance gegen FSU war eine der sensationellsten, die ich jemals gesehen habe. Und da Jackson viele Vorurteile des „schwarzen QB“ erfüllt („eigentlich ist er ein verkappter Wide Receiver“), hoffe ich sowieso auf Jacksons Durchbruch.

Ich bin gespannt, ob es klappt. Das Rookie-Jahr war etwas zwiespältig, aber mit guten Ansätzen. Coaching-Stab ist stark. Seine Entwicklung als Werfer wird entscheidend.

Mitten in den letzten Saison haben die Baltimore Ravens bei Zwischenbilanz von 4-5 Siegen und Gerüchten ob einer bevorstehenden Ablöse von Headcoach John Harbaugh den Wechsel vom altgedienten Superbowl-QB Joe Flacco auf Jackson durchgezogen. Hernach gewannen die Ravens sechs von sieben Spielen (mit einer knappen Niederlage in Kansas City) und zogen in die Playoffs ein.

Doch wie sah die Performance der beiden Quarterbacks effektiv am Feld aus?

Lamar Jackson vs. Joe Flacco

Dass die Ravens mit oder ohne Flacco bei 4-5 Siegen völlig unterbewertet waren und positive Regression bevorstehen musste, hatte ich schon vor dem Quarterback-Wechsel im Detail geschrieben. Die Ravens drehten dann in der zweiten Saisonhälfte bekanntlich auch ihr Schicksa. Wenn wir nun auf die Performance der beiden Quarterbacks sehen, so können wir erstaunliche Dinge feststellen.

Ich habe mal eine fünfteilige Aufstellung gemacht, die sich leider etwas schwer lesen lässt:

  • Pass-Efficiency: Wichtige Metriken zur Bewertung der Qualität des Quarterbacks, wie Yards/Pass, Success-Rate, EPA/Pass oder Total-Adjusted Yards/Pass, dazu Completion-% over Expected (CPOE), 1st-Down Rate, Sack-Rate und Interception-Rate.
  • Pass-Style: Ein paar Metriken zur Bewertung des Spielstils des QB. Completion-Rate und aDOT (Average Depth of Target) zueinander in Relation gesetzt ergibt eine erwartete Completion-Rate. Aggressivness-Index zählt die Anzahl der Würfe in enge Fenster (Gegenspieler innerhalb 1 Yard). Time to Throw misst die durchschnittliche Dauer bis zum Wurf, dazu habe ich die Anzahl der tiefen Pässe (über 15 Yards downfield) und die Average Yards to Stick, also die durchschnittlichen Yards vor bzw. hinter die gelbe 1st-Down Markierung reingepackt. Mutigere QBs werfen dabei tendenziell über oder nahe der Anspiellinie.
  • Run Style: Hier geht es um die Aufteilung der Laufspielzüge. Total Runs führt die Anzahl der Laufspielzüge an. Designed Runs sind die Anzahl der von Coaches designten Runs, Scrambles die Anzahl der Plays, in denen der QB keinen vom Coach designten Run, sondern einen Scramble, gewagt hat.
  • Run-Efficiency: Selbsterklärend mit Yards/Run, Success-Rate und EPA/Run. Merke: Die Platzierung des QB habe ich nur unter den Quarterbacks mit mindestens 30 Runs verteilt.
  • Overall: Total Plays, Fumble-Rate, Overall Success-Rate, EPA/Play und Total-Adjusted Yards/Play, dazu habe ich unten die Win Probability Added (WPA) als absoluten Wert und als relativen Wert pro Spielzug angeführt – das, um in etwa abschätzen zu können, wie viel der Quarterback zur Siegbilanz beigetragen hat.

Hier die Aufstellung:

Flacco vs. Lamar Jackson (2018)

Wir sehen: Flacco war in fast allen Metriken der effizientere Spieler. Doch wir sehen auch: Unter Jackson haben die Ravens die Offense (oder zumindest das Play-Calling) komplett umgestellt.

Jackson bekam satte 121 designte Läufe. Angesichts dieser schieren Masse ist seine Rushing-Effizienz durchaus nicht zu vernachlässigen. Sie ist zwar eine der schlechtesten der Scrambling-QBs (#12 bis #14 unter 17 qualifizierten QBs mit 30 oder mehr Runs), aber für die schiere Masse an Rushes war sie gut.

Im Vergleich zum durchschnittlichen Laufspiel in der NFL war sie sogar sehr gut: Der durchschnittliche Run-Play bringt in der NFL nur 40% Success-Rate. Jackson hatte immer noch 51% Success-Rate.

Jackson hat länger den Ball gehalten (irgendwie logisch bei einem QB, der möglichst lange versucht, den Ball zu halten): 3.1 sek pro Drop-Back, nur ein QB mit mindestens 200 Passing-Attempts hielt den Ball länger.

Er kassierte auch dadurch deutlich mehr Sacks als Flacco (10.5% Sack-Rate / Flacco: 4.1%), warf etwas höhere Interception-Quote und vor allem: Fumbelte brutal häufig den Ball.

Was besonders auffällt: Jackson warf kaum tiefe Pässe. Nur 29 Passspielzüge flogen weiter als 15 Yards durch die Luft, das sind nur 15% Deep-Ball Quote. Selbst ein Jeff Driskel hatte in weniger Einsätzen mehr tiefe Passversuche als Jackson.

Wo Flacco pro Spielzug immerhin 0.05 EPA und einen positiven Beitrag von 0.24% zur Siegbilanz beitrug, war Jackson doch deutlich ineffizienter: Seine Spielzüge verloren im Schnitt 0.03 EPA und 0.07% Sieg-Wahrscheinlichkeit.

Der wahre Grund für den radikalen Umschwung der Ravens war in anderen Faktoren zu finden:

  • Defensive Big-Plays: Die Ravens-Defense blieb zwar nach Yards/Play und Success-Rate beständig hervorragend, doch während der zweiten Saisonhälfte erzielte sie ein paar Interceptions mehr.
Defensive Analysis - Ravens 2018

Defensive Analysis – Ravens 2018

  • Special Teams: -0.5% DVOA in Woche 1-9, #11 der Liga. 7.4% DVOA in Woche 11-17, #3 der Liga.
  • Close Games: Mit Flacco 0-3, mit Jackson 2-1. Flacco verlor mit 3 in Cleveland, verlor zuhause mit 1 Punkt gegen die Saints als Justin Tucker den Extrapunkt in der letzten Minute verschoss, und „verlor“ gegen die Steelers, als er verletzt runter musste. Jackson gewann zwei seiner drei knappen Spiele.
  • Schedule: Mit Flacco verlor man knapp in Cleveland und Cincinnati, gegen die Jackson jeweils zuhause gewann. Jacksons Ravens spielten u.a. gegen Raiders, Falcons und Buccs, die in der zweiten Saisonhälfte relativ kaputt waren.

Das Fazit bleibt im Prinzip: Es waren Kleinigkeiten. Wo sich die Ravens-Offense in der zweiten Saisonhälfte nach Effizienz verschlechterte, holten ein paar Defensive Big-Plays mehr sowie etwas mehr Close-Game Glück die Kohlen aus dem Feuer.

War Jackson damit ein totaler Flop?

Natürlich nein. Es gibt zwar deutliche Hinweise aus Baltimore, dass sie bereits vor dem QB-Wechsel die wesentlichen Blocking-Elemente und Play-Designs einstudiert hatten und nach Jacksons Einwechslung „nur noch“ die Triple-Option Elemente und einige Verfeinerungen einbauten. Dennoch ist nicht zwingend zu erwarten, dass eine über Nacht in Teilen re-designte Offense, noch dazu mit einem Rookie-QB, von Anfang an brillante Zahlen aufzulegen.

Auch bescheinigte man Jackson, mit zunehmenden Einsätzen schnell besser in seinen Progressions geworden zu sein. Man bescheinigte ihm, weniger „Running QB“ als vielmehr ein überkonfidenter „Mobiler QB“ gewesen zu sein, der Spielzüge zu lange hinauszögerte und dadurch zu viele Sacks kassierte – doch immer im Versuch, einen Pass anzubringen anstelle zwingend einen Scramble zu versuchen. So warf Jackson z.B. nur 60% seiner Pässe zum ersten Read. NFL-Schnitt ist 66%. Sollte dir jemand bei Jackson mit „one read QB“ kommen: Kannste damit widerlegen.

Was Jackson hervorragend machte: Passspiel über die Mitte. 59% Success-Rate, 9.1 Yards/Play, 0.44 EPA/Play über die Spielfeldmitte.


Darüber hinaus funktionierte das Laufspiel in der Jackson-Phase deutlich besser als in der Flacco-Phase. Schauen wir uns das Ravens-Laufspiel ohne sämtliche QB-Carrys an:

  • Woche 1-9: 43% Success-Rate, -0.05 EPA/Run, 3.8 YPC
  • Woche 11-17: 43 % Success-Rate, 0.10 EPA/Run, 5.3 YPC

Selbst ohne Jackson, der bekanntlich 51% Success-Rate, 0.12 EPA/Run und 5.4 Yards/Carry auflegte, war das Laufspiel in der zweiten Saisonhälfte deutlich effizienter, was einmal mehr den Trend bestätigte, dass mobile Quarterbacks dem Laufspiel über die Runningbacks beträchtlich helfen, weil sie Räume öffnen.

Doch PFF sah in ihm einen Heiß/Kalt Spieler (9t-meiste positive Plays, 2t-meiste negative Plays), einen der unpräzisesten Werfer der Saison – ein Trend, der sich aus dem College fortsetzte. In QB-Plays ohne Pressure war Jackson einer der schwächsten QBs des Jahres – nie ein herausragendes Zeichen für die Zukunft.

Ausblick

Ein schwer zu prognostizierender Spieler – doch das wussten wir bereits. Jackson ist der speziellste Quarterback seit Michael Vick – ein inkompletter Werfer, aber unglaublicher Athlet. Jackson geht nun nicht bloß in sein zweites Jahr als NFL-Profi – es ist vor allem sein erstes volles, in dem die gesamte Offense auf seine Talente zugeschnitten wird.

Weil die Ravens mit Greg Roman einen wesentlich besseren Offensive Coordinator eingestellt haben um Jacksons Talenten entgegenzukommen als es die Atlanta Falcons mit dem Jim-Mora-West-Coast Bullshit je gemacht haben, stehen Jacksons Erfolgschancen durchaus besser als jene Vicks.

Jacksons langfristige NFL-Aussichten stehen und fallen aber natürlich mit seinen Qualitäten in der Pocket: Kann er sich zumindest zu einem durchschnittlich effizienten Passer entwickeln, gibt er den Ravens in Kombination mit seinen athletischen Fähigkeiten eine potenziell wertvolle Dimension. Gelingt das aber nicht, bleibt Jackson reduziert aufs Scrambeln und auf gelegentliche Downfield-Shots. Damit ist der NFL auf lange Sicht nicht beizukommen – in diesem Fall ist bereits in der anstehenden Saison harzige Ravens-Offense zu erwarten.

Doch alles bisher Gesehene macht mich hoffnungsfroh bis relativ sicher, dass Lamar Jackson den Sprung machen kann.

3 Kommentare zu “QB im Fokus: Lamar Jackson / Baltimore Ravens

  1. Bei Jackson wusste die Defense vor jedem Snap bereits, dass er eher nicht passen wird. Trotzdem hatte er gute Scrambles. Beachtlich.
    Was mir allerdings Sorgenfalten auf die Stirn bringt: Ein QB der viel läuft, verletzt sich öfter. Siehe Vick. Jackson muss dringend mehr passen sonst wird er häufig verletzt ausfallen.

  2. Pingback: Furchtlose NFL-Vorschau 2019/20 | Die Kronprinzen | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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