Das Ende der Rassentrennung im College Football

Martin Luther Kings Ermordung, die Hippies, der erste Mann auf dem Mond, der Vietnam-Krieg: Die letzten Jahre der 1960er waren eine der aufregenderen Zeiten der jüngeren Menschheitsgeschichte, über die man als heute 31-jährig Gewordener mit einigem Staunen zurückblickt und sich fragt, was die Menschen damals wohl darüber dachten.

Es war auch eine wichtige Zeit: Die Jugend der Welt begehrte auf gegen verkrustete Strukturen. Und sie setzte sich durch um eine neue, liberalere Welt zu schaffen(*).

Im College Football war es die Zeit, in der die letzten Bastionen der weißen Vorherrschaft fielen. Wir haben bereits im letzten Eintrag gesehen, dass diverse (nicht alle!) Teams im Norden oder an der Westküste die Schwarzen mit offenen Armen aufnahmen, a) weil sie wesentlich liberaler dachten als „alle Schwarzen sind nutzlose Affen“ und b) weil es ihnen Wettbewerbsvorteile am Spielfeld brachte.

Alabama war nicht die letzte Mannschaft, die Schwarze aufnahm, aber es war die symbolkräftigste. Alabamas Headcoach Bear Bryant galt als Kriegsveteran zwar als durchaus stockkonservativ, doch in Sachen Weiß-gegen-Schwarz zählte man Bryant schon immer zu den offeneren Personen. Bryant hatte nix gegen Schwarze. Doch er hatte im Extremisten George Wallace einen prominenten Gegenpart, der mit seiner rassistischen Politik so viele Südstaatler hinter sich vereinte, dass es selbst dem ikonischen Bryant nicht gelang, den Knoten zu lösen.

Bryant, der Alabama so abgöttisch liebte, dass er seine Alma Mater niemals freiwillig wegen solch letztlich nebensächlicher Probleme verlassen hätte, flüchtete sich in die Vermittlung der besten schwarzen Talente im Süden an befreundete Coaches wie Michigan States Duffy Daugherty, der diese Tipps dankend annahm damit und potente National-Title Contender aufbaute.

Alabamas letzte große weiße Mannschaft war jene von 1966, der aus vorwiegend politischen Gründen der National Title trotz 11-0 Bilanz verwehrt blieb. Diese „weißen Alabama-Mannschaften“ waren keine Mannschaften, die man mit der heutigen Zeit vergleichen könnte, sondern kleine, wendige Einheiten, selbst die Offensive Liner hätten nach Spielende problemlos in ein gewöhnliches Büro wechseln können und niemand hätte irgendetwas körperlich Auffälliges an ihnen gefunden.

Doch das reichte zunehmend nicht mehr. Bryant wusste das. Alabama ging 8-2-1, 8-3, 6-5 und 6-5-1 in den Jahren nach 1966, und wo sich der ahnungslose Weiße fragte, ob Bryants Magie wohl verflogen war, arbeitete jener bereits an einer Lösung: Er lud die voll integrierten USC Trojans seines Freundes John McKay zu sich nach Tuscaloosa ein. Bryants Plan: Er wollte zeigen, dass auch Teams mit Schwarzen guten Football spielen konnten. Er wollte es nicht im TV zeigen. Er wollte, dass es die Leute direkt vor ihrer Haustür mit ihren eigenen Augen sehen würden, damit sie nicht hinterher behaupten konnten, dass die bösen Medien aus dem liberalen Norden die Bilder getürkt hätten.

Bryant nahm dabei eine Schlappe billigend in Kauf. Und die Schlappe kam: USC verprügelte Alabama angeführt vom farbigen Super-Runningback Sam Cunningham 42-21 und lieferte Bryant damit die Steilvorlage um endlich grünes Licht fürs Recruiting von Schwarzen zu bekommen. Schon ein Jahr später spielten die ersten Farbigen bei den Purpurnen in Alabama mit.

Weil ein Moment von solcher Tragweite nie groß genug sein kann, erklärten Alabamas Coaches im Nachgang, dass Cunningham allein mehr für die Integration im Süden getan habe als Martin Luther King in 60 Jahren, und liberale Medien erklärten den Tag als wahren Beitritt Alabamas in die Vereinigten Staaten:

OK, you can put another star in the Flag.

On a warm and sultry night when you could hear train whistles hooting through the piney woods half a county away, the state of Alabama joined the Union. They ratified the Constitution, signed the Bill of Rights. They have struck the Star and Bars. They now hold these truths to be self-evident, that all men are created equal in the eyes of the creator.

Our newest state took the field against a mixed bag of hostile black and white American citizens without police dogs, tear gas rubber hoses or fire hoses. They struggled without the aid of their formidable ally, Jim Crow.

Bigotry wasn’t suited up for a change. Prejudice got cut from the squad. Will you all please stand and welcome the sovereign state of Alabama to the United States of America?”

[Hatred Shut Out as Alabama Finally Joins the Union, September 13, 1970.]

Doch diese Geschichte ist stark vereinfacht – denn Menschen wollen einfache Geschichten. Die Wahrheit ist wesentlich tiefgreifender. Es gibt durchaus Stimmen, die dem USC-Alabama Spiel von 1970 nicht dieses gewaltige Gewicht beimessen, dass man es zum Wendepunkt der Segregations-Ära hochstilisieren könnte.

Ihr Argument: Eine Integration wäre sowieso passiert, denn der Zeitgeist ließ sich nicht mehr aufhalten. Selbst Alabama der 1960er als rassistischen Staat zu bezeichnen sei zu einfach und zu verallgemeinernd, denn es gab durchaus starke Gegenbewegungen, die Wallace und seiner Rhetorik zunehmend auf die Pelle rückten.

Auch dass Alabama vor allem dank der Integration von Schwarzen quasi über Nacht wieder zur neuen alten Macht wurde (in den Siebzigern waren Bryants Mannschaften 99-11 mit drei National Titles), gilt als umstritten. Schließlich sei die Übernahme der nächste Woche diskutierten Wishbone-Offense ein mindestens genauso wichtiger Grund für Alabamas imposanten Aufschwung gewesen.

Doch Grund für Alabamas Umschwung hin, Unumgänglichkeit der Integration aufgrund von sozial nicht aufzuhaltenden Entwicklungen her: Die Bastion der Weißen fiel. Und sie war ein Spiegelbild der Zeit.

1962 hatte man dem völlig rassengetrennten Ole Miss den Titel versagt, weil es auf dem Campus zu schweren Ausschreitungen gekommen war. 1966 gewann Notre Dame, und nicht Alabama, den Titel, vorwiegend weil Letztere sich weigerten, den Schwarzen die Tore zu öffnen. Ab 1971 war die die Diskussion obsolet, denn einfarbig weiße Mannschaften hatten ohnehin keine Chance mehr.

Und so war 1969 der letzte Showdown #1 gegen #2 zwischen rein weißen Mannschaften, als die University of Texas von Headcoach Darrell Royal die Arkansas Razorbacks 15-14 schlug, ehe nach dem Fallen der weißen Festung Alabama (1970) mit LSU und Ole Miss im Jahr 1972 die allerletzten Topmannschaften ihre Umkleidekabine den Schwarzen zugänglich machten.

Halten wir uns den Spiegel vor

(*) Doch die Geschichte ist damit nicht zu Ende. Gerade wenn man sich die heutige Rhetorik eines Donald Trump anhört, und sich aus seinem Publikum Augen gefüllt mit blankem Hass in deine Lider fräsen, ist es immer gut daran zu erinnern, dass wir das alles schon einmal hatten. Und dass zwei Generationen vor uns Leute existierten, die genau diese Mauern eingerissen haben, die der POTUS und seine Gefolgschaft nun wieder aufbauen.

College Football war bestimmt kein entscheidender Grund dafür, dass sich die Vereinigten Staaten auch in ihren konservativsten Regionen den Schwarzen öffneten. Aber es war einer der sichtbarsten. Heute sind knapp 50% der College-Footballspieler und sogar über 70% der NFL-Spieler Schwarze.

Trotz allem sind viele Probleme des Rassismus auch nach wie vor im Footballumfeld sichtbar. Fast alle, die im Football – in NFL und College Football – was zu sagen haben, sind weiß. Das Publikum ist überwiegend weiß. Und auf der Leuchtturm-Position, dem Quarterback, sind Schwarze bis heute eine Randerscheinung.

Wir diskutieren heute natürlich nicht mehr darüber, ob die Unterschiede zwischen weißem Blut und schwarzem Blut einen biologischen Hintergrund haben und ob das eine dem anderen überlegen sei, denn das ist längst wissenschaftlich widerlegt. Doch Struktureller Rassismus – oder wie Yuval Noah Harari ihn in 21 Thesen für das 21. Jahrhundert nennt: Kulturalismus – existiert nach wie vor, und er ist an vielen Stellen ähnlich perfide wie die offene Ausgrenzung der alten Zeit (siehe: „Rassismus im Algorithmus“).

Es ist immer gut, sich dies und alle möglicherweise auch persönlich, bewusst oder unbewusst, gehegten Ressentiments hie und da in Erinnerung zu rufen. Auch wenn wir eigentlich über College Football und das Ende des Rassismus sprechen wollten. Denn die sichtbare Trennung ist aufgehoben. Die unsichtbare (mentale) hingegen bleibt allgegenwärtig.

6 Kommentare zu “Das Ende der Rassentrennung im College Football

  1. du bist 31 hätte gedacht das du älter bist, na dann happy Birthday und weiter viel erfolg. bin damals als 26 jährig auf diese Seite gestoßen und heute als 35 jähriger begeisterter Leser dieser Seite.

  2. Top Artikel:
    „Wir treffen Entscheidungen, indem wir Fakten, Halbwissen, Vorlieben, Vorurteile und die Erwartung persönlicher Vorteile vermischen – in der Hoffnung, damit am Ende richtigzuliegen. Wirklich objektive Entscheidungen gibt es nicht.“

    Leider vergessen wir sehr oft!!!

  3. Alles Gute zum Geburtstag, die ganze Reihe zur Geschichte des College Football gefällt mir sehr gut. Hier finde ich gerade den Part nach der letzten Überschrift sehr lesenswert, leider ist Rassismus in seinen verschiedenen Formen immer noch eine relevante Thematik und ich befürchte, dass sich das so schnell auch nicht ändern wird.

  4. Pingback: Der Mythos Wishbone-Offense und ihre Nachwehen | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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