Los Angeles Chargers in der Sezierstunde

Die Los Angeles Chargers sind die bizarrste Franchise in der NFL.

Das liegt nicht allein am ihrem merkwürdigen Status als zukünftige Untermieter der Rams oder daran, dass sie momentan in einem Vorortstadion vor desinteressiertem Operettenpublikum spielen und als erstes Experiment „wie man ohne Fans überlebt“ der NFL-Geschichte gelten.

Sie sind auch eines der letzten Teams, das fast gänzlich auf Analytics verzichtet – und trotzdem einen starken Kader mit Superbowl-Ambitionen aufs Feld schickt. Sie waren in der Philip-Rivers Ära mehrfach exzellent aufgestellt für einen Durchbruch, doch immer wieder verhinderten schicksalhafte Momente wie verschossene Fieldgoals, verpasste 4th Downs oder Fumbles zum dümmsten Zeitpunkt den Erfolg. Die letzten beiden Spielzeiten verstärkten mal wieder diesen Eindruck.

2017 waren die Chargers eines der besten Teams der NFL gewesen, doch weil sie gleich in Serie die entscheidenden Fieldgoals verschossen, scheiterten sie mit 9-7 Bilanz durch die komplizierten NFL Tie-Breaker als deutlich potentester Wildcard-Anwärter an der Playoff-Qualifikation.

Nur aufgrund dieses offensichtlichen Selbstzerstörungs-Gens hatte ich die Chargers letztes Jahr nicht zu den Superbowl-Topfavoriten gezählt – zu oft wurde ich enttäuscht, zu schwer wiegt in der heutigen NFL der Verzicht auf Analytics, wodurch man automatisch in die Bredouille wegen suboptimalem Play-Calling gerät. Beispiele gefällig?

Die Chargers gehörten zu den konservativsten Teams im 4th-Down Play-Calling. Die Chargers gehörten auch zu den konservativsten Teams im 1st-Down Play-Calling. In beiden Kategorien wäre ihre Offense potent gewesen. In beiden Fällen blieb Headcoach Anthony Lynn so stockkonservativ wie er es von den Auguren gelernt hat, und hatte niemanden an seiner Seite, der ihm seine Bolzen ins Ohr geflüstert hätte.

Trotzdem waren die Chargers 2018 erneut eines der besten Teams: Ohne das exorbitante Pech der Vorjahre führte es sogar zu einer fulminanten 12-4 Bilanz, doch wegen des verlorenen Tie-Breakers mit den Chiefs nur zum #5 Wildcard-Seed anstatt des #1 Seeds. Folge: Man musste nach einem phänomenal gecoachten Wildcard-Sieg in Baltimore schon im Viertelfinale nach New England fahren. Dort verzichtete man nicht bloß auf einen neuen Gameplan, sondern auch darauf, New Englands größte Schwächen zu attackieren (ohne Analytics erkennt man die nicht…) und flog hochkant raus.

Und jetzt?

Man kann argumentieren, dass die Chargers für 2019 noch besser aufgestellt sind als 2018. Das heißt nicht, dass man zwangsläufig erneut 12 oder sogar mehr Siege erwarten sollte. Immerhin spricht die 5-1 Bilanz in engen Spielen für leichte Regression, und auch der Pythagorean von 10.6 Siegen spricht zwar für eine potente Mannschaft (7t-bester Wert der letzten Saison), war aber eben auch fast eineinhalb Siege unterhalb der effektiven 12-4 Bilanz.

Doch die Leistungsfähigkeit sollte gegeben bleiben: In WR Tyrell Williams verliert man zwar den Mann für die tiefen Anspiele, doch dank gutem Drafting bleibt ein tiefer Receiving-Corps mit Mike Williams und Travis Benjamin an den Flanken sowie Slot-Superwaffe Keenan Allen – und auf Tight End kann man idealerweise eine ganze Saison auf TE Hunter Henry zurückgreifen. Henry war 2017 ein heimlicher Gigant gewesen, doch 2018 verpasste er überwiegend mit Achillessehnenriss – er kehrte erst halb rekonvaleszent in den Playoffs zurück.

QB Philip Rivers ist zwar schon 38, aber spielte zuletzt eine seiner besten Saisons. Es gab bislang keine Anzeichen für einen Kollaps, und in Zeiten, in denen Brady mit 41 und Brees mit 39 noch dominieren können, darf man ob der Aussichten eines 38-jährigen Rivers optimistischer sein als man es vor zehn Jahren gewesen wäre.

Noch besser aufgestellt ist die Defense: Schon 2018 war sie die #8 nach DVOA gewesen (die #6 in meinem Ranking), und sie war stark gegen Lauf und Pass (jeweils #10 nach DVOA) – das alles, obwohl ihr das fünftmeiste Verletzungspech der NFL widerfuhr: U.a. fiel DE Joey Bosa 10 Wochen aus, DT Liuget eine halbe Saison, LB Perryman verpasste fast die ganze zweite Saisonhälfte, CB Verrett mal wieder das ganze Jahr. In den Playoffs spielte zur Hälfte eine andere Defense als in Woche 1.

Verrett und der Safety-Wackelkandidat Jahleel Addae sind nun weg. Dafür kehren Perryman und Bosa zurück. Auch ohne die Rückkehr dieser Stars sähe die Tiefe mit dem 35-jährigen LB Thomas Davis (aus Carolina), DT Jerry Tillery (1st Round Draftpick) und FS Nasir Adderley (2nd Rd Draftpick) besser aus als 2018.

Defensive Interior mit Mebane, Jones und Teilzeit-Rusher Tillery, Edge-Rush mit Bosa/Melvin Ingram, LB-Duo Davis/Perryman, Safety-Trio Derwin James/Adderley/Adrian Phillips und obendrauft das nach PFF beste Cornerback-Trio in der NFL mit Casey Hayward, Trevor Williams und Desmond King: DefCoord Gus Bradley hat einen famosen ersten Anzug, und gute Tiefe dahinter.

Spannend wird sein, was die Chargers schematisch veranstalten. Letzte Saison spielte man aus blanker Not in über 600 Snaps in „Dime-Formation“ (6 DB oder mehr) – und es funktionierte überwiegend gut, bevor man von den Patriots überrannt wurde. Doch in FS/LB-Hybrid James hat man den entscheidenden Playmaker um erneut eine derart „leichte“ Defense zu spielen, zumal man in Adderley einen weiteren dieser vielseitigen Safety-Spielertypen draftete.

Weil die Chargers aber mit Perryman, Thomas Davis und Jatavis Brown nun drei potenziell starke Linebacker aufbieten können, dürfte man notfalls auch wieder Nickel- oder Base-Defense gegen „heavy-formations“ spielen können. Das entscheidende, in diesem Zusammenhang zu nennende Stichwort laute „Flexibilität“.

Woran könnte es kranken?

(Spoiler: Es ist nicht der Holdout von RB Melvin Gordon, der durchaus adäquat durch Backup Ekeler ersetzt werden könnte. Gordon ist ein starker, vielseitiger Runningback. Doch er ist auch Produkt sehr vieler „light boxes“, in die hinein er laufen durfte.)

#1 Die Offensive Line. PFF rankt die Offensive Line der Chargers als #29 der NFL. Die Line kassierte schon letztes Jahr QB-Pressures nahe Liga-Bodensatz und schleppt nach aktuellem Ermessen auch zur Saison 2019 einen gigantischen Schwachpunkt in RT Sam Tevi mit. Tevi kassierte letztes Jahr allein 73 QB-Pressures. Kein Spieler in der NFL hatte mehr.

Überhaupt ist es eine Offensive Line, die abseits von LT Okung und vielleicht noch dem routinierten C Pouncey relativ instabil und auch unerfahren ist. Tevi hat ein (horrendes) Jahr als Starter, und es gibt für ihn, sollte nicht noch ein Trade eingefädelt werden, keinen Ersatzmann, der ihn auf die Bank verdrängen könnte. RG Schoefield gilt bestenfalls als Mittelmaß, und LG Feeney ist auch ein Wackelkandidat. Durchs Internet hallen die Rufe nach einem Einsatz von OG Forrest Lamp. Der war 2017 ein 2nd Round-Pick, ehe er sich schwer am Kreuzband verletzte und noch nie einsatzbereit für die NFL war.

#2 Das Play-Calling. Die Chargers tendieren dazu, zu viele Chancen im Play-Calling zu verschenken. Das ist kein Einzel-Phänomen: Es geht seit Jahren so. Ich habe schon eingangs verlinkt, wo Lynns Schwächen im 1st- und 4th-Down Playcalling liegen: Er lässt in ersteren viel zu häufig laufen, obwohl das Chargers-Passspiel dort brandgefährlich wäre, und er lässt in letzteren viel zu häufig punten.

Durch Lynns zögerliches Play-Calling verschlafen die Chargers zu viele Spiele und verschenken zu viele Chancen. Gerade in einer Division, in der man gegen Mahomes spielen muss, sollte man jede Chance nutzen. Die Chargers versäumen es seit langem, Ineffizienzen im Play-Calling auszuschöpfen. Viel schlimmer: Je aggressiver die NFL wird, desto größer wird der Abstand der Chargers.

Ausblick

Kader abseits der Offensive Line topp, aber Coaches im Play-Calling Flop: Der „Floor“ der Chargers sollte auch ohne einen echten Heimvorteil eher hoch sein. Doch wie hoch ist das „Ceiling“?

Die Chargers müssen alle Ineffizienzen ausschöpfen um am Monster Kansas City mit QB Mahomes, einem Receiving-Corps Hill/Watkins/Kelce sowie einem Play-Caller Reid vorbeizukommen. Aber wir wissen, dass sie das nicht machen werden.

Superbowl-Chancen optimiert man am besten, indem man Divisionssieg und Freilos in Playoffrunde 1 ergattert. Dafür müssen die Chargers als erstes an Kansas City vorbeiziehen. Das wird nicht einfach. So sehr ich Los Angeles als Wildcard-Team eingeplant habe: Vor allem das lernresistente (bzw. für Lerneffekte gar nicht empfängliche) Play-Calling macht mir Sorgen.

3 Kommentare zu “Los Angeles Chargers in der Sezierstunde

  1. Gerade ein Team, das so einfach noch Potenzial nach oben hat, ist für mich ein Kandidat für Großes. Ich sehe die Offensive-Line fast noch als größeres Problem an als das Coaching. Der Rest des Kaders ist mit das beste, was in der Liga rumläuft. Bei den Chargers würde mich ein Superbowl-Run deutlich weniger überraschen als z. B. bei Pittsburgh, Cleveland, Green Bay oder vielen anderen Teams.
    Besser sehe ich eigentlich nur die Patriots (weil es die Patriots sind), Philadelphia und eventuell die Saints. Der Rest ist maximal auf Augenhöhe. Leider ist eines dieser Teams auf Augenhöhe, nämlich die Chiefs, in der gleichen Division. Aber die müssen erstmal zeigen, dass das letzte Jahr kein positiver Ausreißer war. Auch Mahomes hatte eine (!) gute Saison. Ist dessen Leistung wirklich so gut reproduzierbar? Für mich sind die Chargers insgesamt einer der Super Bowl Kandidaten. Die Voraussetzungen im Kader sind einfach zu gut.

  2. na ja die chargers sind jetzt ziemlich unsympathisch, mit ihrem winzigen fussball Stadion in dem sie noch spielen sind sie nicht gerade der Publikumslieblings Hit für den superbowl. ein Spieler der chargers hatte ja letzte season sich beschwert das man die chargers nicht im superbowl sehen wollte.

  3. Ich hatte nie was gegen die Chargers bis sie Eric Weddle rausgeekelt haben: „as ugly as it gets“. Weddle ist ein Vorbild auf und abseits vom Platz. Die Schmierenkomödie dürfte entsprechend vom Frontoffice ausgegangen sein.
    Seitdem drücke ich jedem Team die Daumen, das gegen die Chargers spielt. Hat bis jetzt ganz gut geklappt. Ich hoffe, sie missachten weiter jegliche Analytics.

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