College Football in den Siebzigern: Ära der Dynastien

In den letzten History-Beiträgen zur Entwicklung des College Football haben wir gesehen, wie sich der Sport nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelte. Wir haben gelernt, wie die Brutalität des Football erst für die Zwecke des Kalten Krieges instrumentalisiert wurde, ehe er in die Bredouille des Machtkampfs zwischen Arbeitern und Intellektuellen geriet. Wir haben auch gelernt, wie der Kampf um Gleichberechtigung von Schwarzen den College Football der Sechziger Jahre dominierte und schließlich zur vollständigen Integration führte.

Nach dem Fallen der letzten Vorhänge liefen alle wichtigen Mannschaften der höchsten Ebene des College Football als vollintegrierte Mannschaften auf. Das Thema Segregation rückte damit in den großen US-Medien fürs erste in den Hintergrund.

Doch ganz abgeschlossen war das Thema „Farbige“ damit noch nicht, denn die weiterhin oft sozial benachteiligten farbigen Athleten wurden fortan am Recruiting-Markt gehandelt wie Sklavenware. Dass sich niemand sonderlich darüber beschwerte, lag daran, dass größere Herausforderungen den College Football der 1970er Jahre dominierten.

Eine sich öffnende Schere

Zum einen war es der Machtkampf der großen Colleges mit der NCAA, was Fernsehverträge anging. Die NCAA hatte in der Nachkriegszeit versucht, TV-Präsenz des College-Football so gut es ging klein zu halten, im Versuch, in erster Linie die Stadien zu füllen. Doch Giganten wie Alabama, Texas oder Notre Dame waren zunehmend erpicht darauf, mehr Übertragungen zu bekommen – auch, um mehr Geld abzuschöpfen.

Schritt für Schritt rissen die großen Colleges die Verhandlungsmacht um TV-Rechte an sich und öffneten damit zunehmend eine Schere zwischen Arm und Reich – eine Schere, die bis heute immer weiter auseinanderklafft.

Vor allem Ende der 1960er und Anfang der 1970er führte die Ausschüttung von mehr Geld aus dem TV-Pool und die Öffnung der letzten großen Universitäten für Schwarze zu einem verzweifelten Überlebenskampf vieler Footballprogramme im Versuch, „dran“ zu bleiben.

Die NCAA reagierte schleppend mit einer Beschränkung von Stipendien auf 105 (zuvor waren häufig 200 und mehr Stipendien vergeben worden – untragbare Kosten, die zahlreiche Programme fast in den Ruin getrieben hätten), doch das kam letztendlich zu spät: Eine Aufsplittung des College-Sports in verschiedene Klassen war unumgänglich geworden.

Die Teilung des College-Sports

1973 splittete die NCAA den Football in drei Divisionen, die Division I, die Division II und die Division III. Maßgeblich für die Klassifizierung waren dabei vor allem finanzielle Aspekte. So wurden z.B. in den unteren Levels zunehmend Stipendienvergaben eingeschränkt um die Kosten zu deckeln, während auf der obersten Ebene des College Football, in der Division I, ein gegenteiliger Trend einsetzte: Dort wurden die Vergabekriterien für Sportstipendien aufgeweicht.

Zwar blieb es bei der Höchstgrenze von 105 pro Team, doch das US-Pendant zum Numerus-Clausus, der notwendige US-Notendurchschnitt zum Erhalt eines Stipendiums, wurde ein weiteres Mal heruntergesetzt. Spätestens seit Mitte der 1970er kann quasi jeder unterdurchschnittliche Schüler mit überdurchschnittlicher Athletik ein Sportstipendium auf ganz legalem Wege bekommen. Der Student Athlete war zumindest in der Division-I gestorben.

Vielmehr waren immer mehr Footballer nun zuallererst Athleten, erst dann Studenten. Das verstärkte den oben beschriebenen Kreislauf vom „Sklavenhandel“, der, wie die Tragik es will, vor allem schwarze Athleten (die oft über geringere Schulbildung verfügten) betraf. Das befeuerte einmal mehr kritische Fragen zur Daseinsberechtigung von College Football als Institution.

Mehr denn je war der Sport nun Business. Weniger denn je konnte man Argumente für den Amateurstatus von Studenten in einem Universitätssport aufbringen. Doch weniger denn je waren vor allem große Colleges erpicht darauf, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen – schließlich rollte der Rubel, und du mit Geld zugeschüttet wirst, hast du viele Ausreden, dich nicht mit solchen unangenehmen Fragen auseinanderzusetzen.

Vollintegrierte Mannschaften führten also zu mehr Vielfalt auf dem Feld. Doch der institutionale College Football entwickelte sich in die Gegenrichtung. Das Phänomen lautete Aufkommen von Superteams, die zu einer „Dynastisierung“ des College Football führten – der Schaffung einer Elite von Blaublütern, der beizutreten bis heute fast unmöglich für diejenigen ist, die in den Siebziger Jahren den Anschluss verpasst haben.

Das System spitzte sich innerhalb weniger Jahre derart zu, dass schon fünf Jahre nach der Einführung der Divisionen, also 1978, die Division I zusätzlich aufgeteilt wurde – in die Division I-A und die Division I-AA. Diese beiden Ebenen sind heute bekannt als Football Bowl Subdivision (FBS), die aus der I-A hervorging, und der Football Championship Subdivision (FCS), die frühere Division I-AA.

1978 war auch der Zeitpunkt, an dem sich die Urzeitmächte Harvard, Yale oder Penn sich auch formell aus der Elite verabschiedete: Die komplette Ivy-League verzichtete auf einen Verbleib in der höchsten Ebene und trat ihren Weg in die Zweitklassigkeit an (Division I-AA).

Dagegen zementierte sich der Kreis der Erlauchten, der bis heute kaum mehr neue Mitglieder permanent aufgenommen hat.

  • Texas (National Title 1969)
  • Nebraska (National Titles 1970 und 1971)
  • USC (National Titles 1972 und Split-Titel 1974)
  • Notre Dame (National Titles 1973 und 1977)
  • Oklahoma (Split-Titel 1974 und National Title 1975)
  • Alabama (National Titles 1978 und 1979)
  • Michigan und Ohio State (keine National-Titles in den 70ern, aber epische Auseindersetzungen im „10 Year War“)

Der einzige Ausreißer im Titelrennen der Siebziger war 1976 Pitt. Doch Pitt als Landesmeister war so freaky, dass die Panthers direkt im Anschluss an ihren Coup ihren Headcoach an die SEC (Tennessee Volunteers) verlor und somit niemals eine ernsthafte Chance bekam, etwas Nachhaltiges, Eigenständiges aufzubauen.

Grand Experiment

Wie schwer es Up-Starts fiel, die Phalanx der Dynastien zu durchbrechen, zeigt das Beispiel der Penn State Nittany Lions, einem College, das in der Pampa mitten in Pennsylvania aus dem Boden gestampft worden war und dessen Footballprogramm Mitte der 1960er von Headcoach Joe Paterno übernommen wurde. Paterno fuhr alsbald eine ungeschlagene Saison nach der anderen ein, doch seine Mannschaft wurde lange Zeit nicht ernst genommen.

Nicht zuletzt 1969 war das ungeschlagene Penn State nur wohlwollend als „Sieger des Rennens um die #2“ erklärt worden, nachdem sich sogar US-Präsident Nixon in die Titelvergabe eingemischt hatte und den Sieger des (rein weißen) Redneck-Duells Texas vs. Arkansas zum National-Champion deklariert hatte. Vor dem Spiel (und vor der Bowl-Season) wohlgemerkt.

Direkt im Anschluss daran erklärte der frustrierte Paterno den Beginn des „Grand Experiments“. Es war der Versuch, mit Penn State in diesem zunehmend rücksichtslosen Haifischbecken College Football auf saubere Weise nach oben durchzustarten. Paterno verzichtete dafür sogar auf einen Rekordvertrag in der NFL und mutierte mit seinen Nittany Lions zu einer Art „Insel der Seligen“.

Es sollte natürlich noch mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis Paterno 1982 zum ersten Mal mit dem überfälligen National Title belohnt wurde. Doch unter seine Ägide schaffte es Penn State als einer der wenigen Up-Starts, die Leiter hoch in die Riege der Giganten zu durchklettern. Paterno schaffte dies sogar, ohne jemals für Recruiting-Verletzungen belangt zu werden, was die Welt wirklich glauben ließ, dass sowas wie Gerechtigkeit möglich war

…bis Paternos Ära 2011 auf die grausigste mögliche Weise endete, als der Pädophilieskandal um Paternos langjährigen Defensive Coordinator Jerry Sandusky aufflog. Es war endgültig der Punkt, an dem die Scheuklappen fielen. Seither sind Gut und Böse nicht mehr voneinander zu unterscheiden.

Um mit einer sportlichen Note aufzuhören…

Die Ära der 70er war nicht nur von der beschriebenen Zementierung der Eliten nebst endgültiger Teilung der Divisions, Recruiting-Beschränkungen und dem Ringen um maximale TV-Revenues geprägt, sondern auch von einer revolutionären sportlichen Entwicklung – einer Offense, die den College Football für die nächsten zwei Jahrzehnte in den Würgegriff nahm: Die Dominanz der Wishbone-Offense. Um die geht es im nächsten Eintrag.

5 Kommentare zu “College Football in den Siebzigern: Ära der Dynastien

  1. Mega Serie, die mich weit über sportliche Neugier hinaus packt. Ich hab in sehr viel überschaubarerem Rahmen während des Studiums mal ein wenig über die Geschichte von Rugby in Südafrika gebrütet. SPort ist ja immer so tagesaktuell, dass man manchmal aus den Augen verliert, dass Sportgeschichte sehr von Interesse sein kann, da es ja doch immer irgendwie die Umständer herum spiegelt. Die liebgewonnene (aber inzwischen wenn ich mich nicht täusche seltener bemühte) Aussage, „politik hat im Sport nix zu suchen“ – das lehrt doch die Geschichte dass es BS ist.

    Aber mal zum Text: Ich war etwas überrascht dass Penn State doch eher als Emporkömmling porträtiert wird. Irgendwo habe ich gelesen dass es das Footballprogramm schon auch seit 1887 gibt – was war denn vor Paterno? Einfach sportliche Irrelevanz oder auch irgendwelche strukturellen Gründe für die bis dahin geltende Bedeutungslosigkeit vor den bekannteren Juggernauts?

  2. Penn State war bis in die Fünfziger hinein ein relativ unbedeutendes College mitten in Pennsylvania. Im Prinzip ist die Universität der Grund, warum es überhaupt die „Heimatstadt“ University Park gibt, nicht umgekehrt, wenn eine Stadt ihre Universität gründet.

    Der richtige Boom der Uni kam erst in den Sechzigern und frühen Siebzigern.

    Auch das Footballprogramm war vor der Paterno-Ära mit ganz wenigen Ausnahmen eher eine Freakerscheinung:
    https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Penn_State_Nittany_Lions_football_seasons

    Erst mit Paternos Amtsantritt als Headcoach 1966 wurde man quasi über Nacht ein nationaler Player. Doch es brauchte viele superbe Spielzeiten, bis man 1982 zum ersten Mal mit der Landesmeisterschaft belohnt wurde.

    Auch das Beaver-Stadium war Mitte der Sechziger noch ein kleines, 30.000 Zuschauer fassendes Stadion, ehe es in der Paterno-Ära in rasanter Geschwindigkeit ausgebaut wurde:

    2011 Capacity 106,572
    2001 Capacity 107,282
    1991 Capacity 93,967
    1985 Capacity 83,370
    1980 Capacity 83,770
    1978 Capacity 76,639
    1976 Capacity 60,203
    1972 Capacity 57,538
    1969 Capacity 46,284

  3. Dass gerade im College Football Sport & Politik massiv miteinander verbandelt waren, liegt übrigens auf der Hand: Zahlreiche der wichtigsten Player waren öffentliche Universitäten, die teilweise massiv von der Politik mitfinanziert wurden.

    Die wichtigsten Politiker und Unternehmer haben das Universitäts-System durchlaufen, weswegen die Verbandelung über die Jahrzehnte auch immer stärker wurde anstatt immer schwächer.

  4. Pingback: College Football Geschichtsstunde: Die Exzesse der Achtziger Jahre | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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