Dallas Cowboys in der Sezierstunde

Die Dallas Cowboys haben letzte Saison mit 10-6 Bilanz überraschend nicht nur die NFC East gewonnen, sondern sogar ein Playoffspiel gewonnen. Für 2019 ist an mehreren Stellen Regression zu erwarten.

Doch zur Regression kommen wir am Ende. Zuvor lass uns kurz die Rahmenbedingungen der beiden sichtbarsten Cowboys-Stars klären: QB Dak Prescott und RB Ezekiel Elliott. Beide kamen 2016 als Draftees zu den Cowboys. Beide gelten nun als Kandidaten für eine Vertragsverlängerung.

Prescott ist als „billiger QB unter Rookievertrag“ bislang eines der wertvollsten Assets in der NFL gewesen. Er war zwar nach seiner imposanten Rookiesaison 2016 in den letzten beiden Jahren nicht mehr als ein Durchschnitts-QB, doch mit gerade einmal 2.1 Mio Gehalt für die Saison 2019 ist er so preiswert, dass man allein durch seine Präsenz rund 30 Mio/Jahr spart.

30 Mio/Jahr ist auch in etwa der Preis, den man für Prescott zahlen müsste, will man mit ihm über die Saison hinaus verlängern. Pro Football Focus brachte sich bereits in Stellung argumentierte gegen die Strategie, für einen Durchschnitts-QB Elite-Gehalt zu bezahlen. Das kenne ich aus Detroit: Stafford ist auch nicht viel besser als ein Durchschnitts-Starter, dem man jedes Jahr versucht, neue teure Skill-Player und auch ansonsten allerlei Entschuldigungen („braucht mehr O-Line, braucht mehr Run-Game“) hinzuknallen – ohne allzu positives Resultat.

Wo die „Dak-Frage“ tatsächlich einen spannenden Case-Study zur Wertschätzung von „non-Elite QBs“ stellt, bringt die „Elliott-Frage“ das Schlimmste in den Analysten unserer Zeit zum Vorschein: „Wenn Dak 23 Carries hat, sind die Cowboys 10-1…“, „die Patriots haben zwei Superbowls nur wegen ihrer Runningbacks gewonnen“, „es braucht viel Running Game um Play Action etablieren zu können“, „Zeke ist der Treiber der Cowboy-Offense, no question…“ usw.

Ich habe es schon geschrieben: Die Debatte ist so ermüdend, weil sie so sinnlos ist. Es ist längst erwiesen, dass Zeke nicht der Treiber der Dallas-Offense ist. Beziehungsweise: Der Verdacht liegt nahe, dass eine Zeke-Vertragsverlängerung gar doppelt schädlich für Dallas ist:

  1. Weil man die 15 Mio/Jahr aufwärts besser für eine wichtigere Position investieren sollte
  2. Weil man mit einem so teuren Runningback noch stärker dazu verleitet ist, viel zu viel der ineffizienten Laufspielzüge anzusagen

Elliott ist kein guter Ballfänger (viele Catches, aber meistens nur in 3rd & long Situationen), hat nur durchschnittliche Yards/Carry und EPA/Carry Effizienz und forciert nicht mehr gefüllte 8-Mann Boxes als seine Backups. Aber Elliott ist ein ex-Top5 Pick und als solcher ein landesweiter Star. Es besteht die Gefahr, dass die Cowboys einknicken und ihm den teuren Vertrag geben.

Wenn du pro Elliott argumentieren willst: Bitte, gerne. Aber plärr mir in den nächsten drei Jahren nicht vor, ich würde deine Franchise „hassen“, weil sie nicht übers Mittelmaß hinauskommt.

Wo Prescott und Elliott die Schlagzeilen bestimmen, gibt es noch wichtigere Positionen, auf denen die Cowboys Entscheidungen treffen müssen: In den nächsten beiden Jahren haben zudem WR Amari Cooper, CB Byron Jones und LB Jaylon Smith auslaufende Verträge. Alle drei sind tendenziell als wichtiger als Elliott zu betrachten.

Cooper ist deswegen speziell, weil er mitten in der letzten Saison per 1st Rounder geholt wurde – hier besteht der „sunk cost effect“: Manager trennen sich nicht gern von solchen Goodies, und Cooper war schließlich auch ein effizienter Spieler, der Prescotts Saison gerettet hat. Jones ist als Top-CB ein wichtiger Mann, Smith ist ein Top-10 Linebacker mit guten Coverage-Skills.

Jerry Jones in der Klemme

Jerry Jones ist der Owner der Cowboys, und gleichzeitig seit Mitte der 1990er Jahre de-facto GM. Jones ist der Mann mit dem größten Ego der Welt. Nur seine fassungslose Sucht nach Anerkennung als „football guy“ konnte es zustande bringen, im Frühjahr 1994 den regierenden zweifachen Superbowl-Headcoach/GM Jimmy Johnson zu feuern, weil Johnson zu viel Anerkennung für die Kaderzusammenstellung jener dominanten Cowboys-Teams bekommen hatte.

Jones wollte beweisen, dass er es besser oder gleich gut kann. Resultat: Zwei Jahre später gewannen die Cowboys mit dem von Johnson zusammengestellten Kader noch einmal die Superbowl. Seither gab es in 23 Spielzeiten insgesamt nur noch zehn Playoff-Qualifikationen bei einer Bilanz von 4-10 Siegen. NFC-Halbfinals? Nada.

Nun ist diese Bilanz keine grottenschlechte – im Gegenteil: Etliche NFL-Teams wären darüber nicht unglücklich. Doch sie zeigt: Jones ist zwar in der Lage, mit seinem offenen Geldbeutel gute Spieler anzuziehen, aber weil es eben kein herausragendes Kadermanagement ist, reicht es nicht für ganz oben. Zu lebhaft ist die letztlich verkorkste Zeit unter der Achse QB Tony Romo / WR Dez Bryant / LB Sean Lee und Co. in Erinnerung: Ein starker Kern, aber zu teuer um solide Tiefe rundherum aufzubauen. Daher reichte es letztlich nie für den großen Durchbruch.

Seit Jerrys Sohn Stephen vor ein paar Jahren in die sportliche Leitung eingestiegen ist, hat sich die Lage etwas gebessert, doch die grundsätzlichen Probleme bleiben bestehen: Jones trennt sich zu ungern von „1b-Leistungsträgern“, die ein Bill Belichick ohne mit der Wimper zu zucken ziehen lassen würde.

Im aktuellen Kader ist der Kampf um die teuren Verträge schon losgegangen. Die Offensive Line ist bereits die teuerste der NFL, und EDGE Demarcus Lawrence, der beste Passrusher im Team, bekam schon seine teure Vertragsverlängerung für roundabout 20 Mio/Jahr.

Das Handling der Situationen Prescott & Elliott, aber auch Cooper / B.Jones / J.Smith hat Franchise-definierende Wichtigkeit. Gerade weil Jones dazu neigt, solche Spieler überteuert zu halten anstatt den Wechsel durchzuziehen, wäre es wichtig, Seahawks-like von hinten billiges Rookie-Frischblut nachzuziehen.

Doch auch das hat man vermieden: Man verkaufte seinen 1st Rounder bereits für Cooper, der nun überdies den Bonus des billigen Rookievertrags verliert. 2019 ist das „5th-Year Tag“ Jahr bei Cooper. Dallas riskiert auch bei ihm den Fluch des Gewinners: Je besser Cooper 2019 ist, desto teurer wird er, und gleichzeitig desto schwieriger wird es, sich ohne medialen Aufschrei von ihm zu trennen.

Wer auf diesem Blog schon länger mitliest, dürfte automatisch einen weiteren Gedanken in sich tragen: Prescott ist erst nach dem Einkauf von Cooper von absolutem Mittelmaß wieder überdurchschnittlich effizient geworden. Eine weitere Red-Flag beim QB: Muss von erstklassigem Personal getragen anstatt dass er das Personal um ihn herum erstklassig macht.

Scheiß-Situation für Jerry. Will der Welt seine Genialität beweisen, hätte als einziger GM der Liga den Bonus, dass er sich nicht um die Meinung des Owners kümmert, kann sich aber gleichzeitig nicht von seinem Fremdbild lösen, das in den Medien gemalt wird. Zu stolz um sich nicht im Weg zu stehen.

Gleichzeitig läuft den Cowboys die Zeit davon. Schon 2020, spätestens 2021, ist der Kader in der aktuellen Form unbezahlbar und wird notgedrungen auseinanderfliegen. Wie gut sieht es also für 2019 aus?

Offense

Die Cowboys-Offense ist um die Offensive Line herum gebaut. Diese ist mit 61 Mio. Cap-Zahl für 2019 auch die mit Abstand teuerste O-Line der NFL (Vergleich #2 Atlanta 52 Mio, #3 Green Bay 47 Mio). LT Tyron Smith, C Travis Frederick und RG Zach Martin sind alles All-Pro Kandidaten. RT La’El Collins und LG Connor Williams sind keine überwältigenden Einzelkönner, aber als Ergänzung gut genug um nicht als Sollbruchstelle durchzugehen.

Problem dieser Line in den letzten beiden Jahren: Sie spielte nur selten gemeinsam auf. Smith ist seit Jahren eine gute Wette auf 2-3 Ausfälle pro Jahr, Frederick verpasste die letzte Saison komplett und gab in den ersten Trainingseinheiten nach seinem Comeback schon zu Protokoll, sich noch sehr kaputt zu fühlen. Ohne Frederick und mit nur Teileinsätzen von Smith stürzte die Cowboys-O Line letztes Jahr doch deutlich ab und war nur noch die #8 in Adjusted-Line Yards sowie die #28 in Adjusted Sack-Rate.

Die Offense Line in Dallas ist so wichtig, weil Headcoach Jason Garrett so viel Early-Down Rushing spielen will – Situationen, in denen die Defense weiß, dass Laufspiel kommt. Sie ist auch deshalb so wichtig, weil Prescott gerne den Ball zu lange hält.

Der Receiving-Corp hängt fast vollständig von der Form Coopers ab. Die Backup-WRs wie Randall Cobb, Michael Gallupp oder Cedric Wilson sind nur knapp über Replacement-Level. TE Blake Jarvin konnte letzte Saison Jason Witten nicht ersetzen. Jener Witten kehrt nach einem gruseligen Jahr als Analyst bei Monday-Night Spielen zurück aufs Spielfeld, aber wie viel ein 37-jährigen Witten noch beitragen kann um den Pass-Corps dynamischer zu machen, muss man abwarten.

Weitere Unbekannte: Garrett übergab das Play-Calling an den neuen OffCoord Kellen Moore. Moore ist der ehemalige Boise-State Quarterback, der am College atemberaubende Zahlen auflegte, aber in der NFL wegen zu schwachem Wurfarm nie den Durchbruch schaffte. Woran man bei Moore niemals zweifelte: Intelligenz und Spielverständnis. Er gilt als einer der klügsten Köpfe im Business. Aber mit 30 Lenzen ist er natürlich noch sehr unerfahren. Es wäre nicht das erste Mal, dass Rookie-Playcaller Lehrgeld zahlen müssen – zumal Moore von Garrett eher fragwürdige Instruktionen bekommen dürfte (Reminder: Dallas war eines der Run-lastigsten Teams in 1st und 2nd Down in den letzten Jahren).

Defense

Die Dallas-Defense war die große Überraschung von 2018. Ihr #9 Finish in Defensive-DVOA war umso erstaunlicher, weil es sich um eine der jüngsten Defenses in der NFL handelte. Eine der wichtigsten Figuren beim Aufschwung war dabei DB-Coach Kris Richard, früher Defensive Coordinator in Seattle. Richard coachte die unglaubliche Secondary, die sich um den einstigen 1st-Round CB Byron Jones herum zu einer der besten Pass-Verteidigungen der NFL entwickelt hat.

Richard gilt nun als „heimlicher“ Defensive Coordinator. Die Rollenverteilung mit dem „offiziellen“ DefCoord Rod Marinelli, der jahrelang aus mauem Spielermaterial relativ viel herausholte, ist dabei nicht ganz klar. Punkt ist: Richard soll die wahren Schlüssel in der Hand halten.

Das Spielerpersonal kann sich durchaus sehen lassen. Star-Passrusher ist DE Lawrence (63 QB-Pressures, Top-15 Wert unter Edge-Rushern). Für die Tiefe im Passrush wurde Robert Quinn aus Miami geholt. Dazu hofft man auf einen Durchbruch vom jungen DE Taco Charlton, der seinen Ruf als einstiger 1st-Rounder noch nicht bestätigen konnte (nur 17 QB-Pressures 2019).

Auf Linebacker (Jaylon Smith / Leighton Vander Esch / Sean Lee) ist man NFL-Spitze besetzt. Smith und Vander Esch sind bereits Top-10 Linebacker, Lee wäre es auch, wenn er häufiger fit wäre. Im Defensive Backfield ist so vieles um die Fähigkeit von CB Byron Jones herum gebaut, der sich zu einem Top-Manndecker entwickelt hat. Ein möglicher Knackpunkt bleibt die Besetzung der Safety-Positionen mit Woods und Heath, die beide nicht zur erweiterten NFL-Klasse gehören.

Ausblick

Wie schon oben geschrieben: Die sportliche Führung hat Dallas in eine Situation manövriert, in der 2019 „das Jahr“ ist. Es ist mit oder ohne Prescott und Elliott zwar kein kompletter Kollaps für 2020 zu erwarten, doch die Kader-Möglichkeiten werden mit dem teureren Personal in der Spitze dann limitiert sein.

Idealerweise steigert sich 2019 die Offense mit einer gesünderen Offensive Line und einem ganzen Jahr WR Cooper im Line-Up, und idealerweise steigert sich auch die noch immer blutjunge Defense.

Doch wir dürfen nicht vergessen, dass die Mannschaft letztes Jahr 10-6 Siege bei einem Pythagorean von nur 8.4 Siegen und einer Close-Game Bilanz von 8-2 Siegen holte. Selbst wenn die Cowboys noch besser werden, müssen sie zuerst immer gegen natürliche Regression ankämpfen, wollen sie überhaupt erst wieder auf 10 Siege kommen.

Auch der Playoffsieg gegen Seattle war in erster Linie retardiertem Playcalling beim Gegner geschuldet. Ergo: Es ist wahrscheinlich, dass die prognostizierte Leistungssteigerung der Cowboys nur die Regression zur Mitte bei den Zufallsfaktoren kompensiert.

Zusätzliche Schwierigkeit: Die Philadelphia Eagles werden nicht nochmal Quarterback und die halbe Defense vorgeben müssen – sie sind der klare Favorit im Rennen um die NFC East. So bleibt den Cowboys nur der Rand des NFC-Wildcardrennens. Das ist etwas dünn um den geplanten Superbowl-Ansturm anzugehen.

6 Kommentare zu “Dallas Cowboys in der Sezierstunde

  1. Schön provokativ geschrieben gefällt mir 🙂

    Cowboys finde ich eigentlich eine eher langweilige Franchise, immer überjazzt, nie ein richtiger Contender. Dak ist okay, Zeke overrated, Cooper muss man abwarten nach einer halben guten Saison und viel Leerlauf, OL in den letzten Jahren immer verletzt, Defense gut aber nicht überragend, Headcoach der größte Langweiler vor dem Herrn.

    Glaube schon, dass DAL die Skins und Giants hinter sich lassen kann, aber an eine Wiederholung des Divisionssiegs ist nur zu denken, wenn die OL und Dak wirklich ihr absolutes Maximum herausholen.

  2. Hahaha „bringt das schlimmste in den Analysten zum Vorschein“

    *thumbs up*
    Bevor ich begonnen habe hier mitzulesen, hätte ich noch widersprochen, aber nach vielen Jahren bin ich nun geimpft genug auch nur noch darüber zu lachen wenn die Orlosvkys mit „wenn x Carrys dann x-0 Bilanz“ kommen. 😀

    Eine der unterhaltsamsten Sezierstunden bislang, und ich sehe gerade die Seahawks mit Schotty stehen noch aus!!

  3. Ja, auf Schotty freue ich mich auch schon 😀

    Erwarte von den Boys massive Regression diese Saison. Wenn die OL nicht fit bleibt, wird es ein langes Jahr.

  4. „30 Mio/Jahr ist auch in etwa der Preis, den man für Prescott zahlen müsste“. Offenbar nicht. Den Medien zufolge soll er gerade 30mio ausgeschlagen haben.
    Verstehen die Spieler nicht, dass ein Über-gehalt den Restkader massiv schwächt? Kann Dak von 30mio die Miete nicht zahlen? (ich kenne mich mit Lebenshaltungskosten in den USA nicht gut aus)
    Mir ist klar, dass die garantierte Summe niedriger ist, aber lass es insgesamt nur lächerliche 50mio garantiert sein: Müsste doch machbar sein, davon ein paar Jahre zu leben bis man sich wieder einen Job suchen muss.

  5. Es geht ums Thema „Wertschätzung“. Der QB-Preis ist künstlich niedrig gehalten durch die Bedrohung der Franchise-Tag.

    Mehrere Metriken wie u.a. auch der PFF WAR schätzen, dass QBs ohne die Androhung der Franchise-Tag ca. 25% – 30% der Salary-Cap kassieren könnten. Wir sprechen dann von bald 50-60 Mio/Jahr.

    Dak hat ein bisschen Hebel. Wenn er sich durchsetzt, wird er den QB-Preis auch für künftige QBs treiben.

    Natürlich sollten Teams dennoch nicht einknicken, denn die ca. 30-35 Mio/Jahr sind nun mal „Marktpreis“ für bessere QBs, wenn auch künstlich klein gehalten.

  6. Pingback: Establish the Review – NFL 2019 (Woche 6) | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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