Florida State Seminoles 2019 Preview

Die Florida State Seminoles gehören nicht zu den College-Football Blue-Bloods mit 100 Jahren Geschichte im Spitzenfeld, doch in den letzten 40 Jahren waren sie zumeist ein Powerhouse. Wie erfolgreich FSU über einen so langen Zeitraum war, kann man unter anderem daran ablesen, dass 2018 das erste Mal seit 41 Jahren (!) war, dass die Mannschaft eine Qualifikation für die Bowl-Season verpasste!

Jetzt folgt der Reset-Button.

Beziehungsweise: Erneut der Reset-Button, denn schon letztes Jahr hatte es viel Veränderung gegeben. Wir erinnern uns: Nach Ablauf der Saison 2017 hatte der langjährige Coach Jimbo Fisher die Seminoles in Richtung Texas A&M verlassen. Als neuer Headcoach war Willie Taggart eingestellt worden, der einen relativ krassen Bruch mit Fisher bedeutete:

  • Fisher ist bekannt dafür, „pro-style“ Offense mit relativ wenig Tempo zu spielen.
  • Taggart steht für Spread-Offense und No-Huddle

Taggarts Debütsaison 2018 gilt mit ihrer 5-7 Bilanz als totales Fiasko, und wenn man sich sowohl Tape als auch Advanced-Stats anschaut, so wird relativ schnell klar, woran es vor allem hakte: Eine Offense mit 33% Success-Rate, unter einer unterirdischen Offensive Line begraben. Eine Defense, erdrückt von zu vielen Serien am Feld und zu kurzen Spielfeldern nach den vielen three’n’outs der Offense.

Taggart bekam hernach viel auf die Fresse – und er reagierte. Er warf den umstrittenen OffCoord Walt Bell raus, verjagte QB Deondre Francois vom Campus und tauschte den O-Line Coaching Stab aus. Dafür bestellte er Kendal Briles zum neuen Offensive Coordinator – eine umstrittene Wahl, wenn man sich durch die US-Gazetten scrollt.

Unbestritten ist, dass Briles ein hervorragender Offense-Mind ist, der weiß wie man eine Spread-Offense implementiert und auf allen seinen Trainerstationen schnelle und zum Teil atemberaubende Verbesserungen vorweisen konnte. Patentiert ist seine Arbeit für die sensationelle Baylor-Offense, die für ihre simple Eleganz und Explosivität berühmt wurde und ein einst dahinsiechendes, kleines Footballprogramm fast in die Playoffs gebracht hätte.

Doch das Stichwort „Baylor“ ist wie vor allem der Familienname des neuen OffCoords auch das große Problem: Briles. Der Name „Briles“ ist US-weit mit dem großen Baylor-Sexskandal verbunden, der vor drei Jahren zur fristlosen Entlassung von Kendalls Vater Art Briles führte – Briles war dort noch nichtmal mehr durch seine großen sportlichen Erfolge zu halten und fristet heute ein Dasein als Headcoach beim Footballteam Guelfi in Florenz (wo man argumentieren könnte, dass es Art Briles an Lebensstandort nicht so schlecht getroffen hat).

FSU war schon in Vergangenheit nie verlegen darum, umstrittene Typen zu verpflichten. Schon während der Ära des legendären Headcoaches Bobby Bowden glänzte das FSU-Footballteam durch schillernde, nicht immer koschere Typen, und auch in der Jameis-Winston Affäre vor ein paar Jahren entstand mal wieder der Eindruck, dass man es Tallahassee nicht immer so genau mit Wahrheit und Moral nimmt – ganz nach dem Standard: Das Leben ist eigentlich amoralisch. Moral wurde nur vom Menschen eingeführt um ein geregeltes Zusammenleben zu ermöglichen. Im College Football aber geht es nicht ums Miteinander, sondern ums Gewinnen.

Kendall Briles tingelte nach dem Rauswurf in Baylor nun einige Jahre durch die Niederungen des College Football: Erst Florida Atlantic, dann Houston. FSU ist der erste Versuch der Rückkehr auf die höchste Ebene. Die Chancen, dass er ruhig arbeiten kann, stehen hoch, denn die FSU-Footballleitung ist erprobt im medialen Umgang mit Problemfällen und steht diesbezüglich über den Dingen.

Was für einen schnellen sportlichen Umschwung spricht: Taggart und Briles sind beide „Rebuilding-Spezialisten“. Taggart baute das kleine Western Kentucky innerhalb von nur zwei Jahren von 0-12 auf zweimal Bowl-Season, drehte USF innerhalb von vier Jahren von 3-9 auf 10-2 und das #19 Abschluss-Ranking. Briles sorgte nach seinem Baylor-Rauswurf bei FAU und Houston für dramatische Leistungssprünge:

  • FAU-Offense: vor ihm #115 und #69, nach ihm #49, mit ihm #30
  • Houston-Offense: vor ihm #56 und #43, mit ihm #20

Wie krass FSU als Rebuilding-Project ist, muss man nun abwarten: FSU stürzte 2018 zwar tatsächlich brutal ab (auf #71 in den S&P+ Rankings), doch der Kern dieses Teams sollte nach wie vor stabil sein: In der Jimbo-Fisher Ära (2010-2017) war man in acht von neun Jahren ein Top-10 Team gewesen.

FSU S&P 2005-2018.png

Das Spielermaterial

Der Kollaps 2018 wurde überwiegend von einer katastrophalen Offensive Line heraufbeschworen. Wie katastrophal?

#130 von 130 in Adjusted Line-Yards
In keiner Advaced-Run Metrik besser als #110
#75 nach Adjusted Sack-Rate (36 Sacks)

Man hat nun einen neuen OL-Coach in Randy Clements eingestellt, der das Problem zumindest in Anflügen fixen muss. Als Neuzugänge wurden mehrere Top-Recruits und Transfers geholt.

Ist die Line passabel, kann es für die FSU-Offense schnell nach oben gehen. Nicht nur sind Headcoach Taggart und OffCoord Briles philosophisch auf gleicher Wellenlänge – es gibt auch das entsprechende Skill-Player Personal:

  • QB James Blackman ist ein mobiler Mann, der 2017 bereits ein Jahr Erfahrung als Starter gesammelt hat.
  • RB Cam Akers ist ein explosiver Mann, der nur passables Run-Blocking braucht um in die Gänge zu kommen
  • Der Receiving-Corps besteht in Tamorrion Terry, Keith Gavin und Keyshawn Helton aus drei guten Downfield-Threats, die für Big-Plays sorgen.

Tiefe ist ein Problem. Blackmans Backup ist in Alex Hornibrook ein Transfer-QB aus Wisconsin, der noch nie ansatzweise etwas ähnliches wie eine Taggart/Briles-Offense gesehen hat und der Runningback mit den nächstmeisten Carries im Kader hinter Akers ist Anthony Grant mit 5 (in Worten: fünf) Carries.


Auch die Defense kollabierte 2019 letztendlich unter dem Druck einer Offense, die nie für Entlastung sorgen konnte: War man in der Fisher-Ära stets eine Top-10 Defense gewesen, stürzte FSU letztes Jahr auf #37 ab. Dennoch gilt es als wahrscheinlich, dass die Seminoles schnell wieder eine Top-Unit aufs Feld schicken werden.

Zum einen kehrt DefCoord Harlon Barnett zurück – er gilt als Topmann. Zum anderen muss man heuer nicht erneut 12 Freshman in nennenswerten Rollen aufstellen. Zum dritten hatte FSU unerhörtes Turnover-Pech (u.a. laut Bill Connelly nur 3 von 17 Fumbles aufgenommen).

EDGE Brian Burns ist zwar als 1st-Rounder mittlerweile in der NFL, aber die Defensive Front kann sich nach wie vor sehen lassen: DT Marvin Wilson gilt als angehender Superstar, DT Cory Durden könnte irgendwann auch gedraftet werden und auf Linebacker hat man in Dontavious Jackson und Hamsah Nasirildeen zwei Tackling-Maschinen. Dahinter gibt es eine junge, aber aufstrebende Secondary

Schedule und Ausblick

S&P+ erwartet von FSU starke Verbesserung schon allein durch positive Regression: Es sollte zumindest wieder ein Top-30 Team sein, doch ganz einfach zu prognostizieren ist die Saison für FSU nicht.

Im Schedule ist man in 8 von 12 Spielen favorisiert, wenn auch gegen Virginia und NC State nur äußerst knapp. Die vier Spiele, in denen man Außenseiter ist, sind folgende:

  • 31.08. vs. Boise State (28% Siegchance)
  • 12.10. @Clemson (8% Siegchance)
  • 02.11. vs. Miami (41% Siegchance)
  • 29.11. @Florida (15% Siegchance)

Doch es gilt als äußerst wahrscheinlich, dass FSU heuer in die Bowl-Season zurückkehrt, denn sechs oder sieben Siege sind locker denkbar. An Clemson wird in der ACC natürlich kein Weg vorbeiführen, doch das ist für FSU 2019 auch nicht das Ziel. Man wird die Saison als Erfolg verbuchen, wenn man wieder in den meisten Spielen konkurrenzfähig ist.

6 Kommentare zu “Florida State Seminoles 2019 Preview

  1. Hallo, zwei kleine Anmerkungen:

    1) Du hast den letzten Satz abgeschnitten.

    2) Das bei Baylor war kein „Sexskandal“, sondern ein Vergewaltigungsskandal. „Sexskandal“ verharmlost die Geschehnisse dort doch ziemlich stark.

  2. Bin gespannt auf FSUs Offense dieses Jahr, neben Georgia Techs Wandel für mich eines der spannendsten Teams. Überhaupt scheint die ACC ganz schwer einzuschätzen sein, viele Änderungen in vielen Teams, wie du in deinem gestrigen Artikel schon geschrieben hast.

    Art Briles ist übrigens wieder zurück in US, Headcoach bei ner Highschool in Texas.

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