Los Angeles Rams in der Sezierstunde

Der Superbowl-Verlierer.

Wie fühlt man sich als Rams-Verantwortlicher nach Ablauf der letzten Saison:

  • Bist du zerknirscht, weil du den Superbowl komplett verschlafen & vercoacht hast?
  • Bist du sauer, weil trotzdem nur eine oder zwei haarscharfe Aktionen zum Titel gefehlt haben?
  • Bist du verlegen, weil du ohne Tomaten auf Referees Augen überhaupt nicht in dort gestanden wärst?
  • Bist du stolz, weil die halbe Liga versucht, deine Offense zu kopieren und deine Leute abzuwerben?
  • Bist du unsicher, weil deine so reibungslose Offense nach der Verletzung eines einzigen Spielers (Cooper Kupp) so einfach ins Wanken geraten ist?
  • Bist du unsicher, ob das Wanken vielleicht unabhängig von Kupps Ausfall sogar daran gelegen haben mag, dass die Defenses langsam verstehen wie man die Rams-Offenses verteidigt?
  • Bist du besorgt, weil QB Jared Goff mit zunehmendem Saisonverlauf immer banaler, ausrechenbarer wurde und am Ende mit einer Horrorshow von Superbowl den Titel kostete?
  • Oder bist du erwartungsfroh, weil dein grundsätzliches System funktioniert und es nur wenige Gründe gibt, warum es 2019 plötzlich anders sein sollte?

Achterbahn der Gefühle. Es ist alles so viel besser als noch vor zwei Jahren, als man sich mit einem völlig verunsicherten Goff nach einer Rookie-Saison irgendwo zwischen Tebow und Nathan Peterman konfrontiert sah. Doch dann kann man sich dennoch in den Arsch beißen, dass man die goldene Chance mit einer vercoachten Superbowl weggeworfen hat.

Die Art und Weise, wie die Rams die Superbowl verloren (3-13 gegen die Patriots), war vor allem auch deshalb unfassbar bitter, weil Headcoach Sean McVay nicht bloß an allen Stärken der Rams in der letzten Saison vorbeicoachte, sondern auch an den Schwächen der Patriots – und weil er 60 Minuten nichts an dem Gameplan änderte, obwohl er offensichtlich nicht funktionierte. Die Rams nutzten kaum Play-Action, nutzten kein Passspiel aus 2-TE Formationen und liefen kaum Snaps aus 11-Personnel.

McVays Gegner war Belichick, der beste aller Zeiten, doch am Ende des Endspiels blieb man dennoch konsterniert zurück, denn es wäre auch gegen den GOAT möglich gewesen.

Current State Map

2018 war „das Jahr”, für das GM Les Snead die besten Superbowl-Chancen kalkuliert hatte. Man scheiterte knapp. Doch weil Snead die letzten Jahre zwar aggressiv einkaufte, aber nicht blind das Geld zum Fenster rauswarf, hat die Salary-Cap zumindest momentan noch keinen langfristigen Schaden. Daher können die Rams zur anstehenden Saison 2019 trotz einiger Abgänge noch immer mit einem guten Kader antreten.

Doch ob es personell noch einmal so hochklassig wird wie letztes Jahr, darf man bezweifeln. Schon bevor wir einrechnen, dass ein Leistungsträger wie der 37-jährige LT Andrew Withworth vielleicht schon rasch keine 100%ige Bank mehr ist und bevor wir uns ansehen, welche Leute den Kader verlassen haben, muss man darauf hinweisen, dass die Rams in den letzten beiden Jahren von außerordentlichem Verletzungsglück profitierten:

  • 2017 war man die #1 nach AGL
  • 2018 war man die #4 (#2 Offense, #13 Defense)

Die wenigen Ausfälle hatten bereits nennenswerten Impact: WR Cooper Kupp verpasste schon vor seinem Woche-11 Kreuzbandriss einige Spiele – ohne ihn konnte die Offense nicht den gewohnten Stiefel in 11-Personnel runterspielen und litt an Effizienz (11-Personnel spielte man mit Kupp in ca. 95% der Fälle). In der Defense war es CB Aqib Talib, der mehrere Wochen lang ausfiel – mit dem Problem, dass man dann keinen CB1 mehr hatte, den man auf die Top-Receiver anstellen konnte und nur noch eine durchschnittliche Passing-Defense stellte. (Die Gurley-Verletzung lassen wir mal außen vor – schwer zu sagen, ob seine Verletzung überhaupt nennenswerten Impact hatte.)

Der teure Rams-Kader war in der Form nicht haltbar, weswegen man einige Leistungsträger ziehen lassen musste. Die wichtigsten sind OG Rodger Saffold, C John Sullivan, DT Ndamukong Suh, FS Lamarcus Joyner und LB/S Mark Barron.

Offense

Saffold hinterlässt eine klaffende Lücke in der O-Line. Man muss sich vor Augen führen, dass die Rams-Line eine der besten der letzten Jahre war. U.a. hatte sie im Laufspiel nach Football-Outsiders 5.5 Adjusted Line-Yards pro Spiel, der beste Wert seit Mitte der 1990er Jahre. Weil auch C John Sullivans Vertrag nicht verlängert wurde, geht man mit einer „interior-OL“ bestehend aus LG Noteboom, C Brian Allen und RG Austin Blythe ins Rennen. Es hebe die Hand, wer diese Leute gekannt hat. Noteboom spielte in der NFL bislang 78 Snaps, Allen gar nur 36.

Hinter dieser Protection wird die ganze Sachlage nicht einfacher. QB Goff gilt als extremer Wackelkandidat unter Druck. Nehmen wir mal die Grades von Pro Football Focus als Anker: Ohne Druck waren nur Mahomes, Brees und Russell Wilson besser. Mit Druck in der Fresse war Goff auf einem Level wie Derek Carr, Blake Bortles, Alex Smith oder Nick Mullens… nicht unbedingt die beste Gesellschaft an Quarterbacks.

Auch das dominante Laufspiel wird ohne eine mächtige Offense Line leiden. Letzte Saison konnten wir sehen, wie die Rams einen kaputten C.J. Anderson für den angeblichen MVP-Kandidaten Todd Gurley einwechselten, ohne nenneswerte Einbußen hinzunehmen. Gurleys sportliche Aussichten sind nun wegen einer chronischen Knieverletzung nicht mehr die allerbesten, weswegen er vermutlich gar nicht mehr der Fokus der Offense sein wird. Als einen Ersatzmann draftete man Darrell Henderson in der 2ten Runde – viele Ressourcen für eine „non premium“ Position.

Doch so grenzgenial das Rams-Laufspiel letzte Saison war (nach DVOA waren nur wenige Passing-Offenses effizienter!): Über Wohl und Wehe wird trotz allem das Passspiel entscheiden. Goff ist ein guter Play-Action Quarterback, und sein WR-Corps ist in fittem Zustand mit WR Cooks, WR Woods, WR Kupp und TE Everett nach wie vor exzellent. Er ist sogar unverändert im Vergleich zur letzten Saison. Doch „unverändert“ heißt auch „ohne Neuzugänge“ – und wir haben gesehen, wie schnell die Personaldecke dünn wird.

Ein wichtiger Faktor werden die Coaches sein: Nach der Saison 2017 verlor man OffCoord Matt LaFleur, nach der Saison 2018 verlor man QB-Coach Zac Taylor. Beide sind nun Headcoaches in der NFL, weil jeder McVays Offense nachbauen will. Nur McVay selbst ist noch in Los Angeles.

Und McVay bleibt wahrscheinlich trotz aller Spieler die Schlüsselposition in der Offense. Nicht nur hält er den Joystick in der Hand, mit dem er Goff am Feld fremdsteuert. Er muss auch Mittel und Wege finden, Goff Coach-unabhängiger zu machen, will man nicht erneut wie von den Patriots verarscht werden (New England stellte einfach nach Ende der Coach-QB Kommunikation die Coverage um und hatte Goff im Sack). McVay muss sich auch fragen, an welchen Stellen er die Offense weiterentwickeln kann, denn es sah Kupp hin, Kupp her an einigen Stellen gegen Ende der letzten Saison immer stärker danach aus als hätten gegnerische Defenses kapiert wie man die Offense einbremsen kann.

Erinnern wir uns: Die Rams spielen fast immer aus der gleichen Starting-Formation. Fast immer 11-Personnel mit „condensed formations“. Fast immer mit QB under Center um praktisch in jedem Spielzug alles spielen zu können ohne der Defense einen verfrühten Hinweis zu geben: Play-Action (das aus Shotgun weit weniger effizient wäre), Laufspiel, lange sich entwickelnde Routen.

McVay hätte noch einen weiteren Hebel: 4th-Down Playcalling. McVay war dort entgegen der landläufigen Meinung einer der konservativsten Headcoaches. Er sollte dort mehr riskieren.

Defense

Die Defense wird weiterhin vom großartigen DefCoord Wade Phillips gecoacht, doch sie fiel letztes Jahr ins Mittelfeld der Liga zurück (#17 DVOA, nachdem man 2017 noch #6 gewesen war). Vor allem gegen den Lauf war es eine schwache Defense (#27 DVOA), doch auch in Passing-DVOA war sie nur noch am unteren Ende der Top-10.

Mit DT Suh, FS Joyner und LB/S Barron verliert fast 2.400 Regular-Season Snaps. Doch vielleicht kann man sie auch ganz gut ersetzen, denn Suh war eigentlich nur in den beiden Playoffspielen vor der Superbowl ein wesentlicher Faktor und Joyner wird durch den aus Baltimore geholten FS Eric Weddle prinzipiell gleichwertig ersetzt (Weddle ist einer der besten Safetys der letzten 10 Jahre, aber eben auch schon 34).

Dafür haben die Rams an einer wichtigen Stelle vermutlich ein Upgrade gefunden: Edge-Rush. Wir wissen, dass der Edge-Rush der wertvollere Pass-Rush ist als der Interior-Passrush (wo Defensive-MVP Aaron Donald so brilliert), und nicht nur hielt man DE Dante Fowler, man holte auch noch den 33-jährigen Clay Matthews heim nach L.A. Matthews ist vielleicht kein Weltklasse-Athlet mehr und Fowler konnte seinen Draft-Status als ehemaliger #3 Overall Pick nie ganz bestätigen, aber beide sollten in Kombination besseren Edge-Rush bringen als Los Angeles in der kompletten letzten Saison hatte (nur 15% der QB-Pressures kamen über außen).

Der kritische Punkt ist ganz hinten in der Secondary. Dort ist CB Talib der Ankermann der Defense. Talib ist 33 und war letzte Saison zu oft verletzt. Sein Auftreten in möglichst vielen Spielen ist essenziell, denn ohne Talib im Line-Up musste Phillips 2018 zu häufig Personalrochaden mit CB Marcus Peters veranstalten. Peters hatte kein gutes Jahr, wenn er als 1-vs-1 Manndecker gegen die Top-WRs aufgestellt war. Nickelback ist gemäß „Der Name ist Programm“ Nickell Robey-Coleman, dazu hat man in CB David Long aus Michigan einen Rookie gedraftet, der vielleicht 200-300 Snaps spielen kann.

Auf Safety muss man den Irrwisch Joyner auf Free-Safety ersetzen. Weddle dürfte auch in hohem Alter noch brauchbar sein, doch es besteht ein gewisses Risiko. Rookie Taylor Rapp gilt nicht als prototypischer Free-Safety. Er ist eher ein Backup für den (guten) Strong-Safety John Johnson. Oder hat man andere Pläne und stellt Rapp sofort hinten rein auf Free-Safety und zieht dafür Weddle als Art „neuen Mark Barron“ als Dime-Back (LB/S Hybrid) auf?

Ausblick

So oder so: Es wird ein schwierigeres Jahr als zuletzt für die Rams. Eine erneute 13-3 Saison scheint ausgeschlossen. Dagegen sprechen zu viele Regressions-Indikatoren:

  • Pythagorean von 11.2 Siegen war der drittbeste der Liga, aber eben auch fast 2 Siege unterhalb von 13-3
  • 6-1 Bilanz in One-Score Games ist kaum reproduzierbar
  • Verletzungsglück hatten wir schon oben
  • 70% der herumhüpfenden Fumbles nimmste auch nur in totalen Ausnahmesaisons auf
  • +11 Turnover-Bilanz war die viertglücklichste der NFL. Kannste auch nur schwierig wiederholen

Glücklicherweise spielen die Rams einen eher einfachen Schedule: Warren Sharp schätzt den #27 Schedule. Doch nicht nur wird der Divisionssieg keine g’mahnte Wiesn sein. Die divisionsinterne Konkurrenz mit San Francisco, Arizona und Seattle wird härter zu bespielen sein als 2018 und wenn sie vielleicht noch nicht ganz ausreicht um die Divisionskrone zu stehlen, so kann man nicht mehr von einer 6-0 Bilanz in den Divisionsspielen ausgehen. Weniger Siege bedeutet vielleicht immer noch Divisionssieg. Aber es bedeutet auch, dass ein 1st-Round Bye unwahrscheinlicher wird.

Für die Rams, gerade auch für die Coaches, ist es von zentraler Bedeutung, in der kommenden Saison alle Hebel auch im Play-Calling optimalst möglich zu nutzen, denn das Fenster schließt sich nach der Saison so langsam.

Goff spielt 2020 unter der „5th-Year Tag“. Mit Gurley hat man bereits eine der unwichtigeren Ressourcen finanziell fett gebunden, dass man vor 2021 nicht ohne finanziellen Schaden rauskommt, weswegen GM Snead in der nächsten Offseason die eine oder andere schwierige Entscheidung treffen muss: EDGE Fowler, OT Whitworth, DT Brockers, CB Talib, CB Peters und OG Blythe sind dann Free-Agents und Leute wie Weddle oder Matthews werden dann mit Mitte 30 auch keine „Building Blocks“ mehr sein.

Für 2019 ist das allerdings genial, weil diese Ausgangslage die Fallhöhe vergrößert. Sprich: Die Rams müssen mit noch mehr Verve spielen, und das ist bei einem optisch so attraktiven Team ein gutes Zeichen für den neutralen Fan.

4 Kommentare zu “Los Angeles Rams in der Sezierstunde

  1. Hier ein guter Thread über die Dinge, die McVay noch besser machen kann:

    1. Noch mehr Pre-Snap Motion damit die Defense weniger Zone spielen kann.
    2. Mehr Play Action auch ohne Gurley.
    3. Mehr Aggressivität in 4th Downs.

    Für McVay wartet eine sehr wegweisende Saison. Er darf nicht stehen bleiben.

  2. @Simon: Zugegebenermaßen habe ich mich jetzt nicht im Detail mit dem Beitrag beschäftigt, aber auch bei Presnap Motions kannst du Zone spielen.

    @all: Eigentlich wieder Sinnbildlich für die Patriots, wenn ich noch einmal drüber nachdenke: Die Coverage spät zu ändern ist eine so simple und elegante Lösung; es war ja längst bekannt, das McVay die Plays callt und dennoch kommt sonst keiner auf die Idee das zu tun…

  3. Die Coverage spät zu ändern ist clever, aber (eigentlich) brutal einfach zu kontern. Spiele schnelle No-Huddle Offense und snappe den Ball mit +15sec auf der Uhr.

    Und auch korrekt, dass man gegen Pre-Snap-Motion Zone spielen kann. Spiele selbst bei nem niederklassigen Football Team in Deutschland und wir checken bei Motion fast immer raus aus einer Man-Coverage in eine Zone – was unser Defense play calling zugegebenermaßen schwer handicapped. 😅

  4. Pingback: Furchtlose NFL-Vorschau 2019/20 | Die Titelfavoriten | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.