College Football Geschichtsstunde: Die Exzesse der Achtziger Jahre

Update 10h15: Auf Hinweise von @tripleoptionblog in den Kommentaren habe ich kleinere faktische Fehler ausgebessert.


Die Achtziger Jahre sind in vielerlei Hinsicht ein Mythos. Es war das Jahrzehnt der verrückten TV-Serien, der wilden Mode, der großartigen Musik. Es war ein Jahrzehnt der Umwälzungen: Der Kapitalismus besiegte den Sozialismus. Es war auch ein Jahrzehnt der Unsicherheit. Es war in Summe ein ungezügeltes Jahrzehnt – lieber von allem etwas zu viel als zu wenig – ob Haare oder bunte Kleidung oder musikalische Stilrichtungen. Noch heute geht das Publikum unserer Blaskapelle bei keiner Musik so ab wie wenn wir Achtziger spielen.

„Zu viel“ war auch das Thema im College Football der Achtziger. Es war eine Dekade der Kapitalisierung des Sports mit Dutzenden neuen Millionen aus der TV-Branchse, die Dekade der Disruptoren aus Florida sowie die Dekade der Exzesse in den Athletic Departments. Am Ende der Achtziger war der College Football nur noch an der Oberfläche so wie am Anfang: Die Grundlagen für massive Veränderungen waren gelegt.

Wir hatten in der Geschichtestunde über die 1970er Jahre gelernt, dass College Football immer fokussierter auf einige wenige Big-Player wurde. Der erlauchte Kreis an großen Universitäten wie Alabama, USC, Notre Dame, Ohio State, Michigan, Nebraska, Texas, Georgia oder Oklahoma wurde immer schwieriger zu durchbrechen.

Geldsegen für die Universitäten

Doch das reichte diesen Big-Playern nicht. Sie wollten mehr. Ihr erstes großes Ziel erreichten die Football-Supermächte, als ihre Kartellklage gegen die NCAA am 27. Juni 1984 vor dem Bundesgericht gewann: Geklagt hatten große Unis wie Oklahoma und Georgia gegen die TV-Reglementierungen der NCAA.

Oklahoma, Georgia und die komplette Elite des College Football gewann in jenem Prozess am Ende die Freiheit, ihre TV-Verträge selbst auszuhandeln, anstatt durch die NCAA limitiert auf ein paar wenige Übertragungen pro Jahr beschränkt zu sein. Es war der letzte gefallene Dominostein, der den College Football liberalisierte – und zugleich die Frage aufwarf, warum College Football als mittlerweile reines Big-Business an Bildungseinrichtungen überhaupt noch über Existenzberechtigung verfügte.

Die Folgen waren drastisch: In den 30 Jahren vor 1984 waren die Oklahoma Sooners im Schnitt zweimal pro Jahr im Fernsehen zu sehen. 1985 waren sie schon neunmal im Fernsehen. College Football wurde so quasi über Nacht von einer privaten Angelegenheit derjenigen, die Tickets gekauft hatten, zu einer öffentlichen, wo jeder zusehen konnteeine Geldsegen, der den College Football massiv veränderte. Wenig überraschend, dass sogleich auch der Rubel rollte.

Geldsegen für die Athleten

Doch mit dem Geldregen ab 1984 allein können die extremen Auswüchse der Korruption, die den College Football der Achtziger überschwemmten, nicht erklärt werden. Es war eine Zeit, in der einfach alle die Grenzen der Legalität überschritten im verzweifelten Kampf, Schritt zu halten mit den Eliten.

Die National Champions von 1980 (Georgia) und 1981 (Clemson) wurden wegen eklatanter Recruiting-Verletzungen sowie haufenweise getürkter Testarbeiten ihrer Athleten überführt, doch solcherlei Regelübertretungen waren noch harmlos gegen das, was sich andere SEC-Universitäten und vor allem die Schulen in den Rednecks erlaubten.

Die SEC war wie wir schon gelernt haben traditionell eine Liga, für die Football über allem stand und die sich recht wenig um ethische Grundsätze und höhere Bildung kümmerte. Doch auch die Eliten Norden saßen einmal mehr mit im Glashaus: Die altehrwürdige Big Ten Conference hatte in den Sechzigern mit ihrer Lockerung der Aufnahmebedingungen für Footballer ein ebenso eindeutiges Zeichen gesetzt, was für sie im Zweifelsfall zu priorisieren war: Business über Bildung.

Da wollten die Teams in den Rednecks nicht nachstehen und pfefferten ebenso Dollarnoten auf den Markt im verzweifelten Wettrennen um neue Stars. Die Methoden wurden über die Jahre immer krasser, besonders in der schamlosen Southwest Conference, einer der Vorläuferinnen der späteren Big 12.

Teams kannten alsbald keine Grenzen mehr und ließen sich auch von eindeutigen Warnungen und ersten Bestrafungen nicht von ihrem Treiben abhalten. Es traf im Prinzip jede Universität – von Texas A&M bis zu Oklahoma waren alle wichtigen Mannschaften betroffen. Selbst der legendäre Oklahoma-Coach Barry Switzer musste schließlich wegen zu krasser Regelverletzungen unter öffentlichem Druck zurücktreten.

Berühmt geworden ist der Fall der Southern Methodist University (SMU) aus Dallas, die so rücksichtslos schmierten, dass es alsbald selbst für die laxesten Kontrolleure der NCAA zu viel wurde. SMU, das nie eine historische Macht im Football gewesen war, lief Anfang und Mitte der 80er mit einem All-Star gespickten Team um Leute wie RB Eric Dickerson (später NFL-Rekordhalter für Rushing-Yards) oder RB Roger Craig (später mehrfacher Superbowl-Champ mit den 49ers) RB Craig James auf – dem „Pony Express“, die man die Mannschaft alsbald nannte.

Als sich die SMU Mustangs auch nach mehreren Strafen nicht von ihrem kruden Spielchen abbringen ließen, reagierte die NCAA schließlich 1987 mit der ersten und bis heute einzigen ausgesprochenen „Death Penalty“ – dem Shutdown des Footballprogramms, das so gut wie aufgelöst wurde. ESPN hat über den Fall eine Doku gedreht: „Pony Excess“.

Die Brutalität der Strafe (SMUs Programm lag danach für 20 Jahre in Trümmern und wurde nach dem Zerfall der Southwest Conference auch nicht in die Big-12 Conference aufgenommen) dämmte die wüstesten Auswüchse tatsächlich ein, aber die NCAA war wohl erschrocken genug über ihre Folgen, und verzichtete bis heute auf eine weitere Death-Penalty.

Die sportlichen Ausnahmeerscheinungen

Schmiergelder waren der eine Weg um nach oben zu kommen. Doch es gab auch andere Wege. Einen davon zeichneten die Coaches der Mormonen-Universität Birgham Young in Utah auf, die unter Headcoach LaVell Edwards als eines der ersten Mannschaften ihre Offense um das Passspiel herum aufzogen und damit nicht bloß Passing-Rekorde aufstellten, sondern 1984 sogar einen National Title gewinnen konnten.

Jene BYU-Offense war gilt heute als Inspirationsquelle und somit als indirekte Vorläuferin der Air-Raid Offense, die ab den frühen 2000ern den American Football für immer veränderte – weg von den alten Rushing-Offenses, hin in ein neues, liberales Pass-Zeitalter.


Doch so sehr SMU mit seinen Exzessen für die Verruchtheit der Achtziger stand, so sehr BYU spätere Generationen beeinflusste: Das berühmteste Start-Up der 1980er spielte woanders, und es passte wie die Faust aufs Auge zu jener Zeit, in der die Tony Montanas die Straßen Südflorida unsicher machten und wilde Partys feierten. Die Rede ist natürlich von den Miami Hurricanes.

Die University of Miami war vor 1980 ein kleines privates College gewesen, das zufällig die vorhandene Struktur der Miami Orange Bowl mitten in Downtown Miami nutzte, aber sportlich bis auf vereinzelte „ranked finishes“ nie was Richtiges erreicht hatte und alle zwei Jahre den Headcoach austauschte.

Miamis Problem war stets gewesen, dass seine Highschools im boomenden Florida zwar massig hochtalentierte Athleten hervorbrachten, doch niemand sich traute, in die gefährlichen Viertel zu gehen um die Spieler an die Universität zu holen. So gingen die meisten von ihnen nach Georgia oder Alabama – und wenn sie in Florida blieben, so gingen sie eher nach Gainesville an die University of Florida.

Auftritt von Howard Schnellenberger. Der stets elegant gekleidete Schnellenberger hatte als erster die Schneid, diese kulturelle Mauer in Miami zu brechen und die besten Athleten aus der Stadt für seine private Eli-Uni zu gewinnen. Der eine oder andere finanzielle Zuschuss der enthusiasmierten Booster mag geholfen haben – und so formte Schnellenberger innerhalb von nur fünf Jahren aus einem ewigen Verlierer eine neue Supermacht: Eine Ansammlung an rüden, ungehobelten Star-Athleten

Diese Jungs ließen sich nicht einfach bändigen. Sie waren wild und eigentlich unpassend für eine Universität. Doch Siegen ging über Studieren und weil in jener Zeit einfach jeder machte was er wollte, fiel Miami in den ersten Jahren mit seiner aggressiven Recruiting-Taktik gar nicht wirklich auf. Bis es für die Eliten zu spät war.

In der epischen Orange Bowl von 1984 kam es schließlich zur Wachablösung, als Miami die traditionelle Macht Nebraska aus einer völlig anders tickenden Welt mit 31-30 besiegte. Es war nicht bloß ein episches Spiel, weil der grandiose Nebraska-Coach Tom Osborne in allerletzter Minute auf Sieg anstatt auf Remis ging um eine National-Title Entscheidung auf dem Spielfeld zu erzwingen.

Es war auch und vor allem der Moment, der der Welt mit den Hurricanes einen ganz neuen Player präsentierte, der so gar nicht in die Normen der verkrusteten Alten Welt passte – die ungeniert jubelnden Veranstalter der Orange Bowl nach einem Miami-Touchdown gedroppten Nebraska-TD in der Crunch-Time passen so gut ins Bild, weil sie für alles standen, was den College Football der Achtziger repräsentierte: Gier nach Kohle, Gier nach Siegen, notfalls über alle Konventionen hinweg.

Mit dem Sieg in jener Orange Bowl holte Miami auch den National Title der Saison 1983/84. Direkt im Anschluss verlor es Coach Schnellenberger durch Rücktritt, doch Miami sollte kein one year wonder bleiben, denn Schnellenbergers Nachfolger, die Betonfrisur Jimmy Johnson, passte noch besser nach Südflorida: Johnson ließ seine Jungs an der noch längeren Leine und formte eine noch dominantere Macht, die angeführt von Leuten wie WR Michael Irvin, DT Jerome Brown oder DT Russell Maryland auch zahlreiche spätere NFL-Superstars hervorbrachte.

Unter Johnson wurde Miami „The U“. Die Schlachten mit Notre Dame („Catholics vs. Convicts“) und Florida State haben heute legendären Charakter und waren stilprägend. Zwar gab es mit dem Mega-Upset von #2 Penn State in der Fiesta Bowl am Neujahrstag 1987 gegen #1 Miami und den National Titles von Oklahoma 1985 und Notre Dame 1988 noch letzte Zuckungen der „Alten Welt“, doch Miamis Sturm auf die Krone war ungebrochen.

Johnson holte 1987 die National Championship, sein Nachfolger Dennis Erickson 1989 und 1991 (Split-Titel). Insgesamt gewann Miami zwischen 1983 und 2001 unterbrochen von mehreren Recruiting-Skandalen gleich fünf National-Titles und hätte mit etwas Glück noch mehr gewinnen können. Doch „mehr“ brauchte es nicht. Die Landschaft des College Football war mit Miamis Erscheinen bereits für immer verändert. Die Canes waren der Disruptor, der der Gesellschaft ihren Spiegel vorhielt und dafür sorgte, dass die Strukturen veränderbar blieben.

Die Basis für die Entscheidung am Feld

Doch der College Football hatte mit Osbornes „Go for the Win“ 1984 und mehreren Split-Titles 1990 (Colorado / Georgia Tech) sowie 1991 (Miami / Washington) und immer mehr Geld durch die TV-Anstalten ausgangs der Achtziger ein immer größeres Problem: Den Landesmeister durch eine Abstimmung zu bestimmen, war immer weniger signifikantes Alleinstellungsmerkmal auf das man stolz sein konnte, sondern immer mehr überholter Modus Operandi, der vor allem einer Kaste die Moneten in die Taschen schacherte: Den Veranstaltern der Bowl-Season.

Aber nun war daran nicht mehr wie in den Sechzigern die Politik schuld. Nun stand bare Münze auf dem Spiel. Und wenn dem Menschen die Kröten durch die Finger gehen, kommt früher oder später immer eines: Der Aufschrei. Und so sollten die angehenden Neunziger die Dekade sein, in der man endlich begann, den Meister des College Footballs am Feld auszuspielen anstatt per Akklamation auf dem Papier zu bestimmen.

Der Weg dahin sollte nicht ohne Stolpersteine sein. Wie immer, wenn es um Veränderungen im College Football geht.

8 Kommentare zu “College Football Geschichtsstunde: Die Exzesse der Achtziger Jahre

  1. Erneut sehr schöne Zusammenstellung!
    Kleine Anmerkung: Der Pony Express-RB war Craig James (später mit den Patriots im SB). Roger Craig spielte bei den Huskers neben u.a. Mike Rozier (teilweise auch als FB, nachdem Rozier klarer Starter wurde). Ein Teamplayer, wie man ihn heute wohl nur noch selten erleben dürfte.
    Die Veranstalter vom 1984er Orange Bowl jubelten übrigens, nachdem Husker Top-WR Irving Fryar (späterer 1st overall pick der Patriots) einen Pass in der Endzone völlig unbedrängt fallen ließ. Viele Huskers-Fans denken noch heute, dass bei dem Play Bestechung im Spiel war.

  2. Das Spiel gehörte halt zu meinen Initiationsriten, als ich ca. 10 Jahre später Huskers-Fan wurde. Habe ich einige Male in kompletter Länge gesehen (wie auch andere Spiele der „Scoring Explosion“), von daher sind die Erinnerungen recht fest…

  3. Pingback: NFL 2019 Preview – Lesetipps am Dienstag | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  4. @FloBlogs

    Ich habe mehrere Bücher gelesen. Ich halte mich ein wenig an den Rahmen, den Michael Weinreb vorgibt und baue darum herum die Geschichte, wie ich sie verstanden habe. Es gäbe en detail noch viele Sachen zu erklären.

    Das Abstrahieren auf einem hohen Level ohne in ausschweifende Details zu verfallen ist mir beim Schreiben zugegebenermaßen durchaus schwer gefallen.

  5. Ja – sofern man akzeptiert, dass er die Miami Hurricanes über den grünen Klee glorifiziert.

    Man darf nicht vergessen, dass Miami zahlreiche Regeln gebrochen hat – auch wenn das wohl den Großteil des Pelotons betraf (betrifft?).

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