New England Patriots Mailbag, Teil I: Über die Motivationen von Belichick und Brady

NFL-Saison naht, und wir haben noch immer nicht über die New England Patriots gesprochen. Zeit, dieses Versäumnis nachzuholen. Ich habe wie schon vor ein paar Jahren dem Blog-Kollegen Herrmann ein paar Fragen zu den Patriots gestellt – er ist ein ausgewiesener Patriots-Experte. Heute der erste Teil der Antworten.

#1 Was ist an den Patriots beeindruckender: Die sechs Superbowl-Ringe oder der riesige, ungestillte Hunger, es ein siebtes Mal zu schaffen?

Alexander Herrmann: Sieht Bill Belichick aus, als wäre er hungry? Wenn man jetzt wieder Pressekonferenzen von ihm anschaut, erinnert er mich eher an Bart Simpson, der nachsitzen und 100 Mal an die Tafel schreiben muß: Ich muß wieder den  Super Bowl gewinnen.

Sehen Devin McCourty, Stephon Gilmore, James Develin, Matthew Slater oder Tom Brady hungry aus, wenn sie auch nach dem zwölften Training wiederholt sagen: Oh you know, I just go out here every day and try to get a little bit better, get my problems cleaned up and try to be the best player I can to  help the team win?

Es hat eher etwas maschinenartiges. Man sieht den Hunger nicht und man kann ihn nicht fühlen. Aber man erkennt ihn daran, wie gehandelt wird. Und dieses stetige, sich immer weiterentwickelnde, vorausdenkende, anpassende – was der Schlüssel zum Erfolg ist, ist noch ein kleines bißchen beeindruckender als der Hunger, die Motivation.

Da ist ein Gedanke, den ich dazu habe. Und der andere ist tatsächlich: Wie zur Hölle kann man sich, wie Belichick, 50 Jahre lang sein gesamtes Leben nur auf eine Sache fokussieren – und immer noch (es ist seine 44. Saison in der NFL!) – so grotesk motiviert sein, als glaubte eigentlich niemand an Dich, als müßtest Du es endlich und finally der Welt beweisen?

Steve Kerr hat es die letzten zwei Jahre immer wieder erzählt, daß das schwierigste die Motivation ist, wenn man fünf Jahre in Folge in die Finals kommt und drei Mal Meister wird. Er selbst und auch seine Spieler bei den Golden State Warriors haben die unterschiedlichsten Dinge ausprobiert. Einmal hat Kerr sogar während des Spiels das Taktikboard seinem Spieler Draymond Green gegeben und gesagt: so, das macht ihr jetzt alleine, ihr scheint ja eh keinen Bock mehr auf meine Stimme zu haben. Dann hat er sich an das Ende der Bank gesetzt und die Spieler haben sich selber gecoacht.

Gregg Popovich, der auch seit 20 Jahren ständig mit seinen Spurs um Titel mitspielt, sagt ebenso, daß die Motivation die größte Herausforderung  ist, nicht die neuen Spieler, neuen Gegner, neuen Strategien oder wie sich das Spiel insgesamt verändert.

Faszinierend, auf jeden Fall, wie Belichick und das gesamte Team es immer wieder schaffen, großartig sein *zu wollen*.

Oder kann es vielleicht sogar sein, daß Belichick gar nicht so sehr motiviert ist, sondern einfach so viel besser als die anderen? So als würde Magnus Carlsen sonntagnachmittags in den Stadtpark von Oslo gehen und in 20 Partien simultan die Parkschachgruppe an die Wand spielen? Mittlerweile halte ich das nicht mehr für völlig ausgeschlossen.


#2 Welcher ist der Tag, an dem Tom Brady seinen unbedingten Siegeswillen verlieren wird?

Alexander Herrmann: Niemals. Er wird nur irgendwann von seinem Körper gezwungen werden.

Roger Federer kommt  mit 38 Jahren nochmal ins Wimbledon-Finale. Serena Williams wird mit 35 Jahren Mutter und steht nur ein Jahr später in zwei Grand-Slam-Endspielen. Alejandro Valverde fuhr gerade mit 39 Jahren nochmal bei der Tour die France in die Top-10; Manny Pacquiao kam gerade mit 40 Jahre nochmal zurück und ist Weltmeister geworden; als Jupp Heynckes mit 73 dann endlich in den Ruhestand gehen wollte, hätte Hoeneß das fast nicht zugelassen. Bernhard Langer ist jetzt fünf Jahre in Folge Player of the Year auf der Seniorentour geworden; er hat dieses Jahr sogar beim Masters den Cut geschafft – mit 60 Jahren!

Alle diese Sportler sind extrem smart, und alle passen ihr Spiel ihrem Körper an. Sie tun Dinge, die sie vorher nicht getan haben; und sie machen Dinge anders, als vor fünf oder 15 Jahren. Das ist das besondere, diese Offenheit im Alter für neue Dinge. Man könnte das sogar noch breiter sehen als nur Sport: Warren Buffet investiert heute in Dinge, die er früher für Quatsch hielt; Angela Merkel tut Dinge, die vor ihr noch kein Bundeskanzler getan hat.

Es gibt generell eine Arroganz des Alters gegen die Jugend, in allen Bereichen des Lebens. Und wenn die Jugend aus der Pubertät raus ist, dann ist sie meistens lässiger gegenüber den Alten als umgekehrt. Ich glaube, generell gilt: je jünger an Erfahrung, desto offener für Änderungen im Kopf. Das sieht man im Football exemplarisch an Paßspiel vs. Laufspiel (Der Vorwärtspaß, Hal Mumme/Air Raid), oder auch an “Analytics” vs “Auge”.

Alte Menschen machen keine Revolutionen. Alte Menschen wollen beweisen, daß sie schon immer recht hatten. Wahrscheinlich aus der Sorge heraus, sonst ihre Vergangenheit, ihr eigenes Leben in dem Sinne, in Frage gestellt zu sehen. In meiner Altersgruppe fällt mir das auch immer mehr auf im real life: die Leute, die früher Backstreet-Boys-Poster an der Wand hatten oder Jackass-Stunts nachgespielt haben, sagen heute: Oh Gott, diese Jugend mit ihrem Influencer-Quatsch und Youtube-Streichen, wie können die nur so blöd sein?

“Die Jugend wird ja immer dümmer”, wie man seit 2000 Jahren sagt. Das sind die die gleichen Leute, die sich vor 20 Jahren nicht ernst genommen gefühlt haben und sich geschworen haben: wenn ich in dem Alter bin, werde ich garantiert nicht über die Moden der Jugend lachen.

Damals haben sich die Eltern Sorgen gemacht um ihre Kinder, weil diese nur vor’m Computer hängen. Diese Kinder lachen heute über E-Sports-Spieler. Und wahrscheinlich werden die E-Sports-Spieler in 20 Jahren lachen über die Jugend, die dann virtuell mittels Gedankenübertragung Logikrätsel löst. Oder was auch immer man dann machen wird.

Das Besondere an Brady, Belly, Serena und Co. ist wahrscheinlich, daß sie verstehen, daß konstante Veränderungen der eigenen Person kein Eingeständnis von Schwächen oder Fehlern ist, sondern ein Zeichen von mentaler Stärke.

Vielleicht motiviert Belly und Brady niemand mehr als die McVays und Mahomes’es. In dem Sinne: Ich habe nicht nur mehr Erfahrung als ihr, sondern auch die gleiche Offenheit gegen Neues und Veränderungen, trotz meines Alters.


#3 Auch die allerbesten Quarterbacks der Geschichte kamen an den Moment, an dem sie sich eingestehen mussten, dass es nicht mehr geht – zuletzt Peyton Manning, dessen allerletzte NFL-Saison einem Drama glich. Ein Drama, das gleich traurig wie faszinierend anzuschauen war.

Mit nunmehr bald 42 Jahren ist Tom Brady längst in einem Alter, für das es in der NFL-Geschichte keinen vergleichbaren Artgenossen mehr gibt. Ist 2019 also der Herbst, in dem Tom Brady den Kampf gegen Gevatter Zeit verliert? 

Herrmann: Mentale Stärke hin oder her, irgendwann ist die Natur stärker – und der Körper eben zu schwach. Ich gehe in die Saison mit der Erwartung, daß es Bradys letzte ist. Sein neuer Vertrag ist auch nur ein 1-Jahres-Vertrag, auch wenn er auf den ersten Blick anders aussieht.

Bradys Verträge mit den Patriots sind ja bekanntlich eine Geschichte für sich, vor allem der Rabatt, den er gibt. Aber dabei kam ein Gedanke in der Berichterstattung immer zu kurz, ein Gedanke, der für mich völlig naheliegend ist: Brady will verhindern, daß er für Belichick zu teuer ist. Belichick soll gar nicht erst anfangen, darüber nachzudenken, ihn zu einer verzweifelten Franchise zu traden. Hätte Belly Garroppolo getradet, wenn Brady einen $30+ Mio Cap Hit gehabt hätte? Wohl eher nicht. Wenn aber Mr Franchise nicht mal unter den Top-5 nach Salary ist, dann ist es eine schwierige Entscheidung.

Die Frage ist dann natürlich sofort: Aber wer soll denn übernehmen nächste Saison? Die haben doch gar keinen Plan für Bradys Replacement. Well. Belichick hat den Super Bowl gewonnen mit einem 6th-rd pick in seinem zweiten Profijahr; und er hat 11 Spiele gewonnen mit Matt Cassel. Matt Cassel hält immer noch mehrere Passing Records der Patriots. Da wird sich schon was finden. Es hält sich ja immer noch hartnäckig das Gerücht, daß Belichick Baker Mayfield draften wollte an Nr. 2. Die Nachfolge-Entscheidung ist weniger wichtig, als die meisten glauben.

Brady wird schwächer sein als letztes Jahr. Aber dafür sind die Patriots in den meisten anderen Bereichen so gut aufgestellt, wie schon lange nicht mehr. Vor allem in der Secondary. Dazu kommen nicht nur die diesjährigen Rookies, sondern auch noch 1st- und 2nd-rd pick aus dem letzten Jahr, die beide verletzt noch gar keinen Einsatz hatten.

Und Manning hat in der angesprochenen Noodle-Arm-Goodbye-Tour ja auch den Super Bowl gewonnen.

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8 Kommentare zu “New England Patriots Mailbag, Teil I: Über die Motivationen von Belichick und Brady

  1. Schließe mich der Einschätzung von Herrmann an. Wie am SB gesehen, wird die Defense diese Patriots 2019/20 tragen. Erwarte kein Spektakel, sondern geduldiges Spiel. Sollen sich die anderen Teams auskotzen und die Ruhe verlieren, dann erst kommt die Brady Schlussphase wieder zur Geltung.

  2. Mal ein anderer Blickwinkel auf die Patriots, sehr schön. Der Gedanke mit dem Brady Contract ist angenehm neu, so hatte ich das noch nie gesehen, aber macht durchaus Sinn.

    Trotzdem wäre ich mir nicht so sicher ob Bellichick nicht bei Brady eine Ausnahme gemacht hätte beim Thema lieber ein Jahr zu früh gehen lassen als eins zu spät. Machtkampf hin oder her, Brady hatte immer einen Sonderstatus und ich meine zu Recht.

    McDaniels auch gut beschrieben. Macht seine Rolle greifbarer.

  3. Brady und co sind zum fc Bayern der NFL mutiert. Natürlich hat man Respekt aber es wird langsam auch langweilig, ich hoffe das die Dominanz diese Season endlich endet. Hoffe auf Chiefs vs phanters superbowl

  4. @Jogi:
    Der Vergleich mit dem FC Bayern … öhm… ich sag mal so:
    Sobald der SC Paderborn und FC Köln zu Beginn der Saison das Budget von RB Leipzig und 7 Top-spieler geschenkt bekommen, sowie am Ende der Saison eine mehrfache KO-runde steht, passt der Vergleich. 😉

    Was Langeweile angeht: Ich finde, die Pats dominieren nur auf dem Papier: „Sechs Superbowl-siege, x Superbowl-teilnahmen, …“. Schau mal, wie es wirklich auf dem Feld gelaufen ist:
    Letzte Saison im Conference Game mit INT in der Crunchtime gegen Chiefs ausgeschieden. Wait!!! Dee Ford im Abseits.
    Davor SB-Pleite gegen Philly mit Backup-QB. Nachdem man in den Playoffs um ein Haar an den Jaguars (!) gescheitert wäre.
    Das Jahr davor den Superbowl nach drei Vierteln mit 99,5%iger Wahrscheinlichkeit nach drei Vierteln verloren gehabt. Episch.
    Zwischen 2005 und 2015 kein einziger Titel.

    Das ist keine Dominanz. Das ist Entertainment.

    Der FC Bayern ist in den letzten 20 Jahren 15mal Meister geworden. Seit der Saison 2011/12 haben wir keinen anderen Meister mehr gesehen. Teilweise mit irrwitzigen Punkten, Tordifferenzen und Siegesserien. Das ist Dominanz.

    (Klar drücke auch ich Mahomes und Cam die Daumen!!! Das wäre ein Bombenspiel!)

  5. Klar sind die Pats immer vorne dabei und das über einen absurd langen Zeitraum in einer Liga, die auf Ausgeglichenheit gepoolt ist, wie kaum eine andere! Draft systemas System der NFL, sprich:, Salary-Cap, Free-Agency usw verbieten schon jeden Vergleich mit dem FC Bayern in der Bundesliga oder vergleichbaren Fußballteams in anderen europäischen Ligen! Schließe mich da vollständig meinem Vorredner an. Und bei aller Dominanz sollte man auch nicht vergessen, dass die Pats zwar immer vorne mit dabei waren, aber zwischen 2005 und 2015 über 10! Jahre eben kein SB gewonnen wurde und auch seit 2003/2004 kein Titel mehr verteidigt werden konnte (übrigens ist dies NFL übergreifend keinem Team gelungen)… wann ist sowas den Bayern eigentlich das letzte mal passiert?
    Und mit der langeweile: nunja, klammern wir den letzten SB mal aus, aber welch epische Spiele waren eigentlich alle Patriots SB der Belichick/Brady Ära? 2002 gegen die Rams mit 3 Punkten und FG mit auslaufender Uhr, 2004 und 05 ebenfalls 3 Punkte, 2008 dann gedroppte INT von Samuel und Tyrees Helmet Catch, 2012 dann der Manningham Catch, Intentional TD und gescheiterte Hail Mary, 2015 dann der 4th QTR Comeback gegen die beste Def im Lande, Kearse Catch und die Butler INT, 2017 dann das Comeback nach 28:3 Rükstand gegen die beste OFF im Lande und dann noch 2018 dieses Offensivspektakel mit 74 Punkten. Dagegen waren viele andere Super Bowls dann letztlich doch recht langweilig… Broncos vs Seahwaks und Broncos vs Panthers nur als letzte Beispiele…

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