New Orleans Saints in der Sezierstunde

Nach den beiden tragischen Playoff-Eliminationen der letzten zwei Jahre kann man ohne Umschweife behaupten: Die New Orleans Saints sind die Pechvögel der NFL.

Die Saints 2017 (11-5 Record) und 2018 (13-3 Record) waren jeweils Top-5 Teams, was die wichtigsten Metriken wie FPI oder DVOA angeht. In meinem Power-Ranking waren sie die #3. Beide Male scheiterten sie unfassbar knapp in den Playoffs:

  • 2017/18 durch das „Minnesota Miracle“ bei den Vikings im Viertelfinale
  • 2018/19 durch den Tomatenanfall bei den Referees gegen die Rams im Halbfinale

Die Art und Weise wie die beiden Spielzeiten endeten, ist umso bitterer, weil im Hintergrund die Uhr tickt: QB Drew Brees ist 39 und hat nicht mehr viel Zeit. Die Ära Brees in New Orleans kann man trotz eines Superbowl-Siegs 2009 als Verschwendung ansehen, nachdem abstruse Defense und schlechtes Cap-Management über viele Jahre die vielleicht effizienteste Passing-Offense der Liga torpedierte.

Es ist auch deshalb umso bitterer, weil man sich vor 2-3 Jahren schon damit abgefunden hatte, dass die Brees-Ära ohne weiteres Titelfenster zu Ende gehen wird, ehe 2017 wie aus dem Nichts eine sensationelle Draftklasse mit RB Alvin Kamara und RT Ryan Ramczyk sowie den Top-Verteidigern wie CB Marshon Lattimore und FS Marcus Williams und LB Anzalone erneut Titelträume weckte. Dass diese am Ende in Alpträumen endeten, tut weh – aber immerhin sorgen sie dafür, dass New Orleans für 2019 ein Contender bleibt.

Man muss auch ehrlich sein: Die „Klasse von 2017“ bekommt die Schlagzeilen, doch man kann argumentieren, dass die Klasse von 2016 (WR Michael Thomas, DT Sheldon Rankins, FS Vonn Bell und DL David Onyemata) ebenso großen Einfluss auf die Leistungssteigerung der letzten zwei Jahre hatte. Sie sorgt für eine eigentlich bizarre Situation: Ein junger, massiv aufstrebender Kern und ein alter, kurz vor der Rente stehender Quarterback.

Brees war in den letzten 13 Jahren  die große Konstante. Jetzt ist er aber auch ein großes Fragezeichen, denn so fantastisch seine Zahlen in der letzten Saison auch wieder waren, so sehr muss man sein Alter im Hinterkopf behalten.

Lass dich nicht zu sehr davon blenden, dass in New England ein Tom Brady mit 41 noch performte: Der Mann ist die totale Ausnahme. Mehr noch: Die 39 Lenzen von Brees sind schon ein Alter, in dem es nur noch ganz wenige QBs gab, die jemals auf Top-Niveau operierten. Wir erinnern uns, dass erst vor vier Jahren ein Peyton Manning im Anschluss an eine lange Zeit MVP-würdige Saison (2014) komplett shot war. Nicht „ineffizient“. Sondern „komplett am Ende“.

Es mag sein, dass QBs in der gegenwärtigen NFL per se länger durchhalten als die QBs aus den 70ern und 80ern, die Woche für Woche physische Prügel in ganz anderen Dimensionen aushalten mussten. Es mag sein, dass die QBs von heute ganz andere Schulung und Technik haben, die auch Top-Performance im hohen Alter erlauben. Es mag sein, dass ein Manning „das System“ war und zum Funktionieren noch einen hervorragenden Wurfarm brauchte, während Brady und Brees in kultivierteren Offensivsystemen operieren können, die es dank Route-Scheming und Play-Calling etwas Druck vom QB und seinem Arm nehmen und in dessen Hirn verlagern. Es mag auch sein, dass Brees‘ „Einbruch“ gegen Ende der letzten Saison lediglich Regression zur Mitte nach einem überirdischen ersten Halbjahr war und man darin noch nicht vorschnell das Karriereende herauslesen sollte.

Trotzdem ist Brees 39. Ende letzte Saison wirkte er teilweise angeknackst und müde. Es ist zu früh, sein Ende so prophezeien, doch es ist nicht zu früh, vor den untrüglichen Zeichen zu warnen. Der Status der Saints 2019 als Superbowl-Contender hängt trotz hervorragendem Offensiv-Personal und stark verbesserter Defense nach wie vor vor allem an Brees.

Offense

Die Offensive Line ist auf dem Papier eine Stärke (PFF sieht sie als #7 der NFL):

LT Terron Armstead (Verletzungsrisiko)
LG Andrus Peat / Nick Easton
C Erik McCoy (2nd Round Rookie) / C Nick Easton
RG Larry Wardford
RT Ryan Ramczyk

Das Tackle-Pärchen ist eines der besten in der NFL, wenn auch LT Terron Armstead zu häufig mit Verletzungsproblemen zu kämpfen hat: Er gilt in fittem Zustand als einer der 5-8 besten Offensive Tackles, doch Armstead hat in seinen sechs Jahren in der NFL in jeder Saison mindestens zwei Spiele durch Verletzung verpasst – allein 21 Ausfälle in den letzten drei Jahren.

Die große Unbekannte ist auf Center. Dort hat sich Center Max Unger in den Ruhestand verabschiedet. Als möglichen Ersatz hat man zwei Leute eingekauft: Den 6 Mio/Jahr teuren Free-Agent Guard Nick Easton sowie den 2nd-Round Rookie Erik McCoy. Risiko bei McCoy: Er ist Rookie. Risiko bei Easton: Er spielte bislang vornehmlich Guard.

Man möchte meinen, dass die Saints nicht ohne klare Starting-Absichten einem Vorblocker 6 Mio/Jahr in den Rachen schieben, doch tatsächlich ist auch nicht auszuschließen, dass man mit Easton vor allem den Plan verfolgt, den bislang enttäuschenden einstigen 1st-Rounder LG Andrus Peat zu ersetzen.

Im Corps der Skill-Player verlieren die Saints RB Mark Ingram und TE Ben Watson. Tight End ist im Saints-System nur ein Ablenkungsmanöver und man kann argumentieren, dass man die Position mit Neuzugang Jared Cook eher verstärkt hat als verschlechtert.

Auch der andere Abgang ist verschmerzbar. Ingram ist als between-the-tackles Runner recht einfach kompensierbar – vielleicht sogar noch mehr: Ohne Druck, mit einem namhaften ex-1st Rounder und Heisman-Trophy Gewinner wie Ingram im Backfield viele Early-Down Carries zu callen, könnten die Saints verleitet sein, wieder mehr Passspiel in den frühen Downs zu callen:

  • 2018 mit 49% Pass-Quote in 1st Down und 52% Pass-Quote in 2nd Down (NFL-Schnitt: 53% in 1st Down und 62% in 2nd Down)
  • 2018 mit 8.9 NY/A Passing in 1st Down und 7.5 NY/A in 2nd Downs
  • 2018 mit 4.9 YPC Rushing in 1st Down und 4.4 YPC in 2nd Downs

Fokus #1 im Passing-Game von Sean Payton bleibt aber das Zusammenspiel zwischen der Target-Maschine WR Michael Thomas, dem deep-threat Ted Ginn sowie dem Early-Down Passing auf den super-vielseitigen RB Kamara, der sowas wie ein Prototyp für den hier jüngst diskutierten „Widereceiverback“ ist, den man per Motion aus dem Backfield in eine Route schicken kann und der exzellenten Mehrwert als Pass-Catcher bietet.

Defense

Vor der letzten Saison hatte ich davor gewarnt, die Saints-Defense nach ihrem absolut positiven Ausreißer-Jahr 2017 zu überschätzen. Was folgte, war natürlich Regression zur Mitte, aber nicht so stark wie man befürchten musste:

  • Von #8 in 2017 auf #11 in 2018 nach DVOA
  • Von #15 in 2017 auf #19 in 2018 in meinem Power-Ranking

Stärke war natürlich die #3 Run-Defense nach DVOA, doch auch die #22 Pass-Defense nach DVOA klingt erstmal negativer als es wahrscheinlich ist. Denn der Großteil dieser unterdurchschnittlichen DVOA wurde in der zweiten Saisonhälfte nach dem Einkauf des Giants-CB Eli Apple kompensiert. Apple kassierte fast 5yds/Target weniger als der Mann, den er ersetzte (CB Ken Crawley).

Als Apple in den Lineup geworfen wurde, hielt die Passing-Defense der Saints deutlich besser gegen. CB Lattimore erlebte nach seinem „Rookie-des-Jahres“-Einstand 2017 den berüchtigten „Sophomore-Slump“, wurde viel häufiger als noch in seiner Debütsaison verbrannt – doch als das CB-Trio Lattimore / Apple / Slot-CB P.J. Williams lautete, ging es mit der Saints-Defense deutlich nach oben.

Zur neuen Saison gilt der 4th-Round Safety/Cornerback Chauncey Gardner Johnson als möglicher Starting Slot-Corner. Unabhängig wer nun startet: Im Verbund mit dem Safety-Duo Vonn Bell & Marcus „I love to tackle air in Minnesota“ Williams sieht PFF die Saints-Secondary an #15 der NFL. Also perfekt im Mittelmaß der NFL.

„Vorne“ half ein verbesserter Pass-Rush um DE Cameron Jordan (65 QB-Pressures) und DT Sheldon Rankin (46 QB-Pressures). Rankins zog sich in den Playoffs einen Kreuzbandriss zu und wird wohl erst zur Saisonmitte wieder einsatzbereit sein, dazu verlor man in DT Tyeler Davison und DE Alex Okafor zwei Rotationsspieler. Doch auf der Kehrseite der Medaille kann man den Einkauf von DT Malcom Brown aus New England verzeichnen – und auf einen Leistungssprung von DE Marcus Davenport setzen.

Jener Davenport ist einer der Schlüsselspieler zur anstehenden Saison: Im Draft 2018 blätterte GM Loomis zwei 1st-Round Picks für die Rechte an Davenport hin. Davenport galt als relativ rohes Prospect. Er spielte als Rookie nur knapp über 400 Snaps und hatte keine 30 QB-Pressures. Seine Entwicklung ist zentrales Element, will die Defense funktionieren – schließlich hätte man bei gleichbleibender Performance das Äquivalent von zwei 1st Roundern in den Sand gesetzt.

In Summe lässt das erneut eine Defense erwarten, die im Liga-Durchschnitt bzw. im Idealfall etwas drüber performt. Ich wäre ob des geringer als befürchtet ausgefallenen Leistungseinbruchs 2018 optimistischer als noch vor einem Jahr. Die Saints-Defense als durchschnittliche Einheit ist „for real“. Remember: „Durchschnitt“ ist für die Mannschaft, die von 2014-2016 jeweils #31 oder #32 nach DVOA war, schon ein gewaltiger Fortschritt.

Ausblick

Zusammenfassend kann man sagen: Der Defense kann man zur anstehenden Saison mehr vertrauen als vor einem Jahr. Das reicht als Base-Line für die Saints, wenn Brees seinen Level hält. Und so ist es keine Übertreibung zu behaupten, dass Wohl und Wehe von der Altersfrage bei Brees abhängen.

Schafft es Brees, seinen Level von 2018 zu halten oder nur minimale Regression zuzulassen, bleiben die Saints wohl ein veritabler Contender.

Doch man darf nicht überrascht sein, wenn seine physischen Tools rapide nachlassen. In dem Fall ist die spannendste Frage in New Orleans, ob man die Franchise-Legende und angehende Hall-of-Fame Ikone bis zum Saisonende durchspielen lässt oder irgendwann das Maskottchen QB Teddy Bridgewater einwechselt, in der Hoffnung, dass der einstige 1st-Rounder die Saints die Saints irgendwo am Rande des Wildcard-Rennens halten kann.

Alles was danach kommt, wäre dann sowieso egal. Nach Brees werden die Saints erstmal dessen Dead-Cap fressen und ihre junge Mannschaft und eventuell den Headcoach sowieso neu ausrichten müssen. Denn auch wenn der Kern jung ist: Überwältigend „langfristig“ hat das Front-Office mit zahlreichen Trade-Ups und interessanten Vertragskonstellationen nicht gedacht. Wie auch, wenn man auf Druck Brees‘ letzte Jahre nutzen will?

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Ein Kommentar zu “New Orleans Saints in der Sezierstunde

  1. Sie sollten wieder eine reelle Playoff Chance haben.
    Den letztes Jahr famos aufspielenden Demario Davis hast du bei deiner Aufzählung vergessen.
    Bei der Defense macht mir immer noch die Stabilität der beiden ersten CB (Lattimore, Apple) sorgen und auch die Tiefe sehe ich kritisch. Linebacker hat sich auch dank der Tiefe überraschend eher zu einer ihrer starke Units entwickelt. Die D-Line sollte insbesondere wenn Rankins fit wieder retour kommt auch eher zu den stärkeren Mannschaftsteilen gehören. Da hier viel Entwicklungspotential (insbesondere Davenport & Hendrickson vorhanden ist)
    Bei der Offense macht mir die Tiefe bei den Widereceivern etwas sorgen und ich glaube auch, dass eher Taysom Hill die Übergangslösung ist als Teddy Bridgewater falls Brees wirklich schwächeln sollte. Hill wirkt viel mutiger, hat den besseren Arm und eröffnet Payton nochmals ganz andere Aspekte in seinem Playbook als ein leicht verunsicherter Pocket Passer. Und das ist Bridgewater seit seiner Verletzung einfach.
    Ach ja mit Deonte Harris (undrafted Rookie) könnten die Saints einen aufgehenden Stern als Returner haben. Zumindest deutet dies die Preseason an.

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