Air Raid Offense – Think Different!

Man merkt es am sprunghaft gestiegenen Interesse an diesem Spielsystem: 2019 wird die Saison sein, in der die Air-Raid Offense endlich Einzug in die NFL hält. Gelegenheit für mich, diese ebenso atemberaubende wie revolutionäre Offense ein wenig unter die Lupe zu nehmen.

Air Raid ist seit rund 20 Jahren ein ganz dickes Schlagwort im College Football. Wie der Name vermuten lässt, handelt es sich dabei um einen potenten Luftangriff – es handelt sich bei dieser Offense um eine Pass-First Offense. Die Air-Raid Offense ist vielleicht sogar die erste echte, allein um das Passspiel gebaute Offense in der Footballgeschichte – und als solche hat sie den American Football für immer verändert.

Urvater dieser Offense ist Hal Mumme, ein heute kaum noch bekannter Coach, der zuerst als Ideensammler, dann als Ideenbildner und schließlich als Ideengeber die Air-Raid Offense ab den späten 1980ern entwickelte – wie das von Dannen ging, darüber gibt es ein sehr gut lesbares Buch mit Namen „The Perfect Pass“, das ich vor ein paar Wochen auf diesem Blog vorgestellt habe.

Die Air-Raid Offense wird seit vielen Jahren als „Offense mit absolut optimistischer Grundhaltung“ bezeichnet. Sie ist jedoch mehr: Sie ist eine Offense der perfekten Umsetzung – und sie ist eine Offense der Andersdenkenden. Mutmaßlich ist diese Kombination – Optimismus/Freude am Spiel, absoluter Fokus auf perfekte Ausführungsqualität und Grundhaltung des Freigeistes – das, was das „schöne Spiel“ im American Football der letzten 20 Jahre geprägt hat.

Für Football-Traditionalisten ist Air-Raid Football der Horror, weil sie die altgediente, von Physis dominierte Laufspiel-Offenses der alten Zeit ersetzte durch eine von Spielwitz und totalem Fokus auf das Passspiel gerichtete Offense. Oft wird sie als „Hinterhof-Football“ beschrieben – die Straßenfootballer, die sich als erste getrauten, auf dem Spielfeld das zu machen, was sie in ihrer Kindheit mit Kumpels auf dem Spielplatz veranstalteten.

Selbst Football-Laien kennen mittlerweile Spielzüge wie four verticals oder das mesh concept oder crossing routes und Y-stick. Doch trotz dieser berühmten Spielzüge ist die Air-Raid Offense weniger „Offensiv-System“ als eine „Offensiv-Philosophie“, die ihren Kinderschuhen längst entwachsen ist. Ihr Kern besteht aus folgenden Elementen:

  • Establish the Pass. Passspiel ist das, was Laufspiel antriggert, nicht umgekehrt. Pass-Raten von 70% und mehr sind in der Air-Raid Offense die Norm, nicht die Ausnahme.
  • Nutze das ganze Spielfeld. Routen sind so designt, dass sie das Spielfeld horizontal und vertikal attackieren. Alle Routen-Kombination zielen darauf ab, jeden Spot am Feld bestmöglich zu nutzen und Man-Coverage wie Zone-Coverage zu schlagen.
  • Execution ist wichtiger als Scheme. Perfekte Abläufe der einstudierten Spielzüge ist immer wichtiger als ein möglichst fettes Playbook. Receiver können on thy fly Option-Routes laufen, Quarterbacks haben große Freiheiten bei Audibles an der Line of Scrimmage.
  • Tempo und Einfachheit sind wichtiger als Komplexität. Es ist wichtig, möglichst viele Spielzüge zu spielen, nicht viele verschiedene. Es ist wichtiger, das perfekt zu beherrschen was man spielt, als alles zum Teil zu beherrschen, was man spielen könnte. Daher sind Tempo und einfache Kommunikation wichtiger als komplexe Play-Books.

Wesentliche Neuerungen, die die Air-Raid Offense brachte, betrafen die Art und Weise, wie Quarterbacks das Spielfeld lesen (immer von tief nach kurz), wie sie an der Anspiellinie operieren (mit viel Freiheiten, Plays zu ändern), wie sie und ihre Receiver gemeinsam zu denken lernen (zahlreiche Option-Routes, in denen QB und WR gleich zu denken lernen müssen um Defenses trotz identischem Spielzug jedesmal ein anderes Play vorzugaukeln) oder wie Offensive Linemen sich an der Anspiellinie aufstellen (nicht Schulter an Schulter gedrängt, sondern mit teilweise eklatanten Lücken um die Defense in der Breite auseinanderzuziehen).

Doch die Air-Raid Offense gilt auch als eine Offense des Shotgun-Passings, auch wenn das nicht von Anfang an im Play-Book verankert war. Und sie gilt auch und vor allem als Offense, die das Footballtraining für immer verändert hat: Weg vom reinen Trimmen von Kraft und Physis, hin zu möglichst fokussierten Einheiten „mit Ball“, um in möglichst kurzer Zeit möglichst viele reps zu bekommen und den Gegner ganz einfach auszuspielen anstatt zu überpowern.

Die Air-Raid Offense war auch deswegen revolutionär, weil sie so simpel gestrickt ist: Es gibt kein ultra-komplexes Playbook, sondern nur eine Handvoll an wirklichen Passspielzügen und noch weniger Laufspielzügen.

Heute wird die Air-Raid Offense vorwiegend aus Spread-Formationen gespielt, doch das war nicht immer der Fall. Erfinder Mumme spielte noch aus traditionellen Formationen mit 2 Runningbacks im Backfield („2-back sets“). Die moderne Spread-Offense kam erst zeitglich, aber relativ unabhängig von der Air-Raid Offense auf. Spread-Aufstellung und Air-Raid wurden erst nach der Ureinführung Anfang der 1990er miteinander verheiratet und bilden heute eine nahezu perfekte Symbiose.

Trotz aller fassungslosen Passing-Rekorde der Air-Raid Offense ab den frühen 2000ern auch in der höchsten Ebene des College Football gilt die Air-Raid Offense nach wie vor als Spielsystem, das noch keinen „großen“ Titel wie die Landesmeisterschaft gewonnen hat (was nur bedingt stimmt, denn Oklahoma 2000 gründete auf Air-Raid Spiel).

Daher gilt sie noch heute für viele als „Underdog-Offense“, vor allem von den Teams gespielt, die nicht stark genug sind um über den traditionellen Weg zu kommen. Doch drei Dinge sprechen dagegen, die Air-Raid Offense als gimmick abzutun:

  1. Zum einen wird sie an zahlreichen großen Universitäten wie eben Oklahoma, aber auch vielen weiteren Power-5 Teams seit langem gespielt.
  2. Zum zweiten haben fast alle Mannschaften wesentliche Elemente der Air-Raid Offense in ihr Play-Book aufgenommen – bis hoch in die NFL, wo Early Adapters wie Andy Reid die Liga in Schutt und Asche legen.
  3. Und drittens scheiterten Air-Raid Offenses mehrfach nur äußerst knapp am absoluten sportlichen Durchbruch – zuletzt Oklahoma mit zwei knappen Halbfinal-Niederlagen.

Als eine Schwäche von Air-Raid Offenses gilt ausgerechnet, dass sie der jeweils eigenen Defenses extrem zusetzt – weil sie so viele Spielzüge spielt und damit auch viele Snaps für den Gegner bedeutet und weil sie im Training zu verteidigen auch bedeutet, keine Zeit fürs Verteidigen anderer Offensiv-Systeme zu bekommen.

Was man auch bedenken muss: Die originale Air-Raid Offense gibt es nicht mehr. Das, was der ursprünglichen Air-Raid Offense noch am nächsten kommt, ist die Version, die Mike Leach bei Washington State spielt. Doch auch sie inkludiert schon alle wesentlichen Neuerungen wie die Integration von Spread-Offense oder starkem Fokus auf Shotgun-Passing.

Alles, was über Leach hinaus heute als „Air-Raid“ bezeichnet wird, sind mehr oder weniger starke Abspaltungen ehemaliger Air-Raid Assistenzcoaches, die vor allem noch die paar wenigen Grundgedanken in sich und mit sich weitertragen, die anfänglich so revolutionär waren:

  • Fokus auf einfache Play-Books, schnelle Einführung und extrem viel Repetition im Training
  • Fokus auf Passspiel zuerst
  • Fokus auf Verstreuung der Pässe an möglichst viele verschiedene Receiver am Feld
  • Fokus auf No-Huddle und Up-Tempo Offense
  • Fokus auf das Erzielen von so vielen Punkten wie möglich („Fuß am Gaspedal lassen“)
  • Freiheit für den Quarterback, am Feld seine Spielzüge zu verändern

Wir werden in den nächsten Einträgen lernen, was die wesentlichsten Spielzügen der Air-Raid sind und wie verschiedene Abspaltungen ticken.

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2 Kommentare zu “Air Raid Offense – Think Different!

  1. https://theathletic.com/1138379/2019/08/15/what-the-is-going-on-right-now-inside-mike-leachs-qb-meetings/

    The Athletic: „‘What the #&$@ is going on right now?’: Inside Mike Leach’s QB meetings“ (Hinter einer Paywall, aber in der mobilen App-Version gratis lesbar).

    Neben zahlreichen kuriosen und witzigen Anekdoten (es geht schließlich um Mike Leach) liefert dieses Protokoll auch Einblicke in die Arbeitsweise von Leach, die für das Niveau, auf dem er coacht, schon erstaunlich simpel zu sein scheint. An einer Stelle erzählt bspw ein ehemaliger QB von Wazzu, dass er beim Tape anschauen von Leach wissen wollte, was er bei einer Incompletion anders machen solle, Leach sagt einfach sowas wie „Wirf den Ball einfach zu dem Typen, der frei steht“.

    Dachte, es passt etwas zum Thema und interessiert vielleicht den/die eine/n oder andere/n.

  2. Pingback: Air Raid Offense – Die wichtigsten Spielzüge | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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