Seattle Seahawks in der Sezierstunde

Eine Sezierstunde über die Seattle Seahawks kann nicht ohne den einen Namen gemacht werden.

Es geht natürlich um OffCoord Brian Schottenheimer, der mit den Seahawks eine der außergewöhnlichsten Play-Calling-Strategien verfolgt. Schauen wir uns sein Play-Calling in den ersten 15, den „geskripteten“ Plays, an:

Schottenheimer ist der lauflastigste Coach der NFL. Seine Seahawks waren 2018 die einzige Mannschaft, die häufiger gelaufen ist als sie den Ball geworfen hat (48% Pass-Quote). Sie ist die lauflastigste Mannschaft in 1st Downs (36% Pass-Quote / NFL: 51%) und die zweit-lauflastigste in 2nd Downs (47% Pass-Quote / NFL: 59%).

Schottenheimer spielt damit „Ehre deinen Vater“ – er spielt „Marty-Ball“: Run / Run / Pass / Punt (RRPP), als letzter Coach in der NFL. Man kann angesichts einer 10-6 Bilanz in der letzten Saison zwar nicht behaupten, dass diese Strategie in einer katastrophalen sportlichen Bilanz resultierte, aber man kann auf die Ineffizienzen seiner Strategie hinweisen, die Seattle am Ende höhere Ehren als das Erreichen der Wildcard-Runde gekostet haben.

Zum einen wären die Erfolgsquoten in 1st und 2nd Downs. Wir haben schon oben gesehen, wie häufig Schottenheimer laufen ließ. Was dem geneigten Fan bereits suspekt ist, wenn er weiß, dass Seattles Quarterback Russell Wilson heißt, wird umso brutaler, wenn man sich die Performance von Lauf und Pass in diesen Downs ansieht:

  • 1st Down Passing: 49% Success-Rate, 7.3 NY/A
  • 1st Down Rushing: 44% Success-Rate, 4.6 YPC
  • 2nd Down Passing: 48% Success-Rate, 7.3 NY/A
  • 2nd Down Rushing: 35% Success-Rate, 4.5 YPC

Schottenheimers Taktik führte dazu, dass die Seahawks allzu abhängig von Downfield/Big-Play Passing Wilsons wurde und es versäumte, dem Gegner seinen Willen aufzudiktieren: Wo in der heutigen NFL die besten Offenses schon weit mehr als die Hälfte der ersten beiden Downs (1st und 2nd Down) zu neuen Angriffsserien verwerten, verschließen die Seahawks vor allem das 1st Down komplett und hatten nach dem 2nd Down erst 45% der Angriffsserien zu neuen 1st Downs verwertet.

Das führte in zahlreichen Spielen (insgesamt deren 10 Stück) dazu, dass es bis zum Schluss total eng war – enger als notwendig. Seattle war in diesen engen Spielen in der Regular Season 5-5. Doch sie waren auch 0-1 in den Playoffs, und jenes Playoff-Wildcardspiel der Hawks in Dallas war so ziemlich die deprimierendste Partie, die ich jemals gesehen habe.

Obwohl seine Seahawks in Dallas 8.1 Yards/Pass erzielten bei 2.8 Yards/Run, trieb Schottenheimer bei ausgeglichenem Spielstand 24 Laufspielzüge bei nur 27 Pässen – „das Spielfeld runter“ wäre angesichts des Spielverlaufs ein unpassender Begriff – in die Mauer. Sieben von 12 Seahawks-Drives führten zu einem 3&out. Fünf davon im Marty-Ball RRPP-Stil. Ein wahlloser Fan von der Tribüne hätte nach der überfälligen Entlassung Schottenheimers in der Halbzeit in Dallas das Spiel allein durch wahlloses Ablesen von Passing-Plays vom Play-Sheet gewonnen.

Dass Seahawks-Fans allen Ernstes nach jenem katastrophal verschenkten Spiel Schottenheimer noch verteidigen konnten, ist mir auch ein halbes Jahr nach dem Debakel ein Rätsel. Sagen wir so: Selbst in jemandem wie mir, der null Verbindung zu den Seahawks hat, löste Schottenheimers Playcalling tiefe, suizidöse Emotionen aus. Ich hatte das Ticket nach Seattle samt Mistgabel im Gepäck schon ausgepackt, ehe ich mich daran erinnerte, dass selbst ein Lynchmob an Schottenheimers tiefster innerer Überzeugung nichts ändern würde.

Es ist nicht zu erwarten, dass die Seahawks-Verantwortlichen die richtigen Schlüsse aus der letzten Saison gezogen haben und an ihrer Offensiv-Strategie etwas ändern werden. So bleibt Schottenheimer nicht bloß deshalb ein interessanter Case-Study, weil er wie ein Dave Gettleman in New York eine Alternative zum progressiven Football bietet. Sondern auch, weil Seattle in der kommenden Saison an mehreren Stellen Regression kompensieren muss:

  • Turnover-Bilanz von +15 ist kaum zu wiederholen
  • Ebenso nicht das Glück, dass man 64% der Fumbles aufnimmt
  • Abhängigkeit von Big Plays: Seattle hatte eine „Net-Success-Rate“ von 48% in Offense und Defense und erzielte dabei eine „Net EPA/Play“ von 0.09 Punkten. Typischerweise muss eine Offense über 50% Net SR% erzielen für einen derartigen Output. Du meinst, das ist nicht viel? Ca. 2% sind bei über 2000 Plays in Offense und Defense 40 erfolgreiche Plays

Gerade für eine Mannschaft wie die Seahawks, die mit ihrem Schottenheimer-Playcalling nicht auf Dominanz baut, sondern geradezu immer wieder direkt in eine Reihe an engen Spielen wankt (je 11 in den letzten beiden Jahren), sind Faktoren wie Turnover-Regression massiv.

Das Kadermodell Seahawks

Für Seattle ist 2019 das erste Jahr „post Legion of Boom“: Nach Sherman & Chancellor letzte Offseason verließ heuer auch der prägende FS Earl Thomas die Franchise. Die beiden Cornerstones in der Organisation sind QB Russell Wilson und LB Bobby Wagner, die jeweils mit fetten Vertragsverlängerungen beglückt wurden. Um sie herum scheint der Plan zu sein, ein billiges, von Rookies dominiertes Team aufzubauen.

Dabei darf man ruhig nach der Konsistenz der Seahawks-Philosophie fragen, wenn man sich die Dicke des Wilson-Vertrags anschaut und es damit vergleicht, wie sehr Schottenheimer seinen Star-QB im Playcalling zu verstecken versucht. Ist es Wilsons Anfälligkeit gegen negative Plays (v.a. Sacks und Throwaways)?

Wenn ja, würde das seine Playmaking-Fähigkeiten im Deep-Passing und Scrambling deutlich unterschätzen. Denn der Punkt bleibt: Wilson ist an der Schwelle zum Elite-QB, und damit der mit Abstand beste Spieler in der Seahawks-Offense.

Wilson ist also sportlich wichtig. Sehr wichtig sogar. Umso wichtiger, weil es kein wirklich überzeugendes Skill-Player Personal gibt. Auf Wide Receiver lauten die Namen nach Doug Baldwins Rücktritt nun Tyler Lockett, Jaron Brown, David Moore sowie Jazz Ferguson und die beiden Rookies D.K. Metcalf und Gary Jennings und die Tight Ends Nick Vannett und Ed Dickson. Metcalf passt als „deep threat“-artiger Receiver wie Arsch auf Eimer in die Seahawks-Offense, die als Art trockenes Laufspiel mit eingestreutem tiefem Play-Action Passing konzipiert ist.

Doch Metcalf ist weder besonders geschliffen noch wird er die Regression kompensieren können, die Lockett nach seiner phänomenalen letzten Saison (haste sicher schon tausendmal gehört: Pässe auf Lockett 2018 brachten perfect passer rating von 158.3) unweigerlich erleben wird.

Auf Runningback hatte der 1st Rounder 2018, Rashaad Penny, einen horrenden Einstand. Der Routinier Carson war um ein Vielfaches der produktivere Läufer. Penny steht 2019 bereits unter Beobachtung.

Das ist auch die Offensive Line. Die war 2019 nach Jahren im horrenden Zustand erstmals wieder halbwegs stabil, was man u.a. an der Präsenz von LT Duane Brown, aber auch an der Abwesenheit vom früheren OL-Coach Tom Cable (seit eineinhalb Jahren in Oakland) festmachte. Doch es besteht auch die Gefahr des one year wonders. Iupati und Fluker sind eigentlich eher unbewegliche Bolzen. Können diese Jungs wirklich wieder eine Top-15 Pass-Blocking Unit sein und z-B. erneut die #8 in Pass-Blocking Win-Rate sein?


Zur Defense.

Wagner ist der Schlüsselspieler der Defense. Er bekam eine fette Vertragsverlängerung. Er ist einer der komplettesten Verteidigungsspieler in der NFL – und weil er so fantastisch in Coverage in der wichtigen Spielfeldmitte ist, sieht z.b. PFF Wagner als wertvolleren Verteidiger als Rams-DT Aaron Donald an.

Um Wagner herum ist jedoch vieles neu. Der beste Passrusher der letzten Saison, DE Frank Clark, wurde nach Kansas City verkauft. In L.J. Collier draftete man mit einem 1st Rounder Clarks Ersatz, doch inwiefern Collier die 55-70 QB-Pressures, die Clark in den letzten drei Jahren jeweils geliefert hat, ersetzen kann, muss man abwarten. Der Passrusher an der anderen Flanke soll Ziggy Ansah werden. Ansah war in Detroit in den wenigen Jahren, in denen er fit war, ein Top-Passrusher. Doch Ansah ist zu verletzungsanfällig. Er ist auf einem „One Year Prove-it“ Deal in Seattle.

Cornerback ist mit Flowers / Taylor / Griffin maximalist instabil besetzt und auf Safety ist McDougald der einzige Mann mit etwas mehr Erfahrung. Es wartet eine Monsteraufgabe auf Pete Carroll.

Wir sollten nicht vergessen, dass die Seahawks-Defense abseits der Turnovers schon 2019 mit zunehmendem Saisonverlauf immer weiter nach unten durchgereicht wurde. Man beendete das Jahr zwar an #14 was Defensive-DVOA anging. Doch dabei war noch eine fantastische Viertelsaison mit Safety Thomas eingerechnet.

Ausblick

Ein schwieriges Jahr für Seattle. Man kann sich damit hochziehen, den besten Quarterback der NFC West zu haben und in Wagner einen Defense-Quarterback, der zahlreiche Coverage-Schwächen kaschiert. Doch was nützt einem das, wenn der OffCoord lieber die Hälfte der Plays in eine Mauer jagt und die Secondary keinen Receiver covern kann?

Gerade die Seahawks wären mit ihren Regressionsgefahren gut beraten, ihre Ineffizienzen zu kaschieren und einen größeren Anteil ihres Spiels in die Hände ihres Quarterbacks zu legen. Doch die Befürchtung ist, dass sie das nicht tun werden.

Die NFC West hat vielleicht kein Überteam mehr wie letztes Jahr die Rams. Aber sie hat in Arizona und San Francisco zwei aufstrebende Mannschaften, die deutlich besser sein werden als 2018. Wildcard-Rennen wird für Seattle schon schwierig.

Werbeanzeigen

2 Kommentare zu “Seattle Seahawks in der Sezierstunde

  1. Hallo hallo,

    nur ein klein wenig Schotty Bashing? Muss sagen, daß ich durchaus überrascht vom Erfolg des Hawks Rushings bin, hatte mit das schlimmer erwartet. Dafür daß das Play Calling so falsch war, sprang noch gute Effizienz heraus.

    Könnte die Hawks Leitung bestärken, den Weg genau so weiterzugehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.