Drei Worte dominieren die 1990er: National Championship Game

College Football ist eine der bizarrsten Sportarten, weil sie sich über Jahrzehnte einer echten Meisterschaftsentscheidung auf dem Spielfeld verwehrte. Es mag heute kaum mehr zu glauben sein, aber bis in die 1990er Jahre hinein war das System so designt, dass der Landesmeister jedes Jahr durch getrennte Abstimmungen unter Journalisten und Coaches ausfindig gemacht wurde, die noch nicht mal garantierten, dass ein einhelliger Meister bestimmt wurde.

Trotz des immensen wirtschaftlichen Potenzials und trotz des großen Interesses der amerikanischen Öffentlichkeit jedoch scheiterte ein Playoff-Gedanken viele Jahrzehnte lang an dem einen kunterbunten, aber auch zutiefst korrupten System der „Bowl-Season“: In einer Art Saisonabschlussspiele-Serie wurden seit den 1920er oder 1930er Jahren um die Weihnachtsfeiertage und um Neujahr herum verschiedene Freundschaftsspiele ausgetragen. Das war College Footballs Saisonende. Man hielt das System für so markant, dass es ausreichte um College Football von allen anderen Sportarten abzuheben.

Doch das System befriedigte nicht immer alle. Wir haben schon gelernt, dass 1966 die Notre Dame Fighting Irish im entscheidenden Spiel der Saison auf ein Unentschieden spielten, weil sie wussten, dass sie in der politisch dominierten Abstimmung über den Landesmeister die weitaus besten Karten hatten.

Auf der anderen Seite der Medaille gab es durchaus das eine oder andere „heimliche Endspiel“ um den National Title. Zum Beispiel 1979, als Alabama Penn State in der Sugar Bowl mi 14-7 schlug. Oder 1983/84, als Tom Osborne in letzter Sekunde auf Sieg spielte und gegen Miami alles verlor. Oder 1986/87 in der Fiesta Bowl, als sich ein total defensivorientiertes Penn State in einem der berühmtesten Spiele aller Zeiten zu einem 14-10 Sieg gegen die überragenden Miami Hurricanes mauerte.

Die geweckten Hoffnungen der Öffentlichkeit nach einem regelmäßigen echten Landesmeisterschaftsfinale wurden schnell enttäuscht, denn sowohl die Spielzeit 1990 als auch die Saison 1991 brachten „Split-National Champions“ hervor:

  • 1990: Colorado (AP) / Georgia Tech (Coaches)
  • 1991: Miami-FL (AP) / Washington (Coaches)

Die Rufe nach Veränderung wurden wieder lauter. Besser: Der Amerikaner schrie plötzlich nach einem echten, auch als solchem deklarierten Endspiel um den Meistertitel. In den Neunzigern war ein holpriges Abstimmungsverfahren, das noch nichtmal einen eindeutigen Sieger hervorbrachte, schlicht nicht mehr zu vermitteln. Und so setzten sich die Verantwortlichen der großen Conferences direkt im Anschluss an die Saison 1991 zusammen um eine Reform zu besprechen. Das Ziel lautete: Implementierung eines National Championship Games.

Bowl Coalition

Das Ergebnis war so unbefriedigend wie vieles im College Football: 1992 führte man die „Bowl Coalition“ ein. Die sollte erstmal für drei Jahre gelten und garantieren, dass die am höchsten gerankten Teams in der Bowl-Season aufeinandertrafen. Die Sache hatte nur einen Haken: Big Ten Conference und Pac-10 Conference spielten nicht mit. Sie waren vertraglich an die Rose Bowl gebunden und sahen einen Ausstieg wirtschaftlich und moralisch als nicht machbar.

In den ersten beiden Jahren ging es noch halbwegs geräuschlos über die Bühne: 1992 schlug #2 Alabama die #1 Miami Hurricanes in der Sugar Bowl und wurde Landesmeister, 1993 gewann #1 Florida State gegen #2 Nebraska in der Orange Bowl und holte sich ebenso die überfällige Meisterschaft. Doch schon in jenem Jahr gab es zum ersten Mal Diskussionen, da das 11-1 Florida State mit seinem Monster-Schedule über ein ungeschlagenes West Virginia ins Endspiel gehievt wurde.

Richtig um die Ohren flog den Verantwortlichen der Laden aber erst zum Ende der Saison 1994, als das ungeschlagene #2 Penn State aus der Big Ten Conference hinter dem ungeschlagenen #1 Nebraska in die Bowl-Season ging, doch wegen der Rose-Bowl Verpflichtung nicht am logischen Endspiel teilnehmen durfte. Weil #1 Nebraska die #3 Miami Hurricanes im inoffiziellen Title-Game schlug, hatte Penn State keine echte Chance, den Meistertitel zu erlangen.

Und so setzte man sich in der Offseason danach erneut zusammen um weitere Verfeinerungen am System zu erreichen. Beileibe war die Bowl-Coalition kein kompletter Flop gewesen: Sie hatte immerhin abseits der früher üblichen reinen Fokussierung auf Wirtschaftlichkeit nun auch sportlich sinnvolle Matchups hervorgebracht und in zwei von drei Jahren ein #1 vs. #2 erlaubt.

Bowl Alliance

Die nächste Entwicklungsstufe nannte sich „Bowl Alliance“, die noch fokussierter auf die Spitzen-Conferences war. Doch auch sie hatte den altbekannten Schönheitsfehler: Die egozentrische Rose Bowl verhinderte erneut einen Ausstieg von Big Ten und Pac-10 Conferences. Es war einfach undenkbar, dass ein Team aus dem Süden in der Rose Bowl spielen würde, wie damals in den 1920ern, als Alabama jedes Jahr dorthin fuhr.

Und so kam es, wie es kommen musste: Weil die Big Ten sportlich in jener Zeit noch absolute Elite war, gab es 1997 schon wieder eine geteilte Landesmeisterschaft: #1 Michigan schlug zwar in der Rose Bowl seinen Gegner, #8 Washington State. Doch weil dieser Gegner als so viel schwächer eingestuft wurde als das, was #2 Nebraska sah (Nebraska pulverisierte das wesentlich potentere #3 Tennessee 43-17), bekamen die Cornhuskers im Coaches-Poll den Vorzug.

Dieser Split-Titel von 1997 war am Ende der letzte fallende Dominostein für die Schaffung jenes Monstrums, das ab der Saison 1998 für die nächsten 16 Jahre die Landschaft im College Football dominierte: Bowl Championship Series – kurz BCS.

Bowl Championship Series (BCS)

Die BCS war der erste vollumfängliche Zusammenschluss von Power-Conferences und allen großen Bowls: Rose Bowl, Fiesta Bowl, Sugar Bowl, Orange Bowl. Die BCS war die Garantie, dass es am Ende der Saison ein Aufeinandertreffen der #1 und #2 gab – ein echtes Endspiel um den Titel!

Allein wie diese Top-2 bestimmt wurden, sollte in den nächsten eineinhalb Jahrzehnten zu zahlreichen Streitereien führen, die der US-Öffentlichkeit nur einmal deutlicher vor Augen führten, wie schwierig es war, in einem Sport mit 120 oder mehr Mannschaften und nur 10-12 Spielen Konsens zu finden.

Das BCS-Ranking setzte sich aus mehreren Komponenten zusammen, die über die Jahre immer wieder verändert wurden um sie an eine „landläufige Meinung“ anzupassen:

  1. Menschliche Polls machten zwei Drittel der BCS-Formel aus: Als das AP-Poll nach der Saison 2004 wutentbrannt ausstieg, wurde es einfach durch das künstliche Harris Interactive Poll ersetzt.
  2. Ein Drittel der Formel kam durch Computer-Algorithmen zustande. An diesen wurde permanent geschraubt und die Koeffizienten immer wieder verändert.

Menschen lassen sich nur ungern von Maschinen sagen was zu tun ist. Zumindest ist das die offizielle Variante (um den wahren Kern dieser Geschichte zu wissen, musst du dir nur mal die ganzen Zombies auf der Straße anschauen, mit ihren Blicken in einen kleinen mobilen Kasten fixiert, der alle Daten aufnimmt und den Zombie damit wie ein Joystick fernsteuert).

In Sachen BCS-Algorithmen hatten die Kritiker aber einen validen Punkt, denn im Laufe der Jahre wurden immer wieder Logik-Fehler in den einzelnen BCS-Formeln entdeckt. Dennoch verbannten die Offiziellen die Formeln nicht auf den Misthaufen der Geschichte. Vielmehr wurden sie schlicht immer weiter an das angepasst, was der common sense unter Coaches und Journalisten sowieso dachte: Dem Computer wurde gesagt, was er auszuspucken hatte.

Die BCS war anfangs dennoch ein voller Erfolg. In der ersten Saison ihres Bestehens gewannen die Tennessee Volunteers das Endspiel gegen die Florida State Seminoles, dem neben Nebraska (drei Titel) zweiten wirklich potenten Team der Neunziger (zwischen 1987 und 2000 insgesamt vierzehn Top-5 Finishes in Serie!). Florida State gewann dafür die zweite Auflage 1999 gegen Michael Vicks Virginia Tech Hokies.

Doch schon 2001 gingen die Diskussionen wieder steil: Nebraska wurde von den BCS-Formeln auf #2 gehievt, obwohl es sich noch nichtmal für das Endspiel der Big-12 qualifizieren konnte. Gegen allen öffentlichen Aufschrei wurden die Cornhuskers fürs Endspiel nominiert, das dann gegen die überragenden Miami Hurricanes nach wenigen Minuten beendet war: Miamis 37-14 Sieg über Nebraska war zur Pause besiegelt.

Noch schlimmer wurde es zwei Jahre später, als die #1 im BCS-Poll, Oklahoma, trotz einer kapitalen 7-35 Schlappe im Big-12 Finale fürs Endspiel nominiert wurde, vorbei an der #1 des AP-Polls, USC. Weil Oklahoma das BCS-Finale gegen #2 LSU dann auch verlor, während Pete Carrolls USC Trojans angeführt von QB Matt Leinart und WR Mike Williams ihre Rose Bowl gegen die #4 Michigan locker gewannen, gab es noch einmal, aller vehementen Bestrebungen zum Trotz, eine geteilte Landesmeisterschaft 2004: USC gewann das AP-Poll, LSU das Coaches-Poll.

Doch das war kein Todesstoß für dieses lukrative System, das den großen Conferences die Millionen in zwei- bis dreistelliger Höhe zuschacherte und das in den nächsten Jahren auch immer stärker kleinere Player aus den Mid-Major Conferences einbaute.

Und so sollte es trotz aller Probleme und aller hitzig geführten Diskussionen um die Finalteilnehmer auch nach 2004 noch zehn Jahre dauern, bis die wahre neue Ära ab 2014 eingeführt wurde: Das Zeitalter des College Football Playoff-Systems. Zu jenem Zeitpunkt war die Spitze im College Football längst zu einem rein auf den #1 Abschluss fokussierten Rennen geworden und hatte sämtliche Conference-Ambitionen längst in den Schatten gestellt.

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