Air Raid Offense – Die wichtigsten Spielzüge

Über die Air-Raid Offense habe ich in jüngerer Vergangenheit schon häufiger geschrieben und es wird noch einiges kommen. Hier der Tag zur Linksammlung. Heute widmen wir uns der Erklärung der wichtigsten Air-Raid Spielzüge.

Der Leser wird schnell merken: Viele der Konzepte hat er schon einmal gesehen. Es muss daher an dieser Stelle noch einmal kurz erklärt werden, warum es dennoch ein derartiges Geschiss um die angebliche „Neuerung“ Air-Raid Offense gibt.

Wir haben schon gelernt: Air-Raid baut auf einigen wenigem Grundprinzipien auf:

  • Pass first
  • Wenn möglich fünf Receiving-Optionen am Feld
  • Attackiere im gleichen Spielzug wenn möglich alle Zonen am Feld
  • KIS – Keep it simple
  • Gib dem QB einfache Würfe und die Optionen auf viele Yards nach dem Catch
  • Spiele schnell – und kommuniziere schnell
  • Trainiere diese wenigen Spielzüge bis zum Vergasen, bis wirklich alle deine Spieler inklusive QB die Abläufe im Schlaf abrufen können.

Teams wie die Patriots ticken seit Jahren in vielen Facetten wie ein Air-Raid Team – man könnte argumentieren, dass schon die 16-0 Patriots von 2007 im Kern das erste Air-Raid Team der NFL waren. Wichtige Patriots-Playmaker wie Wes Welker, Rob Gronkowski oder Danny Amendola waren Air-Raider am College. Auch Teams wie die Chiefs haben in den letzten Jahren verstärkt auf Konzepte und Prinzipien der nachfolgend beschriebenen Spielzüge gesetzt und werden von einem echten Air-Raid QB in Patrick Mahomes angeführt.

Der Browns-QB Baker Mayfield ist Air-Raid durch und durch. Sein heuriger OffCoord Todd Monken führte letztes Jahr die Buccs-Offense an und war damit äußert effizient. Monken ist einer der wenigen Coaches in der NFL, der am College eine reinrassige Air-Raid Offense als OffCoord geführt hat (bei Oklahoma State mit Brandon Weeden 2011).

Aber noch niemand in der NFL hat es in der „Air-Raid typischen“ Radikalität gemacht. Air Raid ist vieles, aber es ist vor allem eines: Fokus auf die Umsetzung am Feld, nicht ein möglich komplexes Play-Book, das alle überfordert.

Die nachfolgenden Spielzüge sind die Basis-Spielzüge. Viele Plays sind mittlerweile vielfach abgewandelt worden und werden in verschiedensten Variationen gespielt. Meine Intention ist es hier, die Idee hinter den verschiedenen Konzepten kurz zu erklären.

Woher kommen die Informationen?

NB: Viele der Informationen habe ich über die Jahre über das Blog „Smartfootball“ gelernt, das trotz recht wenigen Artikeln in den letzten Jahren weiterhin die beste Quelle für Football-Strategien im Netz bleibt (auch dessen Vorgänger-Blog ist super).

Der Autor Chris B. Brown hat mit dankenswerterweise erlaubt, seine Grafiken auf diesem Blog einzubauen. Ich verweise in diesem Zug auf seine beiden Bücher The Essential Smart Football und The Art of Smart Football, die ich beide schon auf diesem Blog vorgestellt habe.

Ich verweise auch auf seine Zusammenfassung der Air-Raid Geschichte aus dem Jahr 2011 – der beste Eintrag um schnell einen Überblick über diese Offense zu bekommen.

Warnung: Es geht ab sofort häufig um Routen. Wer noch nicht fit ist im Routenbaum des American Football, der sollte zuerst den entsprechenden erklärenden Eintrag dazu lesen. Alles klar? Dann lass uns loslegen.

Mesh

Der mutmaßlich wichtigste Air-Raid Spielzug ist „Mesh“. Mesh versucht wie die meisten Air-Raid Spielzüge, das komplette Spielfeld zu attackieren und hat zum Ziel, einen schnellen Wurf zu ermöglichen, der wenn möglich noch Yards nach dem Catch macht.

Mesh ist ein simpler, aber gegen viele verschiedene Coverage-Typen tödlicher Spielzug. Er baut darauf auf, dass die beiden Receiver X und Y entgegengesetzte relativ flache Crossing-Routen (ca. 6yds downfield) auf sehr engem Abstand über die Spielfeldmitte laufen. Das soll am Treffpunkt der beiden Routen für Konfusion in der Defense sorgen, weil der Verteidiger einen Umweg laufen muss und die Zuordnungen verloren gehen – doch im schlimmsten Fall kann es sogar eine Art legales (weil nicht direkt intentionales) Pick-Play sein. Trainiert wird Mesh u.a. dadurch, dass sich die beiden Receiver am Treffpunkt abklatschen um ja nicht zu weit auseinander zu laufen.

Der erste Read im Mesh-Concept ist aber die Corner-Route, die der Z Receiver läuft. Es ist eine tiefe Route, und in Air-Raid Sprache wird immer von tief nach kurz gelesen. Notfall-Optionen sind die Flat-Routen vom Runningback oder vom H-Receiver.

mesh - via Ted Seay

Mesh Concept – Bild via Ted Seay (open source)

Mesh kommt eigentlich aus der BYU-Offense, doch Hal Mumme machte ein wichtiges Adjustment an diesem Spielzug: Er ließ den Z-Receiver anstatt einer Post-Route wie bei BYU die oben gezeichnete Corner-Route laufen.

Damit kreiert er ein „Dreieck“ an der rechten Flanke des Spielfelds, das die Defense auf drei Levels sowohl horizontal als auch vertikal auseinanderzieht:

  • Tief durch die Corner-Route des Z-Receivers
  • Intermediate durch den crossenden X-Receiver
  • Kurz / in der Flat-Zone durch den Runningback

Als zusätzliche Anpassung erlaubte Mumme dem Z-Receiver auf der Corner-Route eine Option: Eine richtige Corner-Route wurde nur gegen aggressive Manndeckung gelaufen. Blieb der Cornerback passiv, lief der Z-Receiver mehr eine Out-Route um dem Quarterback einen einfacheren Wurf und mehr offenen Platz zu geben (gestrichelte Linie in der Grafik).

Einschub: Über „Dreiecks-Passing“ oder wie es die Amerikaner nennen „Triangle-Reading“ und horizontales sowie vertikales Auseinanderziehen der Defenses hat Smart-Football schon vor vielen Jahren einen exzellenten Artikel geschrieben.

Das Mesh-Konzept wird schon lange in der NFL gespielt – aber in abgewandelter Form: Fran Duffy hat auf Philadelphia-Eagles.com eine kurze Analyse gemacht, wie die Eagles das Konzept z.B. unter Chip Kelly und nun unter Doug Pederson nutzen.

Y-Cross

Einer der potentesten Air-Raid Spielzüge, der von Mike Leach noch heute häufig in Originalversion gespielt wird. Y-Cross attackiert wirklich alle Bereiche des Spielfelds – tief, Mitteldistanz, kurz – und kann mit oder ohne Play-Action gespielt werden. Seit einigen Jahren ist er auch in Kombination mit einer Run/Pass-Option zu sehen.

Der X Receiver läuft eine tiefe Fade-Route, mit Option zu einer Post-Route abzubiegen, wenn die Defense ihm ein Fenster öffnet. Läuft X die Fade-Route zu Ende, hat sie ihren Zweck als Ablenkungsmanöver erfüllt. Doch biegt er zur Post-Route ab, ist das für den QB das Signal, dass er sofort tief wirft mit dem Ziel: Touchdown.

Der erste richtige Read ist der crossende Y-Receiver, der dem Spielzug seinen Namen gibt. Der zweite Read ist die Option-Route, die der H-Receiver underneath läuft (im Bild unten ist der H ein Runningback, aber viel häufiger ist es heute ein zweiter Slot-Receiver). Der Z-Receiver auf der Dig-Route ist der dritte Read. Wenn alles schiefläuft und niemand frei ist, wird der Runningback auf einer Swing-Route bedient, die just jene Zone attackiert, die der Z-Receiver mit seiner In-Route freigemacht hat.

Es gibt zahlreiche Variationen dieses Spielzugs. Viele Coaches spielen mit der Route des H-Receivers. Andere, wie Kingsbury, ließen einfach den Z-Receiver die Crossing-Route laufen, während der Y mit einer Art Wheel-Route nach draußen die freigewordene Zone attackiert.

y cross - smartfootball

Y Cross – Bild via smartfootball.com

Y-Corner

Y-Corner zieht die Defense horizontal auseinander. Das entscheidende Konzept bei „Y-Corner“ liegt beim Y und Z Receiver: Der Y-Receiver läuft fünf Yards geradeaus, hält dann kurz inne und biegt dann auf einer Corner-Route ab, während gleichzeitig von draußen der Z-Receiver eine Slant-Route nach innen läuft. Der Z-Receiver entscheidet dann in etwa am Treffpunkt der beiden Routen, was er als nächstes machen wird:

  1. Bei Zonendeckung bleibt er stehen
  2. Bei Manndeckung läuft er durch

An der „Rückseite“ des Spielzugs (Weakside / im Bild unten die linke Seite) wird der Spielzug in verschiedenen Formationen gelaufen. X hat je nach Coverage verschiedene Optionen. Sollte H wie eingezeichnet eine Slant-Route laufen, ist diese auf jeden Fall tiefer als jene des Z-Receivers an der anderen Spielfeldseite.

y corner - via Ted Seay

Y Corner – Bild via Ted Seay (open source)

Y-Stick

Y-Stick ist auch so ein berühmter Spielzug, und er ist recht ähnlich zum Y-Corner. Auch er zieht die Defense vor allem in der Horizontalen auseinander. An der Weakside ist er sogar identisch. Doch auf der Strongside läuft diesmal der Y-Receiver keine Corner-Route, sondern eine abgehackte Option-Route nach außen: Er geht 5-7 Yards tief, stößt sich ab und entscheidet dann auf Basis der Coverage, was er als nächstes macht:

  1. Gegen Zone-Defense trabt er bedächtig nach außen mit dem Ziel, die Nahtstelle zwischen zwei Zonen zu finden
  2. Gegen Manndeckung ist es seine Verantwortung, den Receiver 1-vs-1 auf einer Out-Route zu schlagen.

Der Z-Receiver läuft eine Fade-Route mit dem einzigen Ziel, seinen Gegenspieler aus der Zone zu bringen, in der der Y-Receiver seine Stick-Route läuft. Z ist also das Ablenkungsmanöver. Ziel des QBs ist es in diesem Spielzug, Y mit einem Pass über die Außenschulter zu bedienen, damit er noch Yards nach dem Catch machen kann.

y stick - via Ted Seay

Y Stick – Bild via Ted Seay (open source)

NB: Stick und Corner sind als quickes Option-Paket vor allem für Downs mit wenigen benötigten Yards potent und können natürlich durchaus auch an der Weakside des Spielzugs gelaufen werden. Ist das der Fall, so spricht man entsprechend von „H Stick“ und „H Corner“.

All Curl

All-Curl ist ein ganz simples Konzept, das es mit Überladen der Defense in einer bestimmten Zone versucht, indem jeder Receiver die gleiche Route läuft. Jeder Receiver läuft eine 5-7 Yards tiefe Curl-Route. Die genaue Länge der Route hängt von Down, Distanz und Deckung ab: So ist die Route gegen Press-Coverage tendenziell eher 7 Yards lang, gegen Off-Coverage dreht sich der Receiver schneller um.

Die Idee: Wenn fünf Receiver (3 WR + 2 RB) kurze Routen underneath laufen, muss irgendwo jemand frei sein, denn gerade in Cover-3 gibt es nur vier Verteidiger in dieser Zone. Das Anspiel soll kurz sein – einfach für den QB, hohe Completion-Rate – die Yards sollen vor allem nach dem Catch kommen.

All curl - Bild via smartfootball.com

All curl – Bild via smartfootball.com

Shallow Crosses

Shallow Cross ist kein einzelner Spielzug, dafür mehr ein Konzept/Paket an Spielzügen (weswegen man oft von Shallow Cross Series spricht), das sich in verschiedenen Variationen laufen lässt, aber immer um die beiden wichtigen Routen gebaut ist: Shallow und Hunt.

  • Shallow ist dabei eine relativ flache Crossing-Route, die nach innen gelaufen wird. Idealerweise kann der Receiver dabei im Vollsprint bedient werden und Yards nach dem Catch machen. Sie ist der erste Read.
  • Die Hunt genannte Route ist eine vom Slot-Receiver auf der gegenüberliegenden Spielfeldseite gelaufene Dig / In-Route, die rund 10 Yards tief gelaufen wird. Der Receiver muss auch hier abwägen, ob er gegen Zone-Defense oder Man-Defense spielt. Ist es Mann, läuft er durch bis zur Seitenlinie. Ist es Zone, versucht er die Nahtstelle zu finden. Die Hunt-Route ist der zweite Read.

Die beiden vertikalen Routen (Fade-Routen) sind reine Ablenkungsmanöver um die Defense tief zu beschäftigen und den Kollegen underneath Raum zum Arbeiten zu geben. Wer schonmal was von X Shallow, Y Shallow, H Shallow usw. gehört hat: Ist immer das gleiche Konzept. Es ändert sich nur der Receiver, der die Shallow-Crossing Route läuft. Er gibt dem Spielzug seinen Namen.

Detail am Rande: Die Shallow-Crossing Series ist kein originales Air-Raid Konzept. Vielmehr baute sie Hal Mumme erst in seiner Zeit bei Kentucky Ende der 1990er in sein Play-Book ein. Der Grund war simpel: Mumme spielte bis dahin stets in „two back sets“ mit zwei Runningbacks im Backfield. Für den Shallow-Cross braucht man aber vier Receiver, womit nur noch ein Back übrig bleibt („one back set“). Also musste Mumme seine komplette Formation für die Implementierung der Shallow-Crosses über den Haufen werfen.

shallow cross - H cross - via Ted Seay

Shallow Cross am Bsp. „H-Cross“ – via Ted Seay (open source)

Four Verticals

Ähnliches gilt für four verts, den berühmtesten Air-Raid Spielzug: Auch hier braucht man vier Wide Receiver, denn wie sonst lassen sich vier vertikale Routen laufen? Four Verticals ist dann auch genau das: Jeder läuft tief, außer der Runningback, der eine flache Route oder eine Screen-Route läuft.

Four Verts ist ein uralter Spielzug aus den Sechzigern, der aber von Mike Leach um 2000 herum in das Play-Book aufgenommen wurde und sich für den absoluten Durchbruch der Air-Raid Offense verantwortlich zeichnete. Leach taufte den Spielzug „6“ entsprechend der erwarteten Punkteausbeute (Touchdown).

Doch Four Verts ist nicht zwingend so gedacht, dass jeder der vier sehr breit aufgestellten Receiver Go-Routen bis zum Ende durchläuft. Vielmehr ist die Order: „Get Open“lauf dich frei, ohne allerdings jemals die vertikale Route zu verlassen. Es gibt entlang dieser gedachten tiefen Linie mehrere Checkpoints, an denen der Receiver abdrehen kann (v.a. gegen Off-Coverage gibt es häufig Hitch / Comeback-Routes). Viele Kompletions bei four verticals sind daher keine tiefen Bomben, sondern eher mittellange Bälle.

Wissen zum Angeben: Four Verticals war der Call bei zwei der bekanntesten Spielzüge der letzten 15 Jahre im College Football. Einmal beim Touchdown von Michael Crabtree gegen Texas, und einmal bei Tua Tagovailoas sensationellem Overtime-Winner im National Championship Game gegen Georgia.

Four Verticals - Bild von smartfootball.com

Four Verticals – Bild von smartfootball.com

7 Kommentare zu “Air Raid Offense – Die wichtigsten Spielzüge

  1. Ich verfolge diesen Blog schon seit 5 Jahren und finde ihn großartig. Gerade auch wegen solchen Erklärenden Einträgen.

  2. 123k Follower…

    Der Artikel ist aber auch super. Für mich eine perfekte Einführung in die Plays auch wenn die Cards sicher nicht Air Raid pure spielen werden. Beginne zu verstehen was die Air Raid so beliebt gemacht hat, auch wenn ich mich wirklich frage ob Kingsbury so viel Neues bringt, denn die meisten Concepts werden in der NFL ja schon gespielt bei Rams, Chiefs oder Pates.

  3. Danke für die Erklärung. Dass die Air-Raid zwar alle Zonen attackiert, war mir klar. Dass das aber Kurzpass Gains vor allen anderen Dingen bedeutet und 4 verts kein Hail Mary im Kern ist, war mir so nicht bewusst.

    Die Artikel bei Smartfootball.com verdeutlichen das. Stimme zu, dass außer Adrian Franke von Spox keiner solche analysen hinknallt. Das ist schon stark!

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