College Football 2019 Preview: ACC-Mailbag

Bevor wir heute Nachmittag die NFL Sezierstunde-Serie 2019 abschließen, gibt es einen  weiteren ausführlichen College-Football Mailbag zu den wichtigsten Teams, Draft-Prospects und Trainer-Anstellungen der Atlantic Coast Conference (ACC), der Heimat vom regierenden National Champion Clemson.

Wie so oft sind dafür wieder Christian Schimmel (@Chris5Sh / DerDraft) und Jan Weckwerth (@giannivanzetti / Triple Option Blog) Rede und Anwort gestanden. Ja, eine Frage zu den Miami Hurricanes ist auch dabei – sie haben bereits heute Nacht gespielt. Aber dazu gibt es keine Spoiler.


#1 Warum geht der SEC trotz dreier aufregender Colleges in Clemson, FSU und Miami so jegliches Flair ab?

Christian Schimmel: Ich glaube die ACC muss froh sein, dass Clemson mittlerweile zum Powerhouse geworden ist, denn das verschafft der Liga ein Stück weit Legitimation. Miami lebt gefühlt etwas mehr von der Geschichte als von der Aktualität und hatte trotz der Erfolge von Mark Richt meist recht biedere Offenses. Zum einen fehlt klar die Qualität in der Spitze. Clemson, Florida State, in Ausnahmejahren Miami können da mitspielen.

Dazu ist die Liga nicht gerade für Innovation bekannt und vielleicht fehlt ihr auch ein Stückweit die Identität, die in den anderen Power 5 Conferences klarer ist. Selbst die PAC12 hat mehr Programme mit deutlich größerer Stahlkraft als die ACC. Ich mag die Liga, weil sich im 18:00 Uhr Zeitfenster deutscher Zeit dort mindestens ein gutes, enges Spiel findet und insgesamt eine recht große Ausgeglichenheit herrscht. Dennoch geht ihr definitiv die Identität und auch das Flair ein Stück weit ab.

Clemson Tigers

#2 Clemson ist neben Alabama das dominierende Programm der letzten Jahre: 2 National Titles, 1 Finalteilnahme und 1 Halbfinale in den letzten vier Jahren. Wie stehst du zu dieser Zentralisierung der Kräfte im College Football – Alabama, Clemson, mit Abstrichen Georgia und Oklahoma:

  • Gut, weil es das sportlich bestmögliche Produkt hervorbringt, das College Football bieten kann?
  • Oder schlecht, weil wir dadurch der Vielfalt beraubt werden?

Jan Weckwerth: Momentan wirkt es in der Tat so, als ob es zu einer Zentralisierung kommt. Ich bin bei solchen Einschätzungen in der Regel etwas vorsichtiger, da man dabei oft zu sehr auf den Ist-Zustand der letzten wenigen Jahre schaut und sich Topteams im College Football oftmals in Wellenbewegungen entwickeln. Hätte man beispielsweise vor 10 Jahren behauptet, dass Clemson sich dauerhaft als eines der zwei besten Programme der 2010er Jahre etablieren kann, wäre man wohl herzhaft ausgelacht worden. Und Georgia ist auch erst drei Saisons von einer 7-5 Bilanz in der regular season entfernt (sicherlich Coaching-Wechsel bedingt, aber dennoch). Schauen wir in 10 Jahren auf diese Frage zurück, werden wir uns vielleicht wundern, wie sehr sich die CFB-Landschaft in der Zwischenzeit wieder verändert hat.

Damit will ich nicht sagen, dass aktuell definitiv keine Zentralisierung stattfindet. Ich würde nur noch ein paar Saisons abwarten wollen, bis ich diese Diagnose stelle. Alabama nehme ich hier bewusst raus – ich weiß nicht, ob ich eine so lange und erfolgreiche Dynastie je wieder erleben werde.

Grundsätzlich bin ich übrigens eher ein Freund von Abwechslung. Wenn ich rein auf sportliche Qualität Wert legen würde, müsste ich mich wieder verstärkt der NFL zuwenden.


#3 Welcher Receiving-Corps ist eindrucksvoller:

  • Clemsons WR Tee Higgins / WR Justyn Ross / WR Amari Rodgers
  • Alabamas WR Jerry Jeudy, WR Jalen Waddle, WR DeVonta Smith, WR Henry Ruggs

Jan Weckwerth: Auch wenn Higgins und insbesondere Ross großartige Talente sind, fällt meine Wahl doch deutlich auf Alabama – allein, aber nicht nur wegen der Tiefe. Jeudy ist von allen das größte Talent und besticht durch exzellente Routes, Speed, starke Hände und v.a. eine elite Foot Quickness, die ihm jede Menge Yards after Catch erlaubt. Kann aus vollem Lauf auf einem Dime stoppen (wie es so schön heißt), hab ich lange nicht mehr in der Form erlebt. Ruggs ist möglicherweise noch schneller, für seine Statur unfassbar stark bei contested Catches (extrem starke Hände) und immer wieder für absolute Highlights gut. Waddle toppt die beiden nochmal in Sachen Speed. Wenn Mr. „3rd and 26“ Smith seine Verletzungen vollständig überwunden hat, reden wie hier vom besten und tiefsten WR Corps seit einiger Zeit und vier glasklaren Draft Prospects. SEC Secondarys sind definitiv nicht zu beneiden.

Doch eigentlich ist das ja der Fragebogen über die ACC: Higgins und Ross haben gegenüber den Tide WRs Vorteile in Sachen Physis und Größe. Ross kann man eh außerirdisches Potenzial bescheinigen. War 2018 ja erst ein true Freshman, und dazu noch einer aus Alabama. Autsch.


#4 An welcher Stelle wäre Clemson-QB Trevor Lawrence 2019 gedraftet worden? Was kann er in den nächsten zwei Jahren noch verbessern?

Jan Weckwerth: Solche Fragen sind letztlich immer hypothetisch, aber ich vermute doch mal sehr, sehr weit oben. Immerhin könnte man ihn notfalls ja ein Jahr redshirten und erst 2020 starten lassen. Neben seinem unbestrittenen Armtalent beeindruckt vor allem seine Poise in der Pocket. Sowas erlebt man ganz selten bei einem true Freshman QB.

Zu verbessern gibt es natürlich immer etwas: Ich glaube, dass er mit zunehmender Erfahrung in unterschiedlichen Spielsituationen weiter reifen wird. In der Pocket und auch außerhalb könnte er noch ein wenig mehr seine unterschätzte Mobilität zeigen, doch weiß ich nicht, wie sehr HC Dabo Swinney das wirklich ausreizen will. Denn wenn man sieht, wie Lawrence selbst bei Druck mitten im Gesicht beinahe cool den Ball noch loswird, braucht man seine Beine vielleicht nicht unbedingt. Es werden in jedem Bereich des QB-Spiels Kleinigkeiten sein, an denen man seine weitere Entwicklung bemerken wird. Für den Rest der ACC sicherlich keine schöne Perspektive.


#4 Wie schwer wiegt der Abgang der kompletten Defensive Line für Clemson, nachdem man ja in den Playoffs den Ausfall von DT Dexter Lawrence bereits so gut wie ohne Qualitätsverlust kompensieren konnte?

Jan Weckwerth: Ohne jede Frage sehr schwer. Allerdings sollte man sich vergegenwärtigen, dass es ja eine große Überraschung war, dass insbesondere Clelin Ferrell und Christian Wilkins für 2018 überhaupt zurückgekehrt sind. Letztlich bedeutete das ja vor allem, dass die großen Talente, die die Tigers eigentlich als Starter einplanten, noch eine Saison mehr Erfahrung als Backups und rotational Player sammelten.

Die Sperre von Lawrence konnte man in der Tat gut verkraften, allerdings sprang dort ja DT Albert Huggins ein, der bei vielen anderen Programmen klarer Starter gewesen wäre und sich nun ebenfalls in der NFL versucht. Dennoch muss den Tigers wegen der D-Line nicht übermäßig bange sein: DE Xavier Thomas ist ein Monstertalent und hat im Verlauf der letzten Saison immer mehr Spielanteile von DE Austin Bryant geklaut – wohlgemerkt als true Freshman. Ich will nicht voreilig sein, aber hier sehen wir den nächsten D-Liner von Clemson, der in der ersten Runde gehen könnte. In der Mitte ist man mit u.a. Nyles Pinckney und Xavier Kelly, der von DE zu DT umfunktioniert wurde, ebenfalls gut aufgestellt. Dazu kommen eine Menge weiterer großer Talente aus den Recruiting Classes der letzten Jahre (insb. von 2018). Klar ist aber auch: Eine solche D-Line wie die der Tigers 2016-2018 lässt sich selbst in einer zentralisierten College Football-Welt nicht beliebig kopieren.

Florida State Seminoles

#5 Florida State University: Hassobjekt oder typisches College-Football Programm, das alles fürs Gewinnen tut?

Christian Schimmel: Ja und Ja. Wobei die Fanbase, wie bei fast allen großen und groß denkenden Programmen bei schlechteren Spielen und kritischen Berichten unterhaltsam bis anstrengend ist. Vor allem vor dem Draft sollte man sich bei Kritik ans FSU Spielern zurückhalten, sonst kommt #FSUTwitter und man hat viel Freude. Ein Teil ist sicherlich auch Neid, speziell wenn man sieht, wie die Semnioles über weite Streckend er 90er und 200er die ACC dominiert haben. Trotzdem bietet das Programm immer wieder selbst reichlich Angriffsfläche insbesondere mit der Campus eigenen Polizei, die wohl nicht immer so konsequent war. Insofern, die Verbissenheit zu Siegen und das eigene Selbstverständnis tragen sicherlich zum Bild in der Öffentlichkeit bei und wird besonders dann ausgeschlachtet, wenn es nicht läuft.


#6 Muss Florida State nur seine Offensive Line in den Griff bekommen um wieder ein Wörtchen in der ACC mitzureden, oder hat man nach dem QB-Wechsel von Francois auf Blackmon/Hornibrook eine zu große zweite Baustelle?

Christian Schimmel: Die Offensive Line wird nicht schlechter als die von 2018. Das ist eine automatische Verbesserung. Willie Taggart geht in sein zweites Jahr. Kendal Briles zu verpflichten gibt vermutlich keine Karma Punkte, könnte aber in der Tat spannend werden, denn sportlich sollte das FSU definitiv weiterbringen. Es spricht also vieles für eine bessere Saison. Sollte Hornibrook starten, sagt das allerdings vermutlich mehr über die Quarterback Situation aus, als alles andere. Gerade weil sich bis auf Brian Burns die Abgänge jedoch in engen Grenzen halten sollte das Team ein deutlich besseres Jahr haben als 2018.

Miami Hurricanes

#7 Wie kriegen die Miami Hurricanes nach dem Trainerwechsel von Mark Richt auf den ex-Defcoord Manny Diaz ihre wahre Baustelle – die Offense – in den Griff?

Jan Weckwerth: Das ist eine gute Frage. Die Offense hat in den letzten Saisons doch stark enttäuscht, was vor allem, aber nicht nur an den Problemen auf der QB-Position lag. Hoffnung gibt es nun durch den neuen OC Dan Enos (ehemaliger CMU-HC, in der letzten Saison für die QBs bei Alabama verantwortlich). Etwas überraschend entschieden sich Diaz und Enos vor wenigen Tagen gegen Ohio State Transfer Tate Martell und für redshirt Freshman Jarren Williams als starting Quarterback. Williams war ein hochgerankter dual-threat QB mit starkem Arm, der auf College-Ebene natürlich ein noch völlig unbeschriebenes Blatt ist. Immerhin haben die Canes ein nettes Arsenal an Skillplayern: u.a. den jungen TE Brevin Jordan, den enorm flinken WR Jeff Thomas, IMO einer der besten Slot-WR des Landes, und (leider) auch den Buffalo Transfer WR K.J. Osborn. Fragezeichen bestehen allerdings bezüglich der O-Line.

Georgia Tech Yellow Jackets

#8 Lohnt es sich nach dem Abgang von Paul Johnson überhaupt noch, Georgia Tech anzuschauen?

Jan Weckwerth: Für mich persönlich nimmt das der eh etwas langweiligen ACC schon einiges an Attraktivität – wie man sich beim Inhaber des Triple Option-Blogs wahrscheinlich denken kann. Das ist ausdrücklich nicht gegen den neuen HC Geoff Collins gerichtet, dessen Temple-Teams der letzten Saisons sehr unangenehm zu spielen waren. Nur stellten die Flexbone-Offense und auch Paul Johnson als Typ bunte Flecken in einer immer mehr auf Spread-Varianten setzenden College Football-Landschaft dar, die mir definitiv fehlen werden.

Louisville Cardinals

#9 Louisvilles Absturz 2018 war total: Von #2 auf #102 in Offense. Haben wir Lamar Jackson unterschätzt? Haben wir Bobby Petrino überschätzt? Oder was kann sonst der Grund sein für so einen Kollaps?

Jan Weckwerth: Wer hat ernsthaft Lamar Jackson unterschätzt? Jackson war zwei Saisons lang der beste College Football-Spieler, und das nicht mal knapp (ein Hot Take muss erlaubt sein).

Und wer hat ernsthaft Bobby Petrino überschätzt? Zu ihm erspare ich mir hier lieber jeden Kommentar.

Letztlich hat Jackson ein höchst mittelmäßiges Team auf seine Schultern genommen und in Sphären geführt, in die das Team talenttechnisch eigentlich nicht gehört hat. Dass dann auch noch Star-CB Jaire Alexander und weitere wichtige Defender 2018 nicht mehr zur Verfügung standen, kam erschwerend hinzu. So stellte man eine der schlechtesten Offenses und eine der schlechtesten Defenses des Landes. Kein Patentrezept für viele Siege.

Draft-Prospects

#10 Immer außerhalb von Clemson: Welche sind die besten Defense-Prospects für den Draft 2020 in der restlichen ACC?

Jan Weckwerth: Für sowas ist es natürlich noch zu früh, so dass ich da eine Menge potenzieller Spieler im Kopf habe. Ich versuche mich hier kurz zu fassen:

Ein Prospect muss auf jeden Fall erwähnt werden: Virginias CB Bryce Hall. Hall wäre wohl auch schon diese Draft ein heißer 1st round-Kandidat gewesen, aber entschied sich ziemlich überraschend für eine Rückkehr ans College. Langer physischer Zone-CB mit genügend Beweglichkeit, starken Instinkten und exzellenten Ball Skills.

Als potenzieller 1st rounder gilt auch Syracuse DE Alton Robinson. Ein outside Speedrusher mit hervorragendem Get-Off und Explosivität, der jedoch noch etwas variantenreicher und insgesamt variabler agieren muss. Gespannt bin ich zudem auf DE Trevon Hill, der wegen vieler kleiner Probleme zu Beginn der letzten Saison überraschend bei Virginia Tech rausflog und nun bei – tadaa – Miami landete. Vielleicht kein Top-Prospect, aber ein hervorragender Speedrusher mit gutem Bend. Sowas wird in der NFL gern gesehen, selbst bei Off-Field-Concerns. Ein Spieler, für den ich viel übrig habe, der noch etwas unter dem Radar läuft, ist Wake Forests CB Essang Bassey: kleiner aggressiver „sticky“ CB mit guten Ball Skills.


#11 Auch abseits von Clemson: Welche sind die besten Offense-Prospects in der ACC?

Jan Weckwerth: Hier hat die ACC außerhalb Clemsons nach aktuellem Stand nicht ganz so viel zu bieten wie auf der defensiven Seite. Ich würde auf jeden Fall den bemitleidenswerten RB Cam Akers von Florida State im Auge behalten: einer der talentierteren Backs des Landes, der aber unter einer absolut unterirdischen O-Line gelitten hat. Guter Mix aus Physis, Explosivität und short-area Quickness. Vielleicht kann sein Team ihn ja dieses Jahr ein wenig besser unterstützen.

Und um noch einen Breakout-Kandidaten zu nennen, der aktuell noch nicht so sehr im Gespräch ist: WR Emeka Emezie von NC State. Stand etwas im Schatten von Kelvin Harmon und Jakobi Meyers, doch deutete sein Potenzial mehr als an: groß, physisch, alles andere als unbeweglich, starke Hände. Hängt natürlich von der QB-Situation beim Wolfpack ab, aber erwarte schon eine starke Saison.

Tipps

#12 Welches Team kann am ehesten für eine Überraschung sorgen?

Christian Schimmel: Für die ACC hoffe ich, dass es Virginia Tech wird. Die spielen unter Justin Fuente vor allem offensiv klar unter ihren Möglichkeiten und sollten eigentlich in der Coastal permanent um den Divisionstitel mitspielen. Dazu sollte North Carolina, trotz neuem Head Coach, deutlich besser sein als 2018.


#13 Und schließlich: Welche deiner Extremitäten würdest du dafür ins Feuer legen, wenn du gegen Alabama vs. Clemson, die Fünfte, in den Playoffs wetten müsstest?

Jan Weckwerth: Nicht mal den kleinen Zeh. Dennoch hoffe ich, dass ein wenig Bewegung ganz oben reinkommt. Immerhin ist die Saison lang und es reicht mitunter ein kleiner Ausrutscher. Planbar ist definitiv nichts.

Christian Schimmel: Da ich in Tippsielen regelmäßig die hinteren Plätze belege, gar keine. Denn Alabama gegen Clemson wirkt mit der Explosivität in beiden Angriffsreihen und der immer noch vorhandenen Physis in der Defense wie das logische Finale 2020.

3 Kommentare zu “College Football 2019 Preview: ACC-Mailbag

  1. Pingback: QB Andrew Luck tritt zurück | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  2. Pingback: Kickoff zur College Football Saison 2019/20 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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