Wie funktioniert die Air-Raid Offense von Kliff Kingsbury?

Kliff Kingsbury kommt unter dem Schlagwort der „Air-Raid Offense“ zu den Arizona Cardinals. Inwiefern wird er die NFL revolutionieren?

Was hier nun folgt ist kein eigenständig geschriebener Artikel, sondern eine Zusammenstellung mehrerer Quellen. Zur Air-Raid Offense in der College-Version habe ich in letzter Zeit schon mehrere Artikel geschrieben – sie sind hier zu finden.

Vorausgeschickt auch: Was Arizona in der Preseason zeigte, hat nichts damit zu tun, wie diese Offense am 8. September gegen die Lions aussehen wird.


Zur Person: Kingsbury war am College bei Texas Tech der erste Quarterback, mit dem Mike Leach Anfang der 2000er sein Monster auf die Footballwelt losließ. Kingsbury pulverisierte 2002 zum ersten Mal wirklich Passing-Rekorde, als der Four-Verticals Spielzug zum ersten Mal in aller Perfektion funktionierte.

Kingsbury war später in der NFL kurzzeitig Backup von Tom Brady in New England, doch er war nicht talentiert genug um den Durchbruch als Profi-QB zu schaffen. Also ging er ins Coaching. Doch Kingsbury lernte in der NFL, wie man seine Gameplans an den Gegner anpasst und wie man Rushing-Konzepte effizient nutzen kann.

An der University of Houston wurde Kingsbury ab 2008 erst Assistant, später Offensive Coordinator unter Dana Holgorsen und dann Kevin Sumlin. Mit QB Case Keenum stellte er Passing-Rekorde auf. Dann ging er zu Texas A&M, wo er als OffCoord von Johnny Manziel sogar Alabama das Fürchten lehrte. Von 2013 bis zu seiner Entlassung 2018 war er Headcoach seiner Alma Mater Texas Tech Red Raiders, wo er u.a. Patrick Mahomes herausbrachte. Kingsbury hatte am College eine 35-40 Bilanz als Headcoach, was negativer klingt als es vermutlich ist, denn Texas Tech ist im Recruiting traditionell keine der Großmächte.


An in-depth look at how Kliff Kingsbury’s Air Raid offense adapts to the NFL (Ted Nguyen / The Athletic) – Basis-Artikel zur Air-Raid und Kingsbury. Er ist hinter der Pay-Wall. Ich würde ihn für Abonnenten von The Athletic unbedingt empfehlen. Ein paar Auszüge:

  • Kingsbury spielt nicht „pure Air-Raid”. Die Trainingsarbeit im Sommer ist noch pur. Doch die Spielzüge sind deutlich angereichert mit allen möglichen Konzepten, die er von anderen Systemen übernommen hat.
  • Training im Herbst sieht bei Kingsbury so aus, dass er durchaus Gegner-spezifische Anpassungen macht und diese auch intensiv trainieren lässt. Mike Leach z.B. macht sowas nicht, und auch Chip Kelly hat das in der NFL nicht getan, was ihm letztlich auf die Füße gefallen ist.
  • Es gibt keinen OffCoord. In Tom Clements hat er einen Passing-Game Coordinator eingestellt, der sich mit NFL-Passspiel und Regeln auskennt. Clements weiß wie man Passing-Packages installiert. Dazu ist OL-Coach Sean Kugler eine Schlüsselfigur. Er hat bei San Francisco die physischen Lines in der Harbaugh-Zeit von 2012-2014 trainiert.

Kliff Kingsbury clearly is ready for the NFL. But is it ready for him? (Steven Ruiz / For the Win) – Allgemeine Zusammenfassung zum Status der NFL als Kingsbury im Jänner eingestellt wurde.


Video: The NFL ist not ready for Kliff Kingsburys Air-Raid (Brett Kollman / Youtube) – Eine Analyse mit Film-Material, die aufzeigen will, dass die Kingsbury-Air Raid mit Murray wie auch mit Rosen hätte funktionieren können, weil sie auf gewissen Prinzipien beruht, für die man nicht zwingend einen mobilen QB braucht.


Kliff Kingsbury may unintentionally deliver the future stat nerds want for the NFL (Steven Ruiz / For the Win) – Ruiz porträtiert Kingsbury hier als den Coach mit dem Potenzial, die zerstrittenen Film- und Analytics-Fraktionen zusammenzubringen. Denn: Kingsbury weiß, wann Laufspiel anzusagen ist und wann nicht. Kingsbury läuft viel aus 10-Personnel, was oft eine wenig bevölkerte Box bedeutet.

[…] the offense can largely dictate how many defenders are in the box based on the personnel it puts out on the field. Taking it a logical step forward, by playing more receivers and forcing the defense to take players out of the run box, the offense can run the ball more efficiently.

What does that have to do with Kingsbury? Well, only one Power 5 team ran out of 10 personnel — 1 RB, 0 TEs, 4 WRs — more than his Red Raiders, and that was Leach’s Washington State. According to Sports Info Solutions, Texas Tech ran the ball out of 10 personnel 199 times (NFL teams ran out of 10p only 79 times in 2018) for an average of 4.6 yards-per-carry, which ranked fourth among Power 5 schools. And that was without a major run threat at quarterback for a majority of the season.

An der Stelle würde ich gern einschieben, dass ich noch nicht 100% überzeugt bin, dass Kingsbury der passlastigste Coach der NFL-Saison sein wird. Kingsbury wird gerade im Line-Blocking aufpassen. Ich denke nicht, dass Arizona so blocken kann wie Texas Tech am College. Das Blocking wird mehr Pro-Style sein. Das riecht nach anfänglichen Problemen im Passspiel.

Er ist schon am College im Jahr nach Mahomes relativ viel gelaufen – über 35% der Spielzüge. Vielleicht werden es in der NFL also auch nur 55% Pass-Quote (zumindest wenn man Kyler Murrays designte QB-Runs mit in die Gleichung nimmt und als Runs wertet).


Matt Waldman RSP Podcast – Matt Waldman diskutiert mit Betz darüber, wie Kingsburys Offense in der NFL aussehen könnte. Die wesentlichen Aussagen hier mal in komprimierter, unstrukturierter Form:

  • Die Air-Raid Spielzüge sind nicht neu in der NFL. Gerade wenn man sie als hoch destillierte Version der West-Coast Offense sieht, sind zahlreiche Konzepte schon lange bekannt.
  • Kingsbury hat natürlich alle wesentlichen Air-Raid Konzepte im Petto, doch er fällt im Vergleich zu anderen Air-Raid Coaches aus der Reihe, weil er sehr kreativ im Einsatz der Formationen So zum Beispiel spielte er zuletzt gerne mit einem „in-line“ Tight End, was schwierig zu verteidigen ist. (Mike Leach: „Wenn du einen TE hast, der blocken und fangen kann, stell ihn immer auf. Aber es gibt kaum welche von denen.“) Um Kingsburys Einsatz von Tight Ends geht es hier. Arizona hat in TE Caleb Wilson auch einen TE gedraftet.
  • Kingsbury ist sowas wie die Millenial-Version der Air-Raid: Er sieht irgendwo ein Konzept, das funktioniert – und baut es sofort in seine Offense ein. Plays, die irgendwo funktionieren, nimmt er schamlos in sein System auf.
  • Kingsbury spielt „playground football“ (Hinterhof-Football): Er lässt seine Spieler spielen. Er zwingt sie nicht in ein starres System, aus dem sie nicht auskommen. Das sieht oft wie Broken-Plays aus. Doch in Wirklichkeit improvisieren seine Spieler im Rahmen des vom Coach Erlaubten.
  • Er spielt viel „5 wide“: 5 Receiver an der Anspiellinie, empty backfield. Für Defenses ist das eigentlich ein Traum, weil sie damit immer +1 in der Box sind und den QB attackieren können. Doch die Mobilität von Kyler Murray macht aus dem 10-vs-11 ein 11-vs-11. Damit potenziert sich die Macht der Kingsbury-Offense.
  • Die Ravens sind konzeptionell das genaue Gegenteil der Kingsbury-Offense: Sie versuchen, alles innerhalb der Hashmarks zu designen.

Waldman und Betz diskutieren in der Folge über die Wide Receiver in Arizona. Ihnen kommt eine besonders tragende Rolle zu. Waldman merkt an, dass es für Rookie-WR in der NFL am Anfang oft schwierig ist – nicht nur, weil sie die Routen noch nicht alle kennen, sondern vor allem, weil sie am College nur wenig Press-Coverage kennen. Vielleicht 1-2 Snaps pro Spiel. In der NFL muss vor allem der X-Receiver das in fast jedem Down aushalten.

Das macht Arizonas WR-Corps so faszinierend. Fitzgerald hat sich gerade in den letzten Jahren noch einmal prächtig als „Big-Slot WR“ gemacht, doch gerade dort muss er sich eben nicht mehr mit Press-Coverage rumschlagen.

Dagegen hätte Rookie-WR Hakeem Butler eigentlich gute Anlagen gehabt, X-Receiver zu spielen. Doch a) verletzte sich Butler und ist out for season und b) soll Butler im Trainingslager und in der Preseason sehr durchwachsen / heiß-kalt ausgesehen haben.

Prinzipiell sind viele Cardinals-WR 2019 Slot-Receiver Typen. Christian Kirk spielte am College Air-Raid. Wird Isabella wegen dieses Überangebots gar nicht innen spielen, sondern außen? Das passt dann aber nicht zu Isabella, trotz dessen Geschwindigkeit: Isabella sei ein Mann, der vom Tanz-Fieber an der Anspiellinie befallen sei. Zu viele laterale Bewegungen, zu wenig Burst downfield.

  • Laufspiel wird nicht die Grundlage der Offense sein. Arizona wird nur laufen, wenn die Boxes leicht bevölkert sind. Das ist mit 10 / 01-Personnel eigentlich ideal.
  • Die wichtigsten Rushing-Plays sind Outside-Zone, Counter und Duo. Outside Zone ist die Basis. Kingsbury kann seine am College extrem weit auseinander aufgestellten Offensive Liner in der NFL nicht so breit aufstellen, weil Defensive Liner fitter und explosiver sind. Trotzdem wird die OL breiter sein als eine normale Offense. Counter ist die perfekte Ergänzung zu Outside-Zone.
  • Für RB David Johnson ist die Kingsbury-Offense ein Traum. Er ist als fangstarker Back der ideale Runningback für die Air-Raid. Er kann auch Slot spielen – ein weiterer Slot-WR in Arizona?
  • Mögliche Schwächen von Kingsbury: Ist er ein super Game-Planner? Am College hatten seine Teams immer viel zu viele Strafen, waren undiszipliniert. Hat er genug Autorität um als relativer Außenseiter einen old school Laden in der NFL zu führen? Und natürlich: Wie sieht das alles für die Cardinals-Defense aus? Kingsbury wird sich darum nicht scheren.

How Kliff Kingsbury is assembling an Arizona air raid roster (Alex Kirshner / SB Nation) – Der Blogeintrag, der sich mit den wichtigsten Neuverpflichtungen der Cardinals in dieser Offseason auseinandersetzt:

  • QB Kyler Murray – #1 Pick, rekordträchtiger Air-Raid QB am College und sehr erfahren in RPO
  • WR Andy Isabella – 2nd Rounder. Klein und athletisch sehr ähnlich dem Texans-WR Keke Coutee, der für Kingsbury am College Slot-WR spielte.
  • WR Hakeem Butler – 4th Rounder, der außen spielen kann und tief geht. Damit kann er Safetys aus der Spielfeldmitte herausziehen. (Butler ist seither auf IR gegangen)
  • WR KeeSean Johnson – 6th Rounder, spielte am College in einer Spread-Offense bei Fresno State.
  • WR Kevin White – gefloppter ex-1st Rounder, der per Trade aus Chicago kam. White war am College bei West Virginia ein fantastischer Air-Raid WR (White wurde seither entlassen)
  • TE Ricky Seals-Jones – RFA, wurde gehalten. Groß, schlank. Kann Bälle fangen und gerade das Minimum an Blocking, das man in der Air-raid braucht.
  • TE Caleb Wilson – 7th Rounder. 6’2, 240 Pfund, war in der Chip-Kelly Offense sehr effizient.
  • OG J.R. Sweety – Free Agent Einkauf. Athletisch, genau wie es die Air-Raid verlangt.
  • OT Joshua Miles – 6th Rounder, explosive Athlet, wie es die Air-Raid will.

Kingsbury and the NFL roster limits (Justis Mosqueda / Optimum Scouting) – Ein Artikel, der sich mit Roster-Plätzen auseinandersetzt. Am College hatte Kingsbury über 100 Spieler. Die NFL erlaubt nur 53. Gerade in einem Team, das wohl permanent 4 WR am Feld haben will, wird man ca. 6-7 Plätze für Wide Receivers reservieren müssen.

Und auf Deutsch

Einen sehr starken Vierteiler hat auch Adrian Franke von SPOX schon im Juni veröffentlicht:

Adrian ist als Cardinals-Fan auch auf Twitter eine gute Ressource um sich über die Cardinals-Offense (und alles weitere zur NFL) zu informieren und auf dem Laufenden zu halten.

6 Kommentare zu “Wie funktioniert die Air-Raid Offense von Kliff Kingsbury?

  1. Taufrisch von heute: Interviews mit den Air-Raid Gurus Hal Mumme & Sonny Dykes, wie die Kingsbury-Offense aussehen wird.

    https://www.sbnation.com/a/nfl-preview-2019/arms

    Extrem interessant auch der Twitter-Threat vom Autor mit zahlreichen weiteren Quotes und einem fantastischen Belichick-Video:

    Eine der spannendsten Sachen ist die Diskussion über 10-Personnel bzw. die Two-Back Offense.

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