Es ist Herbst, Baby!

Die Offseason ist endlich vorbei!

Heute Nacht startet die NFL-Saison 2019/20 – nach NFL-Zählung ist es die 100te Saison seit Liga-Gründung. Passend dazu eröffnet heute nicht wie gewohnt der Titelverteidiger New England die Saison, sondern als Tribut an die Historie der Liga zwei der ältesten NFL-Mannschaften: Die Chicago Bears (gegründet 1920) und die Green Bay Packers (gegründet 1919).

Die gesamte Saison wird im Zeichen der 100-Jahr-Feier der NFL sein – den Auftakt machte der Superbowl-Werbespot „The 100-Year Game“ mit zahlreichen Legenden:

Es gibt dieses Jahr jede Woche thematisch ein Spiel, das an legendäre NFL-Momente erinnert, beginnend eben mit dem Spiel zwischen Bears und Packers heute Nacht.

Die NFL ist heute das absolute Monstrum im US-Sport, ja vielleicht im Weltsport. Das war nicht immer so: In der Gründerzeit war die NFL ein ganz kleines Licht im Vergleich zum College Football, der damals die Sportlandschaft in den Vereinigten Staaten dominierte. Die NFL erntete in ihren ersten Jahren vor allem fragende Blicke, denn der gemeine Amerikaner fragte sich damals, warum es den Profisport überhaupt brauchte.

Erst mit dem „Spiel des Jahrhunderts“ 1958 zwischen den Baltimore Colts und den New York Giants begann die Ära, in der die NFL wirklich die Oberhand gegenüber dem College Football begann. Viele Footballhistoriker vertreten auch die Aussage, dass die NFL in den Sechziger Jahren schließlich ungewollte Schützenhilfe ausgerechnet durch die Gründung der Konkurrenzliga AFL bekam.

Die AFL kam zwar nie ernsthaft an die NFL heran, was die Popularität angeht, doch sie war innovativ und mächtig genug um schon nach wenigen Jahren eine Fusion mit der NFL zu forcieren – es war dann auch mehr oder weniger gleichzeitig die Geburtsstunde der Superbowl-Ära, die man heute auch als Beginn der „modernen Ära des Football“ bezeichnet, und die spätestens mit Superbowl III zwischen den Jets und den Colts den Grundstein für das heute alles überstrahlende Sportprodukt der USA legte.

Die AFL lebt heute als AFC-Conference weiter – sie spülte heute nicht mehr wegzudenkende Mannschaften wie die Patriots, Raiders oder Chargers in die NFL, die sich spätestens in den 1990ern als sozialistisch ausgerichtete Liga (lineare Verteilung der meisten Umsätze und Salary-Cap) zu dem ausgeglichenen Moloch entwickelte, in der im Prinzip fast jede Mannschaft jedes Jahr eine ernsthafte Playoff-Chance und sogar Titel-Chance besitzt.

„Es gibt immer nächstes Jahr“ – das Schlagwort, das die Fan-Bases aller 32 Mannschaften stets an der NFL interessiert hält, da es kaum Mannschaften gibt, die über längere Zeit keine sportlichen Aussichten hat.

Der Grundsatz, der für mich gilt, lautet minimal anders: „Jedes Jahr zieht ein neuer Herbst ins Land“ – und „Herbst“ ist für mich „NFL“. Ich warte seit Wochen sehnlich darauf, dass die Tage wieder kürzer werden, die Trauben reifen und die Blätter auf den Laubbäumen vor meinen Haus erste gelbe Farbpunkte annehmen.

Winter ist Skifahren. Frühling ist Radfahren. Sommer ist Schwimmen und Berg. Herbst ist NFL.

Ich habe noch keine Minute Preseason geschaut, weil es mich nicht interessiert. Doch jetzt bin ich „heiß“ auf die ersten fliegenden Eier. Trainingslager war super und ich fühle mich völlig ausgerastet. Die Saison kann losgehen.

Moderner Football

100 Jahre NFL – und so modern wie nie. Wer dieses Blog in den letzten Monaten verfolgt hat, der weiß: Die NFL befindet sich mitten in einer Datenrevolution. Seit Jahren zeichnen Firmen wie Pro Football Focus (PFF), Sports Info Solutions (SIS) oder das Tracking-Tool der NFL Next Gen Stats Spielzug für Spielzug jede einzelne Bewegung der NFL-Spieler auf, bewerten ihre Handlungen und die Ergebnisse am Feld.

Das führte zu x-facher Bestätigung einiger längst bekannter Ergebnisse…

…doch es führte auch zu einer Reihe an neuen, nicht unbedingt intuitiven Ergebnissen, die Stammleser dieses Blog während der großen „Analytics-Serien“ in der Offseason mitverfolgt haben. Einige der wichtigsten seien hier noch einmal angeführt:

In erster Linie Twitter hat sich zu einem Ort entwickelt, auf dem die alten Weisheiten in Rekordtempo auf den Prüfstand gestellt (und in etlichen Fällen widerlegt) werden. Die Diskussionen dort laufen hitzig und sind häufig verfahren – aber auch wenn es den Gewohnheitszuschauer nicht interessiert: Die NFL befindet sich im Wandel.

Mehr und mehr Front-Offices sehen die Vorteile von Analytics und Entscheidungsfindung auf Datenbasis – doch die Implementierung von neuen Methoden geht schleppend. Zu groß ist der Widerstand der alten Eliten, die um ihre Arbeitsplätze fürchten und bei jeder Gelegenheit zurückbeißen.

Doch am Spielfeld sehen wir bereits viele Auswirkungen der neuen, passlastigen und aggressiveren Footballwelt. Anders als im Baseball, wo das Spiel mit zunehmender Aufnahme von „Moneyball-Prinzipien“ immer langweiliger wurde, geht Football in der NFL eine andere Richtung: Mehr Passspiel und mehr 4th Downs bedeuten nicht nur effizientere Offense, sondern vor allem spektakulärere Offense.

2018 war das bislang spielerisch beste Jahr in 15 Jahren NFL, die ich verfolgt habe. Ich kann angesichts einer Quarterback-Generation mit Pat Mahomes, Baker Mayfield, Kyler Murray als neuen Sternen am Himmel meine Vorfreude auf die anstehende Saison nicht verhehlen.

Wichtige Regeländerungen

Es gibt zwei wesentliche Regeländerungen, die man zur anstehenden Saison beachten muss, weil sie potenziell massiven Impact auf das Spiel haben:

  • Aufweitung von Instant-Replay: Testweise lässt die NFL diese Saison zu, dass zusätzlich zu den bisher für Video-Überprüfung zulässigen Spielsituationen auch Pass-Interference (ob am Feld gecallt oder nicht) für Instant-Replay freigegeben ist. Die genauen Auswirkungen sind noch nicht absehbar. Theoretisch ist diese Freigabe von Ermessensentscheidungen aber die Öffnung einer Büchse der Pandora – schließlich ist mit dem Juristendeutsch in den Regelparagraphen nun bei jeder Berührung ein PI-Call möglich (inklusive bei Hail-Marys). Auf die Umsetzung des Calls darf man gespannt sein.
  • Bestrafung von Blindside-Blocks mit 15-yds Personal-Foul. Das gilt vor allem für Offensive Liner, die Outside-Zone blocken, als möglicher Knackpunkt – doch viele Experten, die ich verfolge, glauben nicht, dass diese Regel konsequent gepfiffen wird.

Es gibt wie immer zahlreiche kleinere Regeländerungen mit weniger spürbarem Einfluss auf das Spielgeschehen. Tatsächlich ist die PI-Regeländerung die spannendste – schließlich können Coaches nun bei krasseren Fällen schon früh im Spiel entscheiden, ob sie eine rote Flagge werfen oder sie sich für später aufbewahren.

Zum Sportlichen

Viel zu den einzelnen Mannschaften ist nicht mehr zu schreiben – ich habe es bereits in der ausführlichen großen NFL-Vorschau getan:

Ich erwarte mir spielerisch sehr viel von dieser Saison. Teams wie die Chiefs oder Browns werden spektakuläre Offense spielen. Die Rams sind unter Beobachtung, weil Headcoach Sean McVay nach der letztjährigen Superbowl-Pleite eine Evolution betreiben muss. In Arizona hält die abgewandelte Air-Raid Offense Einzug. Tampa Bay hat in Bruce Arians den Coach mit der exakt richtigen Mentalität für QB Jameis Winston angestellt.

Doch das Salz in der Suppe sind die Gegenbewegungen – in Baltimore z.B. versuchen die Ravens im Gegensatz zu den obigen Spread-Teams, ihre Offense in erster Linie über die Spielfeldmitte aufzuziehen und mit dem „neuen Michael Vick“ auf Quarterback zum Erfolg zu kommen.

Spannend wird auch sein, wie die Defenses gegen den zunehmenden Offensiv-Wahnsinn gegenhalten wollen. Es ist mittlerweile kaum mehr zu widerlegen, dass Offenses der Defense ihren Stempel aufdrücken. Steven Ruiz hat diesbezüglich einen Vierteiler geschrieben, der Ausblicke auf die Defenses im Jahr 2019 gibt:

  1. Warum Defenses von den Offenses überholt wurden
  2. Welche Pass-Coverages in Zukunft angesagt sein werden
  3. Techniques in der Defensive Line
  4. Blaupause, einen Defensive-Roster zu bauen

Alles ist nicht verloren für die Abwehr. Laufspiel ist in der heutigen NFL auch aufgrund der extrem guten Gap-Disziplin von Defenses zum Tempowechsel verkommen, weswegen so vieles am Passspiel hängt. Dieses lebt natürlich von dem immer offensiv-freundlichen Regelwerk, aber auch von der immer höher Anzahl an exzellenten Quarterbacks.

Im Prinzip haben Defenses in den letzten Jahren zu viel Zeit damit verschwendet, die Seahawks-Defense von 2013 zu kopieren, ohne die adäquaten Spieler dafür zu haben. Dabei gäbe es durchaus Ansätze wie Rip/Liz Match-Coverage oder die auch hier schon öfters diskutierte Quarters-Coverage, die zahlreiche College-Teams spielen, um Offenses Einhalt zu gebieten.


Sportlich ist die NFC die hochklassigere Conference mit gut und gerne 10 oder 11 Teams, die für eine Superbowl-Qualifikation infrage kommen. Die AFC hat in der absoluten Spitze mehr Contender, doch nicht mehr als sieben oder maximal acht Teams mit einer realistischen Chance auf eine Finalqualifikation.

Dazu ist die Saison vielleicht das letzte Halali von zwei der größten Quarterbacks aller Zeiten: Tom Brady und Drew Brees – ihnen zuzuschauen ist nach wie vor ein Privileg. Sie operieren trotz ihres Methusalem-Alters (Brady ist 42, Brees fast 40) noch immer nicht weit entfernt vom rasanten Tempo der Jungspunde wie Mahomes oder Mayfield.

Sportlich sind meine Playoff-Tipps folgende:

  • NFC: Eagles / Saints / Vikings / Rams – Packers / Falcons
  • AFC: Patriots / Texans / Steelers / Chiefs – Chargers / Browns

Superbowl: Eagles over Patriots. Mein MVP-Kandidat ist Baker Mayfield. Rookie des Jahres: Kyler Murray. Favorit auf den #1 Draftpick 2020: Miami Dolphins.

Heute Nacht

Wie schon geschrieben: Ab 2h20 Bears gegen Packers. Es sind nicht nur zwei Erzrivalen, sondern auch zwei der drei ältesten Mannschaften in der NFL-Geschichte. Wer will, kann sich durch meine beiden History-Einträge zu diesen beiden Mannschaften klicken – sowie eine kurze Übersicht über die Rivalität zwischen den beiden Franchises, die ich im Zuge des NFC-Finals 2010/11 schrieb:

Die Partie heute Nacht ruft große Vorfreude hervor. Ich erwarte noch nicht den allerbesten Football, doch beide Offenses und beide Defenses gehören zu den interessantesten Units im Vorfeld der Saison 2019.

Die Packers gehen mit neuem Headcoach Matt LaFleur an den Start. Für NFL-Verhältnisse ist seine Offense ein relativ krasser Paradigmenwechsel zu dem, was sein Vorgänger Mike McCarthy zuletzt spielte. LaFleur ist ein Mann, der auf Timing-Offense, hohe Play-Action Quoten setzt und jede Route zu perfektionieren versucht, während die Packers bislang von eher unstrukturierterem Football mit der Devise „schlag deinen Verteidiger“ gelebt haben. Wie der in den letzten Jahren strauchelnde QB Aaron Rodgers darauf reagiert, wird spannend.

Auch spannend: Ob LaFleur tatsächlich so viele 1st Downs in die Mauer laufen lässt, aus dem billigen Irrglauben, für Play-Action Spiel „Laufspiel implementieren zu müssen“.

Die Bears-Offense dagegen ist schematisch schon weiter – der Headcoach Matt Nagy geht in sein zweites Jahr, und er hat schon 2018 ein Chiefs-ähnliches Spielsystem mit vielen Rollouts und offen „ge-schemten“ Receivern implementiert. Das Problem in Chicago liegt beim Quarterback: Mitchell Trubisky, hoher Top-Draftpick 2017, droht mit seiner stagnierenden Entwicklung und seiner Schrotflinten-Präzision, die Superbowl-Hoffnungen der Bears zu torpedieren.

Die Bears-Defense, über Jahrzehnte der Stolz der Windy City, ist nach einer bärenstarken Saison 2018 heuer vor allem deswegen zu beachten, weil der neue DefCoord Pagano mit seinem Manndecker-lastigeren Spiel einen leichten Kurswechsel im Vergleich zum bisherigen DefCoord Vic Fangio vornimmt – und das Personal in der Bears-Secondary dafür nicht wirklich geeignet scheint.

In der Packers-Defense wurde kräftig am Pass-Rush und in der Secondary nachgebessert. In Jahr 2 von DefCoord Mike Pettine und mit besserem, kompletterem Personal erwarten fast alle einen mächtigen Sprung nach vorne.

Dieser Season-Opener wird schon richtungsweisend. Zu erwarten ist ein enges Spiel mit knisternder Atmosphäre und viel Pathos im Soldier Field zu Chicago.

15 Kommentare zu “Es ist Herbst, Baby!

  1. Dein Blog hat großen Anteil daran, die eierlose Zeit halbwegs erträglich zu gestalten. Danke dafür, wollte ich mal loswerden!

  2. Wundervoll! Vielen lieben Dank für die Vorschau und all die tollen Artikel, die du zur Vorbereitung geschrieben hast, es ist immer wieder einfach ein Genuss! Endlich geht es los!

    PS: Ein zusätzlicher Dank dafür, dass du hier das Wort Kellerkind durch Bodensatz ersetzt hast. Die furchtbare Geschichte dieser Kinder (v.a. im Nationalsozialismus), wird der heutigen Verwendung nicht ansatzweise gerecht.

  3. Man kann es nicht oft genug sagen:
    Danke für die Arbeit die du dir machst. Ich mag vor allem deinen analytischeren Ansatz (als z.b. den von Adrian von Spox – Den ich trotzdem sehr schätze)

  4. Ganz interessanter Artikel in der FAZ heute (mit peinlichem „NHL“ in der Überschrift), wahrscheinlich ist der Inhalt aber nicht besonders neu:
    insb. unter Weißen verliert American Football an Rückhalt, zwar noch nicht beim Einschalten, der Nachwuchs soll sich die Strapazen aber lieber nicht mehr antun. Stattdessen wird Lacrosse gespielt, da lassen sich ohnehin die besseren Netzwerke knüpfen. NFL also nicht nur vor neuem spielerischen, sondern auch vor dem ökonomischen Höhepunkt?

  5. Ja, das Thema Gesundheit ist für die NFL das Thema schlechthin für die Zukunft. Gefahren werden sich nie ganz bannen lassen, aber sie muss sie mindern

  6. Ja, das Thema Gesundheit ist für die NFL das Thema schlechthin für die Zukunft. Gefahren werden sich nie ganz bannen lassen, aber sie muss sie mindern.

  7. Betreff neue Regeln.
    Lowering the Helmet – die Regel vom letzten Jahr wird viel zu wenig für diese Saison beachtet.
    Der einzige Grund weshalb es ruhig blieb, es gab oft keine Penalty Flag sondern eine schriftliche Verwarnung nachträglich. Zu nur 19 Penalty 2018 gab es 28 Geldstrafen und 139 Verwarnungen.

  8. Einfach auch mal ein „Danke“ für den wahnsinnigen Output über den Sommer hinweg. Ich habe da sehr viel gelernt.

  9. Absolut. Bei teilweise zwei Artikeln täglich kam ich kaum mit Lesen nach. Hammer. Riesendankeschön!
    (andere „journalistische“ Quellen nutzten die Offseason um zu berichten, dass irgendein UFA jetzt einen Hund hat. Bestenfalls. Schlimmstenfalls gab es Videos von Spielern wie sie um Hütchen laufen. Mit Feuer- und Bizeps-emojis.)
    Korsakoff, Hermann und Co sollten von der NFL Provision für jeden verkauften Gamepass in Mitteleuropa bekommen. 😉

  10. Pingback: NFL Season Opener 2019 im Liveblog: Chicago Bears – Green Bay Packers | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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