…und die nächsten Spiele aus NFL-Woche 1 im Rückspiegel

Schauen wir auf die nächsten drei Spiele vom ersten Spieltag – u.a. das fantastische erste Monday Night Game, aber auch auf die Mahomes-Offense und auf das Debüt von Kliff Kingsbury und #1 Draftpick Kyler Murray.

Jacksonville Jaguars 26, Kansas City Chiefs 40

Die Chiefs waren neben den Ravens (50%), Cowboys (47%) und Titans (43%) mit einer Play-Action Quote von 46% das einzige Team an Woche 1, das nach PFF-Aufzeichnung in über 36% der Passing-Plays den Play-Action Fake einsetzte.

Sie streuten damit 40 Punkte über die so hoch gehypte Passing-Defense der Jags. Und es hätten mehr sein können, wie man angesichts des Splits vor und nach der Verletzung von QB Patrick Mahomes ablesen kann.

Mahomes verletzte sich nach 10 Dropbacks. Vor der Verletzung war die Offense in zugegeben „small sample size“ ein absoluter Tornado: Im Schnitt 11 Air-Yards pro Pass mit atemberaubenden 1.55 EPA/Pass!

Doch noch viel bemerkenswerter ist das, was nach der Mahomes-Verletzung (und grob auch nach der Tyreek-Hill Verleztung) passierte: Zwar nur noch Kurzpassgewichse mit 3.8 Air-Yards/Pass (was über ein ganzes Spiel extrem niedriger Wert wäre), doch noch immer fassungslose 0.38 EPA/Pass. Gegen eine Pass-Defense mit dem besten Cornerback-Duo in der NFL und einem gefürchteten Passrush!

Das musst du dir mal vorstellen: Trotz verletztem Quarterback und Ausfall des gefährlichsten (*) Receivers machte Mahomes 0.38 EPA/Pass. Vergleich: Letztes Jahr hatte er in seiner MVP-Saison roughly 0.35 EPA/Pass. Man sollte Andy Reid eine Statue bauen!

(*) Wobei: „Gefährlichster Receiver“ muss man bei Hill sogar in Klammern setzen, denn was WR Sammy Watkins fabrizierte, war nicht minder bemerkenswert. Ich schreibe es seit Jahren: Watkins ist für mich der unterschätzteste Top-Receiver in der NFL. Sein größtes Problem ist seine Verletzungsanfälligkeit. In fittem Zustand ist Watkins eine Augenweide.

Was an Watkins‘ Einsatzgebiet auffiel: Er wurde nach Hills Ausfall in den Slot geschoben und hatte mehr als die Hälfte seiner Snaps dort. Letztes Jahr spielte Watkins nur ein Drittel seiner Snaps aus dem Slot heraus – doch dort war er mit 75% Success-Rate und mehr als 10 Yards/Target enorm erfolgreich.

Bei den Jaguars bleibt festzuhalten: Die Defense sieht gegen die beste Passing-Offense im Lande kein Land. In der Offense verliert man mit QB Nick Foles auf Wochen den Starting-QB. Nachfolger QB Gardner Minshew ist ein Rookie aus den späten Runden. Er sah gegen die zweifelhafte Jags-Defense ganz ordentlich aus. Doch Minshew ist mehr Typ solide, zumindest zum aktuellen Zeitpunkt keiner, der potenzielle Big-Plays liefert. Für einen (nicht auf einen Stammeinsatz vorbereiteten) Debütanten war das aber ganz ordentlich.

Arizona Cardinals 27, Detroit Lions 27

Eine für Detroit längst gewonnene Partie, die man im vierten Viertel ohne Not dank zu konservativem Play-Calling noch aus der Hand gab. Es gab eine Situation, in der Detroit ein lockeres, entscheidendes 1st Down machte, das durch ein Timeout des eigenen Coaches zunichte gemacht wurde. Es gab aber auch eine relativ klare Referee-Fehlentscheidung in der Overtime, als ein Personal-Foul der Defense nicht gepfiffen wurde – und eine gedroppte Interception der Cardinals in der letzten Minute der Overtime.

Es hätte am Ende also Sieg oder Niederlage sein können. Allein das ist nach 24-6 Führung im dritten Viertel gegen eine horrend ausschauende, mausetote Cardinals-Offense ein Armutszeugnis für Detroit. Dass man am Ende froh sein musste, nicht verloren zu haben, war nur der Deckel obendrauf für all diejenigen, die leise Ambitionen in Richtung Playoffs ausgemacht hatten.

Was ich nach Betrachtung des Spiels erstaunlich finde: Die Air-Yards in dieser Partie!

  • Cardinals 55 Passversuche, 13x tief = 10.4 Air-Yards/Pass
  • Lions 43 Passversuche, 13x tief = 12.1 Air-Yards/Pass

Die Partie hatte sich gefühlt lange auf eher kurzen Routen abgespielt. Doch die Cardinals hatten schon in den ersten drei Vierteln im Schnitt 10.2 Air-Yards/Pass. Das sind sehr hohe Werte, die eigentlich für ein deep-Ball Feuerwerk stehen. Das war die Partie optisch nicht. Viele der tiefen Pässe waren auf beiden Seiten Würfe ins Nichts bzw. klar überworfene/unpräzise Pässe.

Lions-QB Matthew Stafford hatte ein schwieriges Spiel: Nach PFF-Daten stand er in 47% der Dropbacks unter Druck – insgesamt 24 Mal! Time-to-Throw war nicht wirklich das Problem (2.73 Sekunden ist nur knapp über Ligaschnitt). Eher war es LT Decker, über den 7 Pressures und 2 Sacks kamen. Unter Druck spielte Stafford nicht gut. Doch positiv: Ohne Druck zerlegte er die Cards-Defense mit 19/26 für 263 Yards. Das ist für gewöhnlich ein gutes Zeichen. Insbesondere Rookie-TE T.J. Hockenson machte in seinem NFL-Debüt gleiche eine gute Figur.

Ansonsten: Respekt für die Cardinals. Sich aus der eigenen Scheiße herausgezogen und beim viel beachteten Debüt der Kingsbury-Offense, als so viele auf eine Bauchlandung hofften, mit erhobenem Haupt verabschiedet. Viele hatten auf einen Kollaps gewartet. Er wurde mit einer starken Performance im Schlussviertel und Overtime abgewendet. Natürlich sind 4.6 NY/A und -0.03 EPA/Pass für einen Kyler Murray im Debüt kein weltbewegender Wert.

Über Kingsburys Play-Calling muss man nicht viel schreiben. Bei 17-0 Rückstand an der 1-yds Line ein Fieldgoal zu schießen ist Hosenscheißer-Football vom Schlimmsten und zertrümmert gleich zu Beginn seiner Coaching-Karriere alle Hoffnungen von wegen „revolutionärer Coach ohne Scheu vor Konventionsbrüchen“. Man kann diese Entscheidung nicht schönreden.

Für die taktische Zusammenfassung kupfere ich mal schamlos die Eindrücke vom Besten, Chris B. Brown von Smart-Football, ab und aggregiere seine wichtigsten Aussagen aus seinem Twitter-Thread zum Spiel:

  • Erste 2.5 Viertel waren horrend. Erst als sich Kingsbury auf das Wesentliche zu konzentrieren begann, wurde es besser.
  • Es war Kingsburys aus dem College bekannte Version der Air-Raid: Der 96 all-Curl Spielzug mit Wheel-Route für den H-Back war da, sein Y-Cross Spielzug war da, viele Shallow-Crosses in seiner Auslegung, seine Mesh-Plays waren da. Kingsburys Adjustments waren dabei interessanterweise weniger effizient als die Base-Air Raid Plays, die er brachte
  • Laufspiel hat ohne ein brauchbares Passspiel keine Chance. Die Läufe aus Jet-Motion waren noch das beste – ansonsten wenig Kohärenz. Murrays Läufe waren auch mehr Scrambling – designte Läufe sind weder seine, noch Kingsburys, Stärke.
  • Perfekte Ausführungsqualität ist umso wichtiger, weil die Offense nicht wie am College 13 und mehr Drives bekommt. Jeder Fehler wird bestraft. Mit mehr Kurzpassgewichse im Schlussviertel und schnelleren Pässen wurde es besser
  • Ohne Fitzgeralds tiefe Catches wäre es am Ende nix geworden.
  • Wirklich explosive Plays zu generieren, wird ein entscheidendes Kriterium werden. Es gibt kaum wirkliche tiefe Waffen. Mit der schlechten Offense Line und dem kritischen Blitz-Pickup der Runningbacks bleibt auch nicht viel Zeit für die Receiver um Double-Moves gegen die DBs einzusetzen: Sie müssen noch schneller frei sein.
  • Pass-Protection war lange schlecht. Erst mit erhöhtem Tempo und den vielen quicken Completions wurde es besser. Murray hielt bis dahin zu lange den Ball

Am Sonntag spielen die Cardinals gegen die Baltimore Ravens. Allgemein wird nach dieser Auftaktpartie eine brutal harzige Angelegenheit erwartet. Die Ravens-Defense ist qualitativ ein anderes Kaliber als Detroit.

New Orleans Saints 30, Houston Texans 28

Das Spiel der Woche. Die Saints gewinnen mit einem quicken Drive per Fieldgoal mit auslaufender Uhr knapp gegen die Texans, bei denen viele alte Probleme aufgetaucht sind: Zu lange Drop-Backs (obwohl mit 2.73 Sekunden/Pass schneller als 2018) für QB Deshaun Watson, die bei 41 Passversuchen zu 18 QB-Pressures und 6 Sacks führten. Den Einkauf von LT Laremy Tunsil merkte man nicht wirklich – was auch an der kurzen Vorbereitung liegen kann.

Dennoch: Etliche fantastische Pässe von Watson – tief, in engste Deckungen, mit schöner Flugbahn. Watson hat nicht den Raketenarm von Mahomes, aber die Ästhetik seiner Pässe gibt trotzdem höchste B-Note. Ich liebe es, diesem Spieler zuzuschauen.

WR Hopkins, WR Fuller, WR Stills – sie alle hatten fantastische Catches. Die Texans-Offense war mit 14 Pässen und 13 Rushes in 1st Downs auch wesentlich balancierter als letztes Jahr und auch extrem ausgeglichen effizient:

  • Pass 9.9 NY/A, 0.43 EPA/Pass
  • Run 8.5 YPC, 0.41 EPA/Run

Trotzdem gewannen die Saints. Ihre Offense funktionierte wie immer. QB Brees war unglaublich, auch WR Michael Thomas. Sie hatten es gegen einen desaströsen Pass-Rush der Texans auch einfach – obwohl Brees den Ball im Schnitt länger als Watson hielt (2.85 sek/Pass), kassierte er nur 8 Pressures in 45 Dropbacks. Das ist ein Spitzenwert! Sollte Brees mit 40 Lenzen heuer noch einbrechen: Wie bei Brady gab es an diesem 1ten Spieltag dafür keine Anzeichen.

Am Ende gewannen die Saints ein beherztes Auftaktspiel beider Mannschaften auch deshalb, weil die Texans-Defense es im letzten Drive nicht klug anlegte: Sie verteidigten viel zu passiv. Brees konnte mit dem einen Timeout locker 3x ca. 10-15 Yards nehmen, was zu einem 58-yds Fieldgoal reichte. Das ist ein langes Fieldgoal – aber für NFL-Kicker 2019 definitiv machbar.

Merke: Auch wenn nur mehr 37 Sekunden auf der Uhr sind und die Kommentatoren schon davon ausgehen, dass die Partie mit dem letzten Score schon entschieden oder bei Gleichstand in die Overtime geht (beides von ESPN in diesem Spiel gehört): Für eine Elite-Offense ist es gerade mit einem Timeout in der Hinterhand kein Problem, 35 Yards zurückzulegen, wenn die Abwehr „prevent defense“ spielt. Prevent Defense prevents you from winning.

6 Kommentare zu “…und die nächsten Spiele aus NFL-Woche 1 im Rückspiegel

  1. Enfällt die „Akademische Viertelstunde“ hier eigentlich komplett oder ist es dem NFL-Auftakt geschuldet, dass der Fokus der Recaps diese Woche ausschließlich auf den Pros liegt? 🙂

  2. Die Jaguars konnten es den Chiefs nicht leichter machen. Grauenhaft die Defense. Nicht nur die Big Plays, Arbeitsverweigerung? vor Pause 2 Min. Warning, die beiden folgenden Plays.

  3. Alvin Kamara gehört erwähnt. 13 carries für 97 yards (7,5 Y/A). Dazu 7 rec für 72 yards. Und er bricht immer ein, zwei Tackles. Runningback oder nicht, der Mann ist unfassbar und ein gamechanger.
    Für mich sind die Saints mit das stärkste NFL-Team: Bombenoffense sowohl Pass- als auch Laufspiel (Doppelpunch mit Murray) und wenn die Defense diese Saison so konzentriert spielt wie gegen Houston, wird an diesem Team ohne blinde Refs schwer vorbeizukommen sein.
    Houston war (bis auf die O-line) recht ordentlich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.