Football am Freitag – Meister gegen Schüler, Original gegen Original

Eine NFL-Notiz voraus: Jets-QB Sam Darnold fällt mit Pfeifferischem Drüsenfieber zumindest für das Monday Night Spiel gegen Cleveland aus – vielleicht länger. Damit wird am Montag QB Trevor Siemian für die Jets starten – damit sind wir eines richtig interessanten Duells zweier Teams, die bereits mit dem Rücken zur Wand stehen, beraubt.

Aber wir sind auch beraubt eines QB-Duells zwischem dem #1 QB von 2018 im Draft, und dem #2 QB. Und wir wissen am Ende des Spiels noch immer nicht, wie gut die Browns sein können.

College Football 2018 – Week 2 Rückblick

Damit kurz zum letzten Wochenende im College Football.

#1 Clemson 24, #12 Texas A&M 10. Ein Spiel, das sich deutlicher anfühlte als ein Sieg mit 2 Touchdowns – unterstrichen auch vom Fakt, dass A&M erst kurz vor Schluss den Kosmetik-Touchdown scorte. Für die Aggies kann man es als „moralischen Sieg der Defense“ betrachten, die monumentale Clemson-Offense bei nur 24 Punkten gehalten zu haben.

Dort steht QB Trevor Lawrence nach zwei Spielen bei roundabout 7 Yards/Pass. Das ist noch kein Heisman-würdiger Auftritt, auch wenn für Panik noch zu früh ist.

Doch dafür hatte die Aggies-Offense keine Chance gegen Clemsons Defense: Laufspiel war nada, weil die Defensive Line auch ohne die ganzen abgewanderten 1st Rounder alle Gaps zumachte und QB Kellen Mond damit in viele lange 3rd Downs zwang, und auch, die Partie selbst in die Hand zu nehmen.

Mond war damit kaltgestellt: Bis die Clemson-Defense in der Garbage-Time die Schotten etwas lockerte, wurde Monds Passing auf 105 Passing-Yards über drei Viertel abgewürgt. Viele schlechte Pässe Monds. Ansonsten bei Texas A&M: Zahlreiche Drops.


#5 Ohio State 42, Cincinnati 0. Ausrufezeichen von Ohio State! Cincinnati ist keine Macht im College Football, doch als #36 nach S&P+ Ranking waren die Bearcats auch nicht als lahmer Fußabtreter in die Partie gegangen. Für Ohio State kein Grund, nicht doch einen Shutout und 42 Punkte drüberzulegen.

Dass die Ohio-State Offense um QB Fields und RB Dobbins funktionieren würde, ist keine Überraschung. Doch auch die letztes Jahr so kritisierte Buckeyes-Defense war überragend.

Cincinnatis Offense sah kein Land. Der immer wieder über die Flanken hereinbrechende DE Chase Young konnte als Einmannabrissbirne so viel Tape anreichern, dass das für den prophezeiten höheren 1st Round Pick im nächsten April tatsächlich schon reichen könnte.


#9 Texas 38, #6 LSU 45. Eine spielerisch nicht immer hochklassige Partie. Doch die exzellente Atmosphäre im Stadion, die Spannung und die erwartet vielen Punkte gaben dem Spiel durchaus Spitzenspiel-Flair.

Man könnte die Partie im Nachgang darauf reduzieren, was ich im Vorfeld der Partie als Storyline ausgegeben hatte – „Ehlinger gegen LSU“. Doch vielleicht greift das sogar ein bisschen zu kurz.

Denn Ehlinger war exzellent. Doch Texas hatte in der Partie durchaus mehr zu bieten als seinen famosen Quarterback, der kämpfte wie ein Löwe. Ehlinger machte eine bockstarke Partie und legte in der LSU-Secondary bislang ungekannte Schwachstellen offen.

Doch für Texas reichte es trotz über 400 Yards und 4 TD von Ehlinger nicht. Der Grund lag in der überraschenden Passing-performance von LSU-QB Joe Burrow, der eine verhältnismäßig großartige Partie spielte und einige bildhübsche Pässe mit Sprühsahne versehen über die Texas-Defense legte, die auch die besten NFL-Prospects nicht verteidigen konnten (31/38 für 470yds, 4 TD bei 1 INT).

Louisiana States Offense sieht schon in Woche 2 wie eine hochklassige und auch hochklassig designte Offense aus: Da sind viele Elemente drin, die heutige Angriffssysteme so effizient machen – Run/Pass Options, Spread-Formationen, Läufe in offene Boxen. Wenn Burrow dann auch noch wie ein mögliches Draft Mid/Late-Round Prospect aussieht: Zieh dich warm an!


#7 Michigan putzte Army erst in der zweiten Verlängerung 24-21, und man könnte argumentieren, dass es angesichts unglücklich getimter Turnovers der Army-Offense durchaus auch hätte eine Pleite werden können (wobei natürlich Michigan seinerseits ein paar knapp gescheiterte Angriffsserien hatte und die insgesamt doch deutlich bessere Mannschaft war).

Im Gegensatz zu LSU, wo die neu aufgestellte Offense schon einen sehr kohärenten Eindruck macht, kaspert die Michigan-Offense nach der Einstellung von Josh Gattis als OffCoord noch sehr holprig über die Felder.

Gattis sollte eigentlich das installieren, was er in den letzten Jahren in Penn State und Alabama gelernt hat: Moderne Spread-Offense mit mehr Tempo und mehr Run/Pass Options. Doch so wirklich glücklich verläuft die Implementierung bis jetzt nicht.

In den kritischen Momenten wie den gescheiterten 4th Downs konnte sich Harbaugh nicht überwinden, die altbekannten ideenlosen Rushes in die Mauer hinter sich zu lassen. Außerdem fumbelt die Offense zu häufig den Ball weg (ich glaube 8 Fumbles in zwei Spielen).

Michigan hat nun eine spielfreie Woche, ehe es nach Wisconsin geht. Die Badgers haben in zwei Spielen bislang noch nicht einen einzigen Punkt kassiert, wenn auch gegen inferiore Konkurrenz.


Die Überraschung der Runde schaffte USC, das #23 Stanford mit 45-20 schlug. Held des Tages war dabei der Backup-QB Kedon Slovis, ein Freshman, der letzte Woche kurzfristig für den bis nächstes Jahr verletzten Starter QB J.T. Daniels einspringen musste und dabei wie ein blutiger Debütant aussah.

Gegen Stanford brachte USC drei Drives lang nichts zustande… doch dann explodierte Slovis: 28 Completions in 33 Passversuchen für 377 (!) Yards und 3 TD, und eine Offense, die sechs Touchdowns in sieben Drives erzielte. Slovis zerlegte die recht passive Stanford-Defense nicht nur mithilfe des neuen Air-Raid Schemes von Graham Harrell, sondern auch mit fantastischen scharfen Bällen in enge Deckungen.

Slovis ist nicht der einzige Freshman-QB, der in dieser frühen Saisonphase massiv auftrumpft. Bei UNC startete der QB Sam Howell in den beiden Spielen gegen South Carolina und Miami/FL wie die Feuerwehr und sorgt für einen Euphorieschub auf dem Campus in Chapel Hill: UNC ist 2-0 und sieht mit einer solchen Offense wie ein Top-25 Contender aus.

Andere Freshman-QBs, von denen man schon Positives vernimmt: Auburns QB Bo Nix oder Arizona States QB Jayden Daniels. Letztes Jahr war Trevor Lawrence der Shooting-Star. Und heuer wirbeln schon die nächsten Jungspunde.

Ganz wenig gesehen habe ich von zwei weiteren Spielen:

  • Cal 20, Washington 19. Cal hat keine Passing-Offense, aber das trockene Laufspiel reichte gegen eine enttäuschende Washington-Defense. Und in der Cal-Defense spielte LB Evan Waever alles an die Wand.
  • Colorado 34, Nebraska 31/OT. Überraschende Pleite für Nebraska, das ein bisschen „zu cute“, wie der Amerikaner sagen würde, aussah. Relativ wenig Physis im Spiel von Nebraska, dazu eine schwache Vorstellung von QB Martinez, der den vielen Vorschusslorbeeren noch nicht gerecht wird.

Wer es detaillierter haben möchte, ist beim Triple Option Blog richtig.

Auftakt zu Woche 3

Lass uns derweil weitergehen mit den heutigen Spielen:

Wake Forest – UNC (24h / ESPN): Gelegenheit, den überraschenden UNC-QB Howell ein bisschen genauer unter die Lupe zu nehmen.

Boston College – Kansas (1h30 / ACC): Les Miles in action!

Houston – #20 Washington State (3h15 / ESPN): Das Coaching-Duell zwischen Dana Holgorsen und seinem Lehrmeister Mike Leach. Man könnte so viel über diese beiden ulkigen Typen erzählen. Holgorsen war einst Spieler unter Leach und später Leachs Assistent bei Texas Tech.

Jener Red-Raiders Trainerstab gilt bis heute als einer der einflussreichsten in der Footballszene. The Athletic hat ihm anlässlich des Duells Dana vs. Leach einen höchst lesbaren Artikel spendiert. Der Trigger von allem war natürlich Leach selbst.

Holgorsen und Leach sind nicht nur sehr kauzige Originale, sondern haben als Coaches über die Jahre auch total unterschiedliche Wege eingeschlagen. Das heißt nicht, dass nicht beide heute noch mit Air-Raid Label durch die Lande laufen.

Doch nur Leach spielt noch heute eine seit 15 Jahren kaum mehr angepasste „ursprüngliche Variante“ der Air-Raid mit den wesentlichen Kern-Spielzügen, riesigen Offense Linern und einem ultrasimplen Laufspiel.

Holgorsen dagegen ist nur noch konzeptionell ein Air-Raid Coach. Er trainiert wie ein Air-Raid Coach und er denkt wie ein Air-Raid Coach („sei anders! Praktiziere weniges bis ins letzte Detail!“). Doch er hat sich in allen Facetten des Play-Books weiterentwickelt, mit Diamond-Formations, trockenem, variantenreichen Laufspiel und Passspielzügen, die in jeder konventionellen Offense von heute zu sehen sind.

Leach ist anders. Leach spielt Mesh, All-Curl, Y-Cross, Y-Stick und Four-Verts. Er ist damit erfolgreich: Washington State hätte letztes Jahr fast die Pac-12 gewonnen. Leachs Teams sind die letzten, die das Mesh-Konzept wirklich zur Perfektion spielen.

Doch noch wichtiger: Leachs Team haben eine klipp und klare, von Anfang bis Ende durchgestylte Identität. Oder wie sagte Holgorsen: Leach ist so good because he don’t change shit.

Die Herangehensweise der beiden ist so unterschiedlich. Doch die Bewunderung für einander ist gegenseitig. Leach und Holgorsen sind zwei der wichtigsten Coaches im College Football der letzten 20 Jahre, auch wenn sie nie einen Titel gewonnen haben. Doch mit ihrem Mut, outside the box zu denken und zu agieren, haben sie viele Schranken überwunden und den American Football einen entscheidenden Schritt nach vorne gebracht.

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5 Kommentare zu “Football am Freitag – Meister gegen Schüler, Original gegen Original

  1. Harbaugh Michigan war schlichtweg ne Katastrophe. Ideenlos bis zum geht nicht mehr und dies nach 4 Jahren Coaching. Die schaue ich nicht mehr. Schade hatte die Army nicht das Quäntchen Glück im dritten Viertel für die Vorentscheidung.
    Nebraska war anscheinend zu überheblich nach der Halbzeitführung und wurde verdient abgestraft.
    Zum Glück boten Texas vs. LSU den unterhaltsamen Abschluss meiner 3 Games. Die beiden bleiben auf meiner Watchliste.

  2. @Björn: Ich befrüchte auch, dass es die nächste Bauchlandung am Wochenende geben kann. Mir war im Vorfeld der ganze Hype zu gekünstelt. Ferner das Thema unerfahrene Coaches und suspekte OLine. Wenn ich mir ansehe, welche guten OLiner meine Browns in den letzten Jahren verloren haben.
    Aber die Vorstellung am Sonntag hat mich absolut geschockt wo ich mich frage, was die in der Offseason trainiert haben. Auch ein Thema des Coachings.
    Ich behaupte mit einem Andy Reid in der Offseason und im Spiel hätte man gegen Titans gewonnen.
    Ich befürchte auch, dass daher innerhalb einer Woche keine notwendigen Änderungen gemacht werden können sondern dies ein Kernthema ist, was längerfristig angegangen werden muss.
    Wenn man auch gegen die Jets verliert ist die Saison gelaufen und man muss gespannt sein, ob das vorsschnell gehypte Team nicht implodiert.

  3. Einen schwächeren Trainerstab als Andy Reid zu haben, ist aber auch keine Schande.

    Die Browns waren bis zu dem 75-yds TD von Henry nicht „gut“, aber sie waren besser als die Titans. Sie hatten die Titans-Offense komplett im Griff. Die Implosion am Spielende halte ich für relativ unbedeutend.

    Sie haben ganz einfach zu viele Strafen begangen. Wenn sie die Strafen abstellen können, wird auch QB Mayfield wieder machbare Situationen bekommen.

    Natürlich ist das Wörtchen „wenn“ dabei nicht ganz unwichtig. Aber nach einem einzigen verkackten Spiel schon alle Weltuntergangsszenarien zu malen, ist deutlich verfrüht.

  4. wegen Andy Reid – das ist der Typ von Wunschcoach den ich habe. Erfahren mit allen Wassern gewaschen.
    Prinzipiell ist 0-2 woanders kein Untergang. Aber in Cleveland ticken leider die Uhren noch anders.
    Ein Owner der unberechenbar ist und garantiert nicht zu den besten der Liga gehört und sich öfter unqualifiziert eingemischt hat. Kurzschlusshandlungen jederzeit denkbar wie die Vergangenheit gezeigt hat.
    EIne fanbase die jahrzehntelang gelitten hat und nun endlich mal hoffte wobei das positive feeling schnell verloren gehen kann.
    Ein Coach der unerfahren ist und wenn es weiter schlecht läuft, dann vielleicht das Team verliert welches ja gehypt wurde.
    Stars (OBJ) dessen wichtigstes Problem nicht das gewinnen ist , sondern ob er seine 200.000 $$ (!) teure Armbanduhr – entgegen der NFL Regeln – im Spiel tragen will. Sowas braucht man wie nen Kropf.
    Ein QB der im zweiten Jahr mehr den Druck süren wird und ohne gute O Line da steht.
    Der DC ist mir auch suspekt.
    Und dann die psychologische Seite, same old ..loosing etc.

    Ich hoffe so sehr, dass das nicht eintritt, aber mein Bauchgefühl und das jahrzehntelange Leiden machen mir eben diese Sorgen.

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