Ich will ja eigentlich nix sagen…

Aus Zeitgründen heute erstmal nur ein Spiel in der Nachbetrachtung – aber eines, das es in sich hatte!

Tampa Bay Buccaneers 31, New York Giants 32

Die meistdiskutierte Story des Spiels war das sensationelle NFL-Debüt von QB Daniel Jones, viel kritisierter Top-Pick von GM Dave Gettleman. Die Zahlen von Jones waren fantastisch – und da sie überwiegend in der zweiten Halbzeit zustande kamen, als RB Saquon Barkley verletzt draußen war, haben wir nun einen kleinen Mosaikstein mehr im Puzzle der runningbacks don’t matter Fraktion.

Für mich die Story des Spiels war das abgrundtief schlechte Play-Calling der Tampa Bay Buccaneers, die eine 28-10 Führung mit heillos überholten Gedanken verschenkten. Ich schrieb darüber schon im Liveblog.

OffCoord Byron Leftwich, der das Playcalling über hat, machte so ziemlich jeden Fehler, den ein Play-Caller machen kann:

  1. Neunmal Laufspiel en suite nach einer Winston-Interception nach der Pause – aus Urangst gegen Turnovers, die in der alten Denke noch immer als etwas grundsätzlich Schlechtes gesehen werden, und nicht als Risiko-TradeOff einer effizienten Offense.
  2. Kick des Fieldgoals zum 31-25 – die vermaledeite Sechspunkteführung ist schlimmer als eine Dreipunkteführung, weil sie geradezu als Legitimation für gegnerische Teams für mehr Aggressivität dient: Coaches müssen sich nicht rechtfertigen, warum sie auf Sieg spielen anstatt den konventionellen Weg in die Overtime gehen. (PFF schreibt hier über diesen Call)
  3. Das Management zum Fieldgoal am Ende. Das verdient einen eigenen Nachruf.

Tampa stand nach einem sensationellen 44-yds Catch von WR Mike Evans (der fast 200 Yards und 3 TD machte) wenige Sekunden vor Spielende an der NYG 9 Yards Line. Nach dem QB-Spike zum Anhalten der Uhr ließ Bruce Arians aus freien Stücken (!) und mit voller Absicht (!!!) seine Offense die Play-Clock herunterlaufen um eine 5-yds Raumstrafe für Delay-of-Game zu kassieren! Begründung: Der Kicker Gay sei aus größerer Entfernung besser als aus kürzerer.

Gepaart mit dem folgenden QB-Kneel, der weitere 2 Yards kostete, war Gay mit auslaufender Uhr gezwungen, anstatt eines 27-yds Kicks einen 34-yds Kick zu versuchen. Das ist kein schwieriger Versuch – und natürlich sollte ein Kicker aus dieser Distanz treffen. Doch Gay schoss daneben, und jede Pore in mir jubelte über diesen Fehlschuss, denn sie strafte Arians für bodenlose Dummheit ab.

Lassen wir mal außen vor, dass jeder Zweitklässler einen kürzeren Kick gegenüber einem längeren bevorzugen würde: Was geht in einem Hirn vor, der solche Entscheidungen trifft?

Arians‘ Begründung steht sinnbildlich für das fehlende Verständnis von NFL-Coaches für auch nur die Grundlagen von Analytics: Ein paar isolierte Gay-Kicks über 50 Jahre NFL-Erfahrung zu priorisieren – ganz unabhängig, dass Arians‘ Argumentation zu viele weitere Flauseln hatte um sie hier alle aufzulisten (warum hat er dann nicht noch zwanzig Raumstrafen kassiert um einen 150 Yards Kick zu versuchen? Warum hat er dann wenige Minuten zuvor ein Chip-shot Fieldgoal bei einem 4th&2 versucht? Wo wäre denn sein Wendepunkt für einen zu langen Kick bei Gay, der bislang kaum NFL gekickt hat, gewesen?): Hände überm Kopf zusammenschlagen ist noch die sanfteste angemessene Reaktion.

Viele NFL-Mannschaften nehmen Analytics-Erkenntnisse in ihren Entscheidungsprozess auf, wie z.B. die Ravens mit ihrer aggressiven Play-Calling Strategie in Kansas City bewiesen. Es ist also möglich! Doch es gibt auch in letzter Zeit immer wieder hanebüchene Dinger, die sich NFL-Front Offices leisten.

Ein Nick Foles, der in Jacksonville einen total überzogenen Vertrag bekommt mit der Begründung, dass man sein Standing als Leader stärken müsse. Ein Saquon Barkley, der in der stärksten QB-Klasse seit Jahren an #2 gedraftet wird aus altem Glauben an Pound the Football. Ein Schottenheimer, der mit einem Superstar-QB in der Hinterhand seine Offense blindlings in die Mauer jagt und sich hernach noch auf die Schulter klopft. Pete Carroll, der sich selbst öffentlich für zu aggressives 4th-Down Playcalling geißelt.

Aber ich glaube, Arians setzt mit seinem Handling der Schlussphase in Tampa neue Maßstäbe. Ist die Vokabel „retardiert“ als Beschreibung dafür ein justiziabler Begriff? Dann will ich nix gesagt haben.

4 Kommentare zu “Ich will ja eigentlich nix sagen…

  1. Es ist so traurig und ich hatte vor der Saison so gehofft das Arians Arbeit mit Winston und dem das austreiben einiger wahnwitziger Interceptionwürfe der Baustein sein würde um die Buccs mal nach vorne zu bringen! :((((((

  2. Abwarten nfc South ist ja ein torso – da ist derzeit alles offen.

    Spannend fand ich, das Harbaugh ganz deutlich öffentlich über Analytics gesprochen hat – irgendwie auch ein kleiner Meilenstein.

  3. Ja, Harbaugh hat sich schon recht deutlich zu Analytics bekannt, mit der Einschränkung bei annährend 50/50 Entscheidungen doch auch eher auf seine Gefühle und Erfahrung zu vertrauen. Unter dem Video was ich gesehen hab sind aber auch noch genug Kommentare die seine Entscheidungen anzweifeln, troz wohl recht klaren Wahrscheinlichkeiten. Kann die Leute halt nicht verstehen, ich kann mir das auch alles nicht selbst ausrechnen, aber wenn die Mathe-Profis sagen mit den Entscheidungen hat er seine Siegwahrscheinlichkeit deutlich erhöht. Wie kann man dann dagegen sein. Vor allem aber verstehe ich es aus Zuschauer Sicht nicht. Nach allem was ich jetzt hier auf diesem Blog und anderswo über Analytics gelesen habe bedeutet vertrauen in Analytics = spannendere Spielsituationen(öfters den 4ten ausspielen, mehr 2 Punkte Versuche etc.) Das erhöht, zumindest für mich, deutlich den Spaß bei zuschauen.

  4. @Hannes Kloestermann: Ich würde dem zustimmen. Baseball soll durch Analytics ein eher langweiliger Sport geworden sein, weil die Hau-Drauf Aktionen von Analytics als ineffizient gegeißelt wurden.

    Im Football ist das anders. Analytics schreit geradezu nach mehr Passspiel, mehr Aggressivität in High-Leverage Situationen, mehr und tieferen Pass-Routen. Das sind alles Aktionen, die deutlich attraktiver sind als elendiges Laufspiel in einen Menschenberg.

    Ich finde die Einschränkung Harbaughs „ich vertraue in einigen Situationen mehr auf mein Bauchgefühl“ sogar äußerst wertvoll. Das zeigt, dass er sich dieser Schwäche *bewusst* ist – und um sich dessen bewusst zu werden, hat man in Baltimore wohl bereits intensives Self-Scouting betrieben. Einmal erkannt, weiß man auch um das Optimierungspotenzial.

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