Zwei Welten in einem Football

Die Houston Texans spielten am Sonntag fast die ganze Partie gegen Carolina im Kurzpass-„Wichs“-Modus. Von 38 Passversuchen gingen nur 6 tiefer als 15 Yards downfield. Das Resultat war eine total ineffiziente Offense, in der Watson in insgesamt 44 Dropbacks nur 3.7 Yards/Down durch Passing und Scrambling erzielte.

Doch das Lehrstück kam nachher auf der Pressekonferenz. Der Reporter Aaron Reiss fragte QB Deshaun Watson, was die Offense denn hätte tun können um mehr Chancen auf Downfield-Opportunities zu bekommen.

Watsons Reaktion ist priceless.

Watson wirkt einen Moment lang verächtlich – als ob er am liebsten haushauen möchte „Ihr kritisiert uns die ganze Woche, dass wir scheiße spielen und versteht nicht einmal die Basics von Defensive-Coverage?“

Doch Watson reißt sich nach einem kurzen Moment der Schwäche zusammen und gibt eine detaillierte Aufschlüsselung der Panthers-Coverage – und liefert damit gleich die perfekte Erklärung mit, warum die Offense so spielte wie sie eben spielte.

They play cover 4. They sit back. We did the post to Fuller because Reid stepped up on two with the out, over the top, I didn’t hit it… Same thing with Hop. in-route, safety jumped up. He went vertical. I didn’t hit it. That’s the only two. After that, they played back.

Die Panthers-Defense spielte total konservativ, stellte ihre Defensive Backs hinten rein. In den Underneath-Zonen spielt mit LB Kuechly ein Linebacker, der dort alles wegräumt. Houstons Passing war neutralisiert.

Watsons Erklärung ist so superb…

a) weil sie das effektive Problem am Feld schilderte.
b) weil sie erklärte wie eine Defense am Feld funktionieren kann
c) weil sie eine detaillierte Antwort auf eine gar nicht so dumme Frage lieferte
d) und weil er die Möglichkeit nutzte, in einem einminütigen Vortrag seinen ganzen aufgestauten Frust nach einer Graupenvorstellung rauszulassen ohne auch nur in der geringsten Form ausfällig zu werden.

Es ist auch eine Erinnerung an uns alle, dass man allein mit dem Winkel der TV-Übertragungen zahlreiche wesentliche Vorgänge in der Secondary nicht erfassen kann. Es ist mir auch durchaus bewusst, dass solcherlei Erklärungen mein Verständnis von Football auf dem Spielfeld auch nach über 15 Jahren noch weit übersteigen.

Das ist auch der Grund (neben der leidigen Frage nach den Bildrechten), warum ich auf diesem Blog fast nie Game-Film analysiere. Das können andere wesentlich besser. Es ist aber auch nicht mein primäres Interesse am Football.

Ich konzentriere mich nicht ohne Grund mehr auf die Dinge, die ich besser verstehe und in denen ich mehr lernen kann als in aufwändigen Detailanalysen einzelner Spielzüge.

Natürlich wissen Leute wie Watson oder Headcoach Bill O’Brien Welten mehr von den genauen Vorgängen in einem Spielzug in Offense und Defense. Gerade daher ist es oft frustrierend zu sehen, dass die gleichen Leute absolute Basiscs wie Pass vs. Run, Establish the Lead vs. Establish the Run oder die Runningback-Frage nicht gebacken bekommen – obwohl dort so viel mehr Potenzial läge als im Optimieren der fünften Passroute des dritten Spielzugs auf der hundertsiebenundachtzigsten Seite des Playbooks.

Aber wahrscheinlich ist ihnen die Zahlenwelt schlicht fremd. Sich damit zu beschäftigen, bedeutet die Comfort-Zone zu verlassen. Sie bedeutet, sich mit dem Unbekannten zu beschäftigen. Diese Einstiegshürde ist vielen zu hoch. Man beschäftigt sich nicht gerne damit, und lässt in dieser Ignoranz (oder Faulheit) so unglaublich viele Möglichkeiten liegen.

Das Spiel und Analytics. Das sind die beiden Welten, in denen sich der NFL-Football für mich bewegt. Die NFL beherrscht nur eins von beiden Themen.

6 Kommentare zu “Zwei Welten in einem Football

  1. Ich frag mich ja, wenn die so viel Cover 4 spielen, warum callt man dann nicht ein paar Mills dagegen und guckt wie lange das gut geht?
    Wenn man Probleme mit spezifischen coverages hat gibts ja Dinge die man tun kann.

  2. Weil das, mit Verlaub, in der NFL eben so nicht funktioniert. Da wird fast grundsätzlich eine Form von pattern Match gespielt – sprich es gibt regeln gegen solche Standard antworten- nick saban hat das vor 25 Jahren bei Cover 3 angefangen. Es geht um die Nuancen diese Regeln zu lesen und dann zu manipulieren- genau das, was Winston auch beschrieben hat: der Safety reagiert und dadurch wird eine Route frei – und in dem Moment passt Carolina an.

  3. Ich denke, es gibt auf jeden Fall Möglichkeiten, sich das Spiel nicht von der Panthers-D diktieren zu lassen. Sprich: Watson und sein OC haben auf die Schnelle vielleicht nicht das Gegenmittel gefunden. Entsprechende Spielzüge muss man aber wahrscheinlich auch unter der Woche mal im Training einbauen um sie effektiv abrufen zu können.
    Wenn Carolina den Rest der Saison Cover4 spielt (auch auf hohem Niveau), werden die QBs sehr schnell mehr als 3.7 Yards/Down machen.

    Nebenbei bemerkt: 5,5mio Klicks? 😮

  4. Und Watson legt nach:

    Entscheidungsprozesse von QBs sind eines der faszinierendsten Themen. Ich bin allerdings skeptisch, ob man aus einer Aussage von Brady, Brees oder Watson allzu viel ableiten könnte, da nach abertausenden Reps die QBs recht intuitiv zu Werke gehen dürften.

    Vermutlich hat der quantitative Analytics-Ansatz mehr Chancen.

  5. Peyton Manning hat/hatte(?) doch be ESPN(?) ne Video serie wo er erklärt was abgeht. schon lange nicht mehr gesehen

  6. Ja! Das war sehr aufschlussreich und auch unterhaltsam gemacht. Leider zu wenige Folgen – aber auf Basis dieser Videos wünsche ich mir seither, dass Peyton zu den Kommentatoren wechselt.

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