NFL 2019 Preview Woche 6: Redskins @ Dolphins

Sonntag 19.00 Uhr: Der sogenannte “Tank For Tua Bowl”. Und im Vorfeld ist man überrascht, wie unterkomplex darüber geredet und geschrieben wird,  während gleichzeitig die Analyse des American Footballs auf dem Spielfeld in atemberaubender Geschwindigkeit immer komplexer wird.

DVOA, aDoT und CPOE muß gar nicht mehr erklärt werden. Aber gleichzeitig die Zukunft einer Franchise auf absichtliches Verlieren und einen College-Spieler runterzubrechen, von dem niemand prognostizieren kann, ob er ein guter NFL-Spieler werden wird, ist allgegenwärtig.

Es gibt natürlich großartige Ausnahmen. Jason Fitzgerald und seine Kollegen von Over The Cap ist eine der besten. Hier wird versucht, Teamzusammenstellung und Vertragsgestaltung systematisch zu erfassen und zu analysieren. Es gibt Greg Cosell, Matt Bowen und die Redaktion von ESPN’s NFL Match-up. DIe machen es mit einem anderen Ansatz, zeigen immer wieder auf, wie man Spieler aus dem Mittelbau mit gutem Coaching nutzt, um individuell talentiertere Mannschaften zu schlagen. Es gibt auch immer wieder gute Insights in längeren Artikeln von Schreibern wie Bill Barnwell, Doug Farrar oder Robert Mays, die deutlich machen, wie wichtig eine smarte langfristige Strategie im Teambuilding ist – und vor allem wie wichtig es ist, konsistent zu bleiben und gleichzeitig reflektiert genug, um kleinere Anpassungen vorzunehmen.


Die Gedanken und Insights sind alle schon da draußen in den Köpfen der pundits und vielfach auch auf NFL-Twitter. Aber während “On-Field Analytics” schon so tief verankert sind, daß sie prägnant, schnell und bequem verpackt über’s Handy rausgehauen werden wie eine Pizzabestellung, steht “Team-Building Analytics” in dieser Hinsicht noch am Anfang.

Man geht hinter die eigenen Erkenntnise zurück, wenn’s schnell gehen muß im NFL-Redzone-Zug.

Twitter-Bingo für Sonntag kann man jetzt schon easy vorbereiten: “Oh they’re so bad they can’t even lose!”. “Another Touchdown – so Rosen didn’t get the memo, huh?!” etc etc.

Haha ja roflcopter lol.

Nichts gegen witzige Tweets und ein entspanntes Schmunzeln, wenn unter dem Bombardement aus NFLSIS und PFF and whatnot der Kopf qualmt. Aber hier zeigt sich, daß es noch einen weiten Weg zu gehen gibt, um “Off Field”-Analyse auf den Stand der “On Field”-Analyse zu heben.

Man fühlt sich analytisch manchmal immer noch wie zwischen deutschen Fußballkommentatoren, denen nichts besseres einfällt als von den sogenannten Typen zu schwärmen, die angeblich früher über die Äcker der harten Fußballrepublik gepflügt sind und dabei Feind wie Freund öffentlich zur Sau gemacht haben.

Aber auch diese Änderung wird kommen. Auch hier wird sich in den nächsten Jahren vieles weiterentwickeln. So wie es auch bei den Themenkomplexen Concussions passiert ist; Mental Health; Ernährung; „Establish the run”; und all den Analyseclustern von DVOA bis CPOE.

Football ist geil. Und Football wird noch besser werden.


Aber auch in Miami und Washington?

Nochmal an den Anfang zurück, zu Tua Tagovoiloa, Quarterback der Alabama Crimson Tide. Die meisten pundits sehen in ihm die klare Nr 1 der nächsten Draft. Ein “generational talent”. Aber selbst bei Generational Talents weiß niemand vorher, wie stark sie am Ende bei den Profis werden. Wenn die Draft-Season beginnt, werden sie sogar schon vor der Draft zurechtgestutzt.

Selbst bei Generational Talents wie Peyton Manning, Andrew Luck oder Clowney gab es heftige Diskussionen vor der Draft: Manning oder Ryan Leaf? Luck oder RGIII? Clowney oder Khalil Mack? Cam Newton oder Von Miller?

Und in diesen Fällen fährst Du mit beiden gut (außer Leaf). Aber was, wenn Tagovoiloa gar kein Manning ist? Willst Du Deine Zukunft aufs Spiel setzen, damit du Jared Goff, Eric Fisher oder Sam Bradford an 1 draften darfst?

Die Dolphins immerhin gehen das Erkenntnisproblem schon mal richtig an, indem sie Josh Rosen die Saison als Starter beenden lassen. Dann können sie sich immerhin einigermaßen sicher sein, ob er Zukunft hat als Franchise-QB oder nicht.

Washington dagegen geht zurück zu Case Keenum – und zu einem Coach, der im falschen Jahrhundert hängengeblieben ist.

Just turned on Bill Callahan’s press conference in time to hear him say his offense is more about rush attempts than yards-per-carry. He also said if you run the ball more times than your opponent you’ll probably beat them.

[Quelle]

Tja. Äh. Buon Giornio!

Spielerisch interessant ist bei den Redskins die Defensive Line. Die jungen Alabama-Boys aus der ersten Runde, Jonathan Allen und Da’Ron Payne, sind große Talente. Rookie Montez Sweat, ebenfalls 1st-rd pick, hat sein Potential schon angedeutet. Tim Settle, letztjähriger 5-th Round Pick taucht immer wieder auf. Und Matt Ionnaidis ist zuweilen eine Augenweide, 140kg pure Power.

In der Offense hat Rookie-WR Terry McLaurin einige Köpfe verdreht; RB Chris Thompson hat explosives Potential als Space Player. Sonst? Trent Williams immer noch abwesend; Brandon Scherff verletzt; Adrian Peterson mit 2,7 Yards pro Carry. Solange Dwayne Haskins hier nicht spielt, hat man als interessierter Zuschauer nichts zu gucken.


Absichtlich verlieren, nur um den Nr 1-pick zu bekommen ist dumm.

Nicht so dumm ist es, Veteranen zu verkaufen, die zu alt sind, um im nächsten 3-bis-5-Jahres-Zyklus eine tragende Rolle zu spielen. Nicht dumm ist, Spieler auszusortieren, die jüngeren Spieler die Snaps wegnehmen, in denen sie sich entwickeln könnten.

Diskussionswürdig ist es, große Talente für für noch größere Tauschwerte herzugeben. Das Beispiel Laremy Tunsil, sehr talentierter junger Left Tackle gegen zwei 1st-rd picks, hat Argumente auf beiden Seiten.

Klug ist es, Spielern Chancen zu geben, damit der Coaching Staff evaluieren kann. Es ist im Übrigen auch eine der wichtigsten Challenges für die Coaches, aus weniger talentierten Spielern viel herauszuholen. Peyton Manning hätte auch mit mir als OC die Liga gerockt. Aber Mid-Round Picks „in a position to succeed“ zu setzen und dahin zu coachen, das ist es, was die Belichicks, Andy Reids und Sean McVays von den Dan Quinns dieser Liga unterscheidet. Brian Flores und sein Staff kommen da mit sehr gutem Background daher, allerdings hat sich dieser in der Vergangenheit nicht als zuverlässiger Prognosefaktor erwiesen.

Absichtlich verlieren ist vor allem dumm, weil ständiges Verlieren Gift für die Moral und die Einstellung zu seinem Job ist. Zu diesem Thema hat vor allem Mike Tanier viele wichtige Argumente beigesteuert.

Der Mensch gewöhnt sich an alles. Auch an’s permanente Verlieren. Das willst Du nicht. Du willst keine Spieler haben, für die es normal ist, Sonntags schon wieder die Lachnummer zu sein. Irgendwann ist es den meisten Spielern dann nämlich einfach egal. Immerhin verdiene ja ich 20 Mal mehr als Charly Couchpotatoe, der über micht lacht!

Es ist das Gegenstück zu Mannschaften wie den Patriots: die bekommen starke Veterans mit Rabatt als Free Agents, weil die endlich mal gewinnen wollen, dafür nimmt man auch Abstriche beim Gehalt in Kauf.

Am Ende ist es wie bei den meisten Dingen im Leben: was man machen sollte, ist gar nicht so schwierig herauszufinden – aber wie man es macht, ist umso herausfordernder.


Die Strategie für die Dolphins wie für die Redskins ist ja keine Atomphysik: alte und teure Spieler wegtauschen, sofern es keine Superstars sind; jungen Spielern viel Spielzeit geben und evaluieren, wer hier eine Zukunft hat und wer nicht; die jungen Spieler (und Coaches) ohne Zukunft in den nächsten beiden Offseasons ersetzen durch talentiertere Draft Picks; gezielt ein bis drei hochpreisige Free Agents verpflichten; und den Mittelbau stabilisieren durch stetige Entwicklung der vielen Draft Picks. alldieweil Moral hochhalten und Verlieren nicht normal werden lassen.

Aber wie evaluiert man junge Spieler richtig? Wie hält man die Moral hoch? Wie macht man aus vielen Draft Picks einen stabilen Mittelbau? Wie findet man die zwei dicken Free Agents, die dich richtig nach vorne bringen? Diese Wies sind viel wichtiger als Tua.

Es geht hier heute nicht um Tua Tagovoiloa. Es geht für beide Mannschaften darum, herauszufinden, wer in den nächsten drei bis fünf Jahren eine mehr oder weniger wichtige Rolle spielen kann.

Miami hat zumindest auf der Trainerseite gute Voraussetzungen. Washington hat auf der Managementseite katastrophale Voraussetzungen. Da das bei den Spielern auch nicht unbekannt ist, sollten Miamis junge Spieler hier alles geben um zu merken, daß man auch in der NFL nicht immer verlieren muß, nur weil man weniger Talent hat.  Wofür sollen Washingtons Spieler etwas geben?

Washington Redskins (0-5) @ Miami Dolphins (0-4); Sonntag 19.00; live nur im NFL Gamepass.

4 Kommentare zu “NFL 2019 Preview Woche 6: Redskins @ Dolphins

  1. Ich denke nicht, dass Miami ein so krasses Tanking geplant hatte – aber wenn man einen 1st Rounder nach dem anderen abstauben kann, gab es keine Fragen mehr: Zugreifen, Augen zu und durch.

    Mit jedem verkauften Starter wurde es offensichtlicher, dass die verbliebenen Talente dann, wenn die Mannschaft konkurrenzfähig sein würde, eh schon zu teuer waren – ergo es noch mehr Sinn hatte, sie ziehen zu lassen.

    Miami war viele Jahre im Niemandsland. Es gibt valide Gründe, endlich den Ausbruch zu versuchen.

    Taniers Argumentation macht bestimmt Sinn. Doch das Beispiel Browns zeigt, dass man auch mit zwei Jahren Abstinken relativ schnell wieder vorne mitspielen kann (NB: sie werden noch kommen, heuer oder nächstes Jahr) – wenn man den QB gefunden hat. Insofern ist der Versuch, auf #1 zu gehen, so abscheulich nicht. Dass Miami gleich mehrere 1st Rounder in den nächsten beiden Drafts hat, ist umso besser. Theoretisch können sie nun zweimal QB draften und sich sogar einen Bolzen erlauben.

    Haste den QB, haste die beste Grundlage um einen schnellen Turnaround zu schaffen. Natürlich muss man ihm eine Infrastruktur hinstellen – doch mit so vielen Picks und so viel Cap-Space sollte das, einmal angefangen, relativ schnell machbar sein.

  2. Ich stelle mir bei den tanking Teams inzwischen eher die Frage, kann man die Teamchemie überhaupt hoch halten? Es wirkt so, das alles und jeder zur Disposition stehen, stimmt der Preis gibt es nen Trade.

    Im Ergebnis führt das meines Erachtens dazu, das die Spieler maximal darüber zu ködern sind das der eigene Marktwert gehalten/gesteigert wird um bei einem anderen Team später Kasse zu machen, meine Mitspieler würden mich nur dann interessieren, wenn sie mich persönlich schlecht aussehen lassen.

    Wie die Dolphins und Redskins das lösen wollen dürfte interessant zu sehen sein, wenn sie denn mal einen ihnen genehmen „Superstar“ QB draften.

  3. Ein Kader ist in der NFL in zwei Offseasons ausgetauscht, da löst sich das Kultur-Problem im Locker-Room relativ schnell. Mit einem auch nur halbwegs NFL-tauglichen Kader sind in einer einigermaßen glücklichen Saison auch immer 4-5 Saisonsiege drin, wenn die Eier in die richtigen Arme kullern – und dann kannste auch eine solche Saison schon für erste Aufbruchstimmung verwenden.

    Die Browns waren nur aufgrund eines desaströsen Headcoaches 1-31, und sind nur zwei Jahre später Playoffkandidat und haben einen rundumerneuerten Kader.

    Selbst die Lions, 2008 noch wesentlich schlechter als die Sashi-Browns, waren 2010 schon annähernd konkurrenzfähig und 2011 verdientermaßen in den Playoffs.

  4. Pingback: Sonntagsvorschauer 2019 – Woche 6 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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