Establish the Review – NFL 2019 (Woche 6)

Ein erster Blick zurück auf Spiele vom Sonntag. Wer wohl den Lauf am besten etablieren konnte?

New York Jets 24, Dallas Cowboys 22

Das Spiel hinterlässt ratlos: Zeke hat 28 Carries bekommen und Dallas verliert die Partie? Dallas hat in Summe 62 Completions und Rushes (also über der „magischen“ Anzahl von 50 oder 53 oder whatever Auguren wie Schottenheimer oder *hust* Michael Lombardi fordern) und verliert die Partie gegen einen krassen Außenseiter?

Im Ernst: Logische Niederlage für Dallas – ebenso logisch wie der Niedergang der Cowboys-Bilanz nach dem 3-0 Start auf 3-3 Bilanz ist, wenn man sich das Play-Calling der letzten drei Wochen anschaut:

  1. Dallas in den ersten beiden Wochen: Hohe Play-Action Quote (41%, #2 der NFL), viele tiefe Routen, viele Motions, hohe Early-Down Passing Rate unter normalen Spielbedingungen (Siegwahrscheinlichkeit innerhalb von 20% bis 80%: 61% Pass)
  2. Dallas in den letzten drei Wochen: Hohe Early-Down Rushing Quoten (49% Rushing, #25), kaum Play-Action bevor „der Lauf“ mit Zillionen Rushes in die Menschenmauer etabliert war (Prescott nur noch mit 17% Play-Action Rate, #30 von 32). Eigentlich wahnsinnig. Die Leute verdienen Millionen und geben freiwillig das auf, was sie stark macht.

Die Art und Weise, wie Headcoach Garrett und OffCoord Kellen Moore in den letzten drei Wochen ein funktionierendes Gebilde an die Wand gefahren haben, ist Schottenheimer-esk, ist aber nicht überraschend: Ich habe häufig vor der Gefahr gewarnt, dass in Dallas qua Monstervertrag für den Runningback Ezekiel Elliott die Carries von oben herab befohlen werden – quasi als Rechtfertigung für das fehlgeleitete Investment.

Einmal mehr scheinen die Cowboys die „Früchte“ von Jerrys Einmischung in Belange, von denen er nichts versteht (Hinweis: die sportlichen), zu ernten.

Bei den Jets sah die Offense nach der Rückkehr von QB Darnold wieder wie eine NFL-würdige Offense aus. Vor allem Play-Action war mit 7/8 für 160 Yards (20 Yards/Attempt!!) sensationell. Nicht umsonst wurde Luke Falk nach seinem kurzen Intermezzo als Starting-QB gefeuert. Mit einem Darnold auf QB sollte die Zukunft für die Jets dann auch wieder normal ausschauen.

Minnesota Vikings 38, Philadelphia Eagles 20

Nächster Abschnitt in der Achterbahnfahrt der Vikings, die mit der bislang überzeugendsten Saisonvorstellung die Eagles demolieren. Die Vikings haben zwei wichtige Dinge in dieser Partie richtig gemacht:

  1. Hohe Play-Action Quote (42% Play-Action) mit Downfield-Passing (13 von 32 Pässen gingen weiter als 10 Yards, 8 gar weiter als 20 Yards)
  2. Ihre Superstar-WRs Thielen (8 Targets) und Diggs (11 Targets) tief bedient und sie gegen einfache Manndecker isoliert

Natürlich ist eine Early-Down Passing-Quote von unter 50% immer ärgerlich, weil sie gerade bei einem Team wie Minnesota zu hohen Quoten an Rushes in die Box mit 8 oder mehr Mann führt (Mattison mit 85% Rushes in gefüllte Boxes, Cook mit 37.5%) – und dann ist das Laufspiel halt wieder nur deutlich negativ nach EPA/Play.

Doch gemessen am Leistungsvermögen dieses Teams und wissend um die Unausweichlichkeit solcher suboptimaler Play-Calling Ratios war das nahe am Optimum. In dieser Form ist Minnesota ein NFC-Contender. Freilich bleibt die Frage, warum man in den beiden Partien gegen Packers und Bears so desolat war.

Kein Contender in der Verfassung vom Sonntag ist Philadelphia. Die Eagles sind nun nur noch 3-3. Ihre Vorstellung am Sonntag war Besorgnis erregend in mehrerlei Hinsicht:

  1. Play-Calling: Eagles begannen das Spiel mit 7 Runs, 1 Pass und einem QB-Scramble. Ehe die Eagles-Offense angekommen war, lag sie schon mit 10 Punkten zurück.
  2. Passspiel: Wieder eine insgesamt negative Performance der Pass-Offense: -0.04 EPA/Pass. Wentz hat kein deep threat, und wirft sehr häufig Dump-Offs hinter die Anspiellinie. Diese bringen so gut wie nix.
  3. Secondary: 64yds-TD für Diggs, 51yds-TD für Diggs, Cousins nur mit 2 Pässen in eine Deckung mit weniger als 1 Yard Abstand zum Verteidiger: Cornerback ist eine fast schon katastrophale Sollbruchstelle.

Die Eagles müssen sich am Riemen reißen!

Los Angeles Rams 7, San Francisco 49ers 20

Dominanter Sieg der 49ers nach einer katastrophalen Vorstellung der Rams in der zweiten Halbzeit: War das schon die Wachablöse in der NFC West?

Die Rams begannen eigentlich, wie es sich jeder Pound-the-Football Romantiker vorstellt: Mit Establish the Run. Lauf after Lauf after Lauf after Lauf im ersten Drive des Spiels und ein Touchdown in ihrem ersten Drive des Spiels: 7 Runs, 56 Yards. Doch interessanterweise (höhö) führte das Etablieren des Laufs im Nachgang weder dazu, dass das Play-Action Spiel in die Gänge kam, noch dazu, dass man der 49ers-Defense physisch überlegen gewesen wäre.

Viel schlimmer: Es gab danach nur noch einen halbwegs vernünftigen Rams-Drive, der nach verpasstem 4th&Goal von der 1 (nach drei Runs aus Heavy-Formations übrigens) ohne Punkte verendete. Die Rams-Drives nach der Pause sind guter Stoff für jeden Horrorfilm:

  • Fumble (1 Play, -7 Yards)
  • Punt (3 Plays, -15 Yards)
  • Punt (3 Plays, -7 Yards)
  • Turnover on Downs (6 Plays, 19 Yards)
  • Turnover on Downs (4 Plays, 8 Yards)
  • Punt (3 Plays, -17 Yards)
  • Turnover on Down (6 Plays, 16 Yards)

So kannst du kein Footballspiel gewinnen. QB Jared Goff mit einer tragischen Vorstellung: 30 Dropbacks für insgesamt 60 (!!!) Yards. Man kann argumentieren, dass Goff nicht allein schuld an dieser schrecklichen Vorstellung war, weil die Offensive Line im momentanen Zustand ein Torso ist. Aber Goff hatte nicht einen komplettierten Pass, der weiter als 10 Yards flog. Er versuchte es auch gar nicht tief (6 Passversuche über 10 Yards).

Doch auch Credit für die 49ers-Defense. DefCoord Robert Saleh hat ganze Arbeit geleistet, und auch wenn es weiterhin schwer vorstellbar ist, dass die Niners diesen absurden Level halten werden – dennoch: Meine Fresse. Nach Woche 6:

  • Passing-Defense: #2 nach EPA/Pass, #2 nach Yards/Pass, #1 in SR%
  • Rushing-Defense: #5 nach EPA/Run, #11 nach Yards/Run, #20 in SR%

Für eine Unit, deren Problem vor einem Jahr längst nicht nur die fehlenden Interceptions waren, spielt diese Defense eine beachtliche Saison. EDGE Ford war am Sonntag gegen den Right Tackle eine besondere Wucht: Zahlreiche QB-Pressures und 2 Sacks. Im Defensive Backfield sind CB Sherman und DB Ward die Granaten, die den Laden zusammenhalten. Die Rams-Offense sah fast das ganze Spiel über kein Land.

Die 49ers-Offense ist ein bissl eine andere Geschichte. Sie wirkt momentan eher wie die Sicherheitsvariante, weil man es sich mit so einer Defense leisten kann. Aber viel gezeigt wurde meines Erachtens nach nicht. QB Garroppolo war kaum gefordert, warf fast nur kurz und wegen der konfusen Rams-Linebacker auch meistens zu weit offenen Receivern – ich bin wahrscheinlich hyper-kritisch, aber wenn man sich Garroppolos absurde Interception anschaut, dann möchte man denken, man versteht, warum Shanahan ihn nicht von der Leine lässt.

Trotzdem: Solange das Spiel innerhalb von 20% bis 80% Siegwahrscheinlichkeit war, ließ Shanahan in Early-Downs viel werfen – und es war erfolgreich:

  • 19 Pässe, 7.9 NY/A, 0.40 EPA/Pass
  • 13 Rushes, 1.8 YPC, -0.24 EPA/Run

So viel zur Theorie, dass San Francisco von seinem ach so großartigen Outside-Zone Game getragen würde. Wie erwartet, blieb Shanahan wo es ging auch in 21-Personnel. Als Fullback fungierte mehrfach TE Kittle, der auch als Passfänger eine Wucht war.

49ers damit 5-0 und deutlich vor den Rams, die mit 3-3 Bilanz schön langsam in die Bredouille geraten. McVay versucht viele Dinge, aber wenn O-Line und vor allem Goff nicht mitmachen, droht die Saison im Mittelmaß zu versickern. San Francisco? Riesen-Kudos. Fette Vorstellungen in den letzten beiden Wochen. Aber die Offense wird früher oder später gefordert sein – solche wahnwitzigen Defense-Vorstellungen können doch nicht von langer Dauer sein. Oder? ODER???

12 Kommentare zu “Establish the Review – NFL 2019 (Woche 6)

  1. Gute Analyse, wie immer. Insbesondere die Verarbeitung der Zahlen gefällt mir echt gut. #GoNiners

  2. Ist der Vergleich abwegig? SF 49er ähnlich aufgestellt wie Denver mit QB Manning auf dem Weg zum SB? -mit Sicherheits-QB Garroppolo.
    „Aber die Offense wird früher oder später gefordert sein – solche wahnwitzigen Defense-Vorstellungen können doch nicht von langer Dauer sein. Oder? ODER???“

  3. die niners sind gut aber es ist die nfl,4 Games nacheinander verlieren und man ist 5-4 man darf sich nicht zu früh freuen in dieser Liga.

  4. „… Rams-Drive, der nach verpasstem 4th&Goal von der 1 (nach drei Runs aus Heavy-Formations übrigens) ohne Punkte verendete.“

    Endete auch ohne Punkte / Bier.

  5. korsakoff, ich lese Euch seit Jahren gern, aber wird Dir Dein auf dem Establish-the-run-Rumgereite nicht langsam mal langweilig?
    Ich kann Dein Erstaunen / Deine Ablehnung nachvollziehen, bin aber der festen Überzeugung, dass Du hier niemanden mehr überzeugen musst.
    Vielleicht kannst Du das ein wenig besser dosieren, als in jedem Post neu auszubreiten.

    Vielen Dank für Eure Top-Arbeit hier.

  6. Ich weiß nicht, wie und warum man diese Fehlleistungen ignorieren sollte, wenn man NFL-Spiele analysiert. Es ist das offensichtlichste Verbesserungspotenzial von 80% aller NFL-Mannschaften ohne neue Spieler einzukaufen.

    Womit wollen wir uns beschäftigen: Mit dem Relevanten oder mit dem Irrelevanten?

  7. Es ist ja sogar das in der Veränderung befindliche. Es gibt ja (zunehmend) Teams, die das auf die Kette kriegen. Und gerade über die letzten Jahre gesehen, geht’s ja mittlerweile um mehr als establish the lead. Target-Tiefen, unterschiedlich Pass/Run-Ratio in verschiedenen downs, Personal packag usage nach pass/lauf.
    Bei der Analyse davon kommt man halt immer wieder zum Schluss, dass Laufspiel ziemlich häufig falsch benutzt, allerdings auf unterschiedliche Arten und Weisen.

    Anderes Thema: Ab wann gibt’s das Power Ranking? Oder ist das wg. der Datenverfügbarkeit oder Aufwand eingestellt?

  8. @Oscar: Ich habe gestern Abend mit einem neuen, EPA-basierten Power Ranking begonnen. Ich bin noch bei ein paar Tests und Data-Cleaning, aber wenn es gut läuft, haue ich morgen mal eine Version raus.

    Die aber noch mit Vorsicht zu genießen ist.

  9. Auf dem Papier gebe ich dir grundsätzlich recht beim „etablish the run“y

    Ich habe nur ein Problem: die Praxis. Nehmen wir das beste Beispiel. Russell Wilson. Der Typ ist irre. Aber zwei Sachen fallen mir bei zwei Deiner Kernthesen auf:

    A) ist das Risiko, ihn 35 bis 40 bis mal werfen zu lassen, nicht viel zu groß? Ich meine bei der Oline ist es ein Wunder, dass er noch nie ein Spiel verpasst hat. Aber wenn die Verteidigung davon ausgehen würde, dass SEA mehr passt, würden sie doch noch aggressiver Rushen. Ist die Spielweise nicht auch Quarterback-Schutz?

    Ich frage mich dass deshalb, weil im Fußball viele Trainer daran scheitern, dass sie zu sehr an ihren Plänen hängen und an den Systemen, nicht aber die Qualitäten des Kaders im Blick haben. Und gute oliner und dominierende wachsen nicht auf Bäumen.

    Dann das Ballhalten: Ist mir gegen Cleveland aufgefallen: Russell hatte ein paar mal die Hand am Abzug, hat den Wurf tief aber abgebrochen, weil das Fenster zu klein wurde. Hintergrund: Es war stürmisch in Cleveland, RW hat die Bälle daher oft flach oder mittelhoch und sehr scharf geworfen. (Ich vermute wegen der Böen).

    Dieser Abbruch des Wurfes schlägt natürlich extrem auf die Ballhaltezeit ein. Aber ist das nicht eher gut, einen wird, der zu riskant ist, zu stoppen? Und ist ein Sack nicht oft erträglicher als eine imterception?

    Ich weiß es nicht. Deshalb frag ich.

  10. Die Seahawks hatten gegen die Browns folgenden Split:

    47 Dropbacks (Pass+Sack+QB Scramble), 7.1 NY/A, 0.48 EPA/Play
    32 Runs, 4.2 Yards/Run, -0.44 EPA/Run

    Es gibt keine vernünftige Begründung dafür, dass die Offense in einem engen Spiel nicht deutlich mehr Pässe wirft (wobei ca 66% Passquote für die NFL eher hoch sind).

    Es ist oft bewiesen, dass der Lauf als Etablieren höchstens für Spannung (weil es das Spiel künstlich knapp hält) taugt, aber nicht zur Vorbereitung von Passing oder Play-Action Passing.

    Es ist oft bewiesen, dass der QB selbst seine Pressure-Rates und v.a. Sack-Rates wesentlich stärker kontrolliert als der Run/Pass Split oder auch nur die Offensive Line.

    Quarterbacks sind die absolut zentralen Figuren in der NFL 2019. Schon wer einen auch nur halbwegs durchschnittlichen hat, sollte ihn nutzen – schon durchschnittliches Passing ist effizienter als Laufen. Wer einen Elite-QB hat wie die Seahawks und ihn nicht nutzt – tja, selbst schuld.

  11. Habe zuletzt viel den PFF Podcast gehört, weil kurzweilig etc… viel Spannendes dabei, aber gerade durch den Vergleich ist für mich noch mal klar geworden, wie viel spannender und auch relevanter ich deinen Makroansatz gegenüber dem Spielerfokussierten von PFF empfinde. Klar ist es interessant zu erfahren, was qb x gut macht, aber deine Modelle bilden besser das Spiel ab.

  12. PFF liefert mit seinem Detailansatz allerdings so viele Daten an seine eigene Analytics-Abteilung, dass sie in schöner aregelmäßigkeit bahnbrechende neue Erkenntnisse liefern können.

    Die letzten zwei Offseasons waren schon rasant dort.

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