Gedanken zum Status der NFL und den Trades der Los Angeles Rams

Kommentar zum Donnerstagnachtspiel: Ich hoffe, das wird ein Freitag ohne Weltuntergang.


Gestern war ich auf einer großen Controller / Data-Science-Konferenz in München. Ich habe NFL-General Manager und Headcoaches reden hören.

Das Wort der Stunde in diesen Kreisen ist natürlich „Daten“. Daten sind die Religion von heute und morgen – sie werden geradezu kultisch verehrt. Die weiteren wesentlichen Schlagwörter sind natürlich maschinelles Lernen, Algorithmen, Künstliche Intelligenz – aber vor allem auch zwei Wörter, denen wir auf diesem Blog „Sideline Reporter“ so häufig begegnen:

  1. Advanced Analytics
  2. „predictive“ Analysis

Hätte ich ein Drinking Game auf „predictive“ veranstaltet, ich wäre mit Vollrausch aus der Veranstaltung gewankt. Doch das ist nicht die wesentlichste Erkenntnis. Denn zu meinem Erstaunen – ich kann sagen: zu meiner Fassungslosigkeit – befinden sich diese beiden Themen selbst in den vertretenen sehr großen Unternehmen in der deutschen Wirtschaft aktuell noch in den Kinderschuhen.

Es ist längst nicht Konsens, was mit der Verwendung statistischer Methoden für Vorhersagen anzustellen sei – die meisten Vortragenden (aus großen & erfolgreichen Unternehmen) gaben an, nun ca. ein oder zwei Testjahre mit Einbindung von predictive Analysis hinter sich gebracht zu haben.

Nur ein oder zwei Testjahre.

Ein hochrangiger Vertreter bezeichnete die Einbindung solcher neuen Tools als „Bauchentscheidung 2.0“. Das nur als Einordnung, falls du nach Lesen des Sideline Reporters denkst, dass die NFL hoffnungslos rückständig ist. Ist sie offensichtlich nicht. Sie ist in Sachen Advanced Analytics in etwa am Puls der Zeit – aber im Kommen.

Power Ranking Review

Kurzer Rückblick: Am Mittwoch habe ich das erste Power-Ranking 2019 veröffentlicht – eine sehr simple Variante, die auf Basis von EPA (Expected Points Added) erstellt wurde. Es ist weder besonders sophisticated noch ist es sonderlich stark an den Schedule der einzelnen Mannschaften angepasst. Mich haben zwei Dinge verwundert bzw. eher positiv überrascht:

  1. Dass konstruktiv diskutiert wurde anstatt draufzuhauen („Packers mit 5-1 nur auf #8? Was für ein lächerlicher Bullshit!“)
  2. Dass das Ranking so ähnlich dem ESPN FPI und DVOA von Football-Outsiders ist. Klar, ESPN nutzt auch EPA, aber die beiden Rankings haben eine Korrelation von 0.96 (R^2 = 0.92, was impliziert, dass 92% des FPI mit diesen simplen Methoden erklärt werden können). Das wesentlich komplexere DVOA korreliert einen Tick schwächer (0.93 mit R^2 = 0.87), doch grosso modo reden wir von relativ wenigen Teams, die wirklich unterschiedlich bewertet werden.

All-in Rams

Eines der Teams mit relativ ähnlichem Power-Ranking waren die Los Angeles Rams (#12 EPA, #15 DVOA). Sie haben unter der Woche mit zwei Trades für Paukenschläge gesorgt:

  • Zuerst CB Marcus Peters für einen Mid-Round Pick nach Baltimore verkauft.
  • Dann CB Jalen Ramsey für gleich zwei 1st Rounder aus Jacksonville geholt.

Das sind zwei faszinierende Trades. Da ist zum einen der Spekulant Peters, der in der Man-Coverage der Rams als weitestgehend falsch eingesetzt galt: Peters ist am besten als Playmaker in einer Zone-Coverage, wo seine Deckungsprobleme kaschiert werden, aber dafür seine Fähigkeiten, Quarterbacks zu verarschen und Interceptions zu fangen, in Szene gesetzt werden. Peters geht nun nach Baltimore, wo auch viel Manndeckung gespielt wird – wo sich Coaches aber als anpassungsfähiger ihren Talenten gegenüber zeigen als in L.A.

Der Hammer aber war der Einkauf Ramseys, für den die Rams die 1st Rounder 2020 und 2021 (plus einen 4th Rounder 2021) hinblättern. Wie verzweifelt sind die Rams im Versuch, ihr Titelfenster zu nutzen? Gemessen an den Tatsachen, …

…dass man zum x-ten Mal seinen 1st Rounder verkauft (Goff 2016 war der letzte 1st Rounder der Rams! 2017 verkaufte man für Goff, 2018 für Cooks, 2019 machte man Trade-Down mit den Falcons)

…Ramsey noch gar keinen langfristigen Vertrag hat

…mehrere Altstars wie CB Talib oder LT Whitworth schon in der Abenddämmerung ihrer Karrieren sind

…und man in QB Jared Goff sowie RB Todd Gurley bereits zwei fette langfristige Verträge durchschleifen muss, ist der Ramsey-Einkauf maximales „Win-Now“. Unfassbar: Stand heute nehmen die aktuell sieben teuersten Rams-Spieler bereits ohne Ramsey über 55% des Salary-Caps der Rams ein!

Wissen die Rams mehr als der Rest der NFL über den Verlauf der CBA-Verhandlungen 2021? Oder denken sie einfach ultra-kurzfristig – was ebenso überraschen würde, denn GM Les Snead und Headcoach Sean McVay schienen noch lange nicht auf dem Hot-Seat zu sein.

Oder sehen wir hier die nächste Auswirkung der Studien in den letzten Jahren von wegen „der Draft ist wegen der krassen Limitierungen von Practice-Zeiten eh nicht mehr so wichtig wie früher?“ Es braucht heute dreimal so lange bis Rookies die Trainingszeit hatten wie früher.

Der Trade ist aus analytischer Sicht recht fragwürdig, doch gleichzeitig irgendwie aufregend. Schließlich traut sich hier mal eine Mannschaft, „all-in“ zu gehen – noch dazu ein Team, über das ich schon 2017, vor dem großen Durchbruch, geschrieben hatte, dass es vermutlich trotz eines jungen Quarterbacks und jungen Coaches nur ein relativ kurzes Fenster zum Erfolg habe.

Eilmeldung Thursday Night Game

Und nun noch ein Mini-Spoiler zum Donnerstagsspiel. Wir nicht weiter lesen will, kann hier aussteigen.

 

Noch da? Also: Chiefs-QB Patrick Mahomes hat sich in der Nacht am Knie verletzt. Die Schwere der Verletzung ist noch nicht ganz klar. Es soll sich aber nicht um Bruch oder Fraktur handeln, sondern „nur“ um eine verschobene Kniescheibe. Adam Schefter tweetete nach dem Spiel von einem Mahomes-Ausfall von „mindestens 3 Wochen“ bis zum im Worst Case season ending – alles wird sich heute bei der Magnetresonanz entscheiden.

Mahomes selbst ließ einen Tweet los, der Hoffnung versprach.

Wir dürfen also auf einen Freitag ohne Weltuntergang hoffen. Bei Worst-Case: Die Chiefs müssen dann offensichtlich ca. 3 Wochen bis rund Mitte November überstehen. Werden wir evtl. sogar einen Trade für Nick Foles (soll ab roughly Woche 11 einsatzbereit sein) sehen? Alter Andy-Reid Spezl und für Jacksonville eine zwar teure, aber machbare Gelegenheit, mit dem Albatross-Vertrag zu brechen und in eine Zukunft mit Gardner Mindshew zu gehen. Oder geht man mit Matt Moore weiter. Moore schien immerhin nicht total in den Pass-Rush zu starren letzte Nacht. Oder ist es ohne Mahomes sowieso Jacke wie Hose?

11 Kommentare zu “Gedanken zum Status der NFL und den Trades der Los Angeles Rams

  1. Kann ich leider bestätigen mit den Zahlen. War bis jetzt in keinem Unternehmen in der ich gearbeitet habe, anders. Ist traurig, aber es dauert einfach zu lange, bis neue Wege im Controlling freigegeben sind, und dann wachsen die Leute, die mit Regressionen arbeiten können, auch nicht auf Bäumen.

    Aber natürlich will jeder auf den Zug aufspringen.

    Re: Mahomes

  2. Ich hoffe man gibt Mahomes die Zeit die er braucht, um das auszukurieren, man denke nur an RGIII oder aktuell Cam, der nicht mehr richtig fit wird.

  3. Damit müssen die Rams Ramsey jetzt eigentlich, dass zahlen was er haben will.
    Den 2 1st Rounder für nichts ausgeben können sie sich wohl kaum leisten, selbst wenn sie mit ihm einen Ring holen. Kommt mir alles sehr kurzfristig vor, also nur auf diese Saison beschränkt.

  4. Unabhängig von allen eventuellen weiteren Needs wäre ein Invest in die O-Line vielleicht auch nicht sooo schlecht gewesen…

    Es wird auch tatsächlich interessant zu sehen, wie die Rams das mit dem Cap machen. Ich hab die Zahlen jetzt nicht exakt im Kopf aber ich glaube das die Bears für 2020 allerdings sogar noch schlechter dastehen, oder? Ohne einen eventuellen langfristigen Vertrag für Ramsey gesehen.

  5. Zum Stichwort „Bauchentscheidung“: da kann ich ein Lied von singen. Führungskräfte die entgegen aller Logik Entscheidungen getroffen haben, fehlende IT-Infrastruktur in Unternehmen die Hunderte von Millionen EURO umgesetzt haben, ausgebrannte Mitarbeiter, kurz: es wundert mich nicht dass man so eben 2 Testjahre hinter sich hat. Ich habe niemanden erlebt, der mittel- bis langfristig gedacht und gelenkt hat, es ging immer nur um den kurzfristigen Erfolg. Auch das eine Parallele zur NFL.

  6. Beim Draften ist immer Glück dabei. Beim Trade dagegen weisst Du, dass Ramsey garantiert NFL-tauglich ist. Klar, zwei Firstrounder sind irre, aber Ramsey ist auch ein Gamechanger.
    Und NFL-clubs sind berüchtigt dafür, Wahnsinnsverträge über 5 Jahre mit integrierten Incentives, jährlichem Rosterbonus etc. zu machen um sie dann nach zwei billigen Jahren mit wenig dead-cap zu canceln. Von daher freue ich mich auf die Verhandlungen LA-Ramsey. Klappflügel hat Recht: Das wird spannend.

    Bzgl. Mahomes: Es ist „nur“ das Knie, nicht der Wurfarm. Im schlimmsten Fall wird seine Mobilität leiden, was bitter wäre, aber er hätte nach wie vor seine unfassbare Spielübersicht, den Raketenarm und Präzision. In meinen Augen kann er selbst mit einem Holzbein immer noch ein Top-5 QB werden.

  7. @Dizzy
    Sag das mal den Skins und Alex Smith. Unabhängig von seiner Qualität, aber eine Season oder sogar Career Ending Injury kann jederzeit passieren, idealerweise nachdem ein Spieler mit viel garantiertem Geld unterschrieben hat.

    Der Mack Trade hat zwar 2 1st gekostet brachtet aber auch einen 2nd Rounder, also weniger teuer. Dazu hat Mack einem Vertrag wohl schon vor dem Trade eingewilligt.
    Den Tunsil Trade ignorieren wir mal, da die Texans keinen GM haben und eher in einem Win Now Modus sind.
    Ich halte Ramsey für weniger gut als Mack, dazu ist der Trade doppelt teuer. Keinen 2nd Rounder, kein Vertrag und ein weniger guter Spieler.
    Dazu haben die Rams Offensiv auch einige Lücken, die sie jetzt schwerer schließen können.

  8. Alex Smith ist nach wie vor NFL-tauglich. Wenn der Erfolg nach einem Trade schwindet, liegt es vielleicht auch am Coach oder Gameplan. Offenbar ist KC ausgesprochen gut darin, ein Playbook zu entwickeln, das die Stärken der eigenen Spieler stärkt. Man schaue sich Marcus Peters an. Oder eben Alex Smith.
    Bei den Pats ist es auch verblüffend oft so, dass Spieler dort wahnsinnig stark spielen und nach dem Trade abstürzen.
    Sprich: Auch wenn er teurer ist, würde ich den erwiesenen NFL-Veteran der Rookie-wundertüte vorziehen. Zumal der Rookie für gewöhnlich erst noch entwickelt werden muss.

    Vielleicht ist die Rams-taktik einfach, durch möglichst viel Spektakel in den ersten Jahren schnell viele Fans in LA zu gewinnen. Stellt sich für mich die Frage, ob diese Fans auch ins Stadion kommen, wenn es mal nicht mehr so gut läuft.

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