Establish the Review: NFL 2019, Woche 7

Vier Spiele von Woche 7 im Rückspiegel, u.a. die Trubisky-Performance gegen die Saints, Kyler Murray gegen Daniel Jones, Lamar Jackson und das Coaching-Duell in Seattle sowie die kreativsten Verlierer der NFL.

Chicago Bears 25, New Orleans Saints 36

Allgemein großes Entsetzen ob der Performance von Bears-QB Mitchell Trubisky. „Replacement-Level“ ist in etwa die Vokabel, die man für solche Plays heranziehen muss:

Das war natürlich eines der schlechtesten Trubisky-Plays gegen eine zuzugegeben exzellente Saints-Defense. Doch es war auch ein Play mit einem völlig offenen Receiver, den Trubisky, obwohl in die Richtung blickend, ganz einfach übersah. Ich bin kein Experte und weit davon entfernt, in-depth Analysen vom Mindset eines QBs erstellen zu können. Aber solches Quarterbacking habe ich schon gesehen: Von der Leistungskategorie Bortles und Kollegen.

Passend zu diesem Vergleich schönte Trubisky auch in der Garbage-Time seine Stats um am Ende auszusehen wie ein unterdurchschnittlicher, aber kein katastrophaler QB:

Trubisky 2019 vs. Saints.png

Was kann man dazu noch sagen?

  1. 57 Drop-Backs für Trubisky! Dafür bekamen die Coaches auf die Fresse. Chicago mit nur 7 Run-Plays im ganzen Spiel.
  2. Ohne das vierte Viertel hätte Trubisky 29 Dropbacks für 2.3 Yards/Dropback gehabt, mit 24% Success-Rate und unsäglichen -0.38 EPA/Dropback. Und das, ohne eine Interception geworfen zu haben!
  3. Am besten sonst gar nix mehr.

Was soll ich zu Trubisky noch schreiben? Es war recht einfach, diese Entwicklung zu prognostizieren. Es war auch der Hauptgrund, weshalb ich die Bears vor der Saison nicht als Playoff-Team auf dem Zettel gehabt hatte. Soll man seine Performance damit entschuldigen, dass es kein Laufspiel gab? Dass er frisch von Verletzung zurückkam? Dass sein Hund erkältet ist?

Gerne. In einer Welt voller Illusionen lebt es sich leichter. Aber beschwer dich nicht über das böse Erwachen.

Unter dem Druck einer nicht-existenten Offense beginnt nun auch die Defense zu kollabieren. Sie ist mit -0.01 EPA/Play „nur“ noch die #8 der NFL. Das ist mehr als die natürliche Regression (letztes Jahr hatten die Bears als #1 Defense -0.11 EPA/Play).

Und weiter: Der harte Teil des Schedules wartet für die Bears noch. Der verbleibende Schedule ist nach EPA-Metriken der schwerste der Liga.

Seattle Seahawks 16, Baltimore Ravens 30

Interessanter Game-Plan der Seahawks-Coaches, die ein nicht ganz unkritisches Element der Ravens-Offense in ihrem Scheming einfach ignorierten: Das Scrambling von QB Lamar Jackson. Oder ist „nicht unkritisch“ eine Untertreibung?

Jackson jedenfalls hatte Probleme mit dem Werfen im Regen von Seattle, doch seine läuferischen Aktionen waren außer Rand und Band: 14 Rushes für 116 Yards, 1 TD. Muss man Jackson für sein zunehmend volatiles Passing (gestern 9/20 für 143 yds) langsam einen Strick drehen? Wenn ja, dann eher nicht auf Basis dieses Spiels, denn Jacksons Gegenüber, der bis dato als MVP-Kandidat #1 gehandelte Russell Wilson, war auch nicht viel besser. Schieben wir es für dieses eine Mal auf Petrus.

Spektakel bot der erst unter der Woche eingekaufte Ravens-CB Marcus Peters mit einem Pick-Six. Ein typisches Peters-Play: Im Hinterhalt mit Augen auf den QB lauernd, im Moment des Wurfes in die Bahn gesprungen, Ball gefangen und untouched zum TD returniert. Es war der Spielzug, der bei 6-10 Rückstand dem Lauf der Partie eine entscheidende Wendung gab. Peters soll aber auch in Coverage eine annehmbare Partie gespielt haben, zumindest deutet das sein starkes PFF-Grading an.

Krass offengelegt wurden auch die Gegensätze im Coaching.

Auf der einen Seite John Harbaugh, der sich von seinem eigenen QB überzeugen ließ, Ende des dritten Viertels bei 13-13 Gleichstand ein 4th&2 an der 8-yds Line der Seahawks auszuspielen:

Jackson scorte per QB-Keeper den TD zum 20-13 und die Ravens blickten nie mehr zurück. Der Touchdown kam einen Drive, nachdem Pete Carroll bei 4th&3 von der BAL 35 auf das Ausspielen verzichtet und seinen Kicker in ein 53-yds Fieldgoal geschickt hatte. Die Entscheidung kostete Carroll und die Hawks 5.1% Sieg-Wahrscheinlichkeit…

und war noch nichtmal Carrolls schlechteste in-Game Entscheidung des Tages. Der Kicker versemmelte prompt. Carroll legte nach der Partie noch einmal nach:

„Unsere Mentalität ist Hose voll.“ Die Ravens ticken anders – und sie stellen damit auf 5-2.

New York Giants 21, Arizona Cardinals 27

Ich habe nur die Offensiv-Spielzüge im Schnelldurchlauf gesehen. Aber vier Takes zu diesem Spiel:

  1. Klassevorstellung von Kyler Murray. Er wirkt Woche für Woche souveräner in der Pocket. 1-2 merkwürdige Ballübergaben bei RPOs, aber ansonsten: Augen downfield, gedankenschnell, scharfe Pässe.
  2. Cardinals-Laufspiel wird fantastisch in seichte Boxes designt. Häufiges Running gegen 6-Mann Boxen mit einem konvertierten Safety Ogletree als einem der „Linebacker. Funktionierte brillant, RB Chase Edmonds hatte einfaches Spiel und machte mit seinem schnellen Antritt weit über 100 Yards und 3 TD.
  3. Die Cardinals dominierten die Partie gerade in der ersten Halbzeit, auch dank aggressivem Play-Calling von Kliff Kingsbury, der ein 4th Down ausspielen ließ. Nach der Pause allerdings ließ Arizona die Giants wieder herankommen. Hauptfehler dabei: Das Passspiel wurde fast völlig eingestellt. So konservativ darf man die Sache auch gegen einen verwundeten Gegner nicht angehen.
  4. QB Daniel Jones ist heiß/kalt. Ein paar gute Plays, ein paar zum Haareraufen. In Summe ziemlich genau das, was Jones im Pre-Draft Prozess zu sein schien. Nach fünf vollen Einsätzen haben wir eine Mega-Performance gegen die inkompetente Passing-Defense der Buccs und viermal Jones par excellence.

Fazit: Auch wenn das Endresultat relativ knapp war, endete der direkte Vergleich Jones vs. Murray in einem deutlichen Punktsieg für Murray.

Tennessee Titans 23, Los Angeles Chargers 20

Man muss den Chargers eines lassen: Sie sind kreativ, wenn es ums Verlieren geht. Vielleicht sogar kreativer als die Detroit Lions. In Nashville kostete ein Fumble von RB #25 Melvin Gordon an der 1/2 Yards Line der Titans in der allerletzten Minute die Partie – und das nach zweimaligem Video-Review in den vorangegangenen Plays, beide Male Zentimeter vom Touchdown entfernt.

Titans sind mit dem Spiel 3-4 und können sich nun 1-2 Wochen lang einreden, dass mit QB Tannehill (am Sonntag: 9.3 NY/A, 0.47 EPA/Dropback) jetzt alles besser werde. Chargers sind 2-5 und mit zwei Besorgnis erregenden Problemen konfrontiert:

  1. Playoff-Ambitionen sind fast schon den Bach runtergespült.
  2. Der Wurfarm von QB Philip Rivers sieht merkwürdig saftlos aus – als sei er mit 38 Jahren schön langsam am Ende.

Diese Kombination lässt viel früher als selbst in den Worst-Cases prognostizierte Rufe nach Köpferollen aufkommen.

Nächste Woche Primetime

Die NFL hat in Woche 8 mal so richtig leckere Primetime-Spiele:

Donnerstag: Vikings vs. Redskins
Sonntag: Mahomes-lose Chiefs vs. Packers
Montag: Steelers vs. Dolphins

Der Vorteil für den Europäer: Schlaflose Nächte bereiten solche Ansetzungen wohl eher nicht.

8 Kommentare zu “Establish the Review: NFL 2019, Woche 7

  1. Schaust du dir Raiders@Packers noch an? Würde mich interessieren, was du zur Offense sagst, die du ja bisher nicht überzeugend fandest. War das ein „Ausrutscher“ oder klickt da endlich was bei den Packers? Auf der anderen Seite: Warum war die Defense so schlecht (im Vergleich zu den bisherigen Spielen?)

  2. @Kelzama: Zumindest zur Defense würde ich sagen, dass diese einfach ziemlich überbewertet war/ist bis jetzt. Sie lebt meiner Meinung nach sehr stark von einzelnen Big Play wie Interceptions usw. und diese sind eben sehr volatil. Einzig der Edge Rush war bis jetzt immer, mit Ausnahme gegen die Raiders, wirklich stark.

  3. …konvertierten Safety Ogletree als einem der „Linebacker“… Alec Ogletree war von 2013-2017 bei den Rams schon Inside Linebacker und ist dies bei den Giants nun auch – auch wenn er seine Trikotnummer inzwischen von #52 auf #47 geändert hat. Der war mMn schon immer ein Heiß-Kalt Spieler mit teilweise grandiosen Big Plays, aber andererseits missed tackles und falsch attackierte Gaps im Laufspiel.

    Das die Cardinals Run in leichte 6-Man Boxes toll designt sind, ist natürlich völlig korrekt. Aber Ogletree ist eben ein LB und kein konvertierter Safety.

  4. „Der Wurfarm von QB Philip Rivers sieht merkwürdig saftlos aus – als sei er mit 38 Jahren schön langsam am Ende“.
    Dies war wirklich erschreckend was er da in den ersten drei Vierteln abgeliefert hat. Jedwedes Gefühl für die Länge verloren, überworfen oder ins Nirgendwo. Auch oftmals am Mann vorbei in das Seitenaus, was ich so noch nicht gesehen habe von einem etablierten QB.
    Da war Tannehill um weiten genauer, konstant und präzise seine Fänger bedient.

  5. Ogletree war im College bei Georgia Safety, in der NFL eigentlich nicht. Vielleicht liegt eine Verwechslung mit Mark Barron vor?

  6. Nein, keine Verwechslung. Ich weiß, dass er in der NFL v.a. LB gespielt hat, aber im Herzen agiert Ogletree sehr oft wie ein verkappter Safety, der er am College war.

  7. Ohne einen zumindest „guten“ Rivers sind die Chargers wohl einfach kein Playoff-Team mehr. Da kann der restliche Kader noch so gut und ausgeglichen besetzt sein, so wird es schwierig. Wenn sich das als Trend herausstellen sollte, ist ein Titelfenster erstmal geschlossen.

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