Safety First – Bill O’Briens Entscheidung unter der Lupe

Etwas später kommt heute noch das Power-Ranking. Gestern haben wir Sofa-QBs aufgenommen – ich war nach langen Monaten mal wieder dabei. Am Anfang etwas „rusty“, aber es wurde dann besser. Ich bin sowieso froh, nach drei stimmlosen Tagen letzte Woche nun überhaupt wieder reden zu können.

Und damit zum intionalen Safety von Bill O’Brien am Sonntag gegen die Colts.


O’Brien nahm am Sonntag bei 23-28 Rückstand, mit 4th & 9 an der eigenen 5 yards Line einen intentionalen Safety. Die Situation geschah 2:40 Minuten vor Schluss. Die Texans hatten noch 2 Timeouts.

Eine spannende Situation, die es in leicht abgewandelter Form schon hie und da gegeben. Zum ersten Mal gesehen habe ich enien intentionalen Safety Anno 2003, als Belichick in der Crunch-Time in Denver, bei einem Punkt Rückstand gegen Ende des Spiels in der Endzone abknien ließ um mit besserer Feldposition punten zu können. Die Patriots schafften damals noch den Ausgleich per Fieldgoal und gewannen in der Overtime.

O’Brien nun mit einem ähnlichen Move: Freiwillig von -5 auf -7 gehen um mit rund 15 Yards Feldpositionsvorteil den Ball per Free-Kick (also auch ohne Angst vor einem Block) tiefer in die gegnerische Platzhälfte kicken zu können. Intuitiv dachte ich mir: „Interessant, aber ich hätte ausspielen lassen“.

PFF liefert nun die Ergebnisse, die O’Briens Entscheidung tatsächlich nicht gut aussehen lassen:

  1. Beste Option wäre nicht überraschend auszuspielen gewesen: 25% Chance zum 1st Down zu verwerten, man hätte die Timeouts behalten können, hätte im Fall des Scheiterns die Colts sowieso stoppen müssen. Diese Option barg 19% Sieg-Chance.
  2. Punt als zweitbeste Option mit 9% Sieg-Chance. O’Brien hatte mutmaßlich Angst davor, den Ball aus der eigenen Endzone wegzukicken und damit zu riskieren, dass die Colts auch ohne 1st Down in entfernter Fieldgoal-Reichweite auf 3 Punkte gehen konnten.
  3. Doch Punt wäre immer noch besser gewesen als der Intentionale Safety. Der barg nur noch 4% Sieg-Chance. Von -5 auf -7 zu gehen bedeutet, auch mit einem TD nur den Ausgleich zu bekommen, und hatte die anderen Nachteile des Punts: Ballverlust, Defense muss die Offense stoppen, Timeout- und Zeitverlust. Bei -4 auf -6 wäre es was anderes gewesen.

Wichtig bei dieser Entscheidung: O’Brien verschenkte die Chance, per TD in Führung zu gehen. 7 Punkte Rückstand sind im Vergleich zu 5 Punkten ein massiver Unterschied, da selbst ein geglückter finaler Drive nur die Overtime bringt – also 50% Sieg-Chance (oder 2-pts Conversion Versuch, der auch roughly 50% Sieg-Chance bringt).

Punt wäre besser gewesen als Safety, weil die Offense sowieso kein 1st Down mehr machen durfte – das Risiko, von -5 auf -8 zu gehen ist die bessere Option, als die Gewissheit mit etwas besserer Feldposition von -5 auf -7 zu gehen.

Ausspielen als die beste Option – und die Gründe sind einigermaßen klar:

  1. Ballbesitz ist wichtiger als Feldposition.
  2. Deshaun Watson
  3. Im Erfolgsfall behält man Zeit und Timeouts
  4. Selbst bei Scheitern hätte man wie bei Punt und Safety die Defense stoppen müssen. Es wäre schwieriger gewesen, aber ein Defensive-Stop war ohnehin nötig.

Am wichtigsten ist #1: Ballbesitz ist wichtiger als Feldposition. Das war in der NFL-Historie nicht immer so, aber je dominanter Offenses sind, je leichter sie Yards zurücklegen, umso mehr verliert die Feldposition an Bedeutung.

O’Brien beging danach noch einen weiteren Bock: Er behielt die Timeouts bis nach der 2-min Warning. Die Colts konnten mit einem Lauf die 2-min Warning erreichen – erst dann zog O’Brien die Auszeiten.

Er verlor damit im besten Fall 11 Sekunden: Die Colts hätten bei schnellem Ziehen der Timeouts mit 2:00 punten müssen. So haben sie mit 1:49 gepuntet. 11 Sekunden sind in der Crunch-Time, wenn man TD braucht, oft wichtig!

Im schlimmsten Fall verlor er mehr: Es gab die Option, dass Indy wenigstens einmal geworfen hätte. In diesem Fall hätten die Texans sogar die 2-min Warning als zusätzliche Auszeit behalten können. Natürlich nicht müssen. Aber O’Brien nahm sich damit sogar diese Option.

Lesson learned

Wir lernen daraus: O’Brien verschenkte mit einem simplen Denkfehler rund 15% Siegchance. Nicht, dass ich es besser gewusst hätte. Ich hatte auch nur das Gefühl, dass der Safety ein Fehler war. Menschen aber sind im Einschätzen von Wahrscheinlichkeiten erwiesenermaßen schlecht – wer Dan Kahneman liest, der lernt sogar, dass auch die studierten Statistiker nicht wesentlich besser sind.

Statistik ist nicht intuitiv.

Doch das wäre umso mehr Grund für die NFL, ihren Coaches die Rechenleistung zur Verfügung zu stellen, dass sie solche Entscheidungen besser treffen können. Mit ein paar Minuten Vorbereitung hätte man O’Brien durchaus auf die Entscheidung einstellen können – wenn man den 4th-Down Calculator parat hält.

Klingt hypothetisch?

Vielleicht. Aber was ist einfacher: Unter der Woche fünfzig Zusatzstunden Tape-Analyse zu betreiben um die 15% zu finden, oder die organisatorischen Rahmenbedingungen zu schaffen, solche in-Game Entscheidungen besser treffen zu können?

Ich weiß, was ich machen würde. Denn ich schlafe gern.

2 Kommentare zu “Safety First – Bill O’Briens Entscheidung unter der Lupe

  1. Ein Gedankenspiel zu den beiden Timeouts;
    Ich gehe grundsätzlich mit deiner Überlegung mit, aber ist es andersherum nicht sich ein Vorteil den Gegner Laufspiel betreiben zu lassen um den Ballbesitzwechsel zu forcieren, als ihn auch noch zu animieren mit einem Pass die bessere Entscheidung zu treffen? Also die Idee: „Ich mache es dir ganz einfach die falsche Entscheidung zu treffen „

  2. Den Gedanken würde ich vertreten, wenn wir von 2:10 sprechen. Diese Situation würde der Offense gratis Passspiel ermöglichen.

    Aber nicht 2:35 vor Schluss.

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