Establish the Review: NFL 2019/20, Woche 8

Rückschau auf drei Partien vom Sonntag.

Buffalo Bills 13, Philadelphia Eagles 31

Ein Spiel, das stark vom starken Wind in Buffalo beeinflusst wurde. Sehr deutlich war das sichtbar, wenn man die Torstangen beobachtete: Sie bogen sich förmlich durch. Am Feld wirkte sich das besonders dadurch aus, dass beide Offenses lange Zeit nicht tief gingen. Relativ viel Laufspiel und viel Kurzpassspiel.

Bemerkenswert finde ich unter den gegebenen Umständen die Early-Down Offenses beider Teams, solange das Spiel innerhalb von 20-80% Sieg-Wahrscheinlichkeit war: Beide waren doch passlastiger als ursprünglich gedacht:

  • Philly 16 Pässe, 14 Runs. Jeweils 8.1 Yards/Versuch, 0.34 EPA/Pass vs. 0.27 EPA/Run
  • Buffalo 16 Pässe, 8 Runs. 4.3 Yards/Pass, 48 Yards/Run. -0.43 EPA/Pass vs. 0.04 EPA/Run

Die Eagles-Offense sprach hernach fast geschlossen davon, dass man sehr zufrieden über sein Laufspiel war, und dass man vor allem laufen wolle und dass das Establish the Run das sei, was man spielen möchte.

Fakt ist: In dieser Partie war Philly lauflastiger als gewohnt. QB Wentz machte den Umständen entsprechend eine starke Partie. Tief ging es fast nie, aber Wentz machte keine Fehler im Kurzpassspiel und hatte gerade in der zweiten Halbzeit 2-3 extrem gut getimte Scrambles für neue 1st Downs. Sie waren lebenswichtig für die Eagles-Offense, die im dritten Viertel wirklich zu sich fand und zwei lange Touchdown-Drives hinlegte.

Buffalos QB Josh Allen spielte eine relative Graupen-Partie, selbst wenn wir das Wetter berücksichtigen und den Fakt, dass die eine INT gegen Allen eher dem Receiver als dem QB geschuldet war. Die Eagles-Secondary war so gut wie nie wirklich getestet. Dafür spielte vorne der Eagles-Passrush groß auf.

Im Prinzip war es damit eine Partie wie erwartet: Philly nicht begeisternd, aber solider als in den letzten Wochen gegen einen mit 5-2 Bilanz total überschätzten Gegner. Power-Ranking kommt erst morgen, aber in der Vorab-Version ohne das Monday-Night Game waren die Bills nur die #27.

Philly ist jetzt 4-4 und weiterhin ein Team mit vielen Fragezeichen. Der Sieg beruhigte zumindest die aufgebrachtesten Gemüter, aber GM Howie Roseman wird trotzdem noch versuchen, vor der Trade-Deadline noch den einen oder anderen Move einzufädeln um die beiden kapitalen Löcher auf Cornerback und auf Wide Receiver zu adressieren… oder?

Kann Howie wirklich der Versuchung standhalten, heuer, wo das Titelfenster für die Eagles eigentlich so weit offen sein sollte?

Chicago Bears 16, Los Angeles Chargers 17

Eine Partie wie ein Donnerhall: Über den hohen „Krisen-Faktor“ dieser Ansetzung hatte ich bereits im Vorfeld geschrieben, und das „Krisen-Finish“ hatte ich bereits im Liveblog vom Sonntag geschrieben. Doch hier noch einmal die wesentlichen Elemente der Schlussphase im Detail:

  1. Chargers mit 4th&1. Sie punten anstatt auszuspielen.
  2. Bears-QB Trubisky orchestriert mit Glück und Verstand einen Drive bis fast an die gegnerische Redzone, u.a. kassiert fast einen 3rd-Down Sack in 50+ Yards Fieldgoal-Reichweite, aus dem er sich athletisch herauswindet um dann 12 Yards downfield zum neuen 1st Down zu scrambeln.
  3. Matt Nagy lässt abknien. Die Kardinalssünde. Kneel-Down außerhalb der 20-yds Line um die Uhr auf null zu bringen und keinen Raumverlust mehr zu riskieren.
  4. Kicker schießt aus 41 Yards rechts vorbei.

Da lief so vieles falsch – aber eines der beiden Teams wird sich bestätigt in seiner Herangehensweise sehen. Das ist immer so: Wenn zwei patzen, aber einer davon gewinnen muss, wird automatisch einer von zwei Scheißhaufen zugedeckt. In diesem Fall jener der Chargers.

Ich weiß, ich hänge mich an Nagys Entscheidung abzuknien auf. Aber ich halte es selbst in Betracht, dass wir beim Ausspielen eines weiteren Spielzugs noch ein paar weitere Faktoren berücksichtigen müssen…

  • an der 21-Yards Line ist jedes weitere gewonnene Yard weniger wert aus ein verlorenes, und selbst bei einem „risikolosen“ Run-Play ist immer ein Holding mit minus 10 Yards und angehaltener Uhr möglich
  • ganz zu schweigen vom Risiko eines Trubisky-Turnovers im Fall eines Passspielzugs

…für Schwachsinn, außerhalb der Redzone freiwillig abzuknien und auf Kicken zu spielen. Gerade als Headcoach der Bears, der die ganze Offseason nix anderes im Kopf hatte als sein verdammtes Kicker-Problem zu lösen (eine eigene Geschichte für sich…). Es ist nicht so, dass ein 41-Yards Kick eine absolut todsichere Tüte wäre: In den letzten 5 Jahren ist die Verwertungs-Quote für diese Distanz roundabout 89%.

Es passiert gefühlt jede zweite Woche, dass Coaches mit dem Spiel on the line in der Crunch-Time nur mehr auf Kick spielen. Es geht oft genug schief. Dass die Colts am Sonntag den gleichen Bock schossen und Vinatieri sogar aus 51 Yards schießen ließen (wo die Verwertungsrate nur 83% ist), macht die Sache nicht wesentlich besser.

Und Trubisky? Ich weiß: Abgelutscht, über das Thema zu schreiben. Aber an dieser Stelle kann man durchaus noch einmal betonen, wie schnell die Stimmung in der Bears-Fanbase in und um Chicago herum umgeschlagen hat. Vor zwei Monaten wurde man noch verbal verprügelt, wenn man nur leise Zweifel an der Entwicklung Trubiskys als NFL-QB anmeldete. Jetzt will ihn 90% der Fan-Base schon zum Teufel jagen. Erinnerung: Trubisky hat noch nichtmal die ganze Saison gespielt. In vier Starts vom unangreifbaren Helden zum Vollidioten: Der Fan ist kein rationales Wesen.

New England Patriots 27, Cleveland Browns 13

Die Patriots-Defense bleibt Wahnsinn: In der Partie, in der sie bislang so viel aufgab wie noch die ganze Saison nicht, holte die Pats-Defense noch immer 3 Turnover im ersten Viertel und returnierte einen davon zum Touchdown zurück.

Die Turnovers waren schon Wahnsinn:

  1. Fumble Chubb (Ball freigeschlagen vom eigenen O-Liner und zum TD returniert)
  2. Fumble Chubb im direkt nächsten Offensivspielzug nach einem 60-yds Run für Chubb downfield.
  3. Bullshit-hoch-drei Interception Mayfield im wiederum nächsten Offensiv-Spielzug, als Mayfield einen Ball in die Arme des direkt vor ihm stehenden DL Guy chippte

Die Browns wirkten fast die ganze erste Halbzeit komplett verloren, obwohl sie zwei Wochen Vorbereitungszeit hatten. Ich gehe selten so ins Detail einer Defense, aber bei den Pats zahlt es sich aus zu studieren, wie sie ihre Coverages bis zum allerletzten Moment vertuschen und es immer wieder schaffen, einen völlig unerwarteten Spieler direkt in die Passroute zu platzieren. Im einen Spielzug ist es FS McCourty. Im nächsten der DT Lawrence Guy.

Trotzdem war die Partie kein Spaziergang für die Patriots. Irgendwann Ende drittes Viertel gab es bei Spielstand 17-10 einen Moment, an dem die Patriots nach zwei Incompletions zum Start des Drives bei einem 3rd&10 in der eigenen Platzhälfte standen, nach drei Drives ohne Punkten – und die Browns hatten gerade per TD verkürzt. Ein 3&out-Stop der Browns-Defense, und die Partie hätte wieder vollkommen offen sein können.

Snap, Pass-Rush rauscht heran – und Tom Brady mit einem seelenruhigen Screenpass raus zum halbrechts wartenden RB #28 James White, der querfeldein 60 Yards downfield in die gegnerische Redzone rennt. Eiskalt ausgekontert. Zwei Plays später stand es 24-10 und die Partie war gegessen.

Ich bin nun gespannt, wie es mit den Browns weitergeht. Sie sind eine der krassesten Enttäuschungen dieser Saison. Im Prinzip ist der 2-5 Start der Worst-Case, den ich vor der Saison gemalt hatte – Headcoach Freddie Kitchens scheint seinen Laden nicht wirklich im Griff zu haben. Es hakt an vielen Stellen.

Es ist eines, gegen New England nicht gut auszusehen. Aber es ist ein anderes, nach zwei Wochen Vorbereitung total unvorbereitet in die Partie zu gehen und erstmal eine ganze Halbzeit lang zu brauchen bis überhaupt offensiv etwas zusammengeht.

Ja – man kann argumentieren, dass zwei Fumbles im Opening-Drive ganz einfach Pech sind, noch dazu nach einem 60-yds Run, der gut und gerne auch hätte als Touchdown enden können. Andererseits braucht man sich nicht über Fumbles zu wundern, wenn der Runningback im strömenden Regen ohne Handschuhe mit bloßen Händen aufläuft.

So lag man schnell deutlich zurück und wurde zunehmend eindimensionaler. Mayfield stand in fast der Hälfte der Snaps unter Druck. Die Pats zwangen ihn zu langen, tiefen Dropbacks, und Mayfield hatte kein Rezept.

Wie lange kann Kitchens sich halten? Ich habe in den letzten 3 Wochen zu viele Verweise darauf gelesen, dass er vor einem Jahr noch ein Positionscoach war, der nur zufällig bis ganz nach oben auf Headcoach gespült wurde – und dass da mit Todd Monken ein ganz brauchbarer ehemaliger Air-Raid Coordinator als OffCoord in der Hinterhand nur darauf warten würde zu übernehmen.

11 Kommentare zu “Establish the Review: NFL 2019/20, Woche 8

  1. „Andererseits braucht man sich nicht über Fumbles zu wundern, wenn der Runningback im strömenden Regen ohne Handschuhe mit bloßen Händen aufläuft.“

    Soweit ich weiß ist das üblich. Die Handschuhe sind wohl nass tierisch rutschig. Selbiges Phänomen konnte man letzte Woche bei SF@WAS beobachten.

  2. Was ist eigentlich über den intentionalen False-Start der Browns im Q4 bei 4th&11 zu sagen? (Kitchens dachte anstatt punten bei 4th&11 ist ausspielen bei 4th&16 wohl besser)
    Hat sich hier Kitchens nicht schon selbst abgesägt?

  3. Bei den Browns wird es interessant zu sehen sein wie sich das ganze gegen Ende der Saison entwickelt. Wie du geschrieben hast, hakt es an vielen Punkten. Man darf aber halt auch nicht vergessen, dass bei dem Spielstand von 17-10 ein nicht gefangener Ball von Beckham ausschlaggebend war, dass die Pats überhaupt das Ballrecht hatten. Was irgendwie die ganze Saison beschreibt.

    Die Stimmung ist jedenfalls im fanlager und bei den Beatwritern auf dem Tiefpunkt. Während sich die Journalisten heftig auf kitchens einschießen gibt es unter den Fans mittlerweile einige, die die teuren Einkäufe Beckham und Vernon als busts sehen.
    Wird also ein spannender Dezember für die Browns, ganz zu schweigen von der off-season. Noch spannender wird es, sollten die Browns plötzlich ne Serie starten. Das Potential blitzt ja regelmäßig auf

  4. die browns waren für mich nicht der geheim Favorit mayfield ist jetzt nicht der Brüller,und ein beckham macht noch kein top team aus.
    sie werden wohl nächste season mit verbessertem Team wieder angreifen.

  5. Bei den Browns wirkt es wirklich so, als ob die Offensive selbst auf den Narrativ des „Dreamteams“ eingestiegen ist und jetzt keine Pläne hat und vor allem mental nicht gewappnet ist, mit Rückschlägen umzugehen. Und nebenbei hat man noch einen HC, der komplett überfordert wirkt. Die beiden Challenges waren ein absoluter Witz gestern, vor allem die eine beim 4th Down, wo man am ersten Replay ganz klar sieht, dass sich das locker ausgeht. Klar, der Call für die Challenge kommt da von oben – aber für das Personal das da sitzt muss halt der HC gradestehen. Und dann noch die absurde Sequenz mit dem False Start bei 4th & 11. Das sind einfach zu viele Situationen, als dass man da von Pech reden könnte.

    On the bright side: Michi & Walter haben auf Puls (2)4 angesichts des quasi entschiedenen Spiels im 4. Viertel absolut brilliert. Selten sitze ich lachend vor dem TV bei Football, aber in dem Fall sogar mehrfach in kurzen Abständen. 3 Perlen zitiere ich mal, einfach weil es so gut war:

    Walter zu Steve Belichick (der die Frohnatur von seinem Vater geerbt hat): „Der schaut aus wie ein Typ, der mit einer Axt in einem einsamen Haus sitzt.“ (Ich nehme mal an die Referenz sollte The Shining gelten)

    Walter zu Deshaun Watson und seinem angeschwollenen Aug: „Es ist grad Rugy WM, die schauen dort alle so aus.“ woraufhin Michi ihm erklärt, warum das Watson ja nicht vom Footballspielen abhalten sollte: „Beim Gewehrschießen macht man auch ein Aug zu.“

    Und in diesem Stil ging es das ganze 4. Viertel. Für mich war’s ein humoristischer Genuss auf höchstem Niveau! 🙂

  6. Die Browns wirken irgendwie nicht gut vorbereitet, nervös und haben teils sehr durchschaubares Playcalling. Eigentlich schade, da der Kader durchaus Talent aber wenige „erwachsene & professionelle“ Eckpfeiler hat und mir Freddy K eigentlich taugt.

    Gut, dass du das Saints Spiel nicht analysiert hast!
    25 der 37 Pässe von Brees waren unter 5 yards (der absolute Löwenanteil davon in der ersten Hälfte). Das ist wieder irgendein Rekord den er jetzt hält, allerdings muss er in sich noch mit Jemandem aus den 80ern teilen. In der zweiten Halbzeit haben sie dann (wie so oft in dieser Saison) ihren Gameplan komplett umgestellt und haben auch die Mitteldistanzen genutzt – tief ist er kaum gegangen (aber das kennt man ja).

  7. Sinkt die Verwertungsquote von Field goals in der Crunch time?
    Die 89% beziehen sich auf alle Versuche in allen Stadien?

  8. Beim shovel-pass von Mayfield zu DT Lawrence Guy muss man den QB bisschen in Schutz nehmen. Das Play sollte auf Jarvis Landry gehen. Wohl so ein misdirection-sweep nach rechts. Landry war direkt links vom Left Tackle aufgestellt und hat sich nach dem Snap zur Spielfeldmitte bewegt. Problem war, dass der Left Guard/ Left Tackle es nicht hinbekommen, den DT auch nur 1-2 Sekunden zu verzögern, daher war sofort Penetration im Backfield.
    Ist meiner Meinung nach entweder der Verdienst des disruptiven DTs oder das absolute Versagen der linken Seite der O-Line. Mayfield kann da nicht besonders viel dafür.

  9. @Torki:

    41 und 42-yds Fieldgoals in den letzten 5:00 des Spiels und Overtime bei One-Score Games in den letzten 10 Jahren: 75 von 81 getroffen.

    Das sind 92% Trefferquote.

    Ich würde sagen, wir können daraus zwei Dinge schließen:

    a) Für den Kicker macht es kaum einen Unterschied, ob der Kick in der Crunch-Time kommt oder nicht.
    b) Die Aufregung (auch meine) ist vielleicht einen Tick zu groß, weil die Trefferquote auch aus dieser Distanz schon sehr hoch ist. Und sie wird mit 5 gewonnen Yards nicht wesentlich höher.

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