Establish the Review – NFL Woche 9: Entzückend!

Heute geht es aus Zeitgründen nur um ein Spiel – das Sunday Night Game, das Innuendo der Baltimore Ravens als Titelanwärter und das Spiel, das die Patriots-Defense für einmal entzauberte.

Baltimore Ravens 37, New England Patriots 20

Fettes Sunday Night Game – mit einem überragenden Sieger: Die Baltimore Ravens demontieren angeführt von ihrem phänomenalen QB Lamar Jackson die New England Patriots. Jackson war dermaßen überzeugend, dass er im Nachgang an die Partie ernsthafte MVP-Anerkennung von u.a. Bill Barnwell bekam.

Die Ravens spielten eine blitzblanke Partie, die für GM DeCosta, ex-GM Ozzie Newsome (der Jackson 2018 draftete), Headcoach John Harbaugh und OffCoord Greg Roman wie die Erfüllung all ihrer Träume gewesen sein muss.

Die Ravens hatten inklusive QB-Scrambles fast 40 Rushes für 210 Yards und Jackson ging 17/23 für 163 Yards inklusive Pass-TD. In EPA/Play liest sich das so:

  • Dropbacks/Passing:52 EPA/Dropback für Jackson, 67% Success-Rate
  • Rushing:08 EPA/Rush für die Ravens

0.52 EPA/Pass ist ein gigantischer Wert (bei insgesamt 27 Dropbacks sind das satte 14 gewonnene Punkte für Jackson), doch auch 0.08 EPA/Run sind nicht von schlechten Eltern, wenn man bedenkt, dass der durchschnittliche Lauf in der NFL heute ca. 0.08 Punkte pro Spielzug verliert anstatt zu gewinnen.

Am Feld fühlte sich die Überlegenheit des Laufspiels dramatischer an, v.a. weil RB Ingram sich immer wieder mit viel Anlauf durch die Defense walzte, Jacksons Runs die Patriots komplett am falschen Fuß erwischten und auch die Backup-RBs Edwards/Hill effizient waren. Doch weil Fumbles ein derart zentraler Bestandteil von Laufspiel ist und Ingram einen bitterbösen Fumble tief in der eigenen Platzhälfte hatte, verloren die Ravens ein paar Punkte dadurch.

Doch das war der einzige Wermutstropfen für eine annähernd perfekt gespielte Offense. Jackson ist der Trigger schlechthin. Seine Athletik ist die Superwaffe, um die herum der Angriff gebaut ist – die Ravens spielten mit ihm Option-Pitches aus Pistol-Formationen, hatten immer wieder ein Backfield mit drei und teilweise vier Backs, sie spielten designte Runs… doch am Ende des Tages ist es Jacksons Entwicklung als Passer, die aus diesem Angriff aus einem nett anzusehenden Konglomerat aus Greg-Roman Run-Designs ein kleines Armageddon machen.

Die Patriots hatten nicht viele Antworten – aber sie haben Jackson immerhin das tiefe Passspiel weggenommen. Jackson reagierte mit blitzsauberem Kurzpassspiel, aus Play-Action und aus Empty-Formations. Es war eine rundum komplette Performance.

Dass Jackson die bislang ultradominante Patriots-Abwehr so zerlegte, sollte allen zu denken geben, die ihn einst als Wide Receiver oder Runningback verspottet hatten. Die Pats-Verteidigung tat sich extrem schwer. Die Linebacker waren zu langsam, die Defensive Line mit zu wenig Punch gegen die oft mit Vollspeed anrauschenden Backs. Erst als Belichick auf eine 4-Mann Front umgestellt hatte, wurde die Partie nach dem stürmischen 17-0 Start der Ravens etwas ausgeglichener, doch in der zweiten Halbzeit überrumpelte Baltimore die für ein Mal auch zu undisziplinierte Defense mit zwei entscheidenden, extrem langen und kräftezehrenden Drives.

Überhaupt fühlte sich die Partie wie ein Spiel mehrerer Phasen an:

#1 Aggressiver Ravens-Start: 17-0 Beginn mit drei langen Drives über 85, 54 und 77 Yards, in denen New England hoffnungslos aussah. Einer der TD kam erst nach einem unnötigen Defense-Fehler für Offside bei 4th Down an der Goal-Line zustande, als Baltimore gekickt hätte – nicht der einzige Defense-Bolzen an diesem Tag für New England.

#2 Patriots-Comeback, getriggert von zwei bitterbösen Turnovers: Muffed Punt und ein Ingram-Fumble führen zu Touchdown und Fieldgoal, während die Defense mit 4-Mann Front und mehr Gap-Disziplin die Ravens zeitweise etwas besser kontrollierte: Baltimore hintereinander mit Drives von 4 Yards, 10 Yards (inkl. Fumble) und 15 Yards.

#3 Belichick kickt Sekunden vor der Halbzeit von der 1-Yards Line ein Fieldgoal. Während der 2-min Offense der Patriots packt QB Brady plötzlich die ganz tiefen Pässe aus und zerlegt die Ravens-Verteidigung nach Strich und Faden… nur um an der Goal-Line wieder zu stottern. RB White verpasst den TD um Zentimeter. Bei 4th&Goal von der 1-yds Line lässt Belichick ein Fieldgoal kicken anstatt den besten Sneak-QB aller Zeiten zum TD und Ausgleich in die Endzone zu fallen. Damit 13-17 Rückstand für New England zur Pause.

#4 Defensive-TD für CB #44 Marlon Humphrey nach einem Edelman-Fumble stellt auf 24-13 – mitten in einem Drive, in dem die Pats-Offense mit viel Tempo und wenigen Huddles voll in einen Groove gefunden hatte. Baltimores Defense zahnlos – das zeigt sich zwar auch noch im anschließenden Patriots-Drive: Wieder so ein langer Drive mit extremem Tempo gespielt. New England verkürzte noch einmal auf 20-24.

#5 Doch dann legt die Ravens-Offense hintereinander zwei Monster-Serien mit totaler Ballkontrolle und „Clutch-Passing“ für Lamar Jackson hin: 14 Plays, 81 Yards in 8:10 Minuten zum TD und 14 Plays, 68 Yards in 9:35 Minuten zum TD. Im Sandwitch eine Brady-Interception bei einem tiefen Arm-Punt, und die Zeit war im Prinzip runtergelaufen. Im ersten der beiden Mega-Drives lässt John Harbaugh ein 4th&4 an der NE 38 ausspielen – erfolgreich und beim Stand von 24-20 nix was jeder dahergelaufene NFL-Coach so gemacht hätte. Die Entscheidung triggerte einen TD. Erst zum 30-20, später dann 37-20.

Du spielst das Spiel um es zu gewinnen, nicht um ohne Gesichtsverlust zu verlieren.

New England kann aber selbst aus dieser Partie ein paar positive Dinge ziehen: Offense ist zwar holprig, O-Line ist problematisch, wenn eine Defense mit aggressivem Pass-Rush heranrauscht wie Baltimore zu Beginn und QB Brady ist ganz klar nicht mehr auf der Höhe seines Schaffens, doch das brutale, zuletzt 2011 so gesehene Tempo, das Screenpassspiel für die Runningbacks und der neue WR #14 Sanu waren dann doch paar Lichtblicke, auf denen sich aufbauen lässt.

Dass man in der Defense bis auf wenige Momente in der ersten Halbzeit allerdings so wenig Zugriff bekam, wird Belichick zu denken geben… oder nicht? Ich bin mir bei Belichick nie ganz sicher, ob er in der Regular Season einen Stinker hinlegt, oder ob es ein Troll-Move war. Fieldgoal von der 1 ist etwas, das Belichick in der Post-Season nie machen würde. War es ein Move um der Liga zu signalisieren „sehr her, die Patriots machen es, also muss es gut sein!“?

Oder: Ließ man Jackson gewähren um so viele Informationen darüber, wie man gegen ihn spielen muss, zu sammeln – nur um im Jänner dann den ganz überraschenden Game-Plan mit sieben schnellen Defensive Backs hinter einer Mammut-D Line aufzufahren?

Die Zeit wird es zeigen. Wie man auch aufpassen sollte, die Patriots-Verteidigung vorschnell abzuschreiben. Die Regression war unausweichlich – und die besten Defenses der NFL-Geschichte hatten ihre Debakel.

Baltimore jedenfalls stellt mit dieser Sternstunde auf 6-2. New England bleibt mit 8-1 Bilanz der Favorit auf den #1 Seed, hat nun aber einen möglicherweise ernsthaften Konkurrenten im Rennen um Heimvorteil in den Playoffs mehr.

10 Kommentare zu “Establish the Review – NFL Woche 9: Entzückend!

  1. Gut zusammen gefasst. Wobei die Frage nach Belichick Game Plan für den Januar berechtigt ist.
    Er blieb während des Spiels ruhig an der Seitenlinie und hat laufend Notizen gemacht.
    QB Brady ist langsamer geworden in seinem Wirken, auch sein Punch hinter den Würfen hat nachgelassen, dies mein Eindruck nach diesem Game.
    Zeigen wird es sich nach der Bye Week, wenn sie dann bei den Eagles spielen,, die ebenfalls eine Ruhepause haben, die Cowboys empfangen, zu den Texans reisen und die Chiefs zu Hause spielen.

  2. Trotz der Niederlage hat die Offense in der Phase, in der sie so krass auf Tempo gespielt hat und quasi non-stop im no-Huddle Modus operiert hat, aus meiner Sicht so gut ausgesehen, wie die ganze Saison noch nicht. Die INT und Edelmans fumble trüben da dann natürlich den gesamt Eindruck. Aber diese im Artikel angesprochene no-Huddle Offense der Patriots aus den Jahren um 2011 war für mich immer äußerst attraktiv anzuschauen und ich Frage mich schon seit langem bzw. bedauere es, dass man in den letzten Jahren wieder davon weggegangen ist. Deshalb hab ich mich, trotz Niederlage, wirklich darüber gefreut, dass es die Offense doch noch drauf hat, dieses Tempo zu bringen.
    Collinsworth hat es glaube ich darauf zurück geführt, dass man so die Unterlegenheit der OLine kaschieren wollte, indem man die DLiner so müde machen wollte und ihnen noch dazu keine Zeit zum wechseln geben wollte um damit den Pass Rush einzudämmen…
    Ansonsten: natürlich absolut verdienter Sieg der Ravens. Gerade im ersten Viertel hatten die ja gefühlt 14 Minuten lang den Ball und die Offense der Patriots fand überhaupt nicht statt.

  3. Tolles Spiel, Ravens als völlig verdienter Sieger und meine Güte ist Lamar Jackson eine Offenbarung!!! Das gefällt mir brutal gut, dass zur Zeit mit Mahomes, Watson und Jackson drei junge, mobile QBs nicht nur durch Scrambling sondern auch durch tolles Pocket Passing so dominieren.

    Zwecks Patriots Offense stimme ich Rantanplan zu, phasenweise sah die Pats Offense so gut aus, wie die gesamte Saison noch nicht. Gerade der No-Huddle Drive nach Edelman’s Fumble im dritten Quarter: 11 Plays, 75 yards, 4:18 min. Bei James White’s Touchdown Lauf hatte ich den Eindruck, dass die Ravens Front-Seven völlig resigniert war und keine wirkliche Chance hatte, den TD zu verhindern.

  4. @Rantanplan: Ich verstehe diesen Punkt die Defense müde zu machen schon seit längerer Zeit nicht wirklich und frage mich woher das Argument kommt. Müssten O-Liner nicht in gleichem Maße müde werden oder sind D-Liner nicht so fit wie O-Liner? Rein optisch hätte ich gedacht, dass eher die O-Liner nicht so fit sind. Vielleicht vertue ich mich da aber auch.
    Aber dennoch müssten die beiden Lines doch eigentlich gleichermaßen müde werden.

  5. Gutes Spiel, gute Zusammenfassung. Das Gefühl mit den Phasen kam bei mir auch auf und trifft es ganz gut.
    Absolut verdienter Sieg der Ravens, allerdings würde ich ebenfalls darauf wetten, dass ein nochmaliges Aufeinandertreffen in den Playoffs ganz anders laufen würde/wird. Die Erkenntnisse die Belichick aus diesem Spiel gewonnen hat (oder auch gewinnen wollte?!), sind absolut nicht zu unterschätzen.
    Dass die Patriots nicht so gut sind, wie es ihr 8-0 Record glauben machen wollte, ist bekannt. Die selbsternannten Boogeyman haben des Öfteren offensichtliche Schwierigkeiten mit dem Speed. Die Offense, meiner Meinung nach, saisonübergreifend immer mal wieder Redzone-Probleme.
    Trotz alledem bleiben sie weiterhin das Team das es zu schlagen gilt.

  6. @blu blab: Ich glaube, dass das Spielen in der D-Line gemeinhin als anstrengender gesehen wird. Dadurch wird dort auch mehr rotiert, abgesehen von den Rotationen wegen spezifischen Spielsituationen. Mangels Erfahrung kann ich aber nicht beurteilen, ob das ein Mythos ist, oder ob das D-Line spielen wirklich anstrengender ist..

  7. Offense bringt den Ball ins Spiel bzw. kennt die Situation vorher und Defense muss reagieren bzw. sich auf viele Situtationen vorbereiten. Die Anspannung ist auch dadurch höher. Einen Block zu setzen ist auch weniger anstrengend, als ihn zu durchbrechen.
    Darüber hinaus ist es einfacher Territorium zu erobern als es zu verteidigen 🙂

  8. @blu blab: kenn mich da auch zu wenig aus, um das sicher sagen zu können. Würde mich da aber Öwi und GreenBayCherry argumentativ anschließen

  9. Würde mir jedenfalls wünschen, dass No-Huddle wieder einen größeren Stellenwert bei den Pats bekommt. Allein schon aus ästhetischer Sicht. Für mich ist einfach eine No-Huddle Offense um ein Vielfaches attracktiver zum anschauen. Es gibt dem Spiel einen Fluss, der meinen Sehgewohnheiten als einem mit Fussball (bzw allg. Ballsportarten mit fortlaufendem und nicht in einzelne Spielzügen aufgebautem Spiel) groß gewordenen Europäer dann doch sehr entgegenkommt.

  10. wenn die offense aus der Puste ist kann die ja einfach langsamer machen, die defense muss halt fressen was ihr vorgestzt wird. Außerdem weis die offense ja was kommt, das ist menatl einfacher.

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