Die neunte Kerze brennt

Zugegeben: Mit dem Jubiläum, das Deutschland heute feiert, kann der neunte Blog-Geburtstag von Sideline Reporter nicht mithalten. Trotzdem wie jedes Jahr ein kurzer Blick hinter die Kulissen.

Mit ist gerade im letzten Jahr aufgefallen, wie sehr sich das Ziel geändert hat, das ich mit diesem Blog eigentlich verfolge. Ursprünglich habe ich überhaupt nur deshalb angefangen über die NFL zu schreiben, weil ich total unzufrieden war, wie in hiesigen wie in amerikanischen Medien über die NFL berichtet wurde – und weil ich mir als „Lerntyp Schreiben“ die Dinge schon immer mit einer schriftlichen Notiz gemerkt habe.

Damals…

Vor Blog-Start ging ich relativ blank in die TV-Übertragungen, die ich seit rund 2003 intensiver verfolgte – seit der Saison 2004 wirklich wöchentlich. Ich fragte mich schon ganz zu Beginn, warum die NFL so viele Spielzüge mit sinnlosen Läufen verbrannte und warum die Coaches so wenige Eier hatten. Diesen Kontrast – mal richtig zu gambeln und sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen – fiel mir extremst auf als ich ab Ende 2006 begann, auch College Football zu schauen. Dort hatte niemand ein Problem damit, in der letzten Minute auf Sieg anstatt auf Overtime zu spielen oder in der Crunch-Time Trickspielzüge auszupacken um die Defense ins offene Messer laufen zu lassen.

In Madden Football lebte ich prächtig damit, Luftangriffe mit 900 Passversuchen pro Jahr zu starten und mit Ausspielen von fast jedem 4th Down holte ich Perfect Seasons und Superbowls in den hohen Schwierigkeitsstufen. Doch das war bestimmt nur Video-Game und hatte nichts mit Realitäten zu tun. Theorie ist nicht Praxis! Virtuelle Realität ist nur Science-Fiction. Wir leben aber in der echten Welt, und dort läuft alles anders!

Diese Verwirrung merke ich noch heute in meinen alten Blogtexten. Schon vor Blogstart 2010 war ich eingeweiht in DVOA und die grandiose Pionier-Statistikseite Advanced NFL Stats, die die meisten meiner Gefühle bestätigten: Laufspiel bringt recht wenig, Punten ist schädlich und mobile QBs wie Michael Vick wurden total falsch eingesetzt. Doch ich traute mich zu lange nicht, das alles zu glauben. Schließlich wussten NFL-Coaches bestimmt wovon die sprachen.7

…und heute

Heute ist das Problem ein anderes: Es ist nicht mehr schwierig an Informationen zur NFL zu kommen. Vielmehr ist es schwierig, aus einer erdrückenden Informationsflut das richtige herauszufiltern. Signal von Noise zu trennen. Besonders mit der großartigen Aufbereitung des frei zugänglichen NFLscrapR Package einiger amerikanischer Studenten ist eine Community ins Rollen gekommen, die heute Analysen in einer ungekannten Geschwindigkeit vorantreibt – die besten aus der Community werden gerade von PFF oder der NFL selbst aufgesaugt und sorgen dort für weitere Quantensprünge in unserem Verständnis von Football.

PFF und andere große Portale haben über die Jahre ein immenses Volumen an Informationen gesammelt. Diese Datenflut wird nun mit statistischen Methoden zu neuen Erkenntnissen verwertet – und der nächste Schritt wartet bereits: ESPN lässt seine Algorithmen arbeiten um mit Tracking-Daten von Next-Gen Stats das Geschehen am Feld ohne weitere Handarbeit abzubilden.

In den letzten 18-24 Monaten sind zahlreiche alteingesessene Glaubensvorstellungen von American Football in der NFL infrage gestellt worden: Dass Coverage wichtiger sein soll als Pass-Rush, hätte vor zehn Jahren kein Schwein (außer Belichick) geglaubt. Dass Offense Line wichtiger ist als die Star-Passrusher in der Defense Line? Auch nicht. Dass sogar Quarterbacks wichtiger dafür sind als die Offense Line, was ihren eigenen Schutz angeht? So gegen jede Intuition, dass man gar nicht auf die Idee gekommen wäre.

Die große Analytics-Revolution ist erst ins Rollen gekommen – und sie sorgte gerade in der letzten Offseason für zahlreiche Aha-Effekte – aber auch belustigende Momente, Glaubenskriege zwischen Alt und Neu. So war für mich die letzte Offseason die spannendste seit langem.

Ein weiteres Beispiel für die Veränderungen seit 2010: Meine Twitter-Timeline. Ich bin kein großer Twitterer, auch weil ich nur in vereinzelten Momenten untertags überhaupt dort unterwegs bin. Doch wo ich vor fünf Jahren Mühe hatte, überhaupt 20 wirklich hervorragende Accounts – ich spreche von Güteklasse Smart-Football, Bill Barnwell, Ben Baldwin, Kevin Cole oder auch Adrian Franke – zu einer NFL-Liste zusammenzubekommen, so ist diese wirklich mit Bedacht ausgewählte Liste heute auf über 100 Accounts angeschwollen.

Kurzum: Das Problem liegt heute im Filtern, nicht mehr im Suchen.

Es war früher nicht „besser“ oder „schlechter“, NFL-Fan auf Suche nach der relevanten Information zu sein. Es war halt anders. Es war damals aufregend, überhaupt was Gescheites zu finden. Heute ist es aufregend, alle paar Wochen was wirklich Neues zu finden mit dem man seine bisherige Vorstellung anpassen muss.

Anpassung an Veränderung – wird sowieso in den nächsten Jahrzehnten die Herausforderung schlechthin, ob NFL oder richtiges Leben.

Warum also trotzdem noch Bloggen?

Ganz einfach:

  1. Es macht noch Spaß.
  2. Ich habe wieder mehr Zeit.
  3. So viel Neues, das aufgesaugt und gemerkt (und damit dokumentiert und in Kontext gesetzt) werden will.

Die Zeit gerade erinnert mich an die College-Football Zeit um 2007 und 2008 herum. Es ist so viel Bewegung drin, so viele Ansätze wie lange nicht, die aus dem Einheitsbrei, den gerade die NFL über lange Zeit symbolisierte, herausstechen. Ich denke nicht, dass uns die Themen auf absehbare Zeit ausgehen werden. Ich würde mir das ohne Blog auf meiner privaten Maschine vermerken. Doch ich denke, es wird online bleiben.

Das letzte Jahr sah mit 425 Artikeln einen Anstieg der Aktivität im Vergleich zu den Jahren 2016-2018. Haupt-Fokus der Offseason war das Thema Analytics, doch ich habe auch beim verwandten Thema Draft-Scouting so viel wie lange nicht gelernt – und ich habe es endlich geschafft, die College-Football History Serie zu schreiben.

Doch nicht nur deshalb tummelten sich auf diesem Blog mehr Leser als früher – rund ein Fünftel der aktuellen Stammleser ist in den letzten 12 Monaten neu dazugekommen. Das äußert sich in einem neuen Klickrekord im letzten Jahr – zum ersten Mal wurden nicht nur die Siebenhunderttausend geknackt, sondern sogar die Achthunderttausend: 850.521 Zugriffe.

Mit über 3.121 Kommentaren war auch die Kommentarspalte so lebendig wie lange nicht, und obwohl ich auf Twitter nach wie vor so gut wie inaktiv bin, sind insgesamt 354 neue Subscriptions dazugekommen. All das sind kleine, bescheidene Zahlen. Die Masse ist woanders – doch ich könnte nicht sagen, dass mir das Unrecht ist.

Und damit zu den Zahlen:

Blog Stats 2019

Lass uns schauen, was die Zukunft bringt.


NB: Wer es genauer vom Blog-Kollegen Herrmann wissen will – kein Problem: Er hat seine Geschichte schon vor drei Jahren gepostet.

27 Kommentare zu “Die neunte Kerze brennt

  1. Herzlichen Glückwunsch und ein riesengroßes Dankeschön von einem ansonsten stummen Stammleser. Ich mag mir den Aufwand hinter dieser Seite gar nicht ausmalen und kann nur meinen Respekt ausdrücken.

    Diese Seite sucht an Themen ihresgleichen und für mich ist jeder Tag mit einem neuen Artikel zum Aufstehen serviert eine Freude.

    DANKE

  2. Ein weiterer, sonst stummer Stammleser bedankt sich!
    Mit dem aufkommenden Football-Hype von Pro7Maxx usw. warst du zunächst eine willkommene Begleiterscheinung, weil ruhig und mit Abstand anlysierend. Heute würde ohne diesen Blog mein Interesse an der NFL deutlich abnehmen.

    Danke und weiter so!

  3. Und auch in diesem Jahr herzlichen Glückwunsch. Von der Qualität her ist das hier meine liebste Anlaufstelle für NFL-Informationen. In Zeiten, in denen jeder seinen eigenen Podcast versucht aufzunehmen, tut es gut auch mal ruhig ein paar Zeilen zu lesen.

  4. Herzlichen Glückwunsch zur 9ten Kerze 😉 , auch von mir und weiter so . Mit meinen Newsfeed verfolge ich schon seit Jahren das geschehen hier und ! ich habe hier viel gelernt über Football , es sind sehr interessante analytische Artikel , über die man sich Gedanken machen sollte. Aber , ich bin halt ein Bauch-Mensch 😉 , wobei es für mich auch besser gewesen wäre sich auf meinen Verstand zu verlassen !

  5. Herzlichen Glückwunsch. Auf weitere spannende und interessante Jahre auf diesem erstklassigen Blog!

  6. @Korsakoff & Kollegen: Twitter ist nicht mein Ding und auch wenn ich eine PFF Subscription habe, ist deine/Eure Arbeit für mich wertvoll um Football zu verstehen. Niemand erklärt es so schön für einen Outsider wie mich und hält mich über die verschiedenen News im Analytics Bereich auf Stand.

    Big and Fat THX!

  7. Gratulation zur 9. Kerze.

    kannst du die twitter liste public machen?
    die College Football Liste ist public, die NFL Liste nicht.

  8. Ich schließe mich an, Glückwunsch zum 9ten Geburtstag und vielen, vielen Dank für die Arbeit und die tollen Gedanken, die für mich inzwischen fest zu meiner Football-Woche gehören.

  9. Die deutsche NFL Landschaft hat sich wirklich stark verändert, und vor ein paar Jahren hätte ich gesagt dass das gut ist, aber mittlerweile hat #ranNFLsuechtig so viele Ahnungslose angespült, dass ich mir nicht mehr sicher bin ob das so positiv ist. Twitter kann man eigentlich nicht mehr folgen. Früher in der Nische war dann doch alles irgendwie kuscheliger!
    Aber der Sideline Reporter hat sich im Großen und Ganzen nicht verändert und bleibt der Anker, der den Football immer erträglich macht!

  10. Auch von mir beste Glückwünsche und allerbesten Dank für diesen Blog, der im deutschsprachigen Raum der beste ist und es auch mit den besten „Amis“ jederzeit aufnehmen kann. Seit hier das Thema Analytics detailliert beschrieben und erklärt wird, sehe ich den Sport inzwischen mit anderer Wahrnehmung. Trotzdem bleibt zu hoffen, dass der Sport dadurch nicht „berechenbarer“ wird, sondern die Überraschungen, und damit verbundenen Emotionen, uns jubelnd nach einem dramatisch gewonnenen oder enttäuscht nach einem in letzter Sekunde unerwartet verlorenen Spiel unserer Helden zurücklässt. Fassungslos natürlich.

  11. Ich bin mir nicht sicher, wie groß die Feierlichkeiten in Deutschland wirklich ausfallen. Die Medienberichte klingen eher kritisch-unterkühlt: „Gib uns nochmal 30Jahre, vielleicht wirds dann“. :/
    Dass Du mehr Zeit hast, ist eine Supernachricht! (Ist allerdings auch aufgrund der Artikelzahl und -länge nicht unbemerkt geblieben. 😀 )

    Wann ist denn saisonal der beste Tag? Ist es immer der Superbowl bzw. dessen Vorbericht?

    In diesem Sinne: Danke! Du bist und bleibst ein wertvolles Signal im Rauschen.

  12. Vielen Dank für die Arbeit und Mühen. Eine unersetzliche Quelle für Football im deutschsprachigen Raum.

  13. Auch ich als mittlerweile siebenjähriger stummer Leser möchte euch gratulieren und meinen Dank aussprechen!
    Mir hat dieser Blog neben extrem viel Lesefreude und fast täglichem Reinklicken ob eines neuen Beitrags einfach ganz viel Footballwissen vermittelt.
    Weiter so!

  14. Von mir auch ein fettes Danke. Bin eigentlich mind. 1x am Tag auf deiner Seite. Wie ich aber gerade merke habe ich noch nie etwas geschrieben. Und bei mir ist es auch so, dass mein Interesse an der NFL ohne diese Seite abnehmen würde. Auch weil ich momentan nicht mehr jedes WE die NFL im TV verfolgen kann. Und nachdem ja leider Dogfood nicht mehr bloggt, bist du meine wichtigste Info Quelle für die NFL.

  15. Von mir als bislang stillen Mitleser auch ein großer Dank. Bin über Football zu Twitter und darüber auch auf diesen Blog gestoßen. Gerne so weitermachen

  16. Bin noch relativ neu hier und ich finde es sehr schade, dieses Juwel nicht schon viel früher entdeckt zu haben. Warum findet man die Seite so schwer? Die Möglichkeiten für Promotion wären heute ja eigentlich gegeben.

    Der sehr ausgleichende Ton ist mir jedenfalls sofort aufgefallen und daher klicke ich seit einem halben Jahr jeden Tag in der Früh als erstes hierher um zu schauen welcher neue Artikel online ist 😀

  17. Ich weiß gar nicht mehr wann ich angefangen habe hier zu lesen, nur dass es war bevor alle Spiele im FreeTV liefen. Den ersten SB den ich live gesehen habe müsste der zwischen Ravens und 49ers gewesen sein.
    Danke für diesen Blog damals gab es ja noch nichts auf Deutsch!
    Wobei mir abgesehen von Adrian Franke sonst auch niemand einfällt.

    Und nimm bitte Deadspin von deiner Empfehlungsliste, da sind alle(!) weg die da waren.
    Drew Magary schreibt bei Vice über die NFL https://www.vice.com/en_us/article/vb58ad/the-gig-economy-never-leaves-you

  18. Ja, ich habe die Liste seit langem nicht überarbeitet, wird irgendwann wieder mal Zeit.

    Deadspins Entwicklung im letzten Monat war tragisch. Es war vor ein paar Jahren Top-3 unter meinen Favoriten. Sie hatten immer einen passenden Joke zum Geschehen auf Lager.

  19. Möchte mich den Vor“rednern“ anschließen.

    Schade, daß es dieses Jahr nur so wenig über College Football gegeben hat, aber dafür ist der NFL Content grandios. Und den Schreibstil liebe ich sowieso. Also immer weiter so!

  20. Vielen Dank und Glückwünsch! Auf das noch Viele Jahre und Artikel folgen werden. Lese jeden Beitrag und kommentiere eigentlich nie. Werde aber in Zukunft dazu Beitragen auch die Kommentar Stats zu pushen 😀

  21. Auch von meiner Seite Glückwunsch und vielen Dank für deine überragende Arbeit!

    Als Patriots-Fan ist man immer mal wieder am Zweifeln, wieso man sich denn diese – von vielen so verhasste – Franchise ausgesucht hat. Da gibt es noch so viele andere, tolle Franchises, mit denen man immer mehr sympathisiert. Aber das ist auch das schöne an der NFL. Dieser Blog gibt einem dann aber auch immer wieder Hinweise, dass Bill Belichick eben doch einer von wenigen Verantwortlichen ist, der aus Analytics-Sicht mehr richtige als falsche Entscheidungen trifft.

    Auf der anderen Seite ist es auch witzig zu sehen, wie sich der von dir toll betitelte „Glaubenskrieg Alt gegen Neu“ in meinem Football Umfeld abspielt: viele Freunde und Bekannte, seit Jahren Fans und teilweise selbst in (Amateur-)Footballteams in Deutschland (GFL, Regionalliga BaWü, Oberliga BaWü), sind nicht d’accord mit vielen Analytics-Erkenntnissen. Seien es Leute, die selbst Running Back spielen oder Leute, die studieren und die Grundsätze der empirischen Forschung verstanden haben. 😀

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