Montagsvorschauer, Woche 10: Spitzenspielalarm bei San Francisco – Seattle

Abschluss von Woche 10 mit dem heutigen Monday-Night Kracher San Francisco 49ers (8-0) vs. Seattle Seahawks (7-2). Es ist nicht nur die Wiederauferstehung einer der markantesten NFL-Rivalitäten dieses Jahrzehnts (Harbaugh vs. Carroll 2012 bis 2014), sondern als Divisionsspiel in der NFC West auch von entscheidender Bedeutung im Rennen um das NFC-Playoffrennen 2019.

Ganz kurz zu den Rahmenbedingungen:

  • Die 49ers sind das letzte ungeschlagene Team. Auch wenn sie im Sommer als dark horse galten: Sie haben damit die kühnsten Träume der größten Optimisten übertroffen. Ihr Erfolg fußt bislang auf einer der besten Defenses der Liga (#2 nach EPA/Play). In der Offense sind sie nur knapp oberhalb von NFL-Durchschnitt angesiedelt – haben aber im Passspiel in den letzten Wochen massive Fortschritte gemacht.
  • Seattles Defense ist mittlerweile doch deutlich unterhalb von NFL-Durchschnitt gefallen. Der Erfolg der Seahawks hängt prinzipiell fast allein von der Tagesform des QBs Russell Wilson ab, der eine atemberaubend gute Saison spielt. Doch ein versteckter „Erfolgsfaktor“ ist auch, dass OffCoord Brian Schottenheimer das ganz krasse „establish the run“ eingestellt hat: Seattle ist in Early-Downs mittlerweile im Liga-Mittelfeld, was die Run/Pass Quote angeht.

Und damit ein bissl Sprung in die Tiefe bei einigen Aspekten.

Perspektive für die 49ers-Defense

Nicht die Shanahan-Offense, sondern die 49ers-Defense, ist bislang also der Haupt-Treiber für den Erfolgslauf in San Francisco. Nach EPA/Play ist die Niners-Defense mit -0.26 EPA/Play die #2 der NFL:

  • EPA/Dropback: -0.33 EPA/Pass (#2 der NFL)
  • EPA/Run: -0.14 EPA/Run (#10 der NFL)

Besonders die Zahlen der Passing-Defense sind überraschend: Die einzigen beiden nennenswerten Verstärkungen zur aktuellen Saison waren DE Dee Ford (für einen 2nd Rounder als San Francisco) und DE Nick Bosa (1st Round Draftpick). Beide haben mit insgesamt 60 QB-Pressures und 14 Sacks natürlich ihren Part geliefert, aber der wahre Trumpf ist die Stabilität auf Cornerback und in der Spielfeldmitte – und just dort war personell eigentlich kaum etwas gemacht worden.

Ich wiederhole mich gerne von meinem Preview-Artikel von vor zehn Tagen: Vier 49ers-Cornerbacks sind bei PFF in den Top-20 der Cornerbacks  gerankt:

#4 Richard Sherman
#7 K’Waun Williams
#9 Akhello Witherspoon
#20 Emmanuel Moseley

„Vorne“ in der Front-Seven sieht z.B. der Film-Analyst Grant Cohn noch mehr DT Buckner als die beiden Edge-Rusher als kritischen Erfolgsfaktor. Doch in die allgemeinen Lobeshymnen um diese #2 Defense von DefCoord Robert Saleh mischen sich auch Zweifel.

Ben Baldwin, Autor bei The Athletic und mit seinem Statistik-Hintergrund eine der momentan prominentesten Figuren der Analytics-Bewegung, macht auf seinem Twitter-Account und in einem sehr hörenswerten Podcast beim „Power Rank“ Ed Feng darauf aufmerksam, dass San Francisco bislang keinen der Top-15 Quarterbacks nach EPA/Play und CPOE (Completion% over Expected) gesehen hat. Der beste von allen war noch Kyler Murray aus der unkonventionellen, aber in individueller Klasse überschaubaren Cardinals-Offense.

Mini-Exkurs: Ich habe schon mehrmals darüber geschrieben, aber man muss es noch einmal betonen: Offense ist stabiler als Defense, und zwar um den Faktor 1.6. Zu behaupten, dass Defensive EPA/Play vor allem ein Abbild des bisherigen Offensiv-Spielplans wäre, ist mir eine Spur zu krass, doch Punkt ist: Es ist wesentlich sicherer, von einer bislang großartigen Offense auch von einer weiterhin großartigen Offense auszugehen, als beim Pendant Defense. /Exkurs-Ende

Und daher wartet San Francisco Regression. Wahrscheinlich sogar harte Regression: Man sieht in der zweiten Saisonhälfte noch zahlreiche Top-QBs (2x Russell Wilson, Rodgers, Lamar Jackson, Brees, Matt Ryan). Baldwins mutige Prognose in oben verlinktem Podcast: Die 49ers, heute an #2 Defense gerankt, sind am Saisonende nicht in den Top-10 nach EPA/Play klassiert.

Heutiger Gegner: Russell Wilson

Losgehen dürfte es mit der schrittweisen Entzauberung der Niners-Abwehr eben heute, denn in Wilson wartet der bisherige Topfavorit auf den MVP-Award. Wilson hat zur heurigen Saison noch einmal einen Leistungssprung gemacht und ist mit seinem Scrambling und seinem phänomenalen Deep-Passing auf einem Level angekommen, dass er selbst die größten Kritiker („mit ihm kann man keine geregelten Timing-Offense spielen, daher haben wir lieber Jacoby Brissett für 10 Mio.“) überzeugt.

Wilsons Connection mit WR #16 Tyler Lockett (dem deep threat), Rookie-WR #14 DK Metcalf (der fast nur 10yds links draußen an der Seitenlinie angespielt wird) – und vielleicht bald auch mit dem von New England geclaimten WR Josh Gordon ist brutal. Wilson ist tödlich im Aussteigen-Lassen von Pass-Rush – und wenn heute Bosa/Ford keinen schnellen Zugriff bekommen, dürfte es ein paar Big-Plays hageln.

Eine andere Frage wird der Game-Plan sein. Schottenheimer zeigte sich letzte Woche überraschend adaptiv, als er Tampa Bay mit einem passlastigen Game-Plan verblüffte. Wie sieht das heute gegen San Francisco aus?

Theoretisch ist wieder mehr Early-Down Rushing zu erwarten – doch hier hat Seattle auch einen Trumpf: Inside-Zone Running. Dagegen fanden die 49ers heuer bislang kein gutes Gegenmittel. Sollte Schottenheimer also wie zu befürchten ist wieder mehr laufen, so könnte man den Schaden durchaus limitieren.

Und die 49ers-Offense?

Die Offense der 49ers wird so sehr gefragt sein wie noch die ganze Saison nicht. QB Jimmy Garroppolo hat in den letzten Wochen durchaus Fortschritte gemacht und zerpflückt Defenses aus einer sauberen Pocket mittlerweile wie ein Weltmeister.

Seattles Defense hat einer Offense mit so vielen Kniffen und so guten Playmakern theoretisch nicht viel entgegenzusetzen – im Gegenteil: Weil sie ohne Pass-Rush und mit einem inadäquaten Secondary-Personal sehr häufig in Base-Personnel bleiben muss, kriegen gegnerische Offenses v.a. über die Spielfeldmitte in schöner Regelmäßigkeit Gratis-Yards präsentiert.

Diesbezüglich gibt es nun zwei kritische Personalien bei den 49ers:

  • FB Kyle Jusczyk soll wieder zurückkehren, was die Defense in noch mehr Base-Personnel mit vielen Linebackers zwingt.
  • Aber TE George Kittle ist fraglich. Ohne ihn fehlt der Offense eine gewaltige Matchup-Waffe für eben jene einfachen Pässe in der Spielfeldmitte.

Unabhängig davon fragst du dich als Beobachter, wie Seattle die Combo Garroppolo/WR Emmanuel Sanders stoppen will. Sie ist gut genug für eine Handvoll bitterer 3rd-Down Conversions um die Drives am Leben zu halten.

In Summe…

…ist das ein Duell mit hohem Sexappeal. Beide Matchups Offense vs. Defense fühlen sich wie Vorteil Offense an. Ich erwarte, dass Schwachstellen in beiden Defenses offengelegt werden und kann mir durchaus ein Resultat in der Range mit roundabout 30 Punkten für beide Teams vorstellen. Also: Einschalten!

3 Kommentare zu “Montagsvorschauer, Woche 10: Spitzenspielalarm bei San Francisco – Seattle

  1. Sehr gute Vorschau, trifft es auf den Punkt.
    Was für ein intensives Game. Von jedem beidseits alles abverlangt. Schön und flüssig war nicht, dafür rentabel für die Werbeeinblendungen.

  2. Jein, denn die Offenses haben im Prinzip kaum einen Stich gemacht. Das meiste Scoring ist von den Defenses vorbereitet worden:

    Seahawks -0.29 EPA/Play
    49ers -0.37 EPA/Play

    Russell Wilson mit -0.46 EPA/Pass. Das ist ein unterirdischer Wert. Wilson mit sehr vielen Sacks und einer brutalen Interception in der Overtime.

    Garroppolo mit -0.41 EPA/Pass und zwei bösen INTs.

    Der Win-Probability Graph sieht dennoch ein spektakuläres Spiel, das hin und her ging:

    Aber von der prophezeiten Defense-Regression bzw. Offense-Dominanz war nicht viel zu sehen.

  3. So wie ich das verstehe, behauptet Ben Baldwin aber, dass die Niners von Woche 10-17 nicht in den Top 10 nach EPA/Play stehen, nicht über die ganze Saison gesehen.

    Auch das sieht er jetzt vielleicht anders, nachdem man Russ ziemlich dominiert hat.

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