Akademische Viertelstunde nach dem Spiel des Jahres – Woche 11

NB: Establish the Review mit dem NFL-Rückblick kommt heute erst am Nachmittag. Zuerst ein Blick zurück auf das College-Footballwochenende: Alabama vs. LSU und ein detaillierter Blick auf das Playoff-Szenario.

Alabama 41, LSU 46

Der College-Football Kracher #3 Alabama vs. #2 LSU hat gehalten was er versprochen hat, und es war die punktefreudigste Partie in der Geschichte dieser mehr als 120 Jahre alten Rivalität.

Wie mittlerweile jeder weiß: LSU hat die Partie 46-41 gewonnen und damit schon den vielleicht entscheidenden Sprung in Richtung SEC-Finalqualifikation geschafft (ein Spiel Vorsprung auf Alabama bedeutet, dass man zwei von drei ausstehenden Spielen verlieren müsste).

Ich habe die Partie im Live-Tweet begleitet. Ein paar zusammenfassende Gedanken zur Partie seien hier noch nachgeführt:

  • Die Gesamtqualität des Gebotenen gehörte zum Besten, was College Football in den letzten Jahren gesehen hat. Die schiere Masse an NFL-Talent am Spielfeld war offensichtlich, der Speed mehr mit NFL als mit Standard-College Football vergleichbar.
  • SEC goes WAC: Die beiden SEC-Flaggschiffe Bama und LSU spielten prinzipiell den Football, über den sie jahrelang gelacht haben.
  • Beide Offenses waren den Defenses teilweise haushoch überlegen. Extrem viele weit offene Receiver zeugten von herausragendem Skill-Player Personal, aber auch von starkem Offense-Coaching. Vor allem, wenn man die hohe Qualität der Defensive Backs auf beiden Seiten in Betracht zieht.
  • Die Quarterbacks waren beide überzeugend. LSUs Joe Burrow natürlich eine absolute Granate. Burrow genoss natürlich besagten Vorteil von vielen freien Anspielstationen, doch das schmälert eine 31-von-38, 350 Yards-Performance mit 2 TD und einigen sauberen Scrambles nur marginal. Burrow musste mehrere heftige Hits einstecken und lieferte in der Crunch-Time auch bei kollabierender Pocket einen fetten Wurf nach dem anderen. Seine Vorstellung war nicht absolut fehlerfrei, aber das kann man auch nicht erwarten.
  • Auch Alabamas Tua Tagovailoa konsolidierte sich mit einer großartigen zweiten Halbzeit mit 4 Touchdown-Drives. Tua wirkte vor der Pause etwas verunsichert. Es schien v.a. mit seiner Knöchelverletzung zusammenzuhängen – er traute sich nicht, sich voll in die Würfe hineinzulegen. Nach der Pause relativierte sich das Problem und Tua nahm riskantere Pässe. Am Ende bleibt natürlich aber Tuas bitterer, unerzwungener Fumble gleich im ersten Drive hängen, der den Ton für die restliche Partie settete: Statt TD Alabama stand es gleich im Anschluss schnell 0-7, ein Rückstand, den Alabama nie mehr aufholen sollte.
  • LSU-Runningback Edwards-Helaire war einer der heimlichen Stars der Partie – mit 70% Rushing-Success Rate und weil er in kritischen Drives gegen Ende der zweiten Halbzeit einige Clutch-Plays machte.
  • LSU strauchelte im dritten Viertel und schlafwandelte sich durch mehrere Drives, und ließ Alabama plötzlich und ohne Not wieder herankommen. Als es kritisch zu werden drohte, schaltete Burrow aber wieder einen Gang höher und legte zwei kritische TD-Drives auf.
  • Ausgerechnet Alabamas Defense war der größte Problem der Partie. Abgesehen vom fulminanten Edge-Rush um den brutal antrittsschnellen Terrell Lewis war das eine mehr als wackelige Performance. Selten, dass man FS Xavier McKinney so oft hat ins Leere greifen sehen. Auch die Defensive Backs bekamen nur im dritten Viertel wirklich Zugriff auf LSUs Receiver-Armada.
  • Die LSU-Defense war nicht wesentlich besser – sie ließ sogar u.a. zwei TD über 60 und 85 Yards zu. Auch hier sah man fulminante Athletik, starke Athleten, doch im Verbund gab es immer wieder die eine Schwachstelle zuviel. In der zweiten Halbzeit sah die Defense mehrere Drives lang überhaupt kein Land, physisch wie schematisch nicht. Auch aus Safety-Juwel Delpit wird man nicht immer schlau: Eine nahezu ideale Schachfigur, aber ausreichend verpassten Tackles und Assignments, dass einen sofort Zweifel ob des oft kolportierten Top-10 Draftstatus von Delpit beschleichen.
  • Auch Analytics kam nicht zu kurz. LSU hatte am Ende des dritten Viertels ein 4th & 1 kurz nach der Mittellinie. LSU-Coach Orgeron entschied sich zu punten – und CBS‘ Gary Danielson goutierte die Entscheidung mit einem simplen „it’s correct. Don’t take unneccessary risks. Don’t be reckless.“ Verantwortungslos. Wenig überraschendes Resultat von Oregerons Fehlentscheidung: Punt an die 5, was Alabama nicht davon abhielt, einen Touchdown zu scoren. Ballbesitz ist wichtiger als Feldposition! Verantwortungslos ist es, zu punten.
  • LSU wurde für seine billige Lösung insofern abgestraft, dass sie Alabama im Spiel hielt – und weil Alabama nach dem 20-Punkte Rückstand zur Halbzeit auch dank langer TDs nach der Pause wieder auf am Ende 5 Punkte herankam, war die Niederlage selbst als Heimteam knapp genug, dass sie Alabama nicht aus dem Playoffrennen eliminiert.

Aber wer hätte ernsthaft etwas gegen eine Wiederholung so eines Krachers im Dezember oder Jänner?

Playoff-Anwärter

Das „andere“ Mega-Resultat war Minnesotas durchaus überraschender 31-26 Heimsieg gegen #4 Penn State. Minnesota wird damit eine immer bessere Wette, sich für das Big-Ten Finale zu qualifizieren – auch wenn ich zum aktuellen Zeitpunkt nicht sehen, wie die Gophers sich ernsthaft im Playoffrennen platzieren wollen.

Für Penn State bleibt die Situation nach der Niederlage relativ unverändert: Man hätte ohnehin Ohio State schlagen müssen um sich fürs Big-Ten Finale zu qualifizieren – und man hätte ohnehin das dann eventuell folgende Big-Ten Finale zu gewinnen. Ich glaube, für Penn State gab es immer nur einen Weg, sich für die Playoffs zu qualifizieren: Gewinne die Big Ten mit maximal einer Saison-Pleite. Ob man 13-0 oder 12-1 ist, dürfte dabei keinen Unterschied machen.

Das Problem für Penn State lauert nun eher im Punkt „New Year’s Six“ Bowls, die man nun mit einer Pleite gegen Ohio State zu verpassen droht. Dieses Ticket hätte man mit einem Sieg gegen Minnesota zumindest als Trostpreis quasi sicher gehabt.

Was haben wir also gelernt:

#1 Ohio State mit einem 73-14 Kantersieg gegen Maryland. Ohne EDGE Chase Young. Der größte Feind der Buckeyes zum momentanen Zeitpunkt ist die NCAA, die offensichtlich Young für ein marginales Vergehen auf Wochen sperren will. Fällt Young gegen Penn State und im etwaigen Big-Ten Finale aus, wäre das eine ernsthafte Schwächung.

#2 LSU hat nach dem gigantischen Sieg ein Argument, als #1 gerankt zu werden. Auch wenn die meisten Advanced-Metrics weiterhin Ohio State als die bessere, komplettere Mannschaft ansehen.

#3 Alabama dürfte erstmal ein paar Plätze nach unten rutschen.

#4 Penn State sollte für mein Empfinden momentan unterhalb von Alabama gerankt bleiben. Penn State hat sein Playoff-Schicksal zwar anders als Alabama noch selbst in der Hand, doch die Chancen für die Nittany Lions sind durch das noch ausstehende Auswärtsspiel bei Ohio State deutlich geringer.

#5 Clemson gewinnt locker 55-10. Dabo Swinney trieb mit Passspiel bis zur letzten Sekunde den Score künstlich in die Höhe. Clemson hat ohne ernsthaften Gegner im Schedule freie Bahn in Richtung Playoffs.

#6 Georgia hält sich mit einem 27-0 gegen Mizzou im Rennen.

Playoff-Szenarien

Drei Plätze schauen relativ vergeben aus:

LSU / Clemson / Ohio State

Ohio State (9-0 / 89% Playoff-Chance) muss natürlich noch Penn State aus dem Weg räumen, doch die Buckeyes sind recht klarer Favorit, und wenn man sich den Qualitätsunterschied zwischen diesen beiden Mannschaften vor Augen führt, so sollten die Buckeyes in zwei Wochen zuhause recht deutlich favorisiert sein.

Clemson (10-0 / 82% Playoff-Chance) muss mit einem lachhaften Restspielplan schon einen gewaltigen Bock schießen – und verlieren die Tigers noch ein Spiel, haben sie die Playoffs dann auch nicht verdient.

LSU (9-0 / 87% Playoff-Chance) ist das Team der Saison. Mit Siegen über Texas, Texas A&M, Florida, Auburn und Alabama haben sie einen gigantischen „Strength of Victory“. Sehr wahrscheinlich wird LSU ungeschlagen ins SEC-Finale marschieren – und mit dem bisherigen Leistungsnachweise dürfte LSU sich dann sogar eine Niederlage erlauben.

Alabama (8-1) ist ab sofort LSU-Fan. Die Crimson Tide brauchen neben eigenen Siegen in allen restlichen Spielen ein ungeschlagenes LSU um als viertes Team mit 11-1 Bilanz in die Playoffs zu rutschen. Worst Case für Alabama wäre ein Sieg von 11-1 Georgia über ein 12-0 LSU im SEC-Finale – in diesem Szenario könnte man keine wirklichen Argumente mehr aufbringen, Alabama an LSU und Georgia vorbei durchzuwählen.

Wichtig auch: Alabama und Georgia spielen noch gegen den potenziellen Störer Auburn, der beiden einen Strich durch die Rechnung machen könnte.

Obwohl Alabamas Schicksal damit wohl nicht mehr in deren eigenen Händen liegt, sehe ich Alabamas Playoffchancen aktuell als besser an als jene der direkten Konkurrenz:

  • Penn State (8-1) hat es in eigener Hand die Big Ten zu gewinnen, muss dabei aber mit dem Auswärtsspiel @Ohio State die ultimative Prüfung bestehen. Natürlich ist ein Upset möglich, doch wesentlich wahrscheinlicher ist eine zweite Niederlage für Penn State.
  • Oklahoma (8-1) gewann nur knapp 42-41 gegen Iowa State und bestätigte den Eindruck der letzten Wochen, dass da kein richtiges Playoff-Kaliber ist. Insbesondere die Defense ist nach wie vor zu schwach. Oklahoma wäre auch mit 12-1 Endbilanz und Big-12 Titel kein sicherer Tipp gegenüber einem 11-1 Alabama, das sportlich ganz einfach nach zahlreichen Metriken besser ist und die wesentlich bessere Niederlage hätte.
  • Pac-12 in einem hypothetischen Szenario mit Utah (8-1) und Oregon (8-1)? Ich kann die Argumente verstehen, aber wenn man sich den Geschwindigkeitsunterschied zwischen Utah/Oregon und Alabama anschaut, ist es sehr hart zu argumentieren, die beiden über Sabans Team zu stellen. Es ist die „verdienteste“ vs. „beste“ Diskussion.
  • Nach all den verschiedenen Fällen in den letzten Jahren ist denkbar, dass ein 11-1 SEC-Team ohne Divisionssieg über ein 1-Loss Pac-12 Champ gestellt wird. Es ist sogar wahrscheinlich, wenn man sich vor Augen führt, dass Alabama nach zahlreichen Metriken auf neutralem Boden mit ca. 7 Punkten gegen Oregon und mit rund 11 Punkten gegen Utah favorisiert wäre. Das Gegenargument wäre, dass das Komitee bislang 1-Loss Conference-Champs nur nach verheerenden Pleiten (wie letztes Jahr Ohio States 20-49 bei Purdue) ausgeschlossen hat.
  • Minnesota (1-loss / fast sicher im Big-Ten Finale) hat nach dem Überraschungssieg gegen Penn State gute Karten aufs Big-Ten Endspiel, aber a) muss dieses Team, das qualitativ „nur“ um Platz 20 (FPI) klassiert ist, erstmal ungeschlagen dorthin kommen und b) wartet dann wohl Ohio State. Als Einordnung: Minnesota wäre momentan gegen Ohio State ein 21-Punkte Außenseiter. Das ist weniger als 10% Siegchance!
  • Baylor als 9-0 Team nimmt keiner ernst. Sollte Baylor ungeschlagen durchkommen – ergo: Oklahoma noch 2x schlagen – dann gäbe es Argumente, und irgendwie hoffe ich auf diesen Chaos-Agenten, weil er so viel ad absurdum führen würde, worüber wir uns jetzt Gedanken machen. Aber: Ich sehe es nicht. Die Chance darauf ist zu minimal, to say the least.

Alabama hat nach dem ESPN-Playoff Rechner mit 41% Playoffchance die vierthöchste Wahrscheinlichkeit, in die Playoffs zu kommen und liegt damit vor Oregon (32%) und Georgia (24%).

Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass Georgia als momentane #5 und mit freier Bahn ins SEC-Endspiel die größte Bedrohung für Alabama ist. Georgia muss natürlich erstmal Auburn aus dem Weg räumen. Doch ein 11-1 Georgia in einem SEC-Finale gegen die LSU Tigers? Wäre eine relativ knappe Angelegenheit – und ein Sieg würde dann wohl Georgia und LSU ins die Playoffs hieven.

2 Kommentare zu “Akademische Viertelstunde nach dem Spiel des Jahres – Woche 11

  1. Pingback: Samstagsvorschauer – Woche 12 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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