Sofa-Quarterbacks, 49ers zum Sieg, Playoff-Bild, Kaepernick

Guten Morgen. Vor der Tür liegt ein halber Meter Schnee, was sich prächtig macht, denn eines der Themen in diesem Blogeintrag ist das Playoff-Bild in AFC und NFC. Playoffs! Der Winter ist nicht mehr weit.

Während gestern die ersten Flocken gefallen sind, habe ich mich mit den Kollegen bei Sportradio360 ins die kuschelige Couch gesetzt und über die NFL gesprochen: Sofa-Quarterbacks mit der Nachbesprechung von NFL-Woche 10 – gemeinsam mit Jan Weckwerth (Triple Option Blog) und Franz Büchner (SPORT1), moderiert von Nicolas Martin (GFL TV):

Es war eine intensive, ca. 90-minütige Diskussion über die Situation in fast allen Mannschaften. Eine der Themen, die mich dabei am meisten beschäftigt haben, war das Game-Management der 49ers in der Overtime im Monday Night Game gegen Seattle.

Die Situation: 49ers übernehmen 1:50 Minuten vor Schluss den Ball in der eigenen Platzhälfte, nach einer Defensiv-Schlacht mit sieben Turnovers und über 150 Yards Raumstrafen, nachdem Russell Wilson kurz zuvor eine bitterböse Interception nahe der Goal-Line geworfen hat (die 70% Win-Probability kostete!!) – und gegen einen Gegner ohne Timeouts. Die 49ers führen die NFC East mit 8-0 Bilanz vor den Seahawks mit 7-2 an.

49ers-Headcoach Shanahan hat an dieser Stelle zwei Optionen:

  1. Ausspielen mit dem Risiko, dass der Gegner den Ball noch einmal zurück bekommt, aber mit dem Benefit, dass man einen Big-Point gegen einen Divisionsgegner scoren kann.
  2. Auslaufen der Uhr, mit dem Benefit, dass man die Seahawks auf Distanz halten kann.

Shanahan ließ 3x werfen. QB Jimmy Garroppolo, der eine schwache Partie gespielt hatte, warf drei Incompletions, und so hatten die Seahawks nach nur 25 Sekunden den Ball schon wieder zurück. Wilson orchestrierte in weniger als einer Minute den Drive zum Sieg-Fieldgoal mit auslaufender Uhr.

Ich kann an der Stelle Argumente für beide Optionen verstehen. Uhr runterlaufen / Abknien wäre durchaus vertretbar und ein Remis kann am Saisonende gleich viel wert sein wie ein Sieg…

…aber es kann eben auch gleichbedeutend mit einer Niederlage sein. Und die 49ers sehen im weiteren Saisonverlauf u.a. noch Packers, @Ravens, @Saints und @Seahawks – warum also nicht das Schicksal in die Hand nehmen und jetzt, wo man kurz vor Schluss gegen eine (trotz dominanter Partie) insgesamt suspekte Defense bekommt, auf Sieg gehen?

Anfangs dachte ich: Sie hätten besser ausgelaufen.
Nachher dachte ich: Richtig, auf Sieg zu gehen.

Sollen wir uns am 3rd Down aufhängen? Vielleicht war es nicht wirklich optimal, im 3rd Down tief zu werfen anstatt mit einer kürzeren Completion zumindest auch im Fall eines nicht verwerteten 3rd Downs die Uhr zu melken.

Doch selbst wenn sie noch 40 Sekunden gefressen hätten: Wilson hätte den Ball dann mit 45 Sekunden bekommen – das ist für die besten Quarterbacks Zeit genug um einen quicken Fieldgoal-Drive zu orchestrieren. Und Wilson brauchte ja auch nur wenig länger als diese Zeit um effektiv in Fieldgoal-Reichweite zu kommen – die letzten 31 Sekunden ließ er einfach runtertickern ohne einen weiteren Snap zu nehmen.

Spannendes Gedankenspiel. Vielleicht hat ja der eine oder andere Leser eine Idee, was er an Shanahans Stelle gemacht hätte.

Playoff-Bild

So lahm die AFC sportlich ist – die Musik im Playoffrennen spielt heuer dort. Nicht nur sind die meisten AFC-Mannschaften im Rennen um den #1-Pick involviert, auch im Playoffrennen ist es wesentlich aufregender. Im Moment sieht man 4 Tiers:

  • Tier 1 – fast durch (>90% Playoff-Chance): Patriots (8-1), Ravens (7-2), Texans (6-4), Chiefs (6-4)
  • Tier 2 – realistische Chancen (30-50%): Colts (5-4), Bills (6-3), Raiders (5-4), Steelers (5-4)
  • Tier 3 – Long Shots (10-15%): Titans (5-5), Jaguars (4-5), Browns (3-6)
  • Tier 4 – Bust for Burrow (<3%): Chargers (4-6), Broncos (3-6), Jets (2-7), Dolphins (2-7), Bengals (0-9)

Nicht nur ist das Rennen um den #1 Seed durch das Erstarken der Ravens und zwei nicht zu unterschätzende Anwärter Texans/Chiefs vielleicht sogar wieder offen. Für Chiefs/Texans ist auch von unten aufzupassen – zwar haben sie mit 90% bzw. 80% Chancen auf den Gewinn ihrer Divisionen ganz gute Karten auf ein Playoff-Heimspiel, aber ganz auszuschließen ist nicht, dass Colts und Raiders ein Upset schaffen.

Spannend ist das Wildcardrennen um die #5 und #6. Colts, Bills, Steelers (jeweils ultrasuspekt auf QB) sowie Raiders (Defense) sind alles wackelige Mannschaften, aber sie haben realistische Playoffchancen. Titans, Jaguars, Browns stehen mit deutlich schlechteren Karten da – aber alle sechs Jahre qualifiziert sich ein Team mit so niedrigen Chancen dann doch für die Playoffs. Macht sieben Kandidaten für zwei Plätze.

Und ja: Mich hat überrascht, dass die Chargers nur noch in 3% der Simulationen die Post-Season erreichen.


In der NFC ist es hochklassiger, aber langweiliger. Fünf Plätze sehen fast vergeben aus, und um das sechste Ticket spielen nur zwei Teams. Zwei weitere haben noch Freak-Chancen, aber mit sieben bereits quasi eliminierten Teams ist fast die halbe Conference schon aus dem Rennen.

  • Tier 1 – fast durch (>80% Playoffchancen): San Francisco (8-1), Seahawks (8-2), Packers (7-2), Saints (7-2), Vikings (7-3)
  • Tier 2 – Spielen um #4 (50-60% Playoffchance): Eagles (5-4), Cowboys (5-4)
  • Tier 3 – long shots für die Wildcards (10-15%): Rams (4-5), Panthers (5-5)
  • Tier 4 – schon weg vom Fenster (<2% Playoffchance): Bears (4-5), Lions (3-5-1), Buccs (3-6), Cardinals (3-6-1), Giants (2-7), Falcons (2-7), Redskins (1-8)

Wenn es dumm läuft, sind fünf der sechs Playoff-Plätze bereits vergeben – weil die Seahawks mit 3.5 Spielen Vorsprung und halbem Tie-Breaker für die Rams praktisch außer Reichweite sind, ist für Los Angeles noch maximal Minnesota in Reichweite. Die Seahawks sind mit 80% Playoffchance das einzige Team in der obersten Gruppe mit weniger als 90% Playoffchance – doch für die Seahawks war der Sieg in San Francisco gigantisch: Er vergrößerte die Playoffchance von 55% auf über 80%.

Seattle hat dabei sogar ein Spiel mehr gewonnen als Minnesota, doch die Vikings haben mit zwei Spielen Vorsprung und Tie-Breakern gegen Philly und Dallas exzellente Karten, zumindest als Wildcard durchgewunken zu werden.

Bleibt also der Kampf um den Gewinn der NFC East, der sich zwischen Eagles und Cowboys gestaltet und sich wohl bis zum letzten Spieltag hinzieht. Die Cowboys haben mit 54% Chance auf den Divisionsgewinn die minimal besseren Karten als Philly (46%) – und beide haben eine minimale Restchance, im Fall des Verlierens noch als sechste Wildcard reinzutuschen.

Wenn Dallas mit der zweitbesten Offense der NFL und als Top-5 Team im Power-Ranking die Playoffs verpassen, weil Owner und Coach Zeke mit sinnlosen Carries füttern müssen, wen soll man dann eher feuern: Jason Garrett oder Jerry Jones?

Kaepernick

Die NFL hat heute Nacht kurzfristig ein Probetraining für den verstoßenen Sohn, QB Colin Kaepernick, arrangiert. Der Workout kommt dermaßen aus dem heiteren Himmel und ließ sich offenbar aus nicht weiter genannten Gründen auch nicht verschieben, dass er im Prinzip zwei Schlüsse zulässt:

  1. Niemand will ernsthaft, dass Kaepernick Erfolg hat, also die kurzfristige Terminierung. (aber warum dann überhaupt ansetzen??)
  2. Mindestens ein Team (Colts? Bears? Lions mit Bevell???) ist ernsthaft interessiert und möchte über diesen Weg Controversy verhindern.

Kaepernick erwartet „Headcoaches und GMs“. Ich würde eher von Option b) ausgehen und Kaepernick hat in Kürze vielleicht einen neuen Vertrag. Was immerhin besser wäre als weiterhin Hoyer oder Driskel-Watch zu betreiben.


Ich gehe jetzt die Schippe auspacken und die Winterreifen montieren. Power-Ranking kommt irgendwann gegen Mittag.

12 Kommentare zu “Sofa-Quarterbacks, 49ers zum Sieg, Playoff-Bild, Kaepernick

  1. Kompliment. War ne wirklich gute Rückschau mit differenziertem Meinungsbild zwischen dir, Thomas und Jan Weckwerth. Als Lückenfüller mit den üblichen Allgemeinphrasen Franz Büchner.
    Hoffe wir hören dich schon noch das ein und andere mal.

  2. Jeder Mensch sollte eine zweite Chance bekommen , ist meine Meinung. Die Owner aber waren ja gegen Ihn+Trump , glaube, das wird nichts mehr, leider. Es konnte auf Dauer nicht gut gehen, so einsichtig hätte er sein müssen und irgendwann damit aufhören müssen! Will er sich den wieder hinknien, wenn die Nationalhymne jetzt gesungen wird?

  3. Zum NFC-Playoffbild: Die Panthers und Rams stehen beide bei 5-4 (nicht bei 5-5 bzw. 4-5). Entsprechend sind die Rams auch nur 2,5 (nicht 3,5) Spiele hinter den Seahawks. Ändert nicht viel an deiner Analyse, aber ein kleines bisschen offener ist das Rennen in der NFC doch noch.

  4. Zu Shanahan/49ers in der OT:
    Ich hatte mich vorher auch schon über den FG-Versuch bei 4&1 geärgert, aber bei 1:50 war natürlich nochmal entscheidender.
    Abknien kann er da nicht. Das „erlaubt“ dir die amerikanische Öffentlichkeit nicht. Die Gazetten wären heute voll mit Artikeln über die Feiglinge aus Santa Clara. (Und noch gefährlicher: Ein großer Teil der Mannschaft hätte das auch so gesehen. Damit hätten sie ein Fass aufgemacht, dass sie nicht aufmachen sollten.)
    Aber 3 Incompletions hätte ich auch nicht gecallt. Stattdessen den Mittelweg: 2 schnelle Laufspiele. Wenn erfolgreich und >10 Yds. Raumgewinn. Wunderbar. Dann weiterspielen aufs FG und den Sieg. Wenn nicht, dann langsam auslaufen lassen.

  5. Also, ganz rational betrachtet, war (ist?) Kaepernick mindestens ebensogut, wenn nicht besser als eine Reihe Starting QBs.
    Wenn er wieder spielen würde, wäre das für die meisten Beteiligten sehr vorteilhaft:
    – der Club bekommt ein billiges QB-Upgrade (10mio/Jahr war als unhaltbares Gerücht im Gespräch und wurde als exorbitant verschrien. Jetzt vergleichen wir mal mit zB Goff.)
    – die Fans bekommen besseren Football
    – die NFL könnte über die Affäre Gras wachsen lassen, sobald Kap wieder einen Job hat
    – nebenbei würde Kap mit Sicherheit einen Haufen Jerseys verkaufen: schön für Club und NFL
    – die Medien hätten eine fette Story mehr.
    – …

    @Korsakoff: Winterreifen Mitte November? Du hast echt die Ruhe weg…

  6. @Josef

    Das NFC-Rennen ist relativ langweilig auch mit einer minimal anderen Rechenmethode:

  7. kopernick war doch von der Attraktion genau so spektakulär wie lamar jetzt bei den ravens. der gleiche Speed Monster Wurfarm, die superbowl season in dem keap die Liga verzaubert hatte war eben genau so wie jetzt jackson die Liga verzaubert mit seinem spiel style. das er kurz protestierte die sich nicht gegen den stolz der amis ging sonder gegen Polizeigewalt war doch nichts besonderes.
    nur sehen die weisen Besitzer das eben persönlich und wollen einen wie keap einfach nicht im Team haben. obwohl sie wissen das er sie auf Erfolgskurs bringen kann.

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